Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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gypsy tail wind
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Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Capitol Records hat eine lange Geschichte und vermutlich ist das Label allen hier im Forum schon begegnet. Eins der wenigen - das einzige? - Major Label, das als kleines, unabhängiges, von Musikern gegründetes Label startete. Und dann auch noch in der schlechtest möglichen Zeit, wie man denken könnte: der Streik der amerikanischen Musikergewerkschaft lief 1942, Rohmaterial für die Plattenproduktion war wegen des Krieges schwer zu kriegen, und viele talentierte Musiker leisteten obendrein natürlich Dienst. Dennoch: Johnny Mercer, der Songwriter und Sänger, wollte neue Wege gehen, auch weil er nicht mochte, wie die Label mit seinen Songs umsprangen. Glenn Wallichs, Gründer des grossen Plattenladens Music City an (Ecke Sunset und Vine, 1940-1978 laut Wikipedia), liess sich von Mercer überzeugen, dem Unterfangen die nötige finanzielle Starthilfe zu stellen, und B.B. (Buddy) DeSylva, Songwriter und Filmproduzent, war als dritter im Bunde dabei. Hier gibt es ein Foto von Dave Dexter (s.u.), Mercer und Wallichs. Die höchst interessante Lebensgeschichte von DeSylva kannte ich gar nicht - Vater aus der Karibik, der den Namen änderte, um als Portugiese - und damit Weisser - durchs Leben zu gehen .... die Ehe mit der Tochter des LAPD Chiefs, dem Grossvater von Buddy, hielt dennoch nur kurz. Doch im Hinblick auf Buddy sind natürlich seine Arbeit am Broadway (Al Jolson) interessant. Oder die Zusammenarbeit mit George Gershwin: Die einaktige Jazzoper "Blue Monday" war eine Art Vorbote von "Porgy & Bess" und ein frühes Beispiel (das erste steht bei Wiki) für symphonischen Jazz - Gershwin schrieb die Musik, von DeSylva, der damals schon an der Tin Pan Alley tätig war (ab 1925 mit Lew Brown und Ray Henderson - das Trio schrieb u.a. "The Best Things in Life Are Free", "Birth of the Blues", "It All Depends on You" oder "California, Here I Come"), stammte das Libretto.

Bild

Auf den Labeln von Capitol findet sich zunächst die Kuppel des gleichnamigen Gebäudes in Washington D.C. Im Jahr 1956 wurde der ikonische (natürlich auch in unzähligen Filmen zu sehende) Capitol Tower in Hollywood bezogen. Dazu gibt es hier den Essay sowie ein paar Abbildungen aus dem Band von Taschen über das Label).

Laut Wiki wurde das Label unter dem Namen Liberty Records am 27. März 1942 eingetragen, doch am 8. April (oder im Mai - beides Wiki) wurde der Name in Capitol Records abgeändert. 1955 stieg EMI bei Capitol ein (oder 1957, da besass das englische Label dann jedenfalls laut Wiki 96% der Aktien) - und etwas später treten die Beatles auf den Plan und den Rest kennen auch die Pop-Fans (bei Taschen gibt es zudem einen grossen Bildband zu Capitol). Doch hier interessiert vor allem die Vorgeschichte, das erste Kapitel, das an Musik reich ist - wie im Fall von Black & White - dabei weit über den Jazz hinausgehend. Der grosse Star der ersten Jahre war Nat King Cole - doch auch den klammere ich hier wohl erstmal aus, denn auch dieser Faden ist um eine Box des kleinen Labels Mosaic Records herum konzipiert, das 1997 auf 12 CD (oder 19 LPs) eine grosse Auswahl an Aufnahmen aus den Jahren 1942 bis 1953 unter dem Titel "Classic Capitol Jazz Sessions" herausbrachte. Dabei liegt der Fokus auf instrumentalen Aufnahmen, d.h. es fehlen neben Mercer oder Cole auch Peggy Lee, Martha Tilton (die bei der ersten Session auch dabei war), Jo Stafford usw., und es fehlen die meisten Leute, die viele Aufnahmen für das Label machten, z.B. Benny Goodman, dessen Capitol-Aufnahmen in kleinen Formationen Mosaic auch in einer Box gesammelt hat, aber auch Red Nichols oder Pee Wee Hunt. Maximal kriegen ein paar Bands in der 12-CD-Box eine knappe oder gute CD (das sind die Big Bands von Benny Carter und Cootie Williams, deren Aufnahmen von den Rechteinhabern selbst nie gebündelt auf CD herausgebracht wurden, was man natürlich bei Goodman nicht behaupten kann). Natürlich hat Mosaic ein paar unveröffentlichte Sachen ausgegraben, und man hat den Fokus besonders auf die späten Vierzigerjahre und auf Aufnahmen gelegt, die nur beschränkte Verbreitung gefunden hatten.

Zwei Wochen nach den ersten Aufnahmen, die das junge Label machte, wurde Schellack rationiert. Die Regierung verkleinerte die Menge, die an die Plattenindustrie abgeben wurde, um 70%. Und noch einen guten Monat später, am 1. August 1942, begann der schon erwähnte Streik der Musikergewerkschaft AFM. Capitol gehörte zu den ersten, die eine Lösung fanden und schon im Herbst 1943 wieder aufnehmen konnten - doch die ersten Monate waren schwierig. Jazz-Platten halfen dem Label allerdings beim Überleben: der Boogie-Pianist Freddie Slack (von seinen Capitol-Aufnahmen brachte Mosaic später ein eine Box in der 3-CD-Serie "Select" heraus - mit Gesang von Mercer, Arrangements von Carter, Solisten wie T-Bone Walker oder Barney Bigard) landete mit dem "Cow Cow Boogie" nämlich den ersten Hit für das Label. Ella Mae Morse sang auf der Platte und Benny Carter hatte beim Song mitgeschrieben. Johnny Mercer mochte Jazz natürlich sowieso und das erste grosse Zugpferd des Labels, Nat Cole, war damals noch so sehr Jazzpianist wie Popsänger. Auch ein junger Bandleader namens Stan Kenton, der schon ein paar Aufnahmen gemacht und Erfahrungen gesammelt hatte, wurde bei Capitol richtig gross (auch von seinen frühen Aufnahmen für Capitol, denen aus den Jahren 1943 bis 1947, hat Mosaic eine Box herausgebracht).



Ein junger Journalist aus Kansas City, Dave Dexter (hier ein schönes Portrait, vermutlich aus den Capitol-Büros, inkl. "Swiss Mountain Music"-Patte an der Wand), arbeitete die Jazz-Policy des Labels aus und war auch für Presse und Werbung zuständig. Dexter hatte einst Jay McShann aus seiner Heimatstadt bei Decca untergebracht, kannte sich mit Rhythm & Blues aus, mochte auch Dixieland Jazz - der auch bei Capitol in diesen frühen Jahren eine Heimat fand. Eine klare Linie gab es bei Capitol in Bezug auf den Jazz gerade nicht - und das macht den Katalog vielleicht umso interessanter, jedenfalls sehr vielseitig. Damit konnte ich 1997 noch längst nicht so gut umgehen wie heute - dass es mit Paul Whiteman los geht im Mosaic-Set, fand ich natürlich abstossend (als Teenager weiss man ja alles besser - Hautfarbe, kein richtiger Jazz, Kommerz und so ... obwohl auf einem Stück auch eine gewisse Billie Holiday mitwirkt) und mit den Dixieland-Sessions konnte ich damals auch wenig anfangen. Doch es gab schon da viele Aufnahmen in dieser Box (nicht zuletzt die erwähnten Big Bands von Benny Carter und Cootie Williams), die mir hervorragend gefielen - und natürlich Leute, die ich hier zum ersten Mal entdeckt habe: Bud Freeman, Kay Starr oder Red Norvo, um nur drei zu nennen, die mit hervorragenden eigenen Sessions im Set vertreten sind. Oder der viel zu früh tragisch verstorbene schwedische Klarinettist Stan Hasselgard, dessen eine Capitol-Session am Ende der Mosaic-Box platziert wurde.



Die dritte Capitol-Platte war die erste mit Label-Gründer/Chef Johnny Mercer - als kleines Beispiel für Mosaics übliches Vorgehen: die Novelty-Polka auf der A-Seite ist nicht neu aufgelegt worden, die B-Seite ist im Mosaic Select von Freddie Slack zu finden (wie weitere Aufnahmen von Mercer mit Slacks Band) - und fehlen natürlich dann im Mosaic Select von Johnny Mercer. Beide diese 3-CD-Sets sind als eine Art ausführliche "Best of"-Compilations konzipiert worden, wobei dann eben auch was wegfällt (bei Slack aber auch 17 unveröffentlichte Stücke ausgegraben wurden).

So weit mal zur Vorgeschichte ...

Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 14 Mai 2026, 10:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Am 6. April 1942 fand mit Martha Tilton die erste Capitol-Session statt - "Moon Dreams" war das Ergebnis, das aber erst 1943 erschienen ist (A-Seite der Platte mit der Nummer 138). Und wenn ich die Aufnahme anhöre, verstehe ich sofort, warum sie nicht in die Mosaic-Box gefunden hat, mit den süsslichen Backing-Vocals, den Streichern, Solo-Oboe und -Flöte ... aber Tilton singt natürlich sehr gut. Die zweite Session vom 5. Mai gehörte Bobby Sherwood - und dass "The Elk's Parade" Erfolg hatte, die B-Seite der Platte 107 (auf der A-Seite Sherwood als Sänger in "I Don't Know Why") kann ich nachvollziehen: eine wuchtige Big Band-Nummer mit guten Beat (inklusive Kuhglocke) und ein paar kurzen Soli (das Tenorsax geht in Richtung R & B) - Novelty oder Jazz? Wohl einfach ordentliche Tanzmusik aus der Zeit - Sherwood wird wohl die Solo-Trompete am Ende spielen, aber sicher weiss ich das nicht - im Video sieht man zudem das "sleeve", in dem die frühen Platten des Labels daherkamen. Bei Discogs steht, für die Platte sei am 11. Juli in Billboard geworben worden. Am 21. Mai fand die Session von Freddie Slack statt, bei der drei Stücke entstanden (alle in seinem Mosaic Select), neben dem "Cow Cow Boogie" mit Ella Mae Morse auch der instrumentale "Doll Dance" und mit Johnny Mercer "The Air-Minded Executive". Der Boogie erschien als B-Seite von Slacks "Here You Are" mit Sänger David Street auf Capitol 102, das Stück mit Mercer als B-Seite der dritten Capitol-Platte (Kat. Nr. 103) zu seinem "Novelty Polka" (Genre-Bezeichnung auf dem Label) "Strip Polka - Take It Off, Take It Off, Take It Off", den Mosaic wenig überraschend nicht wieder auflegte.

Und was war denn die erste Capitol-Platte? Natürlich die oben abgebildete von Paul Whiteman, mit der auch das Mosaic-Set "Classic Capitol Jazz Sessions" beginnt. Die vier Stücke der Sessions tragen die Master-Nummern 22 bis 25 (23 fehlt bei Mosaic, Tilton mit "Serenade in Blue" und Steichern - "has no jazz context and is not included"). "I Found a New Baby" ist ein Feature für den jungen Pianisten Buddy Weed (ich hatte ihn im RS-Forum im Kontext der "Piano Moods"-Reihe erwähnt - Mosaic-Box "Columbia Jazz Piano Moods" - wo er mit einem Quartett mit p/g/b/d zu hören ist, Nebenrauschen zum Piano-Trio-Faden ... hier taucht er im V-Disc-Faden auch wieder auf). Artie Shapiro am Bass ist bei der Session mal wieder herauszustreichen. Die bekannten Namen in der Whiteman Big Band halten sich in Grenzen: Billy Butterfield sitzt im Trompetenregister, Murray McEachern ist bei den Posaunen dabei - die Musik ist aber vor allem deshalb ganz gut, weil Jimmy Mundy die Arrangements geschrieben hat. In "The General Jumped at Dawn" ist wieder Weeds Solo das Highlight - von wem das kurze Tenorsax-Solo stammt, ist ungeklärt (das Sax-Register ohne weitere Details: Alvy West, Danny d'Andrea, Lenny Hartman, King Guion, Tommy Mace) - und dass Dan Morgenstern in den Liner Notes Willie Rodriguez als Drummer nennt, ist wohl ein Fehler, denn der ist laut der Diskographie erst eine Woche später dabei und hier spielt Lou Paino. "I've Got a Gal in Kalamazoo" ist dann ein Romp mit Gruppen-Gesang von The Mellowaires und einem hohen Spot, der laut Morgenstern nicht von Butterfield stammt (bin ich tendentiell einverstanden, das hier hat viel zu wenig Geschmack).

Eine Woche später nahm Whiteman noch drei Stücke für das junge Label auf - Master-Nummern 30-32, Capitol liess echt nichts anbrennen in diesen erste Wochen! Butterfield ist nicht mehr dabei, Willie Rodriguez ersetzt Paino und drei Streicher stossen dazu. "Trav'lin Light" ist natürlich ein Feature für Holiday. Mercer holte sie - damals noch bei Columbia unter Vertrag - ins Studio, sie sang an der Central Avenue und musste hier als "Lady Day" wirken, ein sicher kaum entschlüsselbares Pseudonym. Trummy Young hat das Stück komponiert und so passt es, dass auch hier eine gedämpfte Posaune (Skip Layton mit cup mute) das Intro spielt. Dann Billie und hinter ihr Streicher und eine warme Klarinette. Für "The Old Music Master" von Hoagy Carmichael schauen Mercer und Jack Teagarden vorbei und passen hervorragend zusammen (sie arbeiteten schon ein Jahrzehnt früher gemeinsam) - die Streicher kriegen wir hier im Intro, doch dann ist das Jazz mit kurzen Soli (nicht Butterfield, der ja nicht mehr dabei ist) und gutem Arrangement (dass Morgenstern den Drummer rausstreicht, passt schon, hier ist er's ja und ist gut) - die Streicher lancieren dann mit einem kurzen Intermezzo die Sänger. (Das dritte Stück war wieder mit Tilton, "You Were Never Lovelier" und wieder keine Jazz-Nummer.)



Eine dritte Session von Whiteman gab es noch im Februar 1945 (die Mosaic-Box ist wieder nicht strikt chronologisch gruppiert). Zu der Zeit leitete Whiteman (1890-1967) keine eigene Band mehr, aber für das ambitionierte "History of Jazz"-Projekt (vier Alben mit je fünf Platten, alle 1945 erschienen, 1957 dann auch auf LPs), holte man den wichtigen Mann der Jazz-Frühgeschichte nochmal zurück und liess ihn zwei "note-for-note recreations from the vintage recordings" (Morgenstern) aufnehmen: "San", ein etwas steifes Arrangement von Bill Challis - mit einem guten Solo von Matty Malneck an der Geige und starkem Bass-Sax von Joe Rushton (eine Tuba gibt's auch noch, und gute Drums von Hal McDonald, wie Malneck schon 1927 bei der Victor-Aufnahme dabei. Das zweite Stücke ist "der "Wang Wang Blues", ein Arrangement von Ferde Grofé ("On the Trail", Orchestrator der "Rhapsody in Blue") - und hier kriegen wir eine Combo voller einstiger Mitglieder originalen Band der Zwanziger: Buster Johnson (tb), Gus Mueller (cl), Mike Pingitore (bjo) und McDonald (d), dazu noch Tommy Gott (t) und Hank Stern (tuba).
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Wenn man bei Discogs die Capitol-Veröffentlichungen nach Erscheinungsjahr sortiert (dabei fallen immer ein paar undatiere Einträge raus, bei Labeln mit Tausenden von Releases - 113'000 im Fall vom Eintrag zu Capitol - ist das immer eine Herausforderung, Katalognummer hilft oft auch nicht, weil unterschiedliche Formate oder Präfix mal dabei und dann wieder nicht), kriegt man gar nicht den Eindruck, dass es da von Sommer 1942 bis Herbst 1943 eine Pause gegeben hätte - es gibt zahlreiche Veröffentlichungen in den Jahren 1942 und 1943. Darunter unter Nummer 139 auch die erste des wichtigsten Musikers dieser Jahre, den das Label bald exklusiv verpflichten und über viele Jahre - bis zu seinem frühen Tod - halten konnte: Nat Cole bzw. das King Cole Trio. Diese erste Single ("Vom, Vim, Veedle" b/w "All for You") war allerdings noch für Excelsior produziert worden - im Oktober 1942, also mitten im Streik. Für Excelsior entstanden noch weitere Aufnahmen (auch welche aus dem März 1943, die später auch bei Savoy erschienen), bevor dann im November 1943 - Capitol hatte den Streit mit der AFM beigelegt - die erste eigene Single entstand. Und das war gleich "Straighten Up and Fly Right" (b/w "I Can't See for Lookin'", Nr. 154, 1944), eine von Coles grössten Nummern. Andere Platten gab es in der Zeit neben Mercer z.B. auch von Jo Stafford, Ella Mae Morse, Tex Ritter, The Pied Pipers ... und es entstanden die ersten Platten mit den Big Bands von Stan Kenton (dazu vielleicht gelegentlich ein eigener Thread) und Benny Carter (dazu später hier). Doch Mosaic zeichnet wie gesagt nicht die Geschichte von Capitol nach sondern hat im Katalog gegraben, um eher wenig bekannte Jazz-Aufnahmen von Leuten auszugraben, die längst in Vergessenheit geraten sind - wenn sie denn je wirklich bekannt waren.



In der Mosaic-Box geht es mit dem Tenorsaxophonisten Eddie Miller und seiner Session vom 4. Februar 1944 weiter. Er ist mit einer Big Band zu hören, in der wieder nur wenige Leute sitzen, die mir schon begegnet sind: Matty Matlock (cl) und Abe Lincoln (tb) gehören dazu, sowie die gute Rhythmusgruppe mit Stan Wrightsman (p), Nappy Lamare (g), Artie Shapiro (b) und Nick Fatool (d). "The Hour of Parting", ein Song von Mischa Spoliansky, hat Paul Weston arrangiert, der hier für die Balladen zuständig war, während Matlock die schnelleren Stücke arrangiert hat, das erste davon "Our Monday Date" von Earl Hines mit guten Soli von Miller und Wrightsman, einer Trompete à la Muggsy Spanier (Morgenstern tippt auf Bruce Hudson) und guten Drums von Fatool im ganzen Stück. Miller glänzt im schnellen Tempo so sehr wie in den Balladen - er war einer der (DER?) Star der Bob Crosby Band (gerade auch von Mosaic geadelt - und nach anfänglichem Zögern sorgt mein aktuelles Hörpensum dafür, dass ich die Box wohl doch auch haben möchte) und ein Favorit bei Capitol. Die zweite Ballade, "Yesterdays", erschien damals auf einer Single (Nr. 170) - die Arrangements finde ich nicht sehr gut, das ist halt wirklich Pop ... aber Miller hat einen tollen Ton, auch wenn er da und dort zu viel Vibrato einsetzt, finde ich. Den Closer kriegen wir in zwei Takes, einem auf 78er-Platte (B-Seite von 170) und einem auf einer EP mit der ganzen Session veröffentlichten.



Im Dezember 1944 nahm Miller eine erstmals in der Mosaic-Box zu hörende Ballade mit Martha Tilton auf, "Everything I Have Is Yours" - das unbekannte Arrangement ist nicht schlecht (etwas zu jazzy für Weston, denke ich), die Band vermutlich vermutlich ähnlich wie bei der Session im Februar. Die veröffentlichte Platte der Session ist "Who, Me?" von Matlock, der das Stück auch arrangiert hat und neben Miller der einzige gesicherte Musiker der Session zu sein scheint. Miller spielt in Tiltons ganz gut gesungenem Stück einen halben Chorus und eine kurze Phrase am Schluss. Bei Matlock gibt es Jump und noch vor dem Leader den Pianisten - wohl wieder Wrightsman. Morgenstern ist sich zudem sicher, dass an den Drums wieder Fatool zu hören sei. Das Stück erschien auf einer bei Discogs undatierten Single mit der Katalognummer 7-1223 - erschienen auf Schellack (10") und Vinyl (7"). Capitol brachte auch viele Compilations auf den Markt - z.B. die 1952 die 10"-Platte "Sax Stylists", auf der von Miller wieder "The Hour of Parting" zu hören ist.



Die erste CD der Box endet dan mit einer Session vom März 1947 von Eddie Miller/Jesse Price - sieben Stücke waren das Ergebnis, die zwei Instrumentals "Just One More Chance" und "You Ought to Be in Pictures" erschienen unter Millers Namen, die Vocals unter dem von Price. Hier ist die Situation mit den Katalognummern längst unklar. Es gibt eine Single mit einer 15000er-Nummer (siehe oben, die B-Seite ist bei einer anderen Price-Session ohne Miller entstanden) und die andere erschienen auf Platten mit 40000er-Nummern. Price war von Haus aus Drummer, ist hier aber nur als Sänger zu öhren, als der er im R & B recht erfolgreich war. Auch hier geht die Musik oft in diese Richtung, aber die Band u.a. mit Miller, Dave Cavanaugh (ts/arr und ein wichtiger leitender Mitarbeiter von Capitol), Nappy Lamare (g), Harry Babasin (b) ist ziemlich gut und eben: es gibt zwei Instrumentals (dass Tommy Linehan, der Pianist, auch da mal kurz Orgel spielt, ist allerdings kein Plus). Dave Cavanaugh hat die Vocals konzipiert (eher ein paar Routinen festgelegt als richtige Arrangements geschrieben, denke ich) - und das ist alles ziemlich effektiv. Miller oder Peter Dailey (ein Kornettist aus Chicago) sind in kurzen Soli zu hören, der anderswo auch zu hörende Altsaxer Clint Neagley spielte mit der Band on Krupa. In "Jump It with a Shuffle" sagt Price die Solisten jeweils an und auch "Daddy Cavanaugh" spielt ein paar korrekte Takte. Auch dabei ist Bob Poland am Barisax und Frank Carlos, der an den Drums einen guten Job macht. Eine echt gute Session.



Bei Capitol wurde Dixieland quasi nachgespielt oder wiederholt - im Gegensatz zu Sessions von Blue Note oder H.R.S., wo die Produzenten eine eigene Handschrift verraten und Musik entsteht, die es so zwanzig Jahre früher kaum gegeben hätte, obwohl sie vom Stil her klar in die Richtung geht. Nappy Lamare ist bei einer Session von Ende Januar 1945 neben Eddie Miller der nominelle Leader, wir hören eine Gruppe von Leuten aus New Orleans und der Opener der Session, "Muskrat Ramble", erschien als B-Seite zu Millers "You Ought to Be in Pictures" (auch im Kombinieren von Sessions war Capitol schon früh etwas chaotisch). Wingy Manone spielt die Trompetem Irvin Verret die Posaune und an der alles umspielenden und in "High Society" den Lead übernehmenden Klarinette ist wieder Matty Matlock dabei. Eddie Miller spielt im Closer, dem "Cajun Love Song" (ohne Trompete, Matlock und Bass) auch Klarinette, in den drei Stücken davor aber Tenorsax (was es ja in New Orleans durchaus auch hie und da gab, sein Solo in "High Society" hätte jedenfalls mit leicht ruppigerer Phrasierung auch 1925 schon gut gepasst). Matlock ist in "At the Jazz Band Ball" besonders gut, Miller hat seine Momente wie immer. Wrightsman ist am Piano wieder dabei, Budd Hatch und Ray Bauduc an Bass und Drums. Verret singt im Closer die Cajun-Vocals - das Stück lief unter "Eddie Miller's Crescent City Quartet". Die vier Stücke erschienen auf Singles und in Alben in allerlei Formaten - die mittleren zwei Stücke, Lamares "At the Jazz Band Ball" und Millers "High Society", auch im ersten Album der ambitionierten Reihe "The History of Jazz".
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von redbeansandrice »

Eddie Miller und Bob Crosby hab ich noch nicht ernsthaft angefangen zu kaufen, weil ich Angst hab, das sich sehr schnell sehr viel Zeug ansammeln würde... was Stars unter den Bob Cats betrifft: Neben Miller auf jeden Fall auch noch Irv Fazola, Bob Zurke... (ganz witzig hier in der discography auf der Webseite von Mosaic stehen bei der Session vom 14 März 1938 noch "labels list MM as cl and the rest as Faz – check again by listening and Chilton book. Ask Levinson.", da sieht man sie am Arbeiten)
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »

redbeansandrice hat geschrieben: 14 Mai 2026, 11:13 Eddie Miller und Bob Crosby hab ich noch nicht ernsthaft angefangen zu kaufen, weil ich Angst hab, das sich sehr schnell sehr viel Zeug ansammeln würde... was Stars unter den Bob Cats betrifft: Neben Miller auf jeden Fall auch noch Irv Fazola, Bob Zurke... (ganz witzig hier in der discography auf der Webseite von Mosaic stehen bei der Session vom 14 März 1938 noch "labels list MM as cl and the rest as Faz – check again by listening and Chilton book. Ask Levinson.", da sieht man sie am Arbeiten)
Ich kenne die Crosby-Band noch praktisch gar nicht, aber ich hab an all den Vierzigern-Sachen gerade sehr viel Freude und Miller mag ich - aus der Capitol-Box - schon lange sehr, daher dürfte das schon passen. Die Diskographie hatte ich noch gar nie genau angeguckt, witzig :-)
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Weiter geht es bei Mosaic mit Drummer Ray Bauduc and His Bobcats, aufgenommen Mitte Dezember 1947 - und wie man dem Bandnamen entnehmen kann, ist das eine Session aus dem Umfeld der Crosby-Band, zu dessen "band within the band", den Bobcats, neben Lamare, Matlock und Miller eben auch Bauduc gehörte. Nate Kazebier (t), Brad Gowans (tb), Matlcok (cl), Miller (ts), Wrightsman (p), Lamare (g), Morty Corb (b) und Bauduc (d) sind hier zu hören. Der Drummer war laut Morgenstern eins von Art Blakeys frühen Vorbildern. Am spannendsten ist hier vielleicht der Posaunist, der eine Eigenbau-Mischung aus Ventil- und Zugposaune spielte und vermutlich für Repertoire und Arrangements zuständig war, wie Morgenstern meint. Dass die Session nicht (auch) für eine Retro-Werkschau sondern einfach für normale Platten produziert wurde, kommt der Musik sicherlich zu gute. Die vier Stücke sind für Dixieland-Verhältnisse recht entspannt - in der Crosby-Linie von Swing mit Dixieland-Wurzeln oder Dixieland, der in den Swing eingeflossen ist. Gowans glänzt in seinen Soli, auch Miller hat wie immer gute Momente - und der Drummer setzt ein paar Akzente. Der Gesang im Closer dürfte von Lamare stammen, obwohl er nicht nach ihm klinge (beides von Morgenstern).

Ähnlich geht es bei der Session von Ende Oktober mit Nappy Lamare's Levee Loungers zu und her. Ein Honky-Tonk-Piano bricht im öffnenden "South Rampart Street Parade" durch das Dixieland-Ensemble hindurch. John Best (t), Lou McGarity (tb), Matlock (cl, arr), Doc Rando (as), Miller (ts, cl), Marvin Ash (p), Lamare (g, voc), Artie Shapiro (b) und Bauduc (d) bilden die Band, die wieder Dixieland, der im Swing angekommen ist, spielt. Die zwei Blechbläser kommen eher aus Swing-Big-Bands, nicht aus dem Dixieland, aber wie bei den V-Disc-Sessions immer wieder deutlich geworden, bewegten sich viele Musiker souverän in beiden Bereichen. In "South Rampart Street Parade" spiele Miller die tiefe Klarinette, meint Morgenstern (in der Diskographie ist nur ts für ihn gelistet). "Come Back Sweet Papa" stammt aus dem Repertoire der Hot Five - und Miller spielt ein total relaxtes, sehr gutes Solo nach den Beiträgen von Matlock und McGarity, während Best eine hervorragende Lead-Trompete bläst. "Here Comes Sweet Pappy" und "Mama Inez" sind Vocal-Features für den Leader - im ersten klingt der Beat zwischendurch fast schon wie später bei Louis Prima (auch Capitol - dessen frühen Jazz-Aufnahmen für Brunswick/Vocalion hat Mosaic auch mal noch gesammelt, zusammen mit denen von Wingy Manone, der hier auch gleich wieder aufkreuzen wird). Der Closer der Session ist dann eine Art Jazz-Rumba mit Nonsens-Gesang. Die Blechbläser kriegen hier ihre Spots, der Pianist glänzt mit Latin-Piano und der Rhythmus rollt ziemlich gut dahin - eine charmante Novelty.



Marvin Ash/Nappy Lamare nahmen Mitte November 1949 wieder zusammen auf. Die ersten zwei Stücke erschienen unter Marvin Ash's Mason-Dixon Music, die zwei folgenden wieder unter Nappy Lamare's Levee Loungers, der Closer dann unter Zutty Singleton and His Creole Band. Wir kennen also schon den Pianisten, den Gitarristen (auch Banjo und Vocals) und den Drummer hier. Andy Secrest ist der neue Trompeter, Irvin Verrett (tb) und Eddie Miller (ts) sind zurück und Country Washburne spielt Kontrabass und Tuba. Los geht es mit "Pearle Hourse Rag" und einem dünnen aber tollen Tack-Piano - und neben Ash kriegen wir auch gute Beiträge von Secrest (Bix Beiderbeckes Nachfolger 1929 bei Paul Whiteman) und Miller - während Singleton die Bass-Drum gebraucht, um die Band anzutreiben. Auch in "Sweethearts on Parade" steht das eigenartige Piano im Zentrum, es gibt Parade-Drums und Dixieland-Bläser mit einem gut aufgelegten Secrest im Lead. Für "How Come You Do Me Like You Do?" wechselt Washburne an die Tuba. Secrest im Lead, wieder tolles Piano (immer mit demselben Sound), Verrett spielt ein tolles Solo, danach folgen Secrest und Miller mit ebenfalls starken Beiträgen - ein ziemlich unerwartetes Highlight mitten in diesen schon ein wenig antiquierten Sessions, aus denen diese für meine Ohren zumindest teilweise heraussticht (vielleicht gerade, weil sie nicht mit einem Fuss im Bob-Crosby-Swing steht?). "Washington and Lee Swing" ist dann eine stompende Dixie-Nummer, wieder mit Marsch-Trommel und Tuba - und als das Tempo etwas abzusacken droht, setzt Singleton die Becken ein. Miller ist in diesem unerwarteten Umfeld hervorragend, sein Solo gräbt sich in den Groove ein. Die Session endet dann mit "Hot Time in the Old Town Tonight" - Fanfare von Secrest, der im Ensemble im Lead bleibt, während Ash endlich am normalen Piano zu hören ist. Das Klarinettensolo sei von Miller, meint Morgenstern (in der Diskographie steht wie üblich nur ts) - jedenfalls ist es gut. Weniger gelungen ist die altertümliche Posaune, die aber in den Stilmix doch ganz gut passt. Nach dem Highlight in der Mitte ist die Session hintenraus nicht mehr so gut.

Nappy Lamare and His Strawhat Seven sind als nächste dran, zum Abschluss der zweiten CD der Mosaic-Box, un "purists beware" schreibt Morgenstern dazu, nicht zu unrecht. Bei der Session vom April 1950 kriegen wir Joe Graves (t), Brad Gowans (vtb), Johnny Costello (as), Pub Brown (ts), Jack Peoples (p), Lamare (bjo, g, voc), Budd Hatch (b, tuba) und Roy Harte (d) nebst Jacqueline Fontaine and glee club (voc). "This Is the Life" und "It Ain't Gonna Rain No Mo'" sind die Vocals, "Bag Rag" und "Listen to the Mocking Bird" die instrumentalen Stücke. Harte - bekannt von ein paar Nocturne-Sessions und dem ersten "Brazilliance"-Album von Laurindo Almeida und Bud Shank - macht hier einen auf Ray Bauduc, das ganze ist eine charmante, ziemlich überdrehte Dixieland-Retro-Kiste - die allerdings hervorragend klingt, da die Aufnahmetechnik natürlich nicht stehen blieb. In "Ain't Gonna Rain" kriegt Pud Brown ein paar Takte, sonst hören wir gute Lead-Trompete, hektisches Banjo, da und dort ein paar Piano-Takte, viel Tuba - und können uns das Grinsen im Gesicht des Drummers während der ganzen Session lebendig vorstellen. Im Closer, "Listen to the Mocking Bird", weicht die Hektik dann endlich doch noch einem etwas gemütlicheren Tempo und es gibt ein ganz gutes Ensemble.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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Weiter geht es auf CD 3 mit dem Trompeter und Sänger Wingy Manone, zu dem Morgenstern zum Einstieg gleich mal festhält, dass es ihn ohne Louis Armstrong nicht gegeben hätte. Seine Technik und sein Tonumfang waren begrenzt, aber er hat diesen fetten alten Sound und weiss seine Mitteln hervorragend einzusetzen. Am 7. März 1944 nahm Manone mit seiner Dixieland Band vier Stücke auf und beim Opener, "The Tailgate Ramble", von dem es zwei Takes gibt, singt er zusammen mit Johnny Mercer (die zwei haben das Stück zusammen komponiert), der mit seiner viel glatteren Stimme nach dem leicht heiseren Gesang von Manone einen schönen Gegenpol bildet, während dahinter natürlich tailgate-Posaunen zu hören sind: Jack Flores, Floyd O'Brien und Abe Lincoln spielen Posaune, der Leader die Trompete, Matlcok (cl), Wrightsman (p) und Singleton (d) sind auch hier dabei, dazu noch Phil Stephens am Bass. Dann kriegen wir eine etwas schnelle Version von "Besame Mucho", quasi businessman's bounce auf Speed, mit Manone zuerst an der Trompete und dann wieder als Sänger - mit eigenen Lyrics. "Paper Doll ist ein gutes, noch etwas schnelleres Stück - Dixieland-Konzept, aber rhythmisch doch im Swing angekommen. Manone singt wie immer bei dieser Session und Matlock kriegt wie schon im Opener und in "Besame mucho" einen Spot und ist wie immer gut. Morgenstern vermutet, dass O'Brien hier der Posaunist ist, der im abschliessenden Ensemble mit Manone und Matlock zu hören ist. "I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate" ist dann eine alte New Orleans-Nummer zum Ausklang - los geht es wieder mit der Trompete, bevor das Piano den Sänger lanciert, der im zweiten Chorus seine eigenen Worte singt.

Von vier weiteren Manone-Sessions aus dem Januar, März und (zweimal) Mai 1947 kriegen wir bei Mosaic jeweils nur ein Stück - es fehlen die Mercer- und Tilton- und Pied-Pipers-Pop-Songs, von denen jeweils noch zwei entstanden sind. "Tuscaloosa Bus" mit dem Orchester von Paul Weston und The Pied Pipers, die hinter Mercer und Manone singen, ist im Januar aufgenommen worden. In "Hello Baby" kriegen wir Manones Big Band mit einer feinen Rhythmusgruppe (Milt Raskin, George van Eps, Jack Ryan, Nick Fatool) - und sofort ist der Groove ein anderer. Nach dem Intro klingelt das Telefon und dann spricht mit Manone mit seinem "Baby" - bevor er am Ende auch noch zur Trompete greift. Alles ziemlich gut hier (komponiert wie das Stück davor von Manone mit einem R. Duplessis). Den "Box Car Blues" von Manone kriegen wir dann zweimal - bei den Sessions am 8. und 23. Mai 1947 wieder zusammen mit Johnny Mercer und Manones Band eingespielt (Moe Wechsler statt Raskin, unter den Bläsern u.a. Ray Linn, Heinie Beau, Herbie Haymer und Ted Nash - von ihnen war im März erst Haymer dabei, dafür noch Matlock). Der zweite Take wirkt fokussierter, sowohl was Mercer als auch das Trompetensolo angeht.



Die zwei Mercer-Stücke vom 8. Mai ("Talahassee" und "Cecilia"), der "Tuscaloosa Bus" und die zweite Version von "Box Car Blues" finden sich im Mercer Select von Mosaic. Das gilt jedoch nicht für die Session von Johnny Mercer vom 27. März 1950, die in der Capitol-Box folgt (das Select geht nur bis 1947). Wir hören den Sänger mit The Skylarks und Ben Pollack and His Pick-a-Rib Boys: Dick Cathcart (t/cor), Moe Schneider (tb), Matty Matlock (cl), unbekannt (t), Walter Yoder (b) und Pollack (d). Schade ist, wie Morgenstern zu recht schreibt, dass die Gesangs-Combo viel vom knappen Raum einnimmt, den man echt hätte besser nutzen können (z.B. mit mehr Soli vom unbekannten Tenorsaxophonisten, der in "She's Shimmyin' on the Beach Again" ganz gut ist). Zum Einstieg gibt es davor "At the Jazz Band Ball", den vorhin schon gehörten Klassiker der Original Dixieland Jazz Band, der auf derselben Platte erschein (links einen 7" Vinyl-Promo, rechts die eine 10"-Platte, Vinyl aber auch mit 78 rpm). Danach folgen zwei unveröffentlichte Stücke, der "Thirteenth Street Rag" und der "Royal Garden Blues". Die Gesangscombo finde ich an manchen Stellen recht gut eingesetzt, muss sogar ein, zweimal an LH&R denken. Mercer singt hier die Lyrics, die schon bei seiner Publikation 1919 zu W.C. Handys Klassiker gehörten. Aber klar: instrumentale Begleitungen zu Mercer wären halt auch fein gewesen - stattdessen kriegen die Bläser hier alle nur kurze Breaks.



Dean Kincaide war Saxophonist aus Texas und ein weiterer der Architekten hinter dem Sound der Band von Bob Crosby (für Tommy Dorsey hatte er "Pinetop's Boogie Woogie" arrangiert). Er leitete im März 1950 in New York eine Capitol-Session, die im Mosaic-Set erstmals veröffentlicht wurde. Zu hören ist eine Swing-Band mit Leuten, die teils auch Dixieland-Credentials angesammelt haben: Yank Lawson (t), Cutty Cutshall (tb), Peanuts HUcko (cl), Toods Mondello (as), Paul Ricci (ts), Kincaide (bari, arr), Dave Bowman (p), Carl Kress (g), Trigger Alpert (b) und Ray Bauduc (d). Im ersten Stück, "Take a Tip", ist ein unbekannter Sänger zu hören, der Antworten (aus der Band?) kriegt - ein paar kurze Soli kriegen wir auch und im Arrangement hören wir trotz des Novelty-Charakters, dass Kincaide was konnte. Weiter geht es mit "Scaddle-de-Mooch", in dem Toots Mondello ein längeres Solo kriegt und nach einem eigenwilligen Solo von Bauduc auch gute Beiträge von Hucko und Lawson (auch einst Mitglied der Bobcats) folgen. Wieder ist das Ensemble gut arrangiert und das Barisax des Leaders am Boden ein gutes Fundament für die anderen Bläser. Im "Junk Man Rag" hören wir den mir unbekannten Tenorsaxophonisten Paul Ricci, den Morgenstern einen "veteran studio man" nennt, zudem wieder Hucko, wieder mal hervorragend (vgl. V-Disc-Faden) Dave Bowman am Piano, dann ebenso Cutshall. "Rooster Rag" spielt mit imitierten Hühner-Geräuschen zum Glück nur im Intro und später ganz kurz zwischendurch und am Ende wieder mit Novelty-Elementen. Der Groove sitzt (Bauduc ist wirklich ein interessanter Drummer mit einer gewissen Flamboyanz, da kann man sich schon vorstellen, dass Blakey hingehört hat). Die Soli von Ricci, Bowman und Lawson sind super, die Ensemble sitzen, Kress/Alpert haben einen tollen Beat. Eine Rarität, die sich als echt feine Session entpuppt.

Scatman Crothers with Riff Charles and Friends featuring Vic Dickenson sind dann zum Ende der dritten CD der Mosaic-Box zu hören, mit einer Session vom Februar 1948. Die Friends sind unbekannt und spielen Gitarre, Bass und Drums. Riff Charles spielt Klavier und hat alle vier Stücke komponiert. Die Session war Benjamin "Scatman" Crothers' erste als Leader, nach über zwei Jahrzehnten im Showbusiness. Für seinen Gesangsstil holte er sich Inspiration von Louis Armstrong und Leo Watson (kein Favorit von mir nach den im Rahmen der V-Disc- und Black &White-Threads gehörten Aufnahmen). Das ist eine ganz schöne Session zwischen Blues und Rhythm & Blues mit Novelty-Elementen - und einem tollen Posaunisten, der growlt, mit Dämpfer schöne Begleitungen beiträgt - und natürlich auch ein paar feine eigene Chorusse kriegt, die wie immer eine Freude sind. Ein Highlight ist auch sein Spiel im Closer "Dead Man Blues" über Tom Toms in der Begleitung von Crothers.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Die vierte CD der Mosaic-Box wird von Armand Hug - piano solo with Rhythm eröffnet. Ende Oktober 1949 wurden in New Orleans mit Frank Frederico (g), Joe Loyacana (b) und Fred King (d) vier Stücke eingespielt. Morgenstern ist hier zum Glück so konsterniert wie ich: "Capitol went down to New Orleans to capture a Crescent City musical legend, pianist Armand Hug, whose big reputation among his home-town colleagues has been a mystery to me. The quartet date (really piano solos with rhythm support, as the labels say) does little to solve my problem. The playing is workmanlike, the material not very interesting (with the exception WILD FLOWER RAG) and the net result something that probably was very nice to hear in a busy club." - Ich denke hier eher an eine etwas rudimentäre, nicht so elegant phrasierte Version von Allen Toussaint als an einen guten Jazzpianisten. Ende Juli 1950 wurde folgte noch eine Session mit Armand Hug's Louisianans/New Orleans Jazzmen/Pontchatrain Poor Boys. Hier sind George Girard (t), Santo Pecora (tb), Bujie Centobie (cl), John Senac (b) und Fred King (d) dabei - und das Ergebnis ist besser, weil nicht mehr alles am Piano hängt. In "Dustin' Off the Ivory" klingt das Piano des Leaders ein wenig nach Earl Hines (das Stück erschien auch auf der oben abgebildeten 10"-Platte, mit diversen weiteren, die in den Posts hier erwähnt werden). Im folgenden "Sweetheart of All My Dreams" kriegen die Bläser mehr Platz - und das sind natürlich klingende Namen. Pecora war der Nachfolger von George Brunies bei den New Orleans Rhythms Kings und präsentiert das Thema mit tollem Sound und viel Autorität. Centobie ist unter uns auch bekannt, weil er nach New York ging und dort bei Blue Note mit Art Hodes aufnahm. George Girard kenne ich nicht, er starb mit nur 26 Jahren im Jahr 1957, ist hier also noch ziemlich jung und spielt eine sehr ordentliche Lead-Trompete. Vom vierten und letzten Stück, Hugs "A Dixie Jam Session", kriegen wir im Mosaic-Set noch einen neuen Alternate Take. Pecora ist unter den Bläsern der herausragende Solist (wie davor in "That Old Gang of Mine", wo das Klangbild völlig anders ist als beim Rest der Session, da wurde wohl eine andere Quelle verwendet), aber auch Centobie und Girard sind gut. Das ist gutmütiger, charmanter New Orleans Jazz - und dasselbe gilt meiner Meinung nach durchaus auch für die Piano-Solos. Grundlage für eine Legende ist das aber nicht.



Als nächstes kriegen wir die letzten Aufnahmen von Frankie Trumbauer - "the once-great Tram's swan song, and he was not happy with the results" (Morgenstern). Schlecht ist das Ergebnis der Session von Ende März 1946 in New York nicht direkt. Trumbauer schob die Schuld auf die Band, doch die kann wenig dafür: Pee We Erwin (t), Jack Lacey (tb), Bill Stegmeyer (cl, ts), Dave Bowman (p), Carl Kress (g), Trggger Alpert und Bob Haggart (b) sowie Johnny Blowers (d) spielen die Arrangements ("undoubtedly" von Stegmeyer, wie Morgenstern schreibt) mehr denn ordentlich - es war der Leader selbst, der zu dem Zeitpunkt etwas eingerostet war (er starb im Juni 1956 mitt 55 Jahren, nahm aber wohl nicht nochmal auf). "China Boy" erschien auf der schon erwähnten 10"-Platte "Sax Stylists", "Between the Devil and the Deep Blue Sea" auf Vol. 2 von "The Jazz Story", einer Reihe von fünf LPs, die Dave Dexter 1964 zusammenstellte. Vol. 2 trägt den Untertitel "Rare Records of the Men and the Music: North to Chicago)". Vor den zwei veröffentlichten Stücken kriegen wir bei Mosaic wieder eine Exklusivität: "You Took Advantage of Me" - vielleicht das beste Stück der Session mit einem recht eleganten Trumbauer im Thema - wir hören seinen besonderen Ton und kriegen in der Bridge eine gute Passage von Erwin und danach ein hübsches Solo von Stegmeyer (cl), bevor Tram kurz den Lead im Ensemble übernimmt und dann selbst soliert. In "Devil" will das Arrangement etwas viel, es gibt sogar einen Tempowechsel und Tram fühlt sich wohl nie ganz wohl hier, obwohl sein Solo ganz gut beginnt. Erwin und Kress (auch als A&R-Mann für Capitol in New York tätig) sind auch kurz zu hören, Bowman ist wie immer ganz gut in der Begleitung und kriegt wie Alpert auch einen kurzen Spot (warum zwei Bassisten im Studio waren, konnte Morgenstern nicht rekonstruieren - "probably both were called by mistake"). Am Ende kriegen wir nochmal vier Takte von Tram. "China Boy" ist dann die altmodischste Nummer hier - und kann sich nicht mit den grossen Versionen messen. Erwin spielt den Lead, Tram kriegt die Bridge, dann ist Bowman als erster an der Reihe. bevor Tram in seinem Solo ein wenig klingt als, behage ihm das Tempo nicht. Lacey und Stegmeyer kriegen auch noch ihre Spots, und im Outro nützt das Arrangement dann die Tatsache, dass zwei Bassisten dabei sind und lässt das Stück auch mit einem Bass-Break enden. Morgenstern meint, die Arrangements seien hier wohl Teil des Problems und das kann ich nachvollziehen. Man hätte Tram einfach freie Wahl beim Material lassen sollen, denn im Opener der Session klingt er echt ganz gut.

Für den Rest der vierten CD springen wir nach vorn ins Jahr 1953 und hören zuerst eine Platte vom Pud Brown Trio - der Tenorsaxer mit seinem altmodischen grossen Ton und der ruppigen, an Hawkins geschulten Delivery, war schon bei einer der Nappy Lamare-Sessions dabei. Im Februar 1953 nahm Capitol ihn in New Orleans mit Pete Urquidi (p) und Hank Castro (d) auf. Albert "Pud" Brown spielte auch Klarinette und manchmal Kornett, doch in "Take the A Train" und "Memories of You" kriegen wir sein Tenorsax in einem schnellen, stompenden Stück und einer ziemlich tollen Ballade, in der Urquidi und Castro sich zurückhalten und den Sound von Brown im kargen Rahmen umso schöner zur Geltung kommen lassen. Eine gute, leider sehr kurze Session, bei der auch der Pianist zu überzeugen weiss. Brown, so schreibt Morgenstern, kam aus Delware, spielte in Chicago, Los Angeles (wo er zum Zeitpunkt der Session aktiv war) und liess sich dann in New Orleans nieder, wo er 1996 verstarb. Jack Teagarden sei ein Fan gewesen.



Bud Freeman habe ich in dieser Mosaic-Box ziemlich sicher auch zum ersten Mal gehört. Er nahm im Dezember 1953 mit einer Woche Abstand zwei Sessions für Capitol auf, die auf einer 10"-Platte mit dem Titel "Classics in Jazz" erschienen. Auf der 1957er-LP-Version von "The History of Jazz Vol. 2 - The Turbulent 'Twenties" erschien auch "Indian Summer", das letzte der acht Stücke von den zwei Sessions (auch auf der LP selbst). Mit Dick Cary (p), George Barnes (g), Jack Lesberg (b) und Don Lamond (d) ist das jetzt wirklich Swing, durch und durch. Die verstärkte Gitarre, die Barnes recht schnörkellos und modern spielt, bildet dabei einen schönen Kontrapunkt zum manchmal etwas blumigen Piano von Cary (der vermutlich die Routinen/Arrangements ausgearbeitet hat). "Margo's Seal" ist ein "pun" auf "The Eel", Freemans berühmteste frühe Nummer (1933 mit Eddie Condon). Das ist ein wirklich tolles Album - gerade auch im Mix seiner Einzelteile: die gradlinige, nicht sehr subtile Gitarre, das elegante Tenorsax mit seinem schönen Ton, der aber auch mal rauher werden kann, das weiche, recht üppige und doch zurückhaltende Piano, das superb swingende Bass/Drums-Gespann (viel Besen, auch mal ein Spot für Lesberg), die gut gewählten Tunes ("I Could Write a Book", "Three Little Words") in den exakt richtigen Tempi für Freeman, der natürlich auch die passenden Balladen auswählte (gerne im zügigen Tempo präsentiert - auch etwas schneller als der "businessman's bounce". Wäre die Platte ein paar Jahre später im 12"-Format erschienen (oder hätte Capitol sich drum gekümmert, sie nochmal rauszubringen, vielleicht mit vier weiteren Stücken, wie es Contemporary ja oft tat), könnte das Album durchaus so bekannt sein wie manches Swing-Album auf Verve, denke ich. Jedenfalls ein Highlight aus der Box - und ich bin mal so frei: aus dem Capitol-Katalog. Zumindest aus dessen ersten zwölf oder fünfzehn Jahren.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Capitol-Platten wurden natürlich international vertrieben - Zutty Singleton's Creole Jazz Band bzw. das Zutty Singleton Trio nahmen Ende Juni 1944 vier Stücke für Capitol auf (wie immer, wenn ich keine Ort dazu schreibe, in L.A.). Die Band-Seiten erschienen auch bei Telefunken in Deutschland und das Label findet man bei Dicsogs, während von der Trio-Platte ein französische Ausgabe (auch Telefunken) zu finden ist. Im Trio sind Barney Bigard (cl) und Fred Washington (p) dabei, in der grösseren Band kommen noch Norman Bowden (t), Shorty Haughton (tb), Bud Scott (g) und Ed Garland (b) dazu - und der Groove ist zumal im Opener, dem Klassiker "Oh, Didn't He Ramble", altmodisch im Dixieland-Stil. Singleton kam aus New Orleans, hatte sich 1943 in L.A. niederlassen, spielte mit allerlei Leute von Slim Gaillard bis zu Wingy Manone, arbeitet auch oft für Filme und das Radio. "Norman Bowden sounds positively armchair, but Barney Bigardd is in frisky form", schreibt Morgenstern passend. Bigard ist wirklich in guter Form, wie wir in "Ramble" schon hören können. Im "Crawfish Blues" kriegen Scott und Washington ihre Spots. Danach ist nur noch das Trio dabei und es gibt von beiden Stücke Alternate Takes, die in Japan schon in der Box "Capitol Jazz Classics" (8 CDs, 1991) erschienen waren, bevor Mosaic sie wieder herausbrachte. Bei "Bounce" handelt es sich um eine Variante über "Bucket's Got a Hole in It" und Bigard ist ziemlich heiss hier, während Singleton allmählich geschäftiger wird und das Piano etwas Boogie spielt, bevor der Drummer an der Reihe ist mit all seinen Tricks und Patterns, Rolls, Tom-Toms, Bass-Drum-Kicks, Cowbell- und Becken-Rhythmen. Im zweiten (alternate) Take kriegen wir mehr von den Drums. Bei "Lulu's Bounce" ist Bigard im Chalumeau zu hören, dann ein längeres Piano-Solo, das von Jelly Roll Morton über ein paar Phrasen à la Gershwin und mehr zu Earl Hines findet, und am Ende nochmal Bigard. Der Master ist hier eindeutig besser, wie Morgenstern schreibt - und ich schliesse mich an.



Die späteren (1953-59) Capitol-Alben des Trompeters bzw. Kornettisten Bobby Hackett - mit und ohne Jack Teagarden (die mit sind im Teagarden-Set mit Aufnahmen von 1955-58) - erhielten auch die Mosaic-Behandlung (beide verpasste ich damals sehenden Auges, liebe sie inzwischen aber sehr). Doch der Trompeter nahm schon 1945 in den New Yorker WOR-Studios eine Session auf, deren Eingang in die Mosaic-Box ein paar Umwege nahm: entstanden ist sie für Melrose Records, später kaufte Blue Note sie, legte sie aber nie neu auf ... was Mosaic hier quasi nachholt, wo das alles zum EMI-Katalog gehört). Bei Discogs findet sich neben der Platte von 1946 auf Melrose (1401) noch ein Reissue auf Motif von 1949. Zur Session gehören aber nicht nur die zwei veröffentlichten Stücke "Pennies from Heaven" und "Rose of the Rio Grande" sondern auch noch "Body and Soul" und "I Want to Be Happy", die von Mosaic zusammen mit je einem Alternate Take von allen Titeln ausser "Happy" erstmals veröffentlicht wurden. Daher also ein dankenswertes Off-Topic-Kuriosum, das den Trompeter mit Vernon Brown (tb) ,Joe Dixon (cl), Deane Kincaide (bari - hi again, wohl auch wieder zuständig für die Arrangements) und einer exzellenten Rhythmusgruppe präsentiert: Dave Bowman (p), Carl Kress (b), Bob Haggart (b) und George Wettling (d) - ausser dem Drummer hörten wir alle gerade schon. Das Klangbild ist merklich anders, es gibt mehr Hall und Raumklang als bei Capitol. Kress öffnet "Pennies" bevor Hackett unverkennbar die Melodie präsentiert. Bowman kriegt 16 Takte, sonst ist das ein Feature für Hackett. Der Pianist ist bei der ganzen Session ein wichtiger Faktor - und die Arrangements sind auch ganz gut: zurückhaltende aber reichhaltige Settings in den Balladen. Im wie es scheint späteren alternate Take gibt es ein paar kleinste Unstimmigkeiten (ein nicht getroffener Ton von Hackett gegen Ende etwa). "Rose" ist das, was hier am ehesten ein wenig nach Dixieland klingt. Kincaide gönnt sich ein kurzes Riff zum Auftakt, dann schwebt die Trompete über den Linien der anderen Bläsern. Dixon übernimmt an der Klarinette (das Barisax klingt dahinter fast so weich wie eine Bassklarinette) und kriegt einen ganzen Chorus, bevor Brown und Bowman sich einen teilen. Dann ist wieder Hackett dran, von einem Drum-Break lanciert und mit dem Ensemble dahinter, das in den letzten acht Takten nicht mehr liegende Töne spielt sondern wie zu Beginn mit eigenen Linien eingreift. Hier ist der zweite take der veröffentlichte - und ausser Brown sind hier wohl alle eine Spur besser. "Body and Soul" ist dann eine kleine Offenbarung, der erste Take 3:43 lang (Melrose veröffentlichte auch 12"-Platten, also nicht einfach ein Fehler) und "a Hackett masterpiece", wie Morgenstern richtig schreibt: der Ton, die Ideen (die Bridge gleich im ersten Chorus!), die Phrasierung - alles zum niederknien. Bowman übernimmt kurz und der Meister steigt mit einer noch tolleren Bridge wieder ein. Im zweiten, kürzeren Take gibt es zu Beginn mehr Improvisation, aber danach eine kleine Unsicherheit in der Bridge. Bowman kriegt hier die Bridge und Hackett danach nur noch die letzten acht. Mit dem Romp "I Want to Be Happy" endet die Session dann, nur ein Take, zweieinhalb Minuten kurz. Dixon und Kincaide (der ist gut!) teilen sich den ersten Chorus, Haggart (mit Kress) und Brown den zweiten, dann acht Takte Hackett, bevor das Ensemble zurückkehrt und mit drei Breaks für Wettling das Stück beendet. Eine hervorragende Session!




Vom 19. Januar 1945 stammt der Rest der Musik auf der fünften CD, von Big Sid Catlett's Band und Al Casey and His Sextet. Mit dabei waren bei Catlett Joe Guy (t), Ben "Bull Moose" Jackson (as), Bumps Myers und Illinois Jacquet (ts), Horace Henderson (p, arr), Casey (g), John Simmons (b) und Caltett (d), bei Casey dann dieselben bis auf Gerald Wilson (t) und Willie Smith (as) für Guy, Jackson und Myers. An den Veröffentlichungen kann man wieder sehen, wie die Formate im Umbruch waren. Es gibt die üblichen Schellack-Platten (die deutsche bei Telefunken gehört hier zu einer Reihe, bei der B-Seite steht dann die Nr. 28 vor dem Titel), zwei der vier Catlett- und die beiden Casey-Stücke landeten aber auch im Album "The History Of Jazz Vol. 3 - Then Came Swing" mit 5 10" 78rpm-Platten das 1950 mit teils anderem Inhalt wieder aufgelegt wurde (acht statt zehn Stücke, beide von Casey aber nur noch eins von Catlett, minus eins von Rex Stewart und - passend zum Albumtitel - zwei von Benny Goodman statt zwei von T-Bone Walker). Eine Session von Dave Dexter für die Folge "History"-Reihe, die klassischen und damals zeitgenössischen Swing präsentieren sollte. Das "Small Combos"-Album, auf dem Catlett wiederum mit einem Stück vertreten ist, erschien 1952 zugleich auf einer 10"-LP wie in einem 3 x 7" 45 rpm Set (zwei Stücken weniger).

Morgenstern meint , dass wir hier in "swing territory, with a line-up not untouched by Norman Granz's L.A. doings" gelandet seien. Jacquet war damals ein Star, aber alle kriegen ihre Spots und den Tenorsax-Glanzpunkt setzt Myers in seiner Ballade. Hingegen hören wir nichts davon, dass mit Horace Henderson und Gerald Wilson zwei exzellente Arrangeure dabei sind. Eben: Norman Granz. Also: Jam Sessions mit starken, individuellen Stimmen. In "I Never Knew" präsentiert Guy über dem Ensemble das Thema, Myers spielt dann ein ganz gutes Solo, gefolgt von Jackson (der hier wohl wegen der bereits vorhandenen Tenor-Power auf dem Alt zu hören ist?) mit dem Piano in der Bridge, bevor Jacquet das letzte Solo spielt (er zitiert "Idaho") und Guy das Stück beendet. "Love for Scale" ist eine Ballade von Horace Henderson und Myers, in L.A. damals ein Star, glänzt mit einem tollen Solo. Er weiss, seine Power zurückzuhalten (vielleicht besser als Jacquet, der zehn Jahre jünger war) und ist hier wirklich superb. Danach kriegen wir ein paar Takte von Casey im Christian-Modus, bevor Myers das Stück souverän beendet, inklusive Kadenz à la Hawkins am Ende. "Just You, Just Me" ist dann eine starke Band-Performance mit Gitarren-Intro und dann wieder Guy an erster Stelle, der schnell ein paar Bop-Phrasen einstreut, dabei sehr souverän wirkt. Catlett punktiert das Stück mit Rim-Shots und kriegt nach den einem Tenorsax (Myers) und Spots von Henderson und Casey, vom Ensemble gerahmt, auch noch ein Solo - es ist ja offiziell auch seine Session, bevor Guy mit Dämpfer zurückkehrt und Henderson das Stück dann beendet. Der Name des Komponisten steht im Namen des "Henderson Romp", in dem Casey das erste Solo spielt - die Balance etwas schief (wohl weil der Gitarrenverstärker die Mikrophone einfach überforderte). Henderson ist der zweite Solist und zeigt, dass er Nat Cole und Count Basie zugehört hat. Jacquet ist hier der einzige Bläser und demonstriert in einem tollen Solo seine Blues-Skills. Simmons kriegt am Bass auch ein paar Takte und dann riffen alle zusammen.

Teil zwei der Session geht mit "Sometimes I'm Happy" im Balladen-Tempo los - ein Feature für Willie Smiths tollen Sound. Wilson kriegt ein paar Takte am offenen Horn - sehr entspannt. "How High the Moon" ist das letzte Stück des Tages, Anfang 1945 längst auf dem Weg zur Hymne der Modern-Jazzer. Und Big Sid spielte kurz darauf im Juni 1945 mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie in der New Yorker Town Hall - und zeigte, dass er sich vor den Neuerungen von Max Roach nicht zu verstecken brauchte. Er klingt hier anders, aber wie immer hervorragend, aktiv mitgestaltend und mit tollen Ideen. Wilson spielt das Thema über einem Riff der anderen, sein Solo klingt dann etwas nach Roy Eldridge, bevor Jacquet wieder übernimmt - und sich hier auch eher zurückhält, ein sehr musikalisches Statement formt. Smith ist danach weniger geschmackvoll unterwegs. Casey folgt für ein paar Takte, dann rifft und jamt die Band zum Ende - und Morgenstern meint: "If any of these cats had heard Dizzy and Bird at Billy Berg's during the month of this session, there was no sign of it. (Guy, of course, had heart it already back East.)"
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von redbeansandrice »

Ich hab bei mir Armand Hug als ziemlich toll abgespeichert, aber ich weiss gerade nicht mehr, an welchen Aufnahmen das hing, definitiv an anderen... Ich hab eine Tony Parenti EP mit ihm, eine Session auf Goodtime Jazz und dann noch ein paar LPs auf Joe Mares Southland Label, auf denen er mitspielt ... Das Label hat ja in den 50ern eine ähnliche New Orleans Szene dokumentiert...