Und schon fast ist das Festival wieder vorbei ... der zweite Samstag ist der achte und letzte reguläre Tag - am Sonntag sind diverse Kinos schon aus dem Rennen (bis vor zwei oder drei Jahren war sonntags nur noch eins dabei und darum herum konnte man dann gut seinen Kalender füllen, inzwischen sind es noch drei der sechs Säle, die bespielt werden - wobei dieses Jahr erstmals und nicht in den gedruckten Programmen ein siebter Saal dazu kam und ich das Auditorium, wo manchmal auch Dokumentarfilme gezeigt, üblicherweise aber Vorträge und Talks stattfinden, nicht mitgezählt ist).
Das Schema hat sich wiederholt: die grosse Entdeckung gab es gleich zuerst, doch der Rest war nicht wie die beiden vergangenen Tage ein klein wenig enttäuschend, sondern wieder ziemlich toll. Die Entdeckung war heute
Sevmek Zamanı (Time to Love) (TR 1965) von Metin Erksan - ein wortkarger Film über einen Innenausstatter, der sich in das Portrait einer Frau verliebt, das in einem Haus hängt, das er mit seinem Freund neu gestrichen hat. Im strömenden Regen geht der Mann zum Haus, das auf einer Insel am Hang liegt, setzt sich in einen Sessel und schaut das Bild an. Im strömenden Regen kommt die Frau mit zwei Freundinnen im Haus an - und die drei hören, dass im oberen Stock Musik läuft (Orgelmusik von Bach gibt es mehrfach neben türkischer Musik von einer sieben- oder achtköpfigen Band um einen Oud-Spieler, die Namen werden im Vorspann der neuen restaurierten Fassung alle genannt - und der Freund des Protagonisten spielt auch im Film Oud). Die Frau geht nachschauen und findet den Mann, der ihr sagt, dass er sich vor einem Jahr in ihr Bild verliebt habe und immer wieder ins Haus gekommen sei. Der Film spielt ständig am und auf dem Wasser: Fähren (nach Istanbul, nehme ich an), die Hütte an einem See, in der der Protagonist und sein Freund wohnen, Szenen in der Stadt und auf der Insel mit dem Meer oder dem erwähnten See im Hintergrund ... und der Regen, irgendwann auch Schnee. Eine poetische, märchenhafte Liebesgeschichte, die tragisch endet - enden muss. Denn die junge Frau aus der Oberschicht hat natürlich einen arschlochigen Freund, den sie nicht liebt. Der Film erzählt die Geschichte sehr stringent und die halbe Zeit fast ohne Dialog, nur mit Bildern und Musik und Wasser. Sehr, sehr schön.
Als zweiten Film im Morgenprogramm gab es dann den letzten von Mitchell Leisen,
Lady in the Dark (USA 1944) - in schönstem Technicolor gedreht und mal wieder ein halbes Musical (Kurt Weill/Ira Gershwin - Vorlage ist ihr Broadway-Musical von 1941). Liza, die Chefredakteurin einer Modezeitschrift leidet unter eine nicht erklärbaren Krankheit und wird zur Psychoanalyse geschickt - was sie überhaupt die deppertste denkbare Idee findet (eine Ansicht, die sie mit ihrer Darstellerin, Ginger Rogers, teilte). Der Film hat so seine Probleme - Rogers passt nicht in die Rolle, der Plot hat so viele Löcher wie schweizer Käse, das Drehbuch war so schlecht, dass eine unbekannte Frau (Briony Dixon vom BFI in ihrer Einführung) oder Leisen (Ehsan Khoshbakht im Katalog) es - ohne Credit, die an die Autoren des gestrichenen Drehbuchs gingen - neu schreiben musste. Es gibt zwei Traum- und eine Tagtraumszene von Rogers, in denen Leisen die Farben aufs Schönste ausspielt und die Musik auch stark zum Tragen kommt. Ihr Kindheitstrauma hängt mit dem Song "My Ship" zusammen, der sich als eine Art Leitmotiv durch den Film zieht - und wie üblich fast nur ohne Worte zu hören ist. Um Rogers' Editorin - und in ihren Träumen - gesellen sich verschiedene Typen von Männern: der erfolgreiche Geschäftsmann, den sie zu lieben glaubt und der nach Jahren endlich eine Scheidung hinkriegt, um mit ihr sein zu können (Warner Baxter), der schwule Fotograf ihrer Zeitschrift (Mischa Auer), der für die Werbung zuständige Angestellte bei der Zeitschrift (Ray Milland), der seit Jahren auf den Job von Rogers' Figur aus ist, und der Hollywood-Star (Jon Hall), den sie am Ende fast heiraten würde - mit der glorreichen Idee, endlich wie eine Frau zu leben: die Arbeit zu schmeissen und ein Leben als Hausfrau zu führen - bis sich der von allen bewunderte und besabberte Schauspieler als weichlicher Typ erweist, der ihr das Management seiner ganzen Karriere überlassen will und sie merkt, dass sie eben doch besser bei ihrer Zeitschrift bleibt - die sie fortan mit Milland zusammen leiten will ... eine kurze Kussszene der beiden gibt es am Ende auch noch. Ein glorreiches Camp-Trainwreck, das unglaublich viel Spass macht - oder wie Khoshbakht im Programmbuch schreibt, "unquestionably, a fascinating mess – a campy feast of garish colours splashed across oversized sets, and a cinematic orgy designed to cure a frigid character."
Der Nachmittag ging dann los mit der letzten Vorstellung der Josephine Baker-Reihe (die erste sah ich auch, die drei dazwischen verpasste ich leider):
Fausse Alerte (FR 1940) von Jacques de Baroncelli. Der Film, der erst nach Kriegsende freigegeben wurde, kombiniert eine Romeo-und-Julia-Geschichte (bei der sich die jeweils alleinstehenden Eltern im Luftschutzkeller dann auch verlieben) mit der Ankunft von Baker, die dort ein Cabaret eröffnet, und die jungen Liebenden unterstützt. Ein Clochard, exzentrische Concièrges, ein Wirtepaar und mehr gallige und gallische Figuren gibt es auch in dem Film, der noch vor Beginn der Besatzung gedreht wurde - aber als Baker (seit 1937 Bürgerin Frankreichs) bereits Teil der Gegenspionage war und in verschiedenen Funktionen gegen die Deutschen kämpfe. Eine unterhaltsame RomCom - natürlich mit etwas Music Hall und ein paar Chansons. Davor gab es vier kurze Segmente aus der Zeit:
Le Pot au feu des vieux (FR 1933) /
[Joséphine Baker chante au Théâtre des Armées] (FR 1939) /
[Joséphine Baker 1941] (FR 1941) /
[Joséphine Baker dans la Zone] (FR 1939) - Baker auf der Bühne (noch vor dem Tanzverbot, das von 1940-44 für alle ausser die Besatzer galt und an das Baker als Schwarze und mit jüdischem Ehemann selbstverständlich hielt - ein Auftritt vor Deutschen kam für sie nicht in Frage), beim Suppenschöpfen oder beim Geschenke an arme Kinder verteilen.
Dann nahm ich noch das zweite von zwei Programmen mit, die dem französischen Regisseur
Éric Duvivier (1928-2018) gewidmet waren - dem Juniorpartner der Programmschiene "Great Small Gauge" (in der alles ausser 35 mm gezeigt wird), die hauptsächlich Gunvor Nelson gewidmet war, von der ich leider gar nichts gesehen habe. Duvivier machte beinah 700 Auftragsfilme für Firmen. Sie laufen unter dem Etikett "scientific cinema", sind allerdings zumindest teilweise bemerkenswert, weil er mit Mitteln arbeitet, die man eher mit Stan Brakhage oder Maya Deren verbindet. Im Programm waren die Filme
Le Monde du nouveau-né,
Concerto mécanique pour la folie (beide FR 1964 und je 19 Minuten) und
Phobie d’impulsion (FR 1967, 23 Minuten). Im ersten versucht Duvivier, die Welt aus den Augen eines Neugeborenen zu zeigen: vom Mutterbauch bis zu den ersten Lebensmonaten, dem Moment, in dem der Kopf stabil ist und das Baby anfangen kann, die Umwelt bewusster und nicht nur verschwommen und verwackelt wahrzunehmen. Gedreht für Nestlé drei Jahre bevor Brakhage mit "Scenes from Under Childhood" anfing - ziemlich irre! Der zweite Film, für Sandoz gedreht, war dann vollends abgedreht: ein surrealistischer Menschen-Automaten-Film mit überdimensionierten Telefonen, Maschinen, die Menschen zu Cyborgs verarbeiten oder vermehren und vielem mehr - Technologie und ihr Einfluss auf die Psyche, mit Jacques Higelin ("Igelin" geschrieben im Film) und Dominique Grange in den Hauptrollen. Der dritte Film (für Roche, das war ja jetzt klar) war dann eine Art Giallo, ein intimer Blick in die Seele einer jungen Mutter, die immer wieder zwanghaft an die Tötung ihres Säuglings denkt: Nadeln, eine Schere, der Zug, die Mole, das Treppenhaus ... und hier setzt Duvivier wirklich alle Mittel des Kinos ein: eine stringente Farb-Choreographie, extreme Close-Ups, unpassende Schnitte, Brüche im Raum-Zeit-Kontinuum ... und beim grotesken "Palais idéal" des Facteur Cheval schauen wir auch noch kurz vorbei, wo es eine passende Nische gibt, um einen Säugling auszusetzen. Eine krasse Grenzerfahrung, die noch immer am sacken ist.
Gesammelt, dokumentiert und vorgestellt wurden die Filme vom Projekt Medfilm der Uni Strasbourg (wo man online die ersten paar Minuten anschauen kann, was aber beim dritten Film gar nichts bringt und beim zweiten auch nur eine erste grobe Idee gibt):
https://medfilm.unistra.fr/wiki/Accueil
Von der umfassende Reihe zu Ritwik Ghatak mit allen acht Spielfilmen in neuen 4k-Restaurationen (nur beim "A River Called Titas" steht kein Jahr, der wurde schon im Rahmen des World Cinema Project der Film Foundation restauriert) habe ich leider nur zwei geschafft - und das erste war ein Re-Watch ("Meghe Dhaka Tara" aka "The Cloud-Capped Star"). Heute gab es als letzten Film im Dreierblock am Nachmittag
Jukti, Takko Aar Gappo (Reason, Debates and Story) (IN 1974–77). Der Film mit Ghatak in der Hauptrolle als Säufer, der von seiner Frau (mit Sohn) verlassen wird, worauf er mit seinem Bruder, einer unterwegs aufgelesenen aus Bangladesh vertriebenen jungen Frau und einem nach Schulschliessungen in der Provinz nach Kalkutta gezogenen ehemaligen Lehrer zu Fuss durch Bengalen zieht, die indische Hälfte natürlich, 1971 während des Bangladesch-Krieges. Ein hochpolitischer Film, der natürlich alles andere als autobiographisch ist, in den obendrein zu Beginn und dann noch zweimal seltsame kurze Szenen mit einem alten Mann, der stumm in einer Hütte hockt und drei schwarz gekleideten Tänzern am Strand oder in der Wüste eingeblendet werden ... "One has to do something" sagt Ghataks Figur, oder dass er brenne, die Welt brenne, alles brenne. Die ganzen Anspielungen, Zitate (Gedichte und allerlei politisches Zeug), Lieder usw. kann ich zum grössten Teil nicht einordnen und habe vermutlich vieles auch nicht mal als Zitat oder Anspielung erkannt - aber dass der Film vom Grundanliegen auch heute sehr aktuell wirkt, ist bemerkenswert. Die Kuratorin der Reihe, Sanghita Sen (Northumbria University) meinte, für Ghatak, der 1976 starb, sei es damals schon völlig klar gewesen, dass der Kapitalismus unweigerlich in den Faschismus führen würde - und nur eine Revolution das verhindern könne. Die Kurve kriegen wir allem Anschein nach vor der Klimakatastrophe nicht mehr und danach ist es dann wohl auch egal ... wie sich 45 Grad oder was immer es an der Sonne dann so ist, auf den Kopf auswirken, habe ich die Tage das eine oder andere Mal erlebt, auch wenn ich selten länger als 10 Minuten an der Sonne war ... auch die 40 am Schatten sind nicht lustig, und wenn nach minutenlangem kalten Duschen immer noch alles "brennt", ist das schon krass. Willkommen in der Gegenwart. Aber morgen tauche ich nochmal ins Kino ein, vier Filme stehen zum Abschluss auf dem Programm, zwei stumme mit Klavierbegleitung am Vormittag/Mittag und je ein weiterer am Nachmittag und am Abend, und bis ich heimfahre, ist die Hitzewelle dann erstmal vorbei.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00