Der letzte Film, den ich gesehen habe

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motörwolf
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

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Backrooms (Kane Parsons, 2026)

Clark ist als Architekt gescheitert und betreibt nun den heruntergekommenen Möbelladen Cap'n Clark's Ottoman Empire. Seine Ehe ist ebenfalls gescheitert, er ist Alkoholiker. Immerhin ist er in Therapie. Eines Abends stößt Clark nach Problemen mit der Elektrik seines Möbelladens auf eine Art Portal in der Kellerwand. Auf der anderen Seite findet er die Backrooms, endlose, sinnlose Räume, zum Teil voll mit seltsam verfremdeten Objekten, zum Beispiel einen riesigen Haufen an Möbeln, die wie miteinander verwachsen aus dem Boden ragen. Und das ist nur der Anfang der Seltsamkeiten.

Der Film ist der vorläufige Höhepunkt eines Phänomens, das vor ein paar Jahren in Internet seinen Anfang nahm. Parsons griff damals die Creepypasta der Backrooms auf, die ihren Ursprung im Foto eines verlassenen Möbelladens hat, das als Beispiel für ein beunruhigendes Bild gepostet wurde. Parsons erster Youtube-Kurzfilm dazu war ziemlich erfolgreich, und so baute der Teenager am heimischen PC ein regelrechtes Filmuniversum auf aus über 20 Kurzfilmen. Zur Vorbereitung auf den Film habe ich diese alle geschaut. Das ist ziemlich herausfordernd, denn all diese Filme sind wie Puzzleteile, die selbst korrekt zusammen gelegt noch kein klares Bild ergeben. Man erkennt ein Motiv, aber es fehlen viele Details. Und auch die Puzzleteile selbst sind voller kleiner Rätsel. Ein Beispiel: in einem der Filme zeigt der mitlaufende Timecode das Datum 29.02.1990. Das muss man erstmal aktiv wahrnehmen um überhaupt bemerken zu können, dass es dieses Datum gar nicht gab. Was das wiederum für den laufenden Film bedeutet, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Wurde das Material gefälscht, verändern oder stören die Backrooms den Zeitablauf? Man sieht schon, die Reihe braucht Aufmerksamkeit.
Diese bekam sie schließlich sogar in Hollywood, und Parsons durfte seinen Kurzfilmen den aktuellen Kinofilm folgen lassen. Den man übrigens auch sehr gut schauen kann, ohne sich vorher mit dem Phänomen zu beschäftigen.
Der Film selbst ist deutlich konventioneller inszeniert, folgt viel stärker einem klaren Erzählfaden. In der Serie gab es zwar Figuren, die in mehreren Filmen vorkamen, aber selbst von diesen weiß man nachher wenig. Vielleicht den Namen, eine Funktion, ein, zwei Erlebnisse der Figur in den Backrooms. Der Film dagegen zeigt zum ersten Mal die Vorgeschichte einer Figur, zum ersten Mal überhaupt können wir im Backrooms-Universum von einem Charakter sprechen. Und zum ersten Mal wird tatsächlich eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählt. Das hat natürlich den Vorteil, dem Publikum deutlich zugänglicher zu sein als die fragementierte Serie. Andererseits verschiebt sich dadurch automatisch der Fokus von den Backrooms selbst auf die Figuren. Bisher interessierte an ihnen nur, ob sie die Backrooms überleben, jetzt auf einmal soll die Figur selbst Interesse wecken. Das ist schon in Ordnung, klappt auch ganz gut, aber persönlich hätte ich auch kein Problem damit gehabt, ohne großen Rahmen einfach zwei Stunden Clark durch die Backrooms zu folgen. Denn die sind im Kino nochmal deutlich beeindruckender als zuhause die Youtube-Version. Die Räume entstanden für den Film als echte Sets, und diese Sets verfehlen ihre Wirkung nicht. Diese widerlich gelben, endlosen Räume, das gräßliche Licht von ständig surrenden Leuchten, seltsame Fundstücke wie der Pappaufsteller eines Höhlenmenschen, der immer wieder die vielsprachige Grußbotschaft wiederholt, die die NASA der Voyager-Sonde mitgegeben hat. All das ist so wirkungsvoll, man hätte die Hintergrundgeschichte von Clark gar nicht gebraucht für einen guten Film.
Ein solcher liegt hier aber dennoch vor. Clark trägt als Figur, und wenn man bedenkt, dass Parsons noch nicht einmal zwanzig Jahre alt ist und hier zum ersten Mal eine Spielfilmfigur enteickelt hat, ist die Figur sogar bemerkenswert tief. Und die Entwicklung, die Clark durchlebt, ist mal mindestens.... interessant. Aber dazu will ich hier nichts verraten.
Das der Film optisch und vom Sounddesign her überzeugt sagte ich ja schon. Ich war hier ausnahmsweise mal mit meiner Frau im Kino, und die meinte später, noch nie im Kino einer solch beklemmenden Atmosphäre ausgesetzt gewesen zu sein. Jetzt schaut sie nicht so viele Filme wie ich, aber ich verstehe die Aussage. Und allein scheint sie ja nicht zu sein mit diesem Eindruck, wenn man den Erfolg und das Feedback zum Film in den sozialen Medien betrachtet. In meinen Augen ist der Hype durchaus berechtigt, daher gebe ich 9/10 toten Möven (und ringe mit mir, noch mehr zu geben, schon wegen Parsons Alter)
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »



Zum Ganzen Heim-Programm der letzten Tage dann später mal, aber am Samstag war ich im Kino und hab Odyssey (US/UK 2026) von Christopher Nolan geguckt. Sehr zwiespältig, wobei das gar nichts mit Fragen der Authentizität zu tun hat - ein diverser Cast ist natürlich explizit kein Problem ... wo ist der Aufschrei der weissen Suprematisten, wenn wieder mal ein Film mit weissem Jesus gezeigt wird? Auf der Haben-Seite viele spektakuläre Szenerien (vermutlich wär's doch schlau gewesen, in den einen Imax-Saal zu gehen). Nolan erzählt die Geschichte als Geschichte der Menschen - die Götterwelt ist nur vage im Hintergrund dabei, als eine Art Echoraum vielleicht (immerhin durch Zendaya bestens vertreten). Dann ist das alles geschönt - ständig werden Menschen getötet, aber fast nie spritzt Blut. Kalypso soll Odysseus verführt haben? Ha ha, das merkt man dieser völlig asexuellen Produktion nun wirklich keine Sekunde an. Gewalt wie Sex sind hier in einer arg gereinigten Version bzw. gar nicht zu sehen (auch nicht bei den Freiern in Ithaka, nicht mal wenn sie sich an einer der Mägde vergehen). Am schwersten wiegt aber glaub ich, dass das alles irgendwie weder Fisch noch Vogel ist: Der Protagonist wird als Versehrter gezeigt (irgendwo las ich, die Kalypso-Episode könne man so lesen, dass Odysseus von PTSD geheilt werden muss, bevor sie ihn weiterziehen lässt - leuchtet durchaus ein), als reflektierter Mensch (und als zerknirschter Matt Damon mit Bart halt) - doch das hindert ihn nicht daran, seine List auszupacken und Mal für Mal der grosse Kriegsheld zu werden. Doch, und das wiegt schwer für den Film, an den Menschen hat Nolan am Ende nur geringes Interesse, die Figuren bleiben ziemlich platt, sie taugen weder zur Identifikation noch zur Abgrenzung (ausser Pattinsons Antinoos - da gibt sich einer echt Mühe, abstossend zu sein). Dann sind da noch die Spezialeffekte - der Zyklop ist wirklich nicht gut gemacht, die Verwandlung in Schweine geht grad noch knapp, ganz gut ist hingegen der in schwarzer Vulkanerde in Island gedrehte Hades-Besuch gelungen, fand ich. In der Summe ist das sehr lang, manchmal trotz der Szenerien und der ganzen Action recht langweilig, plätschert ein wenig dahin - woran auch die grummelige, mir manchmal recht manipulativ erscheinende Musik (Ludwig Göransson) ihren Anteil hat. Irgendwie wird das grosse Drama durch diese allgegenwärtige Unentschlossenheit dann halt doch zum Sandalenfilm. Ich gebe drei von fünf trojanischen Pferden, eines davon extra draufgelegt für die Kamera und die Wahl der Drehorte.
Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 27 Jul 2026, 10:23, insgesamt 1-mal geändert.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Danke für den ausführlichen Post zu "Backrooms" @motörwolf - der läuft hier u.a. im selben Indie-Kino (nicht Teil der Arthouse-Kinos, aber ähnliches Programm), in dem ich die "Odyssee" gucken ging (und neulich auch endlich "Rose", der im Gegensatz zur "Odyssee", die schon nach eineinhalb Tagen verliert, mit zunehmendem Abstand immer besser wird). Ich geh dort gerne hin und hab dort auch eine Karte, mit der ich 25% Ermässigung kriege. Mal schauen, ob "Backrooms" noch lang genug läuft, dass ich es hin schaffe (das Programm wird hier dienstags für die kommende Woche, die donnerstags startet, bekanntgegeben).
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Grievous Angel
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Grievous Angel »

Danke euch für die letzten Besprechungen!

Bei "Masters of the Universe" habe ich gar nicht mitbekommen, dass Travis Knight dafür verantwortlich ist. Ich hoffe, das hat ihn nicht zu sehr von seiner Arbeit am Laika-Film "Wildwood" abgelenkt, der dieses Jahr noch erscheinen soll und auf dem Roman von Colin Meloy (Decemberists) basiert. Auf den freue ich mich schon eine lange Zeit. Eigenwillige Karriere auch: Regiedebüt mit dem tollen "Kubo and the Two Strings", dann "Bumblebee" und "Masters of the Universe", ehe es wieder zurück zu Stop Motion geht.

@gypsy tail wind
Interessante Gedanken zum neuen Nolan-Epos. Bin schon gespannt auf den. Was wären denn deine liebsten Hollywood-Filme der 2020er bis jetzt, damit ich deine drei trojanischen Pferde besser einordnen kann. :)
keep on sailing.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Grievous Angel hat geschrieben: 27 Jul 2026, 11:09 gypsy tail wind
Interessante Gedanken zum neuen Nolan-Epos. Bin schon gespannt auf den. Was wären denn deine liebsten Hollywood-Filme der 2020er bis jetzt, damit ich deine drei trojanischen Pferde besser einordnen kann. :)
Puh, da muss ich etwas in mich gehen .... ich versuche heute Abend mal zu antworten. Meine Lieblingsfilme kommen ja gemeinhin eher nicht aus Hollywood.

Spontan fällt mir aus der jüngsten Zeit "One Battle After Another" ein, der sicher vier kriegt (die "Odyssee" kriegt ja eigentlich nur zwei oder vielleicht zweieinhalb und dazu halt einen Bonus für die tollen Aufnahmen).
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Grievous Angel
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Grievous Angel »

gypsy tail wind hat geschrieben: 27 Jul 2026, 11:24
Grievous Angel hat geschrieben: 27 Jul 2026, 11:09 gypsy tail wind
Interessante Gedanken zum neuen Nolan-Epos. Bin schon gespannt auf den. Was wären denn deine liebsten Hollywood-Filme der 2020er bis jetzt, damit ich deine drei trojanischen Pferde besser einordnen kann. :)
Puh, da muss ich etwas in mich gehen .... ich versuche heute Abend mal zu antworten. Meine Lieblingsfilme kommen ja gemeinhin eher nicht aus Hollywood.

Spontan fällt mir aus der jüngsten Zeit "One Battle After Another" ein, der sicher vier kriegt (die "Odyssee" kriegt ja eigentlich nur zwei oder vielleicht zweieinhalb und dazu halt einen Bonus für die tollen Aufnahmen).
Genau deshalb würde es mich interessieren. :D
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von jimmydean »

gypsy tail wind hat geschrieben: 27 Jul 2026, 07:37 . Gewalt wie Sex sind hier in einer arg gereinigten Version bzw. gar nicht zu sehen (auch nicht bei den Freiern in Ithaka, nicht mal wenn sie sich an einer der Mägde vergehen).
danke für die review... wenn ich so nachdenke, sind ja sexszenen und erotik sicher nicht die stärke von nolans filmen, also nicht unerwartet.. .was der film aussagen soll ist mir auch nicht ganz klar, allerdings muss ich sagen, dass ich in der hinsicht sowieso die ganze odyssee für nicht so toll halte, wie anscheinend alle literaturkritiker... habe schon mal an anderer stelle geschrieben, dass für mich der einzige "interessante" film über griechische mythologie "edipo re" von pasolini ist. wobei ich dessen "medea" auch nicht besonders gelungen finde, die callas ist für mich keine schauspielerin
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salamandersalat
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

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Shā Shǒu Zhī Wáng (Regie: Stephen Tung - Hongkong, 1998) 7/10
2000 AD (Regie: Gordon Chan - Hongkong/Singapur, 2000) 4,5/10
Masters of the Universe (Regie: Travis Knight - USA, 2026) 6/10
La dolce casa degli orrori (Regie: Lucio Fulci - Italien, 1989) 4,5/10
Keeper (Regie: Osgood Perkins - USA/Kanada, 2025) 7,5/10
Afrika: Der ausgeraubte Kontinent (Regie: Christoffer Guldbrandsen - Dänemark, 2012) 6,5/10
Full Metal Jacket (Regie: Stanley Kubrick - Großbritannien/USA, 1987) [Re-Watch] 8,5/10
A Clockwork Orange (Regie: Stanley Kubrick - Großbritannien/USA, 1971) [Re-Watch] 10/10

Osgood Perkins, Sohn von Anthony Perkins, lässt jeden seiner Genre-Beiträge wie einen Avantgarde-Film fotografieren - und diese ganz besondere spitzwinklige Geometrie und verkantete Architektur kann mich stets aufs Neue begeistern, auch durch die bedachte Farbauswahl und den bedächtigen Rhythmus.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

@Grievous Angel hier ein paar grössere und kleinere US-(Ko-)Produktionen der letzten Jahre, die ich mochte - keine Ahnung, welche davon als "Hollywood" zählen und welche nicht:

Showing Up (Kelly Reichardt, 2022)
Tár (Todd Field, 2022)
Poor Things (Yorgos Lanthimos, 2023)
The Zone of Interest (Jonathan Glazer, 2023)
Asteroid City (Wes Anderson, 2023)
Challengers (Luca Guadagnino, 2024)
Queer (Luca Guadagnino, 2024)
Sinners (Ryan Coogler, 2025)
One Battle after Another (Paul Thomas Anderson, 2025)
Honey Don’t (Ethan Coen, 2025)
Father Mother Brother Sister (Jim Jarmusch, 2025)
The Chronology of Water (Kristen Stewart, 2025)
Blue Moon (Richard Linklater, 2025)

Echte Lieblingsfilme sind da keine dabei - die kamen halt wirklich eher nicht aus den USA (oder sind dann Dokumentarfilme wie der grossartige "Seeds" von Brittany Shine von 2025).
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Zur "Odyssee" hier ein hervorragender Verriss von Emily Wilson, die den Text in modernes Englisch übertragen hat, aber auch den Film sehr genau geguckt hat:
https://www.lrb.co.uk/the-paper/v48/n14 ... icated-man
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