motörwolf hat geschrieben: 27 Jul 2026, 02:03
Backrooms (Kane Parsons, 2026)
Clark ist als Architekt gescheitert und betreibt nun den heruntergekommenen Möbelladen Cap'n Clark's Ottoman Empire. Seine Ehe ist ebenfalls gescheitert, er ist Alkoholiker. Immerhin ist er in Therapie. Eines Abends stößt Clark nach Problemen mit der Elektrik seines Möbelladens auf eine Art Portal in der Kellerwand. Auf der anderen Seite findet er die Backrooms, endlose, sinnlose Räume, zum Teil voll mit seltsam verfremdeten Objekten, zum Beispiel einen riesigen Haufen an Möbeln, die wie miteinander verwachsen aus dem Boden ragen. Und das ist nur der Anfang der Seltsamkeiten.
Der Film ist der vorläufige Höhepunkt eines Phänomens, das vor ein paar Jahren in Internet seinen Anfang nahm. Parsons griff damals die Creepypasta der Backrooms auf, die ihren Ursprung im Foto eines verlassenen Möbelladens hat, das als Beispiel für ein beunruhigendes Bild gepostet wurde. Parsons erster Youtube-Kurzfilm dazu war ziemlich erfolgreich, und so baute der Teenager am heimischen PC ein regelrechtes Filmuniversum auf aus über 20 Kurzfilmen. Zur Vorbereitung auf den Film habe ich diese alle geschaut. Das ist ziemlich herausfordernd, denn all diese Filme sind wie Puzzleteile, die selbst korrekt zusammen gelegt noch kein klares Bild ergeben. Man erkennt ein Motiv, aber es fehlen viele Details. Und auch die Puzzleteile selbst sind voller kleiner Rätsel. Ein Beispiel: in einem der Filme zeigt der mitlaufende Timecode das Datum 29.02.1990. Das muss man erstmal aktiv wahrnehmen um überhaupt bemerken zu können, dass es dieses Datum gar nicht gab. Was das wiederum für den laufenden Film bedeutet, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Wurde das Material gefälscht, verändern oder stören die Backrooms den Zeitablauf? Man sieht schon, die Reihe braucht Aufmerksamkeit.
Diese bekam sie schließlich sogar in Hollywood, und Parsons durfte seinen Kurzfilmen den aktuellen Kinofilm folgen lassen. Den man übrigens auch sehr gut schauen kann, ohne sich vorher mit dem Phänomen zu beschäftigen.
Der Film selbst ist deutlich konventioneller inszeniert, folgt viel stärker einem klaren Erzählfaden. In der Serie gab es zwar Figuren, die in mehreren Filmen vorkamen, aber selbst von diesen weiß man nachher wenig. Vielleicht den Namen, eine Funktion, ein, zwei Erlebnisse der Figur in den Backrooms. Der Film dagegen zeigt zum ersten Mal die Vorgeschichte einer Figur, zum ersten Mal überhaupt können wir im Backrooms-Universum von einem Charakter sprechen. Und zum ersten Mal wird tatsächlich eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählt. Das hat natürlich den Vorteil, dem Publikum deutlich zugänglicher zu sein als die fragementierte Serie. Andererseits verschiebt sich dadurch automatisch der Fokus von den Backrooms selbst auf die Figuren. Bisher interessierte an ihnen nur, ob sie die Backrooms überleben, jetzt auf einmal soll die Figur selbst Interesse wecken. Das ist schon in Ordnung, klappt auch ganz gut, aber persönlich hätte ich auch kein Problem damit gehabt, ohne großen Rahmen einfach zwei Stunden Clark durch die Backrooms zu folgen. Denn die sind im Kino nochmal deutlich beeindruckender als zuhause die Youtube-Version. Die Räume entstanden für den Film als echte Sets, und diese Sets verfehlen ihre Wirkung nicht. Diese widerlich gelben, endlosen Räume, das gräßliche Licht von ständig surrenden Leuchten, seltsame Fundstücke wie der Pappaufsteller eines Höhlenmenschen, der immer wieder die vielsprachige Grußbotschaft wiederholt, die die NASA der Voyager-Sonde mitgegeben hat. All das ist so wirkungsvoll, man hätte die Hintergrundgeschichte von Clark gar nicht gebraucht für einen guten Film.
Ein solcher liegt hier aber dennoch vor. Clark trägt als Figur, und wenn man bedenkt, dass Parsons noch nicht einmal zwanzig Jahre alt ist und hier zum ersten Mal eine Spielfilmfigur enteickelt hat, ist die Figur sogar bemerkenswert tief. Und die Entwicklung, die Clark durchlebt, ist mal mindestens.... interessant. Aber dazu will ich hier nichts verraten.
Das der Film optisch und vom Sounddesign her überzeugt sagte ich ja schon. Ich war hier ausnahmsweise mal mit meiner Frau im Kino, und die meinte später, noch nie im Kino einer solch beklemmenden Atmosphäre ausgesetzt gewesen zu sein. Jetzt schaut sie nicht so viele Filme wie ich, aber ich verstehe die Aussage. Und allein scheint sie ja nicht zu sein mit diesem Eindruck, wenn man den Erfolg und das Feedback zum Film in den sozialen Medien betrachtet. In meinen Augen ist der Hype durchaus berechtigt, daher gebe ich 9/10 toten Möven (und ringe mit mir, noch mehr zu geben, schon wegen Parsons Alter)