Kurt Cobain: Montage of Heck (Brett Morgen, USA 2015)
Une affaire privée (Guillaume Nicloux, FR 2002)
Chevalier (Stephen Williams, USA 2022)
Apocalypse Now (Final Cut) (Francis Ford Coppola, USA 1979/2019)
Fantômas (André Hunnebelle, FR 1964)
Der geteilte Himmel (Konrad Wolf, DDR 1964)
Pulp (Mike Hodges, UK 1972)
Monica in the South Seas (Sami van Ingen/Mika Taanila, FI 2023)
Le Procès Goldman (Cédric Kahn, FR 2023)
Les Olympiades (Jacques Audiard, FR 2021)
Phantom Thread (Paul Thomas Anderson, USA 2017)
Das sind die Filme, die ich in den letzten Tagen daheim geschaut habe ... eine lange Doku über Cobain und sein Leben am Limit und am Abgrund, voll mit Privataufnahmen aus dem Archiv der Familie, die im Film auch immer wieder in Interviews anzutreffen ist. So richtig wichtig war mir Nirvanas Musik damals nicht, aber gehört habe ich sie schon - und wiederhören will ich sie schon länger mal wieder.
Den Policier von Nicloux fand ich recht gut, Thierry Lhermite spielt einen Privatdetektiv, der eine vermisste junge Frau finden soll und einige Überraschungen erlebt. Dass Musik von Charles Mingus (gleich in der ersten Sequenz "Solo Dancer" vom Album "Black Saint and the Sinner Lady") eine wichtige Rolle spielt hilft ebenso wie die Mitwirkung von Marion Cotillard in der zweiten Hauptrolle und Auftritten u.a. von Jeanne Balibar und Aurore Clément in kleinen Nebenrollen.
"Chevalier" ist ein Spielfilm-Biopic über Joseph Bologne, später als Chevalier de Saint-Georges geadelt, einen in Guadeloupe als Sohn einer Sklavin und ihres Herren geborenen grossartigen Geiger, Komponisten und ebenso begnadeten Fechter, der im vorrevolutionären Frankreich Karriere macht aber auch zu kämpfen hat, nicht zuletzt gegen den hartnäckigen Rassismus, der dann auch dazu führt, dass er nicht zum Chef der Pariser Oper wird (ein Deutscher wird ihm vorgezogen, Gluck). Die Wirren der Revolution (Saint-Georges dient in der aus freien PoC bestehenden Légion Franche des Américains et du Midi als Kommandant, gerät während der Terreur aber auch in Schwierigkeiten wegen seiner früheren guten Kontakte zu Marie-Antoinette und Louis-Philippe d'Orléans, der sich zwar auf die Seite der Revolution stellte, aber 1793 wie so viele andere hingerichtet wurde) werden nur noch kurz angedeutet im Film, der irgendwie unbefriedigend endet. Und dass da ein Haufen schöner und wunderschöner amerikanischer Menschen so tun, als seien sie Französ*innen des späten 18. Jahrhunderts ist manchmal nicht ganz einfach (besonders schön der Moment, in dem Saint-Georges seine nach dem Tod des Plantagenbesitzer-Vaters freigelassene Mutter in amerikanischem Englisch anherrscht, hier habe sie gefälligst Französisch zu sprechen). Aber gut, eine faszinierende Biographie, die jede Aufmerksamkeit verdient - auch weil leider einige seiner Partituren verbrannt sind - opportun war ihre Aufführung längst nicht mehr in einer Zeit, in der Napoléon die Sklaverei wieder einführte.
Coppolas megalomanes Meisterwerk im "Final Cut" von 2019 war auch auf dem kleinen Bildschirm beeindruckend - zumal die Fassung (etwas kürzer als die "Redux") zum ersten Mal vom originalen Kamera-Negativ und in 4k restauriert worden ist. Würde sich echt lohnen, die Version mal im Kino zu sehen, denke ich. Ein Fiebertraum von einem Film, der auch beim vierten oder fünften Mal (sicher je einmal die ursprüngliche Version und dann "Redux" im Kino) beeindruckt und vor den Kopf stösst.
Die französische Antwort auf James Bond mit Jean Marais' kantigem Gesicht in einer Doppelrolle (als Bösewicht und aufklärender Helden-Journalist) und Louis de Funès als trotteligem Polizisten-Sidekick ist überraschend unterhaltsam - hatte eigentlich nicht erwartet, den Film zu Ende zu gucken, aber doch, das geht sogar sehr gut.
Konrad Wolfs Film aus der DDR vom selben Jahr fand ich dann eine kleine Entdeckung - einerseits in der modernen, schnörkellosen Bildsprache, andererseits in der überraschenden Differenziertheit und Offenheit, mit der die Themen des Filmes verhandelt werden. Klar ist die Heldin, die ihrem Geliebten in den Westen nachreist und dann freiwillig zurückkehrt, eine regimetreue Vorzeigegenossin, aber es gibt immer wieder Szenen und Diskussionen unter den Figuren, die mich doch überraschten. Am Ende ist der Film aber auch etwas zu sehr als Literaturverfilmung erkennbar, leidet unter der trockenen Erzählweise, der Rahmenhandlung, die die Geschichte, die in Rückblenden aus der Perspektive der jungen Frau erzählt wird, etwas gar bieder einbettet.
"Pulp" von Mike Hodges ist kein zweiter "Get Carter" - aber passte gut zu "Fantômas". Michael Caine, Autor von billigsten Grosschenromanen, führt seine Koteletten stolzierend durch Malta, um dort als Ghostwriter eine Biographie zu schreiben über einen abgetauchten ehemaligen Hollywood-Star (Mickey Roney) - und ständig werden um ihn herum Leute getötet. Natürlich klärt er den schmierigen Fall im schmierigen Milieu des Landes auf - drin hängt die halbe Elite, auch der angehende Fascho-Potentat (dessen Frau von der grossen Lizbeth Scott bei ihrem letzten Leinwandauftritt verkörpert wird).
"Monica in the South Seas" ist eine wunderbare Dokumentation, die auf Aufnahmen beruht, die Monica Flaherty, die jüngste Tochter von Robert und Frances Flaherty, 1975 auf Samoa machte, als sie Tonaufnahmen für eine Tonfilmfassung von "Moana" machte und ihre Reise in das Land filmte, in dem sie in frühester Kindheit gelebt hatte und mit höchsten Ehren empfangen wird. Sami van Ingen erhielt nach Monicas Tod (2008) die Rechte an dem Material und da entstand der Plan für diesen tollen Film, der 2023 auch beim Festival in Bologna lief (ich war dort, aber sah den Film nicht). Für das
Programm damals schrieben die beiden Regisseure einen kurzen Text, der ihre Absicht erläutert:
Sami van Ingen, Mika Taanila hat geschrieben:Our intention from the start was to use solely archival material to tell the story of how Monica dived head-first into her chaotic project. How she revisited and daydreamed her own past while doing so and how she succeeded in creating, in the end, an astounding sound version to her parents’ silent film.
Through Monica Flaherty’s project we see how remembered reality is captured and essentially understood through technological innovations: reminiscing over old photographs, showing film clips to trigger details, recording one’s own voice on dozens of cassettes while working.
The material dates from the 1920s to the early 1980s, bringing to the forefront perceptible changes in methods of representation, attitudes towards nostalgia and exoticism of the other, questions that have constantly evolved in the discourse around documentary filmmaking.
Having a seminal documentary classic as a backdrop for Monica in the South Seas has enabled us to create a dynamic intercourse between film history in the making, timeless questions about the truthfulness of documentary film and Monica Flaherty’s obsessive reconstruction of her childhood paradise.
Kahns Gerichtsfilm über den Fall Pierre Goldmann fand ich ziemlich gut - das Genre mag ich eigentlich nicht so (aber "Saint Omer" von Alice Diop spukt seit der gestrigen Nachforschung nach US-Filmen der Zwanziger wieder in meinem Kopf herum, sicher einer der stärksten Filme des aktuellen Jahrzehnts), aber hier kommt so einiges zusammen: verblendete Linksradikale und ihre schiefen Allianzen, Polizeigewalt und ihre systematische Vertuschung, eine ziemlich charismatische Figur (gespielt von Arieh Worthalter) und eine sehr gute Regie, die die beengten Bilder geschickt einzusetzen weiss und für ein hervorragendes Pacing sorgt.
Dass Jacques Audiard auch mal einen zarten Liebesfilm - mit einem diversen Cast in schönstem Schwarz-Weiss im 13. Arrondissement von Paris gedreht, ganz ohne die Dauerromantik-Kulisse, die bei Filmen aus der Stadt fast nicht vermieden werden kann) - hätte ich nun auch nicht gedacht ... ich habe zwar die meisten seiner Filme im Kino gesehen, aber habe auch jetzt noch ein paar Lücken (neben dem Erstling noch "De rouille et d'os" und "Les Frères Sisters"), zu denen bis letztes Wochenende eben auch dieser sehr, sehr schöne Film zählte, in dem - nach einer BD-Vorlage - sich die Wege mehrerer junger Menschen kreuzen und sich verschiedene Beziehungen entwickeln, mal ruppig und direkt und dann von allergrösster Fragilität. Schön.
Zuletzt dann gestern noch ein Film von Paul Thomas Anderson, von dem ich bisher auch nur wenig kenne (nur "Magnolia", der mich allerdings nicht gross beeindruckte, "Inherent Vice" und mein bisheriger Favorit "One Battle After Another") - ein zunehmend fesselndes Kammerspiel mit Daniel Day Lewis als nervigem Modedesigner und der bezaubernden Vicky Krieps, die seine Rüstung aufbricht und dann ein, sagen wir mal: interessantes neues Kapitel in seinem Leben aufschlägt ... irgendwie kam mir der Film sehr folgerichtig vor (auch, dass Jonny Greenwood früh im Soundtrack mal kurz Weill/Gershwins "Speak Low" streift - in wie vielen Filmen der Song wohl schon Verwendung gefunden hat?) - und auch als Film, in dem Vieles nicht das ist, was es scheint, der Boden immer wieder unter den Füssen weggezogen wird, ein leichter Schwindel ausgelöst werden kann, wie ihn die ständig ins Bild gesetzte enge Wendeltreppe - oder die nicht zum Verzehr geeigneten Pilze - auslösen kann.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00