Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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gypsy tail wind
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »

redbeansandrice hat geschrieben: 14 Mai 2026, 16:54 Ich hab bei mir Armand Hug als ziemlich toll abgespeichert, aber ich weiss gerade nicht mehr, an welchen Aufnahmen das hing, definitiv an anderen... Ich hab eine Tony Parenti EP mit ihm, eine Session auf Goodtime Jazz und dann noch ein paar LPs auf Joe Mares Southland Label, auf denen er mitspielt ... Das Label hat ja in den 50ern eine ähnliche New Orleans Szene dokumentiert...
Danke - ich werde da mal nicht aktiv suchen, aber den Namen im Hinterkopf behalten. Vielleicht ist der Punkt einfach, dass das gute New Orleans-Musik ist ... und damit nicht notwendigerweise guter Jazz. (Ich kenne da aber - von Ellis Marsalis über die ganzen R & B-Helden bis zu Toussaint - das Phänomen, dass ich mich nach 20 Minuten etwas langweile, sehr gepflegt, aber eben doch.)
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gypsy tail wind
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »




Im Herbst 1943, als es nach der Einigung mit der Musikergewerkschaft bei Capitol weiterging, nahm Dave Dexter die Arbeit an einem Album mit dem Titel "New American Jazz" auf. Die erste Session dafür fand am 16. November statt und präsentierte die Capitol Jazzmen mit Billy May (t), Jack Teagarden (tb, voc), Jimmie Noone (cl), Dave Matthews (ts), Joe Sullivan (p), Dave Barbour (g), Artie Shapiro (b) und Zutty Singleton (d). "New" ist in stilistischer Hinsicht an diesem "American Jazz" nicht viel, zumal mit zwei New Orleans-Veteranen (Noone und Singleton) an Bord, aber gut sind die Aufnahmen durchaus. Teagarden war auch schon lange dabei, ganz wie der Chicago/Harlem-Veteran Sullivan und der Bassist, der an der 52nd Street aktiv war und bereits zahlreiche Aufnahmen hinter sich hatte. Billy May hatte sich bereits als Arrangeur für Charlie Barnet und Glenn MIiler einen Namen gemacht, war in der Zeit aber auch noch als Trompeter aktiv. Dave Matthews war am Alt- wie am am Tenorsax ziemlich gut und ebenfalls auch Arrangeur. Dave Barbour, der Gitarrist, wurde tauchte bei Manone, Red Norvo auf und spielte dann mit den Big Bands von Artie Shaw, Miller, Barnet und Goodman. Eine ziemlich illustre Gruppe also, von der er vier Stücke in sieben Takes gibt. Im Jump-Blues "Clambake in B Flat" von Sullivan (der spätere alternate Take ist neu im Mosaic-Set) kriegen wir gute Soli von May (mit Dämpfer), Matthews, Barbour/Shapiro, Sullivan, Noone und Teagarden und am Ende zwei Ensemble-Chorusse. May klingt stark, im alternate hört man ihn etwas besser. Matthews erinnert da und dort an Webster. Noone spielt wie Noone, klar, der erste Chorus ist in beiden Takes gleich, der zweite nicht - und der Klarinettist glänzt im abschliessenden Ensemble. Teagarden spielt einen Blues-Riffs, Sullivan ist in den zwei Takes sehr unterschiedlich - im ersten Take eher im Stride-Modus, und auch in der Begleitung sehr gut. "Casanova's Lament" ist eine Parade-Nummer für den laid-back Gesang Teagardens. Hier ist der erste Take der neue Alternate. Im ersten Take wird er dabei in allen drei Chorussen von Matthews begleitet, im zweiten übernimmt May für den zweiten Chorus und den dritten bestreiten sie zusammen. Vor dem letzten Gesangschorus spielt Teagarden auch ein Posaunensolo - im ersten Take ohne, im zweiten mit Stop-Time. Der Alternate Take von "Solitude", dem Ellington-Klassiker, erschein vor der Mosaic-Box bereits bei Swaggie und wieder vor dem Master entstanden. Das Stück ist ein Feature für Matthews am Tenorsax, der den ersten Take mit einer langen Kadenz öffnet. Der Master Take ist kürzer, Matthews in der Phrasierung in beiden näher an Hawkins als an Webster, aber noch etwas ruppiger im Ton. May spielt beide Male die zweite Bridge, beide Male sehr gut. Die Session endet "I'm Sorry I Made You Cry", einem Stück, das Teagarden schon 1929 bei einer Session mit Eddie Condon eingespielt hatte und hier für Dexter wiederbelebt. Teagarden beginnt das Stück solo, bevor die Rhythmusgruppe mit perlendem Piano einsteigt. Matthews kriegt die zweite Hälfte des ersten Durchgangs, dann moduliert Sullivan für den Gesangs-Chorus, hinter dem Noone etwas zu leise rifft (bei seiner letzten Session, er starb am 19. April 1944). May spielt dann nochmal einen halben Chorus, der gut in das abschliessende, von der Posaune dominierte Ensemble überleitet - und wenn es hier eine Überraschung gibt, dann ist das, wie gut Billy May an der Trompete war.



Bei derselben Session aber mit Heinie Beau (cl) für Noone nahmen Jean Teagarden's Chicagoans noch drei Stücke für Capitol auf, von denen der das erste, "Mighty Lak' a Rose" auf der abgebildeten Swaggie-Platte erschien, die zwei anderen auf einer Single und auf dem "Golden Era"-Album aus der "History of Jazz"-Reihe. Sullivan ist neben dem Pianisten der wichtigste Musiker in "Rose" und glänzt auch in "Stars Fell on Alabama" wieder, wo Billy May nach der Bridge von Sullivan die letzten acht Takte vor dem Gesangschorus übernimmt und Teagardens souveränen Gesang dann erneut mit Dämpfer begleitet. Von "'Deed I Do" gibt es bei Mosaic einen neuen Alternate Take, der vor dem Master entstanden ist. Das Tempo passt, der Ablauf ist identisch und abgesehen von einem kleinen Fehler von Beau in der letzten Bridge (er spielt ins Drum-Break rein) ist auch der Alternate Take gut. Wir kriegen nach einem Piano-Intro May mit dem Thema Thema und kurze Soli von Barbour, Matthews, Teagarden, Beau und Sullivan.



Weiter geht es mit den Capitol Jazzmen am 7. Januar 1944 - die Besetzung ist komplett neu: Shorty Sherock (t), Barney Bigard (cl), Les Robinson (as), Eddie Miller (ts), Pete Johnson (p), Nappy Lamare (g), Hank Wayland (b), Nick Fatool (d) und Peggy Lee (voc) sind dabei und von den vier Stücken gibt es fünf Takes - der Altenrate von "Sugar" öffnet die Session und landete wieder auf der Swaggie-Platte, bevor Mosaic ihn wieder herausbrachte. Das Line-Up hier ist eher noch etwas bunter, die neuen Leute (nicht in der Chronologie sondern der Mosaic-Abfolge natürlich) sind der Pianist aus Kansas City, Trompeter Sherock (Dorsey, Krupa), Robinson (Lead-Alt von Shaw, siehe Black & White-Faden) und Bassist Wayland,d er mit Goodman, Berigan und anderen gespielt hat. "Sugar" ist ein entspannter Jam mit Sherock im Lead, gefolgt von guten kurzen Soli von Miller und Robinson (besser im Alternate Take), Johnson à la Hines, dann stürzt Bigard auf typische Weise runter und rein, bevor Sherock (besser im Master) und nochmal Miller die Abfolge beschliessen. In "Ain't Goin' No Place" ist dann die Capitol Jazzwoman Peggy Lee zum ersten Mal zu hören - eine der besten Stimmen des damaligen Jazz und eine stilbildende obendrein. Johnson ist super und Miller und Bigard kriegen kurze Soli - und hinter Lee gibt es nicht nur guten Fatool sondern auch kurze Riffs von Robinson, Sherock usw. In "Someday Sweetheart" übernimmt Stan Wrightsman am Klavier - das Tempo ist wohl eine Spur zu schnell gewählt, was man bei Bigard - der aber echt in Form ist hier! - mehr denn bei Miller davor hört, vor allem aber passt es in der Rhythmusgruppe nicht so richtig, das Tempo wirt manchmal etwas instabil. Wrightsman könnte man hier problemlos mit Sullivan bei der ersten Session verwechseln. Robinson ist danach super und Sherock kriegt am Ende auch noch einen Spot. Die Session endet mit Lee und "That Old Feeling", Wrightsman jetzt an der Celesta und neben Johnson setzen auch Sherok, Bigard und Robinson aus. Eine zauberhafte Performance, in der Lee sehr verletzlich, ja zart klingt, von Bass und Celesta hervorragend begleitet werden. Miller verbindet mit einem kurzen Statement den Verse mit dem Chorus und tauch später angemessen zurückhaltend hinter Lee wieder auf.

Die zwei Stücke mit Lee wurden zusammen mit den Teagarden-Gesangsnummern von der ersten Capitol Jazzmen-Session auch auf einer V-Disc veröffentlicht (nicht im betreffenden Mosaic-Set, wo solche Übernahmen kommerzieller Aufnahmen eben nicht dabei sind) - und hier gibt es leicht gestellt aussehende Fotos von der Session bzw. einer Probe dazu.

Und ehe sich jemand wundert, was mit den restlichen Sessions auf der Swaggie-Platte ist: die Session mit Nat Cole erschien auf der Compilation "Jazz Encounters" (mit weiteren Takes, die bei Swaggie fehlen) und die Session mit Benny Goodman auf dem Mosaic-Set mit "The Complete Capitol Small Group Recordings of Benny Goodman 1944-1955".



Und wenn wir's grad von tollen Stimmen haben ... die erste Session von Anita O'Day unter ihrem eigenen Namen beendet die sechste CD der "Classic Capitol Jazz Sessions"-Box. Vier Stücke nahm die schon zu der Zeit umwerfende Sängerin am 18. Januar 1945 mit einer von Lowell Martin (den gibt's zwar in den AFM-Files, aber Morgenstern tippt hier auf Lloyd "Skippy" Martin, obwohl der Stil nicht zu dem seiner Decca-Aufnahmen mit Billie Holiday passe) geleiteten und arrangierten Band auf: Charlie Griffith (t), Jimmy Skyles (tb), Heinie Beau, Manny Gershman (as), Herbie Haymer (ts), Harry Suchman (bari), Milt Raskin (p), Dave Barbour (g), Phil Stephens (b) und Zutty Singleton (d) sind dabei. O'Day war damals noch die Sängerin der Band von Stan Kenton und dass eine mit doch recht grosser Kelle angerichtete Session, die obendrein ziemlich gut ist, damals nicht herauskam, ist ein kleines Rätsel. Erst 1963 erschien "Them There Eyes", der Opener der Session, auf der obigen Doppel-LP, und 1992 auf der CD oben der Closer "I Can't Believe That You're in Love with Me". In "Eyes" fand man das perfekte Tempo, O'Day klingt entspannt, sie singt den Verse, improvisiert ein wenig - und man hört hier schon, dass sie von Billie Holiday her kam, die diesen Song auch gesungen hatte. "Memories of You", das erste neue Stück, ist langsam und O'Day beginnt wie in "Eyes" recht nah am Original und weicht zunehmend mehr ab. Wir kriegen ein paar Piano-Schnörkel und ganz gute Riffs der Bläser. Im zweiten neuen Stück, "How Come?", einem Blues mit Bridge, kriegen wir ein kurzes Solo von Haymer am Tenorsax zu hören. O'Day ist in solchem Material sofort zuhause - ihre Intonation ist vielleicht nicht perfekt (in der Bridge), aber ihr Duktus und ihr Timing sind es und die Delivery, dass am Ende alles passt. Auch im Closer, "I Can't Believe", singt O'Day den Verse - und das ist vielleicht das Highlight der Session mit Stop-Time-Passagen und einem starken Schluss, in dem sie fast wie ein Blasinstrument unterwegs ist. Teagarden, Lee und O'Day - drei der besondersten Stimmen im Jazzgesang auf dieser CD.



"A Song was Born" in zwei Teilen wurde vermutlich auf der Goldwyn Soundstage Anfang August 1947 in L.A. aufgenommen. Capitol war - wegen Mercer und bald wegen Cole, Lee, Sinatra und anderen, immer auch ein Label für Sänger*innen und hier kriegen wir gleich mehrere davon. Bei Mosaic heisst die Formation wie das Album mit drei Platten, das Ende 1948 erschien, Giants of Jazz, auf den Labeln der ersten Platte des Albums standen ganz viele Namen: The Golden Gate Quartet, Jeri Sullivan, The Brazilians, Benny Goodman, Tommy Dorsey, Charlie Barnet, Louis Armstrong, Mel Powell. Armstrong (voc, t), Dorsey (tb), Goodman (cl), Barnet (as), Lionel Hampton (vib), Powell (p), Al Hendrickson (g), Harry Babasin (b), Louis Bellson (d), Southern und das Golden Gate Quartet (voc) sind zu hören in diesen ambitionierten fünfeinhalb Minuten, die aus Anlass des Films "A Song Is Born" mit Danny Kaye, Virginia Mayo und Benny Goodman entstanden sind (der Film ist eine Art Remake von "Ball off Fire", auch von Howard Hawks, in dem Barbara Stanwyck und Gary Cooper zu sehen sind und Gene Krupa mit seiner Band für den guten Ton sorgt). Das Golden Gate Quartet beginnt hier a cappella, dann steigen Bass und Gitarre dazu ein. Jeri Sullivan übernimmt danach, mit aktivem Lionel Hampton dahinter und inzwischen mit der ganzen Band. Das Tempo geht hoch und Sullivan kündet Satchmo an, der in der Mitte kurz neu einzählt und dann vom "jungle beat" singt, den sie an die "Basin Street" gebracht hätten. Goodman begleitet seinen Gesang, der etwas abrupt abbricht. Dann geht es mit Dorsey in Teil 2 weiter, der das amerikanische Thema aus Dvoráks Neunter spielt ("Goin Home"), bevor Armstrong dann übernimmt und die Musik wieder Spass macht. Barnet spielt ein tolles Solo und Bellson dreht hinter ihm auf. Das nächste Solo kriegt dann Goodman, hinter dem Hampton zu hören ist und Bellson aktiv bleibt. Mel Powell kriegt im abschliessenden Jam noch Bridge und alle, auch Hampton, ein Break - eine durchaus unterhaltsame Angelegenheit. (P.S.: Keine Ahnung, wer oder was die Brazilians sind - der Link bei Discogs hilft auch nicht weiter.)

Eine weitere All-Star-Session folgt auf der siebten CD an zweiter Stelle, im Oktober 1947 aufgenommen und als Ten Cats and a Mouse veröffentlicht. Die Maus ist Peggy Lee, die hier am Schlagzeug sitzt. Instrumententausch ist das Thema, bei dem die Holzbläser billig davonkommen: Dave Barbour spielt die Trompete, Billy May und Bobby Sherwood die Posaunen, Paul Weston die Klarinette, Eddie Miller und Benny Carter wechseln aufs Alt- bzw. Tenorsax, Dave Cavanaugh krallt sich ein Barisax, Red Norvo setzt sich ans Klavier, Hal Derwin spielt die Gitarre, Frank DeVol den Bass und eben: Peggy Lee das Schlagzeug. "Ja-Da" in gemütlichem Tempo ist das erste der zwei Stücke und Weston ist an der Klarinette überraschend gut, Carter am Tenorsax super, aber die Posaunisten, mit denen er in den Dialog tritt, treffen nicht alle Töne. Miller und Cavanaugh spielen Fours und der Produzent kriegt am Barisax einen guten Sound hin. Am Ende wird mit Norvo gerifft, DeVol macht einen auf Slam Stewart. Der Blues "Three O'Clock Jump" ist eine gemeinsame Improvisation mit gutem Norvo zum Einstieg. Die Posaunen riffen, die Klarinette ist dann nicht mehr so gut (die Chops schon dahin, geht halt ohne regelmässiges Spielen nicht lang), Miller am Alt dann super, ebenso wie erneut Carter am Tenor. Dann kriegen wir relativ sicher Riffs von einer Posaune und dann weniger sichere von der Trompete (mit Dämpfer), bevor das Stück ausgeblendet wird. Die Schlagzeugerin kriegt zwar kein Break, aber sie hat gute Time und macht ihre Sache sehr ordentlich. Grad noch nachgeguckt, wer Hal Derwin nochmal war: der spielte wirklich Gitarre, leitete Tanzbands und war Teil eines Gesangstrios mit Lee Gillette - und wie dieser war auch Derwin (oder Derwyn) auch als A&R-Mann für Capitol tätig. Mit Cavanaugh, Derwin, May, Weston, DeVol ist hier für einmal die halbe Chefetage und ein paar der Haus-Arrangeure auf der andere Seite der Trennwand zum Kontrollraum anzutreffen. Eine kleine, nicht sehr bedeutende Kuriosität.

Weiter geht es auf dem Rest von CD 7 mit einem Highlight der Box: den Capitol-Sessions der Big Band von Benny Carter (1943-45), die ihren eigenen Post verdienen.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Der Saxophonist Benny Carter hatte den ersten Hit von Capitol Records arrangiert, den "Cow Cow Boogie" von Freddie Slack. Da er in L.A. lebte und dort eine gute Band leitete, war er eine naheliegende Wahl, m nach Beilegung des Konflikts mit der Musikergewerkschaft unter Vertrag genommen zu werden Mit seiner Big Band nahm 1944/45 vier Sessions für Capitol auf. Da Carter sehr beschäftigt war mit Aufträgen für Filme und andere Bands, stellte er Frank Comstock als Arrangeur ein. Zu den bekannten Namen in seiner Big Band gehören u.a. Freddie Webster (t), J.J. Johnson und Alton Moore (tb), Porter Kilbert (as), Bumps Myers (ts) und Curly Russell (b). Los geht es Ende Oktober 194 mit den ersten vier Stücken. "Poinciana (Song of the Tree)", ein Feature für das elegante Altsax von Carter (im Vergleich mit Leuten wie Smith - der ja echt einer der besten war! - oder Robinson wird schnell klar, dass Carter in einer eigenen Klasse war ... zu der nur noch Johnny Hodges gehörte damals).. Das Arrangement stammt zwar von Comstock, aber bietet den für Carter so typischen üppigen Sax-Tutti-Sound. "Just a Baby's Prayer" (arr. Carter) ist ein Feature für die Sängerin Savannah Churchill, die eine recht zurückhaltende Darbietung liefert - mit schöner Stimme und guter Phrasierung. Vom Blues "Hurry, Hurry" (Richard Larkin und Carter) kriegen wir zwei Takes - der eine von der 10" 78rpm-Platte, der andere von der 1964er-LP "The Jazz Story Volume 4". Churchill sing ein paar Chorusse. Wir kriegen ein kurzes Solo von Carter, vor allem aber wieder ein feines Comstock-Arrangement für die Sax-Section mit Carter im Lead. Wer die hohe Trompete spielt, weiss ich nicht - vielleicht Ted Buckner? Die anderen zwei sind Claude Dunson und Jake Porter. Die Session endet mit Carters Arrangement von "Love for Sale" - die Trompete am Ende müsste Webster sein, wer das kurze Posaunensolo spielt, das eng am Thema bleibt, ist unklar (falls es Johnson ist, wäre das sein erstes aufgenommenes Solo - die anderen sind Shorty Haughton und Alton Moore), wir kriegen ein paar Takte Myers und einmal mehr vom Leader.



Bei der zweiten Session sieben Jahr später, im Mai 1944, sind Karl George (t), Gerald Wiggins (p) und Max Roach (d) die erwähnenswerten Neuzugänge. Webster ist weg, Charlie Drayton übernimmt am Bass und hinterlässt mehr Eindruck als Russell. Dick Gray ist der Bandsänger (statt Churchill). Die Reed-Section ist noch dieselbe (Gene Porter-ts und Willard Brown-bari/as sind die noch nicht genannten), die Posaunen sind mit Neuzugang Bart Varsalona (ex Kenton) auf vier angewachsen. Die Arrangements stammen dieses Mal alle von Carter. "I Can't Escape from You" in zwei Takes öffnet die Session und ist ein toller Einstieg, mit hervorragendem Arrangement für die Saxophone und den ganzen Rest (hört man Varsalona in den Posaunen sofort? ich glaub schon!). Erst am Ende gibt es kurze Soli für Carter und Wiggins - und im zweiten Take, dem der Single, ist der Sound deutlich besser. Die beiden LP-Takes der Session erschienen 1972 auf der obigen Platte mit Auszügen der Aufnahmen, die Benny Carter und Cootie Williams mit ihren Bands für Capitol machten. Dick Gray kann Nat Cole in "I'm Lost" natürlich keine Konkurrenz machen - viel mehr als okay ist die Darbietung nicht, aber das Arrangement mit den gestopften Trompeten ist hübsch und Carter kriegt ein paar Takte. Schade, hat Capitol Cole nicht öfter mit grösseren Bands zusammen ins Studio gebracht - zu der Zeit, als er noch mit einem Fuss im Jazz verankert war (ich hatte die "Jazz Encounters"-CD oben schon erwähnt - lohnenswert). "I Can't Get Started" war die Paradenummer von Bunny Berigan - und war bald auch in Carters Repertoire fest verankert (die abgebildete Telefunken-Platte - mit "I Can't Escape..." als B-Seite - ist laut Discogs eine schweizer Pressung). Es gibt wieder zwei Takes (hier ist der Single-Take der erste), Carters Performance ist ähnlich, er bleibt nah am Thema, aber seine Ausschmückungen und die Phrasierung und Gestaltung der Linien machen das zu seiner ganz eigenen Nummer. Die Bridge, merkt Morgenstern an, sei fast "Luncefordian" - und das hat tatsächlich was. Hier ist die Balance im zweiten, dem LP-Take etwas besser. Die Session endet mit "I Surrender Dear", das auch auf der 10"-LP "Battle of the Bands" veröffentlicht wurde (Tippfehler bei Mosaic, das die Katalognummer als H 236 angibt, es ist aber H 235 - das Stück erschien auch wieder auf der LP mit Cootie Williams) - der Leader wechselt hier an die Trompete und lieferte eine umwerfende Performance, die nicht nur zu Beginn ein wenig an Harry James erinnert (dieser war damals unglaublich populär, wie Morgenstern uns erinnert, "out-grossing every big band"). Nach dem langsamen Einstieg wird das Tempo schneller und Carter spielt Linien, die manchen Trompeter erblassen lassen dürften, auch ein phänomenales Break und ein paar sehr hohe Töne. Die Rhythmusgruppe ist definitiv besser als bei der ersten Session - und hier ist dann auch Roach gefordert, der mit dem Leader mit geht.



Die dritte Session folgte im April 1945 und zeitigte nur eine damals veröffentlichte Nummer, "Malibu" (Carter), als deren B-Seite "I Surrender Dear" erschien. Die Arrangements hat wieder Carter geschrieben. Gerald Wilson, Emmett Berry und Paul Cohen (t), Henry Coker und Alton Moore (tb) sind in der fünfköpfigen Trompeten- und der vierköpfigen Posaunensection die bekannteren Namen, die Sax-Section braucht den Leader nicht mehr, um vollzählig zu sein: Kilbert und Jewell Grant (as), Myers und Harold Clark (ts), John Taylor (bari). "June Comes Around Every Years" (Arlen-Mercer) ist ein Feature für den Sänger Larry Stewart, der sich in der Manier von Herb Jeffries ganz gut schlägt - doch davor kriegen wir ein schönes Arrangement mit gestopftem Blech. Keine Ahnung, wer die Trompetenschnörkel spielt - Irving Lewis und Fred Trainer sind auch noch dabei; und weil die Band so hochkarätig ist: George Washington und Louis Taylor sind die anderen Posaunisten, Rufus Webster der neuen Pianist, Herman Mitchell der Gitarrist und weiterhin Drayton und Roach. "Malibu" ist dann ein Highlight dieser Aufnahmen - eine eingängige, etwas mysteriöse Melodie, vom Leader selbst präsentiert, im Rahmen es hervorragenden Arrangements und mit einem kurzen Spot für Henry Coker an der Posaune. Pianist Rufus Webster ist in der Begleitung sehr gut.

Die letzte Session folgte dann im Dezember 1945 in New York - mit fast komplett anderem Blech. Wir lesen Namen wie Dupree Bolton und Idrees Sulieman (t), Al Grey und als einziger holdover Alton Moore (Porter Kilbert und er sind auf ellen Sessions dabei). Im stabileren Sax-Register - dem Kern der Band - änderte sich weniger: Joe Epps ist anstelle von Grant neu dabei und Willard Brown am Barisax zurück. Rufus Webster ist weiterhin dabei, der Rest der Rhythmusgruppe ist ebenfalls neu: James Cannady (g), Thomas Moultrie (b) und Percy Brice (d). "Cuttin' Time", Carters Opener, erschien auch als "Forever Blue", doch das ist der korrekte Titel des in Diskographien als "Bumbelina" gelisteten unveröffentlichten Stückes ("Carter never wrote a piece by that name", so Morgenstern). Hier kriegen wir im schnellen Tempo eine Band in Form, aufgebaut wie immer um die Sax-Section. Carter gönnt sich einen ganzen Chorus und es ist neben vielen Band-Passagen auch Zeit für kurze Soli von Idrees Sulieman (damals noch Leonard Graham) und Bumps Myers im ruppig-sanften Webster-Modus. "Forever Blue" ist im Mosaic-Set erstmals zu hören, ein langsamer Blues mit gutem Bass und natürlich der Sax-Section. Morgenstern meint, die acht Takte Plunger-Trompete könnten vielleicht von Wallace Jones stammen (Louis Gray ist der vierte Trompeter). Neben einer kurzen Sax-Passage des Leaders kriegen wir auch etwa Posaune - Moore oder Grey, fragt sich Morgenstern (Charley Johnson und Johnny Morris sind die anderen beiden). Am Ende kriegen mir mehr von den Saxophonen und ein paar Doubletime-Phrasen vom Blech. "Prelude to a Kiss" ist dann das letzte Comstock-Arrangement - ein Ellington-Highlight mit Carter im Lead und Solo (sehr chromatisch) sowie einem Trompetensolo (Morgenstern wieder: "Jones?"). Die Aufnahmen (ohne die drei doppelten Takes gut für eine dreiviertelstündige LP, die es aber wohl gar nie gab?) enden mit "Just You, Just Me", einem schnellen Romp, in dem Carter die Bridge am Altsax spielt und dann fürs Solo an die Trompete wechselt (bei den "first two LP issues" fälschlich Sulieman zugeschrieben, schreibt Morgenstern). Nach einem kurzen Intermezzo mit der Posaunensection im Lead kriegt Myers nochmal ein paar Takte und danach kehrt die Trompete des Leaders nochmal kurz zurück. Dazwischen ist immer wieder die tolle Sax-Section. Und hier ist die Rhythmusgruppe um Drummer Percy Brice richtig aufgewacht. Ohne Frage eins der musikalisch befriedigendsten Kapitel aus den ersten Jahren des Capitol-Katalogs.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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Auf CD 8 gibt der "Classic Capitol Jazz Sessions"-Box von Mosaic gibt es Segment mit Piano-Stilisten, von denen Jess Stacy der erste ist. Stacy hatte sich in Chicago in den Zwanzigern einen Namen gemacht, tourte mit Benny Goodman, Bob Crosby und Tommy Dorsey, versuchte sich erfolglos mit einer eigenen Band und hatte sich kurz davor in Kalifornien niedergelassen, als Dave Dexter mit ihm im Juni 1950 eine Session aufnahm. Für mehr als angemessen Begleitung sorgen George Van Eps, der auch mal ein Solo kriegt an seiner akustischen Gitarre, sowie Morty Corb und Nick Fatool. Los geht es mit einer sehr getragenen, erstmals bei Mosaic zu hörenden Version von "Careless". Staceys toller Beat wird trotz des Tempos hörbar, während die Rhythmusgruppe unter ihm mit festem Schritt dahintrottet. Van Eps kriegt hier schon ein paar Takte und fast fällt der Bass mit ihm in Double Time. Das Tempo ist für "I'll Be Seeing You" dasselbe - hier ist Van Eps' kurze Passage das Highlight, Stacey finde ich im unveröffentlichten Stück etwas besser, aber Dexter hörte das wohl andersrum (und das Stück landete 1952 auch noch auf der 10"-Platte "Piano Stylists"). In "Can't We Be Friends" ist dann im gemütlichen mittelschnellen Tempo und der Beat der Rhythmusgruppe ist steady wie der von Stacey. So macht das Spass: wir kriegen Staceys typische Phrasierung, dazu eine Bridge und später nochmal 16 Takte von der Gitarre - diese Stück erschien auch 1957 auf der LP "The History of Jazz Vol. 3 – Everybody Swings". Mit dem letzten Stück, "Imagination" (die Single mit mit "Can't We Be Friends" auf der B-Seite) sind wir leider wieder beim langsamen Tempo der ersten beiden Stücke - die Gitarre ist wieder das Highlight. Und mit Stacy, der ja wirklich gut war, hat Capitol damit seine Chance leider einigermassen deutlich vertan.



Mit Joe Sullivan entstanden Mitte November 1944 an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je vier Stücke, alles unbegleitete Solos. Auch Sullivan war in Chicago in den Zwanzigern bekannt geworden, hatte mit Bob Crosbys Band gespielt und auch als Begleiter von dessen Bruder Bing gewirkt, im Café Society in New York eine eigene Band geleitet - und war im Frühling 1943 nach L.A. gezogen. Die Stücke erschienen erst verspätete auf zwei EPs, von denen ich bei Discogs nur die erste finden kann - und laut Morgenstern waren sie da (ausser "My Silent Love") obendrein gekürzt und in falscher Geschwindigkeit/Tonhöhe zu hören (sie dauern korrekt alle um die drei Minuten). Das gerade genannte letzte der der acht Stücke landete 1964 auch auf "The Jazz Story Volume 3 (Rare Records of the Men and the Music: The Swinging Years)". Korrekte Versionen gab es später in einer Time Life-Box von Sullivan. Musikalisch ist hier nun allerdings gar nichts zu bemängeln, wie Morgenstern klar macht: "They rank with Joe's best, and he ranks with the best of all - an unsung giant of jazz piano, with temperament, touch, taste and timing".

Los geht es mit Wallers "Squeeze Me" und Sullivan verneigt sich vor seinem Vorbild. Danach kriegen wir Ellington (dessen "Squeeze Me" ausserhalb von Stride-Kreisen viel bekannter ist) mit zwei Takes von "I Got It Bad", der spätere Alternate Take erstmals bei Mosaic zu finden. Und die Takes sind unterschiedlich: im veröffentlichten gibt es ein Intro und dann das Thema in Rubato, erst ab der Bridge spielt Sullivan Time. Das Solo beginnt in der Manier des jungen Earl Hines und findet dann zu Waller-ähnlichen Figuren. Im zweiten Take geht es sofort mit dem Thema los, rhythmischer aber feste Time wieder ab der Bridge. Der zweite Chorus ist dann völlig anders mit starken Bass-Linien in der linken Hand - zwar wieder einer Prise Waller in der Bridge, aber danach einem neuen Schluss. Die Session geht mit "Memories of You" und "Deep Purple" weiter und wir verstehen längst das Schema mit dem freien Einstieg, bis sich nach einer Weile der Beat verfestigt. Im letzten Stück bleibt Sullivan nah am Thema, und Morgenstern informiert uns, dass das ursprünglich auch ein reines Klavierstück - von Peter DeRose - gewesen sei, zu dem Mitchell Parrish erst später einen Text geschrieben hat (und ja, laut Wikipedia hat die englische Rock-Band sich nach dem Song benannt).

Bei der zweiten Session kriegen wir eine ziemlich heisse Version von "The Moon Is Low" zum Auftakt, Sullivan klingt hier ziemlich frei, entfernt sich von der Vorlage, respektiert dabei aber weiterhin das Stück. "Reflections" ist dann das einzige eigene Stück hier, eine schöne AABA-Komposition, die Sullivan gekonnt aufbaut, mit Rubato, Tempo, Stride, der schon zuvor immer wieder zu hörenden niederkrachenden rechten Hand, und am Ende wieder Rubato und eine Coda. "It's the Talk of the Town" ist nach dem romantischen eigenen Stück eine richtig emotionsgeladene Ballade - wieder kriegen wir Anklänge an den Hines der frühen Jahre, wie er ohne Armstrong nicht zu denken ist (Morgenstern schreibt bei beiden betreffenden Stücke von "Louis-Hines groove" oder ""that Armstrong-Hines melodic stuff"). "Silent Love" ist dann der Closer und das auch später auf LP kompilierte Stück sowie das einzige, auf den EPs ungekürzte (vermutlich aber dennoch in falscher Geschwindigkeit/Tonart). Hier gelingt der Übergang von Rubato ins Tempo besonders gut, und am Ende kriegen wir sich überstürzende Figuren im Stil von Tatum, der um die Zeit herum auch in L.A. war. Zwei tolle Sessions - durchaus unerwartete Highlights, wie mir einmal mehr klar wird beim Wiederhören. Natürlich auch altmodische Musik, wie Dexter sie mochte.



Der Rest der CD gehört drei Sessions von Mel Powell, einem jüngeren Pianisten, der mit Musikern zu spielen anfing, die zur gerade erwähnten Chicagoer Szene der Zwanzigerjahre gehörten: Jimmy McPartland, Muggsy Spanier oder Zutty Singleton, der auch für Capitol aufgenommen hat. Mit 18 stiess Powell zur Big Band Band eines anderen ehemaligen Chicagoers, Benny Goodman. Danach leistete er in Übersee Dienst in der AEF-Band von Glenn Miller und liess sich nach seiner Rückkehr in L.A. nieder, arbeitete immer mal wieder mit Goodman (neben Jess Stacy oder Jimmy Rowles bei den Capitol-Sessions von Goodman in kleinen Combos, wie Jess Stacy oder Buddy Greco auch in der Big Band der Zeit um 1947-49, als Goodman mit dem Bebop flirtete - später ist Powell z.B. auch bei "In Hi-Fi" oder "The Benny Goodman Story" wieder dabei). Powell war immer verlässlich, immer gut - und so bieten auch seine Capitol-Sessions einiges an guter Musik.

Los geht es im Dezember 1947 mit einer Band, in der Jake Porter (t, voc), Bumps Myers (ts), Red Callender (b) und Lee Young (d) zu hören sind - jedoch hauptsächlich im Hintergrund, den Leader am Klavier begleitend. Myers' Moment im Opener "Anything Goes" besteht darin, eine Bridge nah am Thema zu spielen. Der Beat von Callender ist erstklassig und mit Young spielte er oft und gut zusammen. Powell beginnt mit etwas Boogie und Humor, dann gibt es hauptsächlich Stride, um die kurze Einlage von Myers herum. "Way Down Yonder in New Orleans" geht mit Piano im Tatum-Stil los, dann rasanter Stride, Tonartwechsel für den Einstieg der Rhythmusgruppe - das swingt heftig. Die Bläser steigen erst spät ein, unisono mit einer ziemlich boppigen eigenen (Powell?) Linie über die Changes, im zweiten Durchgang mit Fills des Pianisten. Und wie Morgenstern schreibt, höre ich die Stücke tatsächlich alle gleich doppelt, weil sie so kurz sind und es doch so vieles zu entdeckten gibt. "You Go to My Head" ist ein Solo - leider mit etwas viel Abspielgeräuschen, aber sehr, sehr schön. Rubato zum Einstieg, wieder viel Piano à la Tatum, ein paar harmonische Exkursionen und nach der Rückkehr in die eigentliche Tonart ein arpeggierter Schluss. In "You Better Not Mess with Me", dem ersten von zwei Stücken, die erst 1984 au einer Pausa-LP mit all diesen Powell-Aufnahmen für Capitol erschienen sind, spielt Porter ein wuchtiges Growl-Intro an der Trompete oder dem Kornett und singt dann, halb geflüstert und durchaus attraktiv (ähnlich wie Jimmy Rowles schreibt Morgenstern zutreffend), von Powell - der auch ein kurzes Solo spielt - und von Myers begleitet. Das zweite erst später auf der Pausa-LP erschienene Stück ist "I Dreams Come True", das eine eigenwillige Behandlung kriegt: Piano und Bass stellen Edgar Sampsons Thema vor, die Drum spielen ganz leise mit. Dann wechseln die drei für 16 improvisierte Takte in den 4/4. Dann steigt ein Myers und improvisiert einen halben Chorus und wechselt fliegend in die Begleitung für die zweite Hälfte, die Porter mit Dämpfer kriegt. Morgenstern schreibt hier von Walzer zu Beginn und zum Schluss - aber das stimmt gar nicht, die machen etwas anderes, legen verschiedene Rhythmen übereinander (man kann jedenfalls die ganze Zeit im halben Tempo mitzählen ... die Melodie mag in drei präsentiert werden, aber dann ist auf Vier eine Pause und drum eben doch kein richtiger Walzer). Eine superbe Performance jedenfalls und ein Skandal, dass die fast vier Jahrzehnte nicht zu hören war. In "There's a Small Hotel" ist Powell wieder der Star und die Bläser pausieren. Rubato, Tatum, Stride, interessante harmonische Ausflüge, Arpeggien, dabei stets nah am Thema, das mit Respekt behandelt wird.- alles auch hier wieder dabei. Die Session endet mit "Hallelujah" - wie der Start mit Sax im Hintergrund aber ohne Trompete. Und hier muss man sich gut festhalten, so rasant wie es zur Sache geht. Tonartwechsel für Myers' Solo (die Bridge nimmt sich Powell), Lee Young kriegt hier auch seinen verdienten Spot. Die ersten und letzten beiden Stücke der Session erschienen 1955 auch auf einer EP (der Eintrag bei Discogs ist für eine deutsche Ausgabe) mit dem Titel "Classics in Jazz".



Am 31. Dezember 1947 war Powell wieder im Studio für Capitol, mit denselben Leuten bis auf Frank Beach anstelle von Porter und zusätzlich Chuck Gentry (bari) in den ersten drei Stücken, während am Ende der Session ein zweites Solo steht. Los geht es mit "Cuban Pete" und hier ist Myers hervorragend, auch wenn das Stück hauptsächlich dem Pianisten gehört, der ein Rubato-Intro spielt und dann das Thema mit Riffs der Bläser präsentiert, während Young einen tollen Beat spielt. Auch hinter dem Tenorsax riffen die andern Bläser anfangs. Beach spielt dann auch ein ganz nettes Solo und bleibt gleich im Lead für den Abschluss. Powells eigenes "Cookin' One Up" ist Powells eigenes Stück, das recht boppig klingt und von Young mit dem Hi-Hat eröffnet wird. Gentrys Barisax bringt im Ensemble einen neuen Sound rein. Powells Piano hat diesen Flow, wie man ihn von Dodo Marmarosa kennt. Sein Solo wird immer wieder kurz vom Ensemble unterbrochen, und irgendwann ist der moderne Beat plötzlich für eine Art Stride-Passage weg. Dann steigt Myers ein, Beach rifft hinter ihm und Young kickt heftig wieder mit modernem Beat. "Old Black Magic" ist dann wieder ein Piano-Feature. Rubato-Intro, dann recht zügiges Tempo mit gutem Ensemble, das das Solo-Klavier einbettet. Dieses nimmt sich mit dem Thema viele Freiheiten, während der Bass ein kreisendes Motiv spielt. Die Freiheiten sind aber auch hier wieder so gestaltet, dass das Thema im Klavier ständig präsent ist, immer wieder Motive von Arlens Melodie auftauchen. Die Session endet dann mit dem Solo "When a Woman Loves a Man", und man kann sich mit Morgenstern einbilden, dass Powells zarte Version auch einen Reflexion über die romantische Version von Billie Holiday und Lester Young ist. Wieder Rubato, mit üppigen Voicings und wunderbarem Touch.

Im September 1948 nahm Powell mit einem Septett noch ein letztes Stück für Capitol auf, im Rahmen der Sessions für "A Song Is Born" (als Goodman sein berühmtes "Stealin' Apples" mit Fats Navarro aufnahm). Der Groove ist deutlich altmodischer, es gibt eine Dixieland-Bläsergruppe mit Clyde Hurley (t), Lou McGarity (tb), Gus Bivona (cl) und Don Lodice (ts). Tiny Berman (b) und Frank Carlson (d) bilden die Rhythmusgruppe, das Stück ist "Muskrat Ramble". Die Soli sind bis auf Bivona (ordentlich) ziemlich gut, die von Lodice und McGarity sosgar sehr gut, doch davor kriegt Powell erstmals zwei Chorusse.

Von diesen Aufnahmen brachte Capitol im Juli 1948 auch ein Album mit drei 10"-Platten heraus, "Mel Powell on Piano". Und "Cuban Pete" erschien wie Stacys "I'll Be Seeing You" auf der 10"-Platte (oder gekürzt 3 x 78 rpm oder auch 2 x 7" EP) "Piano Stylists".
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



An der Stelle passt vielleicht eine kleine Unterbrechung der Mosaic-Box mit Nat King Cole ganz gut. Die CD "Jazz Encounters" von 1992 bündelt ein paar Sessions, die Nat Cole abseits seines Trios mit diversen anderen Leuten für Capitol gemacht hat. Den Einstieg machen die Metronome All Stars, die im Dezember 1947 in New York aufgenommen wurden. In "Leap Here" kriegen eine echte All-Star-Band mit Dizzy Gillespie (t), Bill Harris (tb), Buddy DeFranco (cl), Flip Phillips (ts), Nat Cole (p), Billy Bauer (g), Eddie Safranski (b) und Buddy Rich (d), arrangiert hat Pete Rugolo das Stück aus Coles Feder. Nach dem etwas dichten Thema (Harris spielt obendrein auch noch eine Art humoristische Bop-Variante von Tailgate) kriegen wir kurze Soli von DeFranco, Harris, Gillespie, Phillips, Cole, Bauer und dann Rich/Safranski, bevor das Ensemble mit Gillespie im Lead das Stück beendet. Auf der CD kriegen wir gleich zum Einstieg einen zuvor unveröffentlichten Alternate Take. Die B-Seite "Metronome Riff" hat Rugolo geschrieben und für die Combo plus die ganze Band von Stan Kenton arrangiert (inklusive Shelly Manne aber ohne den Rest der Rhythmusgruppe). Das Ergebnis funktioniert nur so halb, aber so ist das bei solchen All-Star-Geschichten halt. Harris und Phillips spielend dabei durchaus interessante Soli, aber Rich kommt nicht in den Flow (man hört z.B. hinterm Tenorsax, dass wirklich zwei Drummer spielen), Gillespie hat hingegen keine Mühe, sich auf all das draufzusetzen, während die Breaks für die Rhythmusgruppe dann von den massigen Blechbläsern fast verschluckt werden, bis die Drummer einfach durchspielen.



Dann springen wir zurück ins den März 1945 und nach Hollywood, wo The Capitol International Jazzmen vier Stücke (sechs Takes) aufnahmen - und das Line-Up verrät, dass es hier keine Bop-Klänge mehr gibt: Bill Coleman (t), Buster Bailey (cl), Benny Carter (as, arr), Coleman Hawkins (ts), Nat Cole (p), Oscar Moore (g), John Kirby (b) und Max Roach (d). Von "You Can Depend on Me" ist nach dem Master noch ein zweiter Take zu hören (auch neu auf der CD). Carter glänzt, Bailey klingt wie oft etwas dünn, Coleman ist im Thema im Satchmo-Modus, im Solo eher verspielt - und dann ist da noch der Mann am Tenorsax, der in beiden Takes den Schluss- und Höhepunkt setzt. Roachs Akzente in der Rhythmusgruppe sind interessant und sprengen keineswegs den Rahmen (wir hörten ihn ja gerade auch mit Carters Big Band, was vermutlich der Grund ist, warum er auch hier dabei ist). "If I Could Be with You" und "Stormy Weather" sind die Features for Kay Starr - eine hervorragende Sängerin, die im Mosaic-Set von Capitol auch noch auftaucht und später eher Pop als Jazz sang. Cole spielt im ersten Stück ein Intro, Carter ist in beiden Stücken zu hören, Coleman growlt im Intro des zweiten den Sturm herbei und spielt dann hübsche Begleitungen auch mit Dämpfer, während Cole und Moore - natürlich hervorragend abgestimmt - für die feine Begleitung besorgt sind. Im ersten kriegen wir nach Carter auch noch Soli von Coleman und Hawkins. Mit dem zweiten Instrumental, Carters "Riffamarole", wieder mit neuem, hier früherem, Alternate Take, endet dann die Session - und hier geht es doch etwas boppig zur Sache. Bailey spielt nach dem Thema das erste Solo, Carter folgt wie üblich mit bestechender Eleganz. Die Rhythmusgruppe fällt hier sofort auf: die Rhythmusgitarre, die tollen Akzente der Drums, der starke Beat des Basses und der bei der gesamten Session überragend agierende Pianist, der nach Coleman und vor Hawkins auch hier sein Solo kriegt. Und im Master (Take 5, der Alternate ist Take 4) wirkt das alles nochmal etwas fokussierter, zupackender - man beachte, wie Roach Hawkins mit einem Roll ankündet und dann gleich ein paar Gänge hochschaltet und Moore hinter dem Saxophonisten ein paar ungewöhnliche Gitarren-Effekte einstreut.



Die Sängerin Jo Stafford hatte ich kurz erwähnt. Ich mag sie an sich sehr, drücke mich aber bisher immer davor, tiefer einzusteigen, weil die Arrangements und Bands ihres späteren Ehemannes Paul Weston (ab 1952 bis zu Westons Tod 1996, Stafford wurde 90 und starb 2008) einfach zu brav und gediegen sind und der Gesang allein es für mich oft nicht reissen kann. Ende März 1946 fanden die zwei zusammen mit Nat Cole und einer kleinen Band im Studio in Hollywood zusammen. Ray Linn (t), Herbie Haymer (ts), Heinie Beau, Fred Sulce und Harry Schuman (reeds), Cole (p), Dave Barbour (g), Art Shapiro (b) und Nick Fatool (d) waren dabei, Weston hat arrangiert - und bei so einer Band wird nicht mal eine Novelty wie "Cindy" (laut Label arr. Mercer/Weston/Stafford, wohl ein Folksong oder sowas?) zur Katastrophe. Viel besser ist der Einstieg mit "Baby Won't You Please Come Home". Herbie Haymer ist natürlich der Solist, drum ist beim ihm auch nur Tenorsax und nicht einfach Reeds angegeben. Er spielt überall gute kurze Soli - und der Mann am Piano ist einmal mehr in glänzender Form, spielt hervorragende Begleitungen und kurze Soli, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, aber er setzt immer seine Marken. "Riding on the Gravy Train" und der Closer, "I'll Be with You in Apple Blossom Time" sind nun echt keine guten Songs (die Stafford ja hätte kriegen können, aber eben: Pop halt), aber die Performances sind alle recht gut und die Arrangements ordentlich. Barbours Rhythmusgitarre und das bewährte Gespann Shapiro/Fatool tragen ihrerseits zum Erfolg der Aufnahmen bei.



Im Januar 1950 spannten zwei von Capitols Zugpferden zusammen: das King Cole Trio (mit Irving Ashby und Joe Comfort) und die R & B-, Jazz- und Bluessängerin und -pianistin Nellie Lutcher. Ernie Royal (t), Charlie Barnet (ts) und Earl Hyde (d) komplettieren die Band auf den zwei Stücken. Barnet spielt in "For You My Love" ein honkendes Solo und die Rhythmusgruppe shuffelt durch, während die Stimmen ganz hübsch zusammen klingen. Die B-Seite "Can I Come in for a Second" ist dann eine dieser leicht anzüglich Duo-Konversations-Nummern - eine leichtere und nicht so sexistische Variante von "Baby, It's Cold Outside", mit einer Sängerin, die sich zu wehren weiss - auch wenn der Typ irgendwann jammert, es seid draussen doch etwas kühl. Ein charmanter kleine Ausflug für Cole - und eine Sängerin, die ich mir wohl mal vornehmen sollte (sie nahm für Capitol eine ganze Reihe von Platten auf, es gibt eine Best of-CD bei Blue Note mit 21 Tracks - vielleicht ein guter Einstieg). (Michael Cuscuna schreibt in den Liner Notes der CD, dass "For You My Love" 1985 in England überraschend zum Hit wurde, nachdem es eine Neuauflage auf einer 12"-Single gegeben hatte.)

Auch Woody Herman nahm mit seiner Band eine Zeit lang für Capitol auf (es gibt da natürlich auch eine Mosaic-Box) und im November 1949 brachte man ihn in New York ebenfalls für eine einzige Platte mit Cole zusammen. Ashby und Comfort sind dabei und auf dem zweiten Stück (der A-Seite) der Geiger Gene Orloff. "My Baby Just Cares for Me" ist ein charmantes Duo mit echt gut zusammenpassenden Stimmen (viel besser als mit Lutcher). "Mule Train" ist dann leider eine reine Novelty-Nummer mit ... Hufgetrappel von der Gitarre, Country & Western-Fiedel, die Jungs haben Spass (mehr als als die meisten Zuhörenden vermutlich) - und lassen ihren Maulesel am Ende zurück und nehmen den Freight Train.



Die CD endet mit einer Session vom August 1947 mit Johnny Mercer und dem King Cole Trio (Moore und Johnny Miller) (drei der vier Stücke sind im Mosaic Select von Mercer wieder drin, "Harmony" fehlt). In der Novelty "Save the Bones for Henry Jones" (Danny Barker/Vernon Lee) geht es maximal entspannt zu und her - und die Stimmen passen erwartungsgemäss sehr gut zusammen. Das Stück war ein Hit von Lois Jordan und wurde 1989 von Lou Rawls und Ray Charles wieder als Duo eingespielt. war In "My Baby Likes to Be-Bop" gibt es einen Dialog mit Anleihen am neuen Jazz der Zeit, in "Harmony" gibt es ein Player Piano (Nickelodeon) und die beiden singen natürlich zweistimmig, während Moore ein paar Western-Twangs einstreut (und am Ende noch einen kleinen Fehlgriff). Auch im Closer, dem bluesigen "You Can't Make Money Dreamin"" gibt es zwischen den Strophen gesprochene Passagen der beiden - und da ist wieder diese enorm entspannte Delivery. Eine sehr abwechslungsreiche und unterhaltsame Stunde Musik auf dieser CD.

--

Im Mosaic Select von Mercer erzählt Billy Vera auch noch, warum dort die Aufnahmen 1947 abbrechen: "Johnny's ever-increasing drinking was taking its toll. He was coming in to work late and leaving almost immediately to head down to Vine Street to hang out in the bar with his musician friends. He complained that the company he'd started wasn't fun anymore. He liked it better when it was a small-but-elite plaything where he could record only artists and songs he liked. Glenn Wallachs' vision, on the other hand, was for a label that would be the major entity Capitol eventually became, so he replaced Johnny as company president. But despite his alcoholism, he remained well loved and well respected, and even during the rock 'n' roll era, which smothered the talents of his contemporaries, he managed to turn out some of his greatest songs." - Und das tat er natürlich auch weiterhin oft für und bei Capitol Records (und er schrieb in 15 Minuten die englischen Lyrics für "Autumn Leaves").
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Der Ellington-Trompeter Cootie Williams verliess im Herbst 1941 die Band und ging für ein Jahr zu Benny Goodman, ehe er eine eigene Big Band auf die Beine stellte, in der Leute wie der Teenager Bud Powell (p), Eddie "Cleanhead" Vinson (as, voc), Lockjaw Davis oder Sam ("The Man", aber erst später) Taylor zu hören waren. Bald hatte Williams' Big Band im Savoy Ballroom in Harlem Erfolg. Klugerweise nahm sich der Trompeter nicht etwa Ellingtons Musik zum Vorbild. Seine Band war stark im Blues verwurzelt. Eine erste Session nahm die Band (mit u.a. Joe Guy, Sandy Williams, Charlie Holmes, Vinson, Kenny Kersey und Butch Ballard) im April 1942 für Merritt auf. Ab Januar 1944 folgten Aufnahmen für Hit/Majestic (jetzt u.a. mit George Treadwell, Harold "Money" Johnson, Vinson, Lockjaw, Eddie De Verteuil, Powell, Norman Keenan, Sylvester Payne und Pearl Bailey).

Im Frühling 1945 nahm Capitol die Band unter Vertrag und nahm sie Ende Mai erstmals auf - immer in New York. Mit dabei u.a. E.V. Perry und Treadwell (t), Vinson (as, voc), Taylor (ts), Arnold Jarvis (p), Carl Pruitt (b) und Payne (d). "Juice Head Baby" ist gleich das erste Feature für Vinson, der zu Beginn neben dem Leader am Sax zu hören ist und danach als Sänger übernimmt, vom Leader hervorragend begleitet. "Salt Lake City Bounce" ist das instrumentale Stück der Session (ein erstes, "Mood for Coot", ist rejected). Hier hören wir Taylor und Ross - der schon im Thema zwischen den Band-Riffs improvisiert - als Solisten, der Leader spielt am offenen Horn eine feine Bridge und trifft am Ende die hohen Töne über dem Ensemble - wie Benny Carter war er auch immer präsent in seiner Band. Toll ist hier auch der Drummer, Sylvester "Vess" Payne. Die Session endet mit der im Mosaic-Set erstmals zu hörenden "Jitterbug Serenade", vermutlich mit Gesang des Leaders und der guten Sax-Section (Rupert Cole im Lead, Lee Pope am zweiten Tenor und George Favors am Bari) inkl einem kurzen Spot für eins der Tenorsaxophone - und wieder ist die Rhythmusgruppe toll. Es gibt von Williams bei Mosaic ganze 12 neue Stücke (nur 2 davon Alternate Takes) - zu den 14 davor veröffentlichten, von denen sechs auch auf der LP "Big Band Bounce" von 1972 wieder erschienen, als B-Seite zu einer Auswahl von Aufnahmen von Benny Carters Big Band für Capitol.

Die zweite Session fand im Juli 1945 statt und "House of Joy" ist ein eigenes Stück über Rhythm-Changes, in dem die Band viel zu tun ht. Jimmy Glover ist der neue Bassist, sonst ist das Line-Up unverändert. Robert Horton ist Morgensterns Tipp für die Posaunen-Bridge mit Growls und beim Jump-Solo von Vinson erinnert er sich an Don Stovall und Earl Bostic. Die Trompeten-Section glänzt - wie der Leader im Solo, in dem seine eigenwillige Phrasierung/Time zu hören ist, wie sein Sound auf Grundlage von Louis Armstrong erarbeitet. Der Leader zitiert aus seinem Goodman-Solo über "Air Mail Special" und dann rifft die Band im Stil von "Flying Home" immer intensiver und endet mit einem Knall. Das neue "Mood for Coot" wurde von Bill Doggett arrangiert (das einzige konkret zugeschriebene Arrangement, sonst weiss man dazu gar nichts) - ein Ton-Poem für gedämpfte Trompete über ganz zarte Backgrounds (Trompeten und Posaunen mit Dämpfern sowie Klarinetten) mit gutem Piano. Dann übernimmt die Band, zuerst mit den Trompeten, gefolgt von den Saxophonen - und daraus steigt wieder Cootie auf, jetzt offen, bis am Ende der erste, der "Mood"-Teil, zurückkehrt - sehr schön! Vinson ist dann in "When My Baby Left Me" (Williams/Vinson) der Star, wir hören hier zwei Takes, den auf der Single und einen späteren, unveröffentlichten. Sie unterscheiden sich vor allem in der Balance und in Williams' toller Begleitung, in die er einige Growls einstreut. Das Tempo ist langsam, der Groove sitzt - und Vinson ist wie üblich überzeugend. Auch vom Closer der Session, "Everything But You" stammt dann aus dem Ellington-Repertoire, wo das Stück aber mit Gesang aufgeführt wurde, während Williams eine instrumentale Version einspielte. Wir kriegen den Single-Take und einen späteren, der auf der LP von 1972 erstmals erschien - der LP-Take klingt etwas besser, sowohl was die Soli (Williams und vermutlich eher Lee Pope am Tenor) als den Swing der Band angeht. Die Trompete klingt im Intro fast wie eine Stimme.

Die dritte Session folgte im Januar 1946 und ist nicht dokumentiert und vollständig neu im Mosaic-Set, wo man das Line-Up ähnlich der eine Woche späteren vermutet. Los geht es mit dem zweiteiligen "Jumping to Conclusions" (Williams). Tolle Riffs und als erste Solo-Stimme die unverwechselbare "schwatzende" Trompete des Leaders, gefolgt von einem starken Altsax-Solo, zu dem Morgenstern "undoubtedly John Jackson" sagt. Ein boppiges Posaunensolo könnte von Edward Johnson stammen (Morgenstern: "neither Horton nor veteran Ed Burke were into the new sounds") und danach kriegen wir noch Sam Taylor, der quasi von Lester Young zu Illinois Jacquet geht. Eine offene Trompete (Williams?), dann Riffs und der Leader darüber mit Stichen in die Höhe. In "Someone I Knew" spielt Williams wieder mit Plunger im Wechsel mit der Band, es gibt ein Bass-Solo von Keenan mit Piano-Fills (Jarvis) und ein Break für Butch Ballard, der an den Drums zurück ist. Danach zwei Chorusse von Taylor und zum Schluss der Leader am offenen Horn und mit einem Glissando, das, wie Morgenstern schreibt, Hot Lips Page zur Ehre gereicht hätte. Die Session endet mit dem etwas süsslichen "You're the One for Me Sweetheart" - nach dem Thema mit Williams à la Harry James im Lead gibt es ein Nicht-Solo vom Piano und dann Balladengesang, vermutlich vom Trompeter Bob Merrill, einem der Neuzugänge seit den Aufnahmen von 1945. Vinson hatte noch 1945 seine eigene Band gestartet und war bei einem anderen damals neuen Label untergekommen, Mercury Records.



Für die vierte Session eine Woche später ist die Band dokumentiert und dabei sind u.a. Merrill (t, voc), Perry und Treadwell (t), Jackson (as), Taylor (ts), Jarvis (p), Kennan (b) und Ballard (d) - und Johnny Mercer singt bei einem Stück mit (das war ja die Zeit, als sein Plattenlabel/Vanity-Project noch Spass machte). "Stingy Blues" ist ein Blues-Feature mit Gesang Merrill, der sich als guter Nachfolger von Vinson erweist (und einer von vier Leuten ist, deren Namen hinter dem Stück stehen). Es gibt Trompetenkommentar und dann auch einen Spot am offenen Horn und in hoher Lage - aber es klingt so, als sei er weit vom Mikrophon weg. Morgenstern: "Engineers were habitually fearful of that huge tone; Ben Webster told me that on most Ellington dates the trumpeter was put back against the studio wall so as to not overpower the rest of the band". Mercer Ellington hat "He Should'a Flip'd When He Flop'd" komponiert und Johnny Mercer singt hier mit der Band - erstmals im Mosaic-Set zu hören (und nicht dupliziert im Mosaic Select von Mercer). Die Band ist hier aber erstmal der Star und rifft wuchtig swingend, angetrieben von Ballards schwereren, vielleicht eine Spur trägen Drums, die aber mächtig kicken. Cootie und Johnny sagen kurz hallo ("jive dialog", Morgenstern) und dann singt Mercer, von der Band zurückhaltend begleitet und weiterhin mit Kick von Ballard. Ein kurzes Tenorsax-Solo (Taylor wohl, der andere ist Everett Gaines) und dann Williams offenen Horn und in verspielter Laune. Dann kriegen wir "Echoes of Harlem" (aka "Concerto for Cootie" von Ellington - ein mysteriöses Bass-Ostinato mit gutem Piano zum Einstieg und dann Cootie, der Star, mit der unverwechselbaren gestopften Trompete, dahinter Wah-Wah-Trompeten und langsame Sax-Linien. Mit einem entsprechenden Zitat lanciert Williams etwas Bandgesang à la Calloway ("Hi-dee Hi-dee Hi-dee-hey") und die Band steigt etwas intensiver hinter ihm ein, bevor Piano und Bass ein kurzes Interlude spielen (Ballard hält sich hier sehr zurück) und Williams zum Thema zurückkehrt. Repeat (wie eh ständig bei diesen Aufnahmen). Der Closer der Session ist "That's the Lick", das erst 1972 auf der LP erschien - leider, denn wie Morgenstern meint, hätte sich das damals sicherlich gut verkauft. Williams ist mehrmals zu hören, mit Plunger und offener Trompete, und Sam Taylor nimmt "The Man" vorweg, "honking, belching and shaking" (Morgenstern).

Weiter geht es dann im Juli 1946 - ohne Jackson (denn wir leider nicht nochmal zu hören kriegten) und Taylor. In "Wrong Neighborhood" und "Piney Brown's Gone" singt Bob Merrill den Blues (beide Stücke von ihm selbst, das erste zusammen mit Archie Hall), vom Leader wie üblich hervorragend begleitet. Merrill kam von Jay McShann - und die Williams-Band klingt hier manchmal wirklich fast wie eine Jump-Band aus Kansas City. Merrill singt auch in den beiden Takes von "I May Be Easy But I'm No Fool", der spätere Alternate Take neu bei Mosaic. Hier ist das Tempo schneller, ein Jive-Blues mit einer Bridge und Williams im Lead - und einem Lunceford-ähnlichen Bounce, zu dem auch die vielen punchy Riffs des Stückes passen. Ein der Tenorsaxer spielt ein Solo, das an Ben Webster erinnert (besser im Master Take) - Morgenstern tippt auf Edwin Johnson (Chuck Clarke ist der andere). Im ebenfalls neuen "Vibraphonia" (Redd/Williams) ist der Trompeter Clarence "Gene" Redd (seit der ersten Session dabei) am Vibraphon zu hören, zum Einstieg in Fours mit dem Leader und danach allein, mit vielen Riffs der Band und auch im Vibraphon-Spiel, das natürlich an Lionel Hampton orientiert ist. Dann kriegen wir wohl gleich nochmal Johnson am Tenorsax und am Ende den Leader. Die Session endet mit einem fünften Stück (hoffentlich war da der Kontrolleur von der Gewerkschaft schon fort), "Let's Do the Whole Thing or Nothing at All", noch ein Jump-Jive (in 32taktiger Form) mit Gesang des Leaders, einem weiteren Tenorsax-Spot und am Ende der unverwechselbaren Trompete von Williams.

Im September sielte die Band noch drei Titel für Capitol ein, mit demselben Line-Up aber ohne den Gitarristen (Pee Wee Tinney), von dem man eh kaum was hört. Los geht es mit dem letzten neuen Stück, der "Rhapsody in Bass", einem Feature für Norman Keenan, der Stück für Stück mit seinem starken Beat und guter Wahl der Töne bei seinem Walking Bass zu überzeugen weiss. Natürlich hat er Blanton und Pettiford gehört, wird von der Rhythmusgruppe gut begleitet - und etwas Plunger-Trompete vom Leader kriegen wir auch noch. Bei den letzten zwei Stücke singt wieder Merrill, "Ain't Got No Blues Today" im langsamen Tempo mit Growls des Leaders - die Band klingt gut, ist auch gut arrangiert. Das Sax-Register ist weiterhin stark, auch ohne die vergleichsweise prominenten Namen (Rubert Cole und Daniel Williams am Alt, Chuck Clarke und Edwin Johnson am Tenor, Bob Ashton am Bariton). "Bring 'em Down Front" ist das letzte Stück hier, wieder Jump und Jive mit einem Spot für ein Tenorsax nebst der Trompete von Williams und am Ende ruft die Band den Titel. Eine starke Band, von der es auch anderswo Aufnahmen gibt, die ich aber bisher nie systematisch verfolgt habe. Auch Williams (und Jay McShann, wo er schon erwähnt wurde) machten auch für Mercury Aufnahmen, das Label, bei dem Vinson seine Band starten konnte ... vielleicht ein eigener Faden die Tage.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von redbeansandrice »

Diese Mel Powell EP hab ich, die ist in der Tat etwas enttäuschend... Gleich kommt der grosse Auftritt von Duke Brooks... (der kleine ist dann ein composer credit auf CD 12)
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »

redbeansandrice hat geschrieben: 16 Mai 2026, 09:41 Diese Mel Powell EP hab ich, die ist in der Tat etwas enttäuschend... Gleich kommt der grosse Auftritt von Duke Brooks... (der kleine ist dann ein composer credit auf CD 12)
Das gesamte Material ist aber echt super! Falls Du mal die Pausa-LP sehen solltest, würde ich definitiv zugreifen.

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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von redbeansandrice »

Danke, die LP sieht man tatsächlich von Zeit zu Zeit!
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Noch ein Nachtrag zu den Capitol Jazzmen / International Jazzmen und Metronome All Stars: die Aufnahmen gab es auch auf einer LP, mit zwei weiteren Stücken einer anderen, späteren Metronome-Formation mit Miles Davis, Lee Konitz, Stan Getz usw. (1951):
https://www.discogs.com/release/1422665 ... -All-Stars

Und auch wenn das nicht seine Baustelle ist, empfehle ich @vorgarten, wenigstens mal die zwei frühen Vocals von Peggy Lee abseits von Goodman anzuhören - die sind wirklich toll:


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