Ich höre gerade ... Jazz

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Friedrich
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von Friedrich »

jimmydean hat geschrieben: 01 Mai 2026, 08:15
Friedrich hat geschrieben: 28 Apr 2026, 23:13 Letztes Wochenende auf dem Flohmarkt gefunden. Cover hat einen kleinen Lackschaden, die Innenhülle stammt von einem Laurie Anderson-Album aber das Vinyl ist picobello. Und zu dem geforderten Preis kriege ich sonst nicht mal eine Currywurst mit Pommes. Zugegriffen.


The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? Plattencover im Retrostyle, schwarz-weiß Foto, Haartollen, Anzüge, schmale Schlipse, die Art Deco-Uhr auf dem Klavier: Da hat man eigentlich eher die Vorstellung einer ebenso nostalgischen Musik. Bebop oder früher Cool Jazz. Sowas wie Charlie Hadens Quartet West.

Aber wenn man sich die Platte mal anhört - also wirklich anhört – hört man zwar durchaus Retro-Einflüsse. Thelonious Monk (von dem hier zwei Kompositionen gespielt werden), Charles Mingus, vielleicht Ornette Coleman und Dave Brubeck, Soundtracks zu Film Noir haben hier zwar Spuren hinterlassen. Aber die Lounge Lizards kommen eigentlich nicht aus der Jazzszene, sondern aus der Lower East Side, wo in den späten 70er/frühen 80ern Punk und New Wave und diverse andere subkulturelle Avantgarden florierten. Die Lounge Lizards vermischen das alles miteinander und komprimieren es. Es gibt die Raffinesse und Coolness des Jazz, natürlich auch die hipness einerseits, und die Aggressivität und Trotzigkeit des Punk andererseits. Kurze knappe Stücke mit prägnanten Themen auf dem Sax, dramatische Kompositionen, halsbrecherische Tempowechsel, Piano und elektrische Orgel, E-Bass, crazy rhythms von Anton Fier und Arto Lindsay schrubbt mit seiner genial-dilettantischen kratzbürstigen Gitarre immer wieder dazwischen. Manchmal scheint die Musik zu zersplittern – bevor sie sich doch wieder fängt. Das swingt nicht durchgehend, das hat keine Songstrukturen, das baut Spannung auch ganz anders auf, eher wie ein Film mit spektakulären Kamerafahrten und harten Schnitten. Das hat Stil, Witz, Frechheit, Spannung und klingt manchmal auch tongue-in-cheek. In meinen Augen und Ohren eine tolle Platte – sowohl was Image als auch Musik betrifft.


Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm. Das ist aber eine völlig andere Sache.
wie immer sehr schöne review... ist auch in meinen top 100 jazz alben, und war einer der wege zum jazz für mich ende der achtziger, neben den impulse-reissues... die frage ist halt ob das nicht schon etwas zu durchkomponiert ist, um in die jazz-schublade zu passen, aber das ist ja bei gil evans z.b. nicht viel anders
Danke! Und wie immer eigentlich nur ein öffentliches Nachdenken über das, was ich höre. Die LL passen sicher nur bedingt in die Jazzschublade und das ist in diesem Fall vielleicht auch Teil ihrer Qualität.
vorgarten hat geschrieben: 01 Mai 2026, 09:08
jimmydean hat geschrieben: 01 Mai 2026, 08:15 die frage ist halt ob das nicht schon etwas zu durchkomponiert ist, um in die jazz-schublade zu passen
kunsthochschuljazz halt ;)

bei john lurie ging das ja später in eine ganz andere richtung, weg vom auskomponierten, hin zu langen improvisationen über rhythmisch stabilen pattern. aber man merkt auch beim lizards-debüt schon, dass das sax eigentlich da raus will (was aber ja auch ein schöner effekt ist).
Hahaha! :lol:

Meine Gefährtin meinte gestern abend, das ist Jazz für alte weiße Männer. Habe ich schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Später entschuldigte sie sich - unnötigerweise - dafür, aber eher, weil sie mich damit indirekt als alten weißen Mann bezeichnet hatte. Das jedenfalls trifft ja zu! ;-)

Der etwa zeitgleich mit dem LL-Debut von Columbia als der neue Jazzstar aufgebaute Wynton Marsalis spielt dann eher Musikhochschuljazz. ;-)
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atom
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von atom »

Das Debüt der Lounge Lizards mag ich immer noch sehr gern – das hat mich damals beim Erstkontakt Anfang der 90er ziemlich begeistert. Peter Savilles Cover ist für mich nach wie vor eines der schönsten der frühen 80er – diese kühle, fast Factory-eske Eleganz passt perfekt zur Attitüde der Band.
Mein liebstes LL-Album bleibt aber Queen of All Ears. Da ist aus dem rotzigen Anfangsimpuls ein durchgearbeitetes, klanglich viel reicheres Ensemble geworden – mit Steven Bernstein, Michael Blake, Calvin Weston, Billy Martin und David Tronzo.
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stardog
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von stardog »


Charles Mingus - Town Hall Concert, 1964
icculus
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von icculus »

Weil Lounge Lizards gerade Thema sind:
mein Erstkontakt war live Ende der 80er
im Capitol in Mannheim. Das aktuelle Album
war "Voice Of Chunk". Auf dem Label von der
Köln-Konzert-Vera. Das Konzert war super
und ich höre die Platte nachwievor sehr gerne.

In der Band war Marc Ribot. Zu der Zeit wahrscheinlich
noch nicht so absolut im Orbit um John Zorn.

Schöne Erinnerung.
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atom
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von atom »

Voice Of Chunk mag ich ebenfalls sehr gern, um das Konzert beneide ich dich. Vera Brandes hat das Album zweitverwertet, im Original erschien es auf Milan Records.
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icculus
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von icculus »

John Lurie ist dann irgenwann wieder aufgetaucht.
Falls das alte Forum noch geht (ich hatte da mal
was erwähnt):
https://forum.rollingstone.de/foren/top ... /page/154/
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gypsy tail wind
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »



Alexander Hawkins - No Nation but Imagination | Heute Mittag zum ersten Mal das neue Album von Alexander Hawkins - ziemlich tolle Sache mit einiger Elektronik (Synthesizer und Sampler von Hawkins, Turntables und Live-Sampling von Matthew Wright) und einer speziellen Besetzung mit Drums (Hamid Drake), Flöte (Nicole Mitchell) und Harfe (Rhodri Davies). Das ganze ist fast ohne Unterbrüche eine Art Suite, deren Teile ineinander übergehen. Das letzte Stück hat einen anderen Sound und ist vielleicht ein Teil der "additional materials", die einen Tag vor der Studio-Aufnahme live im Café Oto aufgenommen wurden? Gefällt mir jedenfalls vom ersten Eindruck her sehr gut.



Und jetzt diese Schrott-Compilation mit Aufnahmen von Tommy Dorsey und seiner Band - auf CDs 1 und 2 geht es zweimal von 1935 bis 1945 bzw. bis 1947, CD setzt dann 1946 an und reicht dann bis 1950. Auf CD 4 gibt es Aufnahmen von 1954/55. Für wen, der nicht streamt und bei der Band echt nicht besonders viel haben muss, ist das wohl okay ... es gibt um 1937 herum da und dort etwas Bunny Berigan und (vermutlich) Bud Freeman, schlechte Vocals von Jack Leonard, okaye von Edythe Wright, schwer erträgliche von Connie Haines, und auch mal was von Frank Sinatra (die Aufnahmen hab ich dann in einer anständigen Ausgabe). Und es gibt hervorragende Drums von Dave Tough. Und natürliche die elegante Posaune des Leaders. In den frühen Vierzigern dann auch Buddy Rich, um 1946747 herum dann Alvin Stoller, Charlie Shavers und Buddy DeFranco. (Dass manche Sessions an zwei oder drei Stellen auftauchen ist allerdings schon idiotisch, und dass die Line-Ups teils unvollständig oder falsch abgedruckt sind, viele Sessions unvollständig ... wirkt alles eher zufällig und natürlich bei dem Label maxima lieblos.)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
soulpope
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Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von soulpope »

stardog hat geschrieben: 01 Mai 2026, 17:02
Charles Mingus - Town Hall Concert, 1964
Folgend dem Cornell Konzert der letzte Auftritt dieser superben Formation mit Eric Dolphy auf amerikanischen Boden (danach Transfer nach Europa mit dem herausragenden Einstiegsgig @ Concertgebouw Amsterdam) .... jedoch der Abschied des genialen Multiinstrumentalisten liegt bereits in der Luft und nicht zufällig werden zwei Kompositionen mit seinem Namen im Titel gespielt .... grossartige Musik ....
"I'm not much but I'm all I have" (Philip K. Dick)
soulpope
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Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von soulpope »



Junko Onishi Trio "So long Eric" (Somethin' Else) 1994 .... ich bin ja eher Fan ihrer Aufnahmen mit japanischen Musikern, jedoch hier trifft sie mit Reginald Veal (b) + Herlin Riley (dr) den Nagel auf den Kopf ....
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atom
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von atom »



BILLY HARPER - Black Saint (Black Saint, 1975)
Großartiges Album, ich brauche dringend noch mehr von Billy Harper als Leader.
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