

Capitol Records hat eine lange Geschichte und vermutlich ist das Label allen hier im Forum schon begegnet. Eins der wenigen - das einzige? - Major Label, das als kleines, unabhängiges, von Musikern gegründetes Label startete. Und dann auch noch in der schlechtest möglichen Zeit, wie man denken könnte: der Streik der amerikanischen Musikergewerkschaft lief 1942, Rohmaterial für die Plattenproduktion war wegen des Krieges schwer zu kriegen, und viele talentierte Musiker leisteten obendrein natürlich Dienst. Dennoch: Johnny Mercer, der Songwriter und Sänger, wollte neue Wege gehen, auch weil er nicht mochte, wie die Label mit seinen Songs umsprangen. Glenn Wallichs, Gründer des grossen Plattenladens Music City an (Ecke Sunset und Vine, 1940-1978 laut Wikipedia), liess sich von Mercer überzeugen, dem Unterfangen die nötige finanzielle Starthilfe zu stellen, und B.B. (Buddy) DeSylva, Songwriter und Filmproduzent, war als dritter im Bunde dabei. Hier gibt es ein Foto von Dave Dexter (s.u.), Mercer und Wallichs. Die höchst interessante Lebensgeschichte von DeSylva kannte ich gar nicht - Vater aus der Karibik, der den Namen änderte, um als Portugiese - und damit Weisser - durchs Leben zu gehen .... die Ehe mit der Tochter des LAPD Chiefs, dem Grossvater von Buddy, hielt dennoch nur kurz. Doch im Hinblick auf Buddy sind natürlich seine Arbeit am Broadway (Al Jolson) interessant. Oder die Zusammenarbeit mit George Gershwin: Die einaktige Jazzoper "Blue Monday" war eine Art Vorbote von "Porgy & Bess" und ein frühes Beispiel (das erste steht bei Wiki) für symphonischen Jazz - Gershwin schrieb die Musik, von DeSylva, der damals schon an der Tin Pan Alley tätig war (ab 1925 mit Lew Brown und Ray Henderson - das Trio schrieb u.a. "The Best Things in Life Are Free", "Birth of the Blues", "It All Depends on You" oder "California, Here I Come"), stammte das Libretto.

Auf den Labeln von Capitol findet sich zunächst die Kuppel des gleichnamigen Gebäudes in Washington D.C. Im Jahr 1956 wurde der ikonische (natürlich auch in unzähligen Filmen zu sehende) Capitol Tower in Hollywood bezogen. Dazu gibt es hier den Essay sowie ein paar Abbildungen aus dem Band von Taschen über das Label).
Laut Wiki wurde das Label unter dem Namen Liberty Records am 27. März 1942 eingetragen, doch am 8. April (oder im Mai - beides Wiki) wurde der Name in Capitol Records abgeändert. 1955 stieg EMI bei Capitol ein (oder 1957, da besass das englische Label dann jedenfalls laut Wiki 96% der Aktien) - und etwas später treten die Beatles auf den Plan und den Rest kennen auch die Pop-Fans (bei Taschen gibt es zudem einen grossen Bildband zu Capitol). Doch hier interessiert vor allem die Vorgeschichte, das erste Kapitel, das an Musik reich ist - wie im Fall von Black & White - dabei weit über den Jazz hinausgehend. Der grosse Star der ersten Jahre war Nat King Cole - doch auch den klammere ich hier wohl erstmal aus, denn auch dieser Faden ist um eine Box des kleinen Labels Mosaic Records herum konzipiert, das 1997 auf 12 CD (oder 19 LPs) eine grosse Auswahl an Aufnahmen aus den Jahren 1942 bis 1953 unter dem Titel "Classic Capitol Jazz Sessions" herausbrachte. Dabei liegt der Fokus auf instrumentalen Aufnahmen, d.h. es fehlen neben Mercer oder Cole auch Peggy Lee, Martha Tilton (die bei der ersten Session auch dabei war), Jo Stafford usw., und es fehlen die meisten Leute, die viele Aufnahmen für das Label machten, z.B. Benny Goodman, dessen Capitol-Aufnahmen in kleinen Formationen Mosaic auch in einer Box gesammelt hat, aber auch Red Nichols oder Pee Wee Hunt. Maximal kriegen ein paar Bands in der 12-CD-Box eine knappe oder gute CD (das sind die Big Bands von Benny Carter und Cootie Williams, deren Aufnahmen von den Rechteinhabern selbst nie gebündelt auf CD herausgebracht wurden, was man natürlich bei Goodman nicht behaupten kann). Natürlich hat Mosaic ein paar unveröffentlichte Sachen ausgegraben, und man hat den Fokus besonders auf die späten Vierzigerjahre und auf Aufnahmen gelegt, die nur beschränkte Verbreitung gefunden hatten.
Zwei Wochen nach den ersten Aufnahmen, die das junge Label machte, wurde Schellack rationiert. Die Regierung verkleinerte die Menge, die an die Plattenindustrie abgeben wurde, um 70%. Und noch einen guten Monat später, am 1. August 1942, begann der schon erwähnte Streik der Musikergewerkschaft AFM. Capitol gehörte zu den ersten, die eine Lösung fanden und schon im Herbst 1943 wieder aufnehmen konnten - doch die ersten Monate waren schwierig. Jazz-Platten halfen dem Label allerdings beim Überleben: der Boogie-Pianist Freddie Slack (von seinen Capitol-Aufnahmen brachte Mosaic später ein eine Box in der 3-CD-Serie "Select" heraus - mit Gesang von Mercer, Arrangements von Carter, Solisten wie T-Bone Walker oder Barney Bigard) landete mit dem "Cow Cow Boogie" nämlich den ersten Hit für das Label. Ella Mae Morse sang auf der Platte und Benny Carter hatte beim Song mitgeschrieben. Johnny Mercer mochte Jazz natürlich sowieso und das erste grosse Zugpferd des Labels, Nat Cole, war damals noch so sehr Jazzpianist wie Popsänger. Auch ein junger Bandleader namens Stan Kenton, der schon ein paar Aufnahmen gemacht und Erfahrungen gesammelt hatte, wurde bei Capitol richtig gross (auch von seinen frühen Aufnahmen für Capitol, denen aus den Jahren 1943 bis 1947, hat Mosaic eine Box herausgebracht).



Ein junger Journalist aus Kansas City, Dave Dexter (hier ein schönes Portrait, vermutlich aus den Capitol-Büros, inkl. "Swiss Mountain Music"-Patte an der Wand), arbeitete die Jazz-Policy des Labels aus und war auch für Presse und Werbung zuständig. Dexter hatte einst Jay McShann aus seiner Heimatstadt bei Decca untergebracht, kannte sich mit Rhythm & Blues aus, mochte auch Dixieland Jazz - der auch bei Capitol in diesen frühen Jahren eine Heimat fand. Eine klare Linie gab es bei Capitol in Bezug auf den Jazz gerade nicht - und das macht den Katalog vielleicht umso interessanter, jedenfalls sehr vielseitig. Damit konnte ich 1997 noch längst nicht so gut umgehen wie heute - dass es mit Paul Whiteman los geht im Mosaic-Set, fand ich natürlich abstossend (als Teenager weiss man ja alles besser - Hautfarbe, kein richtiger Jazz, Kommerz und so ... obwohl auf einem Stück auch eine gewisse Billie Holiday mitwirkt) und mit den Dixieland-Sessions konnte ich damals auch wenig anfangen. Doch es gab schon da viele Aufnahmen in dieser Box (nicht zuletzt die erwähnten Big Bands von Benny Carter und Cootie Williams), die mir hervorragend gefielen - und natürlich Leute, die ich hier zum ersten Mal entdeckt habe: Bud Freeman, Kay Starr oder Red Norvo, um nur drei zu nennen, die mit hervorragenden eigenen Sessions im Set vertreten sind. Oder der viel zu früh tragisch verstorbene schwedische Klarinettist Stan Hasselgard, dessen eine Capitol-Session am Ende der Mosaic-Box platziert wurde.


Die dritte Capitol-Platte war die erste mit Label-Gründer/Chef Johnny Mercer - als kleines Beispiel für Mosaics übliches Vorgehen: die Novelty-Polka auf der A-Seite ist nicht neu aufgelegt worden, die B-Seite ist im Mosaic Select von Freddie Slack zu finden (wie weitere Aufnahmen von Mercer mit Slacks Band) - und fehlen natürlich dann im Mosaic Select von Johnny Mercer. Beide diese 3-CD-Sets sind als eine Art ausführliche "Best of"-Compilations konzipiert worden, wobei dann eben auch was wegfällt (bei Slack aber auch 17 unveröffentlichte Stücke ausgegraben wurden).
So weit mal zur Vorgeschichte ...







































