V-Disc Sessions

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gypsy tail wind
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Der Pianist Dave Martin nahm im Juli 1948 exakt ein Stück für V-Disc auf - und leider eins, das nur eine halbe Plattenseite einnahm: "Dave's Rave", eine Variante über "Lullaby in Rhythm" mit Mundell Lowe, Bruce Lawrence und Bill Clark. Martin hatte in Frankreich mit Eddie South angefangen, wurde dann zu einem "session regular" in New York (Steinman), spielte mit Sol Yaged oder Jonah Jones und bei Studio-Aufnahmen. Das Stück ist super, Lowe ist der Star hier, aber Martin und die anderen halten mit.

Und damit geht es mit CD 10 weiter - grosse Schlussrunde. Das Gene Krupa Trio ist als nächstes mit zwei Sessions zu hören, die erste in einer Besetzung, die ich glaub ich nicht kannte: Buddy DeFranco und Dodo Marmarosa nahmen im Mai 1944 drei Stücke auf. Nach Krupas Freilassung Anfang des Jahres (er sass wegen Marihuana-Besitzes und damit zusammenhängenden weiteren Punkten ein Jahr ein) spielte er drei Monate mit Goodman, dann zwei mit Tommy Dorsey, und noch im April gründete er seine eigene Big Band. Natürlich steht dieses Trio in der Nachfolge jenes von Goodman in den Dreissigern - aber in "Liza" scheint es darüber hinaus gehen zu wollen: wir können das noch besser, noch verfeinerter, noch raffinierter! Davor hören wir eine überraschend (nur wegen des Leaders) modern klingende Version von "How High the Moon" (das erst 1980 auf der Aircheck-Platte unten erschien), danach "Hodge Podge", ein Stück von Johnny Hodges, das entspannter daherkommt. Leider sind die Stücke alle kurz gehalten, das letzte nicht mal zwei Minuten.



Bei der zweiten Session des Gene Krupa Trios im Juni 1945 mit Charlie Ventura und George Walters wird die Extra-Zeit des Formates dann teilweise genutzt. "The Man I Love" und das erste lange Stück, "Ten Richie Drive" (einst Krupas Adresse in Yonkers), erschienen auch auf der LP oben. "Dark Eyes" ist wohl ein Highlight hier, Ventura brennt aber auch in "The Man I Love". "Wire Brush Stomp" ist rasant, man kann sich vorstellen, wie das live durch die Decke ging. Im Closer, "Stompin' at the Savoy", dem zweiten langen Stück, scheint Ventura zwischen Webster und Operngesang zu changieren. Wenn man DeFranco und Marmarosa die krassen Passagen irgendwie auch als spontan abnimmt, dann wirkt dieses Trio mit Ventura und dem wenig bekannten Walters, Pianist der neuen Krupa-Band, sehr gut geprobt und die Stücke mit ihren wechselhaften Arrangements wie "set pieces". Das macht Spass, aber erschöpft sich dann halt doch recht rasch, auch weil Ventura nicht mit der Gabe des guten Geschmacks gesegnet war.



Ende Oktober 1945 kriegte George T. Simon auch Roy Eldridge ins Studio. Über eine Basie-artige Rhythmusgruppe (Billy Rowland, Allen Hanlon, Trigger Alpert, Specs Powell - hervorragend aufgenommen) spielt Eldridge zum Einstieg "Roy Meets Horn". Mort Bullman (tb), Ernie Caceres (cl) und Nick Caiazza (ts) sind sind die anderen Bläser - und das erinnert an Sessions am Anfang der Box, doch die Eldridge-Session passt hier perfekt hin, Caceres und Caiazza gehören zu den Leuten, die sich mühelos zwischen Dixieland und Swing hin und her bewegten (Eldridge ja nicht, sein Dixieland-Album zeigt das). In "Old Rob Roy" spielt die Band über Rhythm-Changes und hie wie im Closer "I've Found a New Baby" spielen Caceres und Caiazza gute kurze Soli und es ist besonders schön, Caceres für einmal an der Klarinette hören zu können - aber Eldridge ist, wie fast immer, wenn er irgendwo auftaucht, die Hauptattraktion. Der weniger bekannte Posaunist hat u.a. mit Sy Oliver und Louis Armstrong aufgenommen und spielte später in Billy Taylors TV-Band für die David Frost Show.



Die letzte gute halbe Stunde der zehnten und die erste Hälfte der elften CD gehören dem Vibraphonisten Red Norvo, im ersten Teil mit der Sängerin Mildred Bailey. "Someday Sweetheart" ist ein Revival einer Nummer von 1935 (auf der VJC-CD von Bailey weitern oben erstmals erschienen und inkl. neuen alternate Takes in der Mosaic-Box). In Fletcher Hendersons "Red Dust" (erstmals auf der VJC-CD "Vol. 1" von Norvo) wird deutlich, wie gut Norvo und seine Band den neuen Klängen der Zeit gelauscht haben. Diese erste Session fand im Mai 1944 unter Simons Leitung statt und Aaron Sachs (cl/as) spielt hier eine schlanke, definitiv modern klingende Klarinette - er ist der einige Bläser dieser ersten Aufnahmen für V-Disc von Norvo, der eine Rhythmusgruppe mit Danny Negri, Remo Palmieri, Clyde Lombardi und Eddie Dell zusammengestellt hat. Bailey ist für den "Downhearted Blues" zurück - und wie schon beim ersten Stück klingt ihre Stimme hervorragend. "Blue Skies" von Irving Berlin (auch davon ein neuer Take in der Mosaic-Box) und "Purple Feathers" von Denzil Best folgen, und wie in "Red Skies" sind auch hier die offenen Ohren Norvos und seiner Sidemen - auch des Gitarristen Palmieri - für die jüngsten musikalischen Entwicklungen zu bewundern. Auch hier kriegen wir ausgefeilte Arrangements, aber die Stimmung ist immer entspannt und alles wirkt spontan. Danach ist Bailey für "Hold On" (wieder erstmals auf ihrer VCJ-CD) zurück - hier ist unklar, ob es von einer Session eine Woche später am 24. Mai stammt oder von derselben (17. Mai) wie die Stücke davor.



Für die zweite ausgedehnte Session von Red Norvo - sie wurde schon Ende Oktober 1943 aufgenommen - sind ein paar weitere Leute dabei: Dale Pierce (t), Dick Taylor (tb), Sachs, Flip Phillips (ts), Ralph Burns (p), Lombardi, Johnny Blowers - und leider nicht Mildred Bailey sondern Helen Ward. Red Norvos Oktett also, das z.B. bei einem Town Hall Konzert 1945 auftrat und dort teils dieselben Stücke spielte wie hier: "1-2-3-4 Jump", "Seven Come Eleven" oder "In a Mellotone". Eine Gruppe mit dem fliessenden Swing einer Tanzband, aber mit guten Arrangements und tollen Solisten, eine Gruppe, die vor Energie nur so sprühte. Fast alle der neun Stücke dieser Session erschienen auf V-Disc, nur "I'll Be Around" mit Ward musste auf eine VJC-CD warten (ein Take auf der abgebildeten, der andere auf Vol. 2, ein weiterer alternate Take von "The Sergeant on Furlough" fand sich vor der Mosaic-Box auch auf Vol. 1). Die Band ist wirklich toll, ein Oktett mit der Energie einer Big Band, die wenig bekannten Blechbläser sind exzellent, Flip Phillips am Tenorsax der Star der Band. Helen Ward ist dann weniger nach meinem Geschmack. Sie singt "Too Marvelous for Words" mit einem seltsam zitternden Vibrato, das mich leicht nervös macht - auch wenn ihre Stimme an sich ganz schön ist. Nach dem erst später veröffentlichten "I'll Be Around" ist sie aber auch schon wieder weg und es folgen noch drei instrumentale Stücke. Die Session dauert inklusive der zwei Alternate Takes länger als eine Dreiviertelstunde und gehört sicher zu den Highlights hier.



Im Oktober 1945 kriegte George T. Simon auch Ella Fitzgerald ins Studio. Mit einer hervorragenden Band um Buddy Rich nahm sie drei Stücke auf. Charlie Shavers, Lou McGarity, Peanuts Hucko, Remo Palmieri und Trigger Alpert braucht man nicht mehr vorzustellen, neu sind Al Sears und Pianist Buddy Weed dabei. "That's Rich" öffnet mit Rich und nervösem Shavers im Duo, dazwischen mal eine Phrase von Sears, gefolgt von kurzen Soli von McGarity (toll, mit Dämpfer) und Palmieri, einem walkenden Solo von Alpert, das ins anfänglich von Riffs begleitete Schlagzeugsolo überleitet. Dann ein Solo-Break von Ella mit Scat-Gesang zum Einstieg ihres Dialogs mit Shavers. Die folgenden Passagen von Ella bleiben zunächst unbegleitet, bis die erste längere dann von Rich begleitet wird. Dann folgt Ellas erste eigene Nummer, "I'll Always Be in Love with You" (arr. Jack Mathias) - ein mittelschnelles Swing-Stück mit guten Soli von Weed, McGarity und Hucko. Sears ist hier nicht so überzeugend wie auf dem dritten Stück, "I'll See You in My Dreams" (auch unter Ellas Namen erschienen), wo er auf ein ebenso gutes Solo Shavers folgt, vor Hucko und McGarity, die auch in wenigen Takten ein gutes, persönliches Statement hinkriegen. Bemerkenswert ist im ganzen Stück die Gitarre von Palmieri - und natürlich der Gesang von Ella bei der ganzen Session.



Natürlich hat auf 11 CDs nicht alles Platz, was unter "small group jazz" verstanden werden kann und auf V-Disc erschien - so fehlt z.B. die A-Seite der Platte von Clark Terry and His Section Eights, die dem Buddy Weed Trio (mit g/b) gehörte. Wo jeweils die Grenzen zwischen instrumentalem Pop bzw. Tanzmusik und Jazz liegen und was aufgenommen wurde und was nicht, muss man in so einem Fall den Produzenten überlassen ... ich bin, am Ende der Box angelangt, mit der Auswahl jedenfalls sehr zufrieden. Da ist wenig drin, was wirklich nicht gut ist (ein paar der Novelty-Sachen im Piano-Segment) und ganz vieles, was wirklich hervorragend ist. Clark Terry wurde im Februar 1947 mit Willard Parker (ts), Bob Parker (p), Singleton Palmer (b) und Earl Martin (d) aufgenommen. Zwei kurze und ein langes Stück waren das Ergebnis. Das sind die frühesten Aufnahmen Terrys - und sie zeigen, dass er schon hier (er war noch Sideman bei Charlie Barnet) seinen charakteristischen Ton gefunden hatte - und die Leichtigkeit seiner Linien, diese so eigene Phrasierung, das Vokale. Alles schon da in "Phalanges", einem gemeinsam mit Louis Bellson über Rhythm-Changes geschriebenen Stück. In "Sleep" tänzelt Terry wieder sofort los, Willard Parker kriegt hier nach seinem kurzen Intermezzo im ersten Stück Zeit für ein richtiges Solo und danach treten die zwei Bläser in einen engen Dialog. Die Rhythmusgruppe ist wenig bemerkenswert, macht aber ihren Job und hält das rasante Tempo und den Flow aufrecht. Das lange Stück ist dann "Billie's Bounce" (damals "Billy's Bounce" und angeblich von Terry-Elliott-King komponiert, natürlich Nonsens, Stilbezeichnung auf dem Label "Rebop"), ein Blues im langsam jumpenden Tempo, das der Rhythmusgruppe mehr Raum gibt, den besonders Singleton Palmer am Bass zu nutzen weiss. Terry spielt ein vokales Solo, das auch mal in Doubletime geht - und in die Tiefe, von wo dann Palmer übernimmt, der für meine Ohren hier anfangs etwas unsicher wirkt, sich dann aber fängt und ein Solo spielt, das im vokalen Gestus Elemente des Spiels von Stanley Turrentine vorwegnimmt. Bob Parkers Piano-Solo ist dann einfach gehalten, mehr ein Blues- als ein Jazz-Solo. Im abschliessenden Thema ist dann Palmer am Bass wieder ziemlich gut.

Auch beim letzten Musiker, den wir hier hören, fehlt die andere Seite der Platte, die von Erroll Garner stammte (ein mögliches Ausschlusskriterium wären ursprünglich fürs Radio gemachte, später auf V-Disc veröffentlichte, Live-Aufnahmen und Aufnahmen, die für andere Label gemacht wurden - ein anderes vielleicht auch noch, dass man bei Einbezug mit Problemen rechnen müsste, wie hier*). Aber gut, Lennie Tristano macht den Abschluss (vor den zwei alternate Takes von Norvo) und das ist doch gut. Mit Billy Bauer und Leonard Gaskin nahm er im Oktober 1946 zwei kurze Stücke für eine V-Disc auf. Tristano hatte davor erst eine kommerzielle Session gemacht, für Keynote, weniger als eine Woche vor dieser Session vom 14. Oktober 1946. "I Can't Get Started" with in typischer Tristano-Manier in ein eigenes Poem verarbeitet, mit dichten Harmonien zum Einstieg und sich überlagernden Linien von Bauer, der die Melodie streift, und Tristano, der drunter und drüber und davor und dahinter seine erweiterten Akkorde platziert, während Gaskin das Tempo fixiert und dabei auch die passenden Töne findet, sodass sein Bass nie altmodisch klingt. "A Night in Tunisia" ist dann klar als Dizzy Gillespies Stück erkennbar - zumindest zu Beginn, bevor Tristano beginnt, die harmonischen Möglichkeiten auszuloten, die es bietet.

Die wohl avancierteste Session (die zwar mitten in den Zeitraum von 1943-49 fällt) zum Abschluss. Passt! Ein toller Trip, das alles ... und wo ich jetzt mal eine Vorstellung habe, was in den Schatztruhe alles zu finden ist, kann ich künftig auch einzelne Aufnahmen/Sessions herauspicken. Kompliment an Mosaic für die Programmierung des Sets. Auch da, wo Sessions nicht logisch eingefügt scheinen (zuletzt auf CD 11: Warum ist Ella nicht bei den Sängerinnen? Warum Tristano nicht im Piano-Segment) macht die Platzierung komplett Sinn. Höchstens Bob Haggart ist neben der umwerfenden Woody Herman-Session etwas seltsam platziert. Da hätte vielleicht Red Norvo besser hingepasst ... aber dann hätten sich wieder ganz viele andere Dinge verschoben und es schon richtig, dass Norvo direkt vor die "modernen" Sessions gestellt wurde - und ebenso richtig, dass Stan Hasselgard bei den Swing-Combos und nicht hier zu finden ist.
Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 19 Apr 2026, 09:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »

Bevor ich mit der Big Band-Box, die Anfang des Jahres erschien, weitermache, der Hinweis, dass auf archive.org mehrere Playlisten mit unzähligen V-Discs zu finden sind, durchnummeriert von 1 bis 903, die Jahre 1943 bis 1949 umspannend. Ein Blick darauf offenbart die Bandbreite der Musik, die im Rahmen des Programms produziert wurde.

Hier der Link auf die erste Playlist:



Und auch noch als Link, weil es angenehmer ist, auf der Website von archive.org selbst zu gucken:
https://archive.org/details/V-discs1-991943-1944
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Heute ist lokaler Feiertag, drum geht es nochmal etwas weiter ... und zwar mit dem Classic V-Disc Big Band Jazz Sessions 10-CD-Set von Mosaic. Die Geschichte ist da nochmal eine etwas andere: die Big Bands blühten in den Kriegsjahren noch einmal richtig auf - trotz der Probleme, die sie hatten (wegen Militärdienst abwesende Musiker, Rationierung von Benzin und Gummi, d.h. die Tourbusse und ihre Reifen kamen in die Jahre, es war kostspielig, mit ihnen herumzufahren zu Radio-Stationen und auch zu Army-Basen im ganzen Land).

Aber wegen des erwähnten Recording Ban war Arbeit für Radio-Sender (wozu auch die Transcription-Aufnahmen gehören, von denen es in der Zeit auch weiterhin viele gab) und für die Armee eine gute Gelegenheit, bei der die Bands ihre neuste Musik anders als nur im Konzert präsentieren konnte. Dazu kam, dass die Kriegsinsdustrie dafür sorgte, dass viel Geld im Umlauf war. Sowohl die Soldaten wie auch die Arbeiter*innen an der Heimatfront wurden gut bezahlt ... und hatten in der Freizeit wenig zu tun (das Aufblühen der Central Avenue Szene in Los Angeles hängt ja auch eng mit dem Krieg bzw. der in Kalifornien angesiedelten Rüstungs-Industrie zusammen).

Es kam also 1943/44 zu einem letzten Aufbäumen der Big Bands - bevor die Blase nach dem Krieg platzte und eine Ära in der Unterhaltungsbranche der USA unweigerlich zu Ende ging. Das V-Disc-Programm dokumentiert dieses letzte Aufbäumen also quasi exklusiv (neben Aufnahmen für Transcription Services, wie gesagt, die auch nicht dem Recording Ban unterlagen, weil sie nur für den Gebrauch im Radio erlaubt waren).

Im Big Band-Set von Mosaic gibt es ein paar Erinnerungen, die ich gerne ausführlich zitiere, weil da auch ein paar Aspekte angesprochen/geklärt werden, die ich noch gar nicht oder nur oberflächlich gestreift habe. Da ist zuerst Tony Janak, Army Technical Sergeant, ehemals von Columbia Records, der im Februar 1946 im Radio erzählte:
I was an engineer with Columbia Records about 2 1/2 years ago and a V-Disc officer kept coming up to make masters and he liked the way I was working, so they didn't even give me a physical -- just took me to Camp Upton, raise your right hand and I was in the army working for the V-Disc program!

We do live dates of our own, we get talented donated services; no musicians are paid. I pick the material; I pick what I think the boys would like. We record classical and pop and jazz, everything that's out there. Material is copied onto phonograph masters at the three big record companies Columbia, RCA Victor and World (a large transcription service). Record masters of 12-inch size are made at all these record companies and every month we produce about 15 records, 3' double-faced sides with anywhere from 40 to 60 tunes. They're shipped out, about 200,000 to 300,000 a month now and they're all plastic so they don't break. They're all things that are unusual -- unusual combinations with unusual performers.

Recently we've used Tommy and Jimmy Dorsey, combining both bands playing together. Wonderful! We did Fats Waller's last record date and Glenn Miller's last recordings. Things you couldn't get on commercial records. You can't play any of them on commercial radio, they're only sent overseas to the men.

Most of the companies have come through. Columbia has been the nicest -- I happen to be a Columbia man from way back, but that isn't the reason I say. Manie Sachs is the best guy of the bunch. He gave us permission to use anything the day it was recorded. That helped us because in planning ahead, it's necessary to make masters and do other preparations. Victor and Capitol let us use all their masters but not until they were issued. I helped Bob Thiele with a lot of record dates and I got copies of what he was releasing on Signature Records for our program.

I expect to get out of service around April (1946) and when I get out, they may appoint me as a civilian consultant. I think I'll get 20 bucks a day instead of 20 bucks a week as an army man!
Da kommt also zur Sprache, wie es - nach dem Ende des Recording Ban, der für kleinere Label sowie Capitol und Decca im Oktober 1943 endete, während die Major (Columbia, RCA) sich erst im November 1944 mit Petrillo einigten - mit der Übernahme von kommerziell produziertem Material lief, das auch auf V-Discs landete, v.a. in der späteren Zeit. Das Programm lief bis im Mai 1949 (und Janak blieb bis dann dabei), in den letzten Jahren wurden die Platten hauptsächlich in die besetzten Gebiete im fernen Osten geschickt.

Bei George T. Simon war die Story eine andere. Er erzählte in einem Interview in den frühen 1990ern für eine andere V-Disc-Veröffentlichung, dass er Anfang 1943 eingezogen worden sei. Glenn Miller habe ihn gebeten, sofort Bescheid zu sagen, denn der sei dabei gewesen, eine grosse Band zu organisiert und habe als Captain nicht selbst die Leute auswählen dürfen. Also half Simon Miller, die Musiker zu kriegen, die dieser haben wollte. Als die Band dann nach Übersee ging, war Simon (der auch Schlagzeug spielte) nicht dabei, denn da gingen nur die besten mit. Simon hörte aber vom V-Disc-Programm und er schien allen eine logische Wahl, um da mitzuarbeiten, da er all die Bands kannte, die das Programm kriegen wollte. Er erwähnt dann auch nochmal, dass nur die Sänger*innen vom Recording Ban ausgenommen waren (die galten eben nach damaligen Massstäben nicht als Musiker*innen und hatten eine eigene Gewerkschaft).
I must say these were some of the most exciting times of my life because I could record anybody I wanted to, as long as they would record for free. I was amazed at how many people were not only patriotic, but also good friends of mine like Benny Goodman, who did three or four or five for us and Woody Herman did a lot. Various other people (like Steve Sholes and Tony Janak) also organized various sessions.

[...]

I found it rather easy to get them [Musiker im allgemeinen] to make V-Discs and I also put together various sessions with big band singers and had all-star musicians to back them up -- like Jo Stafford, Martha Tilton and Jack Leonard. This really gave us an opportunity to put together combinations of people who by virtue of recording contracts and whatnot really couldn't record with one another. [...] The bandsmen were not treating these as ordinary commercial recording sessions. Their enthusiasm was great, especially on the sessions with folks who hadn't played together before; they enjoyed the chance to do that.

[...]

I produced a lot of vocalists of course and some local groups, but the big bands were the big thing in those days. The hit records and #1 sellers were almost invariably by Glenn Miller, Benny Goodman, Kay Kyser or even Sammy Kaye. When the war ended, the big band era began to slow down as the singers came to the fore -- singers had a more romantic way o reaching listeners and so Sinatra became very big. Crosby always was popular and then Perry Como, Jo Stafford and Dinah Shore came along and if you want to select a date for the end of the big band era, you could name December 1946, when eight different bands like Benny Goodman, Woody Herman, Harry James and Les Brown disbanded for a while. Most of the reorganized again later on but they all said we've had enough. We can't make it now, expenses are too high, traveling costs too high, everything had gone up in price. A lot of the musicians who had been in the Army just didn't want to travel anymore, so in a way the V-Disc years are a snapshot of an era that did not last much longer. They mark the high watermark of the big band years.
Simon erwähnt auch die "rugged portable GI record players", die mit den Platten verteilt wurden (also: Teil der Plattenpakete scheinen stets auch Nadeln gewesen zu sein, die Plattenspieler wurde wohl separat verschickt): "Thousands of them went out overseas to the guys to play these [records] on". Zudem seien viele Stücke, die für V-Disc aufgenommen wurden, später auch nochmal kommerziell aufgenommen worden, z.B. Hermans "Apple Honey", und manches sei auch via Transcription-Aufnahmen in Radiosendungen für die Soldaten gespielt worden - aber nichts ging wie die V-Discs direkt und exklusiv zu den Soldaten. Zivilisten in den USA konnten die Aufnahmen nicht hören, im Radio durften sie nicht gespielt werden.

Zum Ende der Big Band-Ära, den Verwerfungen in der Unterhaltung nach Kriegsende (das für die USA natürlich nicht im Mai 1945 liegt - Japan ergab sich am 2. September 1945, aber ein Friedensvertrag wurde erst 1951 unterzeichnet) sind noch weitere Faktoren zu berücksichtigen. David J. Weiner in den Liner Notes zur Mosaic Box (aus denen ich auch die Interviews abgetippt/zusammengefasst habe):
Once released from the services, soldiers, sailors and airmen (and women) wanted to take their saved-up money and settle down, get a job, get married, buy a houe and have kids. Going out to the movies, nightclubs and dance halls didn't seem so important anymore and venues began to close all over the country. Popular singers were taking over the record charts. Television was about to burst forth, and it would offer little space for big bands.
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Auch die Big Band-Box ist nach Bands gruppiert, nicht chronologisch. Los geht es auf der ersten CD mit Woody Herman, der wie gesagt mehrmals für V-Disc aufgenommen hat. Im September 1944 war er zweimal mit George T. Simon in New York im Studio, zuerst bei RCA, dann fünf Tage später in der Liederkanz Hall. Die Band ist natürlich erstklassig: Neal Hefti, Dick Munson, Ray Wetzel, Pete Candoli, Conte Candoli (t); Ralph Pfeffner, Bill Harris, Ed Kiefer (tb), Woody Herman (as, cl, voc), Sam Marowitz, Bill Shine (as); Flip Phillips, Pete Mondello (ts); Skippy DeSair (bari); Ralph Burns (p); Billy Bauer (g); Chubby Jackson (b); Dave Tough (d); Frances Wanye (voc). Arrangiert haben Neal Hefti, Ralph Burns und Eddie Sauter. Die Band war da noch bei Decca, wo sie ihr volles Potential nicht hatte ausschöpfen können. Das änderte sich mit dem Wechsel zu Columbia im Februar 1945 - und die V-Disc-Aufnahmen sind eine Art Prolog dazu. Die zusätzliche Zeit kommt dieser Band, die von intensiven Riffs und guten Solisten lebt, natürlich sehr zu Gute.

Los geht es mit Hermans "Red Top" (arr. Hefti) und da kriegen wir neben Herman an der Klarinette wohl Flip Phillips und Bill Harris zu hören - und die exzellente Rhythmusgruppe: Burns spielt das erste Solo mit sehr präsenter Rhythmusgruppe à la Basie, dann steigt der Leader an der Klarinette ein. Von Dave Tough hören wir zwar zunächst nicht so viel (er ist etwas leise im Mix, dreht aber später auf), aber wie er und Chubby Jackson mit Hilfe von Billy Bauer die Band antreiben, ist wirklich aufregend. Am Ende spielt noch eine High-Note-Trompete mit - ich weiss nicht, wer in der Band den Job hatte (könnte man wohl in andern Mosaic-Sets rauskriegen .... Pete Candoli oder Ray Wetzel vermutlihch?).

Frances Wayne ist dann in der Ballade "Happiness Is Jes' a Thing Called Joe" erstmals zu hören - und das ist gleich die nächste grossartige Aufnahme hier. Eine warme Stimme, die von einem wieder tollen Arrangement (Burns, der auch das Piano-Intro spielt) eingebettet wird - das Altsax-Solo (wohl von Herman) ist etwas überreich, aber im Kontext nicht unpassend. "Jones Beachhead" (arr. Hefti) ist die nächste Swing-Nummer, die man auch als "Half Past Jumpin' Time" kennt - und hier ist Dave Tough vielleicht der grosse Star. Im Thema kriegt zwar Jackson ein paar Takte, aber es ist Tough, der den Beat setzt und die Band gekonnt antreibt. Wir kriegen der Reihe nach eine gedämpfte (Conte C.?) und eine offene hohe Trompete, dann den Leader an der Klarinette, vermutlich Phillips und Marowitz (hinter ihnen riffendes Blech mit Plungern) - und dann den Shout-Chorus mit Tough und ein paar Akzenten der Lead-Trompete und der Klarinette. "I Can't Put My Arms Around a Memory" (arr. unklar) ist dann Waynes zweite Vocal-Nummer - eine lässig müde Sache mit einem cremigen Altsax vom Leader zum Einstieg (über gedämpftem Blech). Hier ist wieder die Gitarre von Bauer prominent zu hören. Die Songs, die man den Bands gab, waren auch bei V-Disc und mit Simon als Produzent nicht immer die besten ... aber Wayne schafft es doch fast immer, sie gut klingen zu lassen. Aus dem gedämpften Blech steigt nach dem Vocal-Chorus eine Solo-Posaune auf (ich nehme an Harris), bevor das Altsax zurückkehrt und das Stück beendet. Davon kriegen wir wie von "Jones Beachhead" am Ende der CD noch einen Alternate Take.

Die zweite Session öffnet mit dem grossartigen "Apple Honey", hier in einer viereinhalb Minütigen Version, die für die kommerzielle Aufnahme gekürzt werden musste. Hier sind alle Eigenschaften der Band zu hören: die tolle Rhythmusgruppe, die guten Arrangements, die charismatischen Solisten (inklusive des Leaders, der nicht der beste Techniker war und überhaupt kein Virtuose, aber seine Mittel hervorragend einzusetzen wusste). Burns, der das Arrangement eingerichtet hat, soliert zuerst, dann Herman (cl), Phillips und Harris - beide toll. Sie waren damals die Solisten, die bei Herman immer für ein Glanzlicht sorgten. "There Are No Wings on a Foxhole" (arr. Burns), die Gesangsnummer von Herman ist dann ein drittklassiges Kriegslied ... Herman gibt sich keine Blösse und immerhin ist das nach 2:40 Minuten vorbei. Die Session endet mit "Time Waits for No One", dem nächsten Highlight mit Frances Wayne, arrangiert von Eddie Sauter und entsprechend ist das nochmal etwas üppiger als die Stücke von Burns, mit ein paar schönen Verzierungen von Harris und Herman sowie Akzenten von Burns.



Eine dritte Session für V-Disc folgte im Februar 1945 (wieder Liederkranz Hall), mehrheitlich mit demselben Line-Up: die Trompeten sind Sonny Berman, Charles Frankhauser, Wetzel, P. Candoli und Carl Warwick. John LaPorta übernimmt für Shine und Marjorie Hyams stösst am Vibraphon dazu, kriegt aber leider kein Solo. Arrangiert haben Jiggs Nogle, Burns und Roger Segure. Los geht es mit "Golden Wedding" (arr. Noble), das wie eine Art "Sing Sing Sing"-Remake wirkt. Drums und Klarinette zum Einstieg, danach Drums und Phillips mit seinem wunderbaren Ton am Tenorsax und der Fähigkeit, all die Antics (JATP, Ventura, Jacquet) stets so zu präsentieren, dass alles geschmackvoll bleibt. Am Ende ist Herman wieder zurück mit Tough. "I've Got the World on a String" (arr. Burns) ist ein perfekter Song für Herman - auch wenn er ihn nicht so perfekt hinkriegt (oder intoniert) wie Sinatra ... aber diese charmante Müdigkeit in der Stimme (hat er sich die von Hoagy Carmichael abgeguckt?) passt zu dem Song und Burns weiss auch, wie man dazu ein gutes Arrangement schreibt, in dem die Akzente sich zwischen den Posaunen und den Saxophonen verschieben. Phillips spielt dann ein Solo, hinter dem die ganze Band leise singt, bevor Herman zur Klarinette greift. Die Session endet mit "Yeah Man!" (aka "Amen!") von Roger Segure, der auch das Arrangement beisteuerte - eine wuchtige Swing-Nummer voller Riffs. Die Trompete im Lead ist hier dann wohl die von Berman. Herman singt dann ein paar Male "Amen!", die Band unterstützt ihn, und nach etwas mehr als zwei Minuten ist das auch schon vorbei



Im August 1945 war Herman zurück in der Liederkranz Hall - das Line-Up hat sich wieder ein wenig etwas verändert: Berman, P. Candoli, C. Candoli, Ray Linn und Neal Hefti bilden die Trompetensection, Tony Aless sitzt am Klavier und Hyams ist leider nicht wieder dabei. Los geht es mit "Your Father's Mustache", dem nächsten Highlight, komponiert von Harris und Herman und arrangiert von Hefti. Hier kann man wieder den tollen Swing von Tough und sein perfektes Zusammenspiel mit Jackson bewundern, während die Band rifft und die Solisten sich erheben: Berman wohl im Lead, im Thema ein paar Schnörkel von Herman, dann tolle Soli von Harris und Phillips, gefolgt vom Leader an der Klarinette - alles mit wechselnden Riffs begleitet. Danach gibt es einen toll stotternden Shout-Chorus und eine ausgiebige Wiederholung des thematischen Materials, in die sich noch ein kurzes Piano-Solo und eine Passage mit Band-Vocals einschieben - mit fast sechs Minuten wird die Spielzeit ausgereizt. "Lover Man" (arr. Burns) ist das nächste grossartige Feature für Frances Wayne - die Genrebezeichnung auf dem Label? "Pretty", klar! Und das gilt auch für das tolle Altsax-Solo, das vermutlich vom Leader selbst stammt und hier bis auf eine von den wuchtigen Tutti-Bläsern angespornte Phrase in der Stimmung bleibt. "Don't Worry 'Bout That Mule" ist dann wieder eine eher doofe Nummer, gesungen von Herman. Burns hat allerdings ein ganz gutes Arrangement geschrieben und wir kriegen hier endlich ein Solo von Berman (nehme ich an), das leider nicht recht zu überzeugen vermag, anders als Aless' kurzes Piano-Intermezzo und das grossartige Schlagzeug von Dave Tough. "125 Street Prophet" ist die letzte Herman-Nummer hier, komponiert zusammen mit Phil Moore, der auch das Arrangement geschrieben hat.

Mitten in der Session vom 22. August machte Herman sich aus dem Staub und überliess die Band der Obhut von Chubby Jackson, der dem Rest der Aufnahmen seinen Stempel aufdrückte: Chubby Jackson's Mad Mob und "Novelty" steht auf dem Label von "Meshugah" (später "They Went That A-Way", als Jackson das Stück noch später für Capitol aufnahm, hiess es "Sonny Speaks"), dem einzigen auf einer V-Disc veröffentlichten Stück des zweiten Teils der Session.

Wir kriegen hier zuerst zwei Takes von "He's Funny That Way" mit der Sängerin Martha Raye (mit denen und den erwähnten zwei Alternate Takes von Herman die erste CD endet). Raye ist nicht Wayne - das merkt man schon an der Ansage, wo ihr "funny" that way fast wie "fine" mit seltsamem Twang klingt. Burns spielt ein Intro, Raye kriegt grad noch den Einstieg (man hat nur eine Chance für den ersten Eindruck), doch schlägt sich dann gar nicht schlecht - "real late-night, gather-round-the-panostuff, with an intimacy that is almost palpable", so Weiner - und recht hat er, das ist eine wirklich besondere Performance der Schauspielerin, die in den Dreissigern mit Komödien berühmt wurde. Gedämpfte Bläser, feines Piano, starker Bass und dann ein tolles, angemessenes Solo vom umwerfenden Bill Harris. Die Jackson-Hälfte der Session endet dann am Anfang von CD 2 (die CDs, ich hatte es schon erwähnt, sind hier wirklich gefüllt, alle 76-79 Minuten lang) mit "Meshugah" und "Secunda", das wie das wie Rayes' Nummer (beide Takes) und Alternate Takes von Herman erst später bei Hep erschien. "Meshuga" hat Conte Candoli geschrieben und es passt natürlich perfekt für Jackson, der eine "ebullient personality" (Weiner) hatte, eine Rampensau als Bassist wie als Mensch. Wir kriegen hier wieder fast sechs Minuten und tolle Soli von Sonny Berman, Flip Phillips, Bill Harris sowie Tony Aless am Piano, alle von Jackson angefeuert. "Secunda" von einem unbekannten Komponisten ist wieder sechs Minuten lang, ein Jam mit Soli von Phillips, Berman (er zitiert "Joy to the World"), Hefti (er zitiert "Nobody Knows the Trouble I've Seen") und Tough mit einer weiteren tollen Performance, während Jackson die Band mit Rufen anfeuert. Und so sind die drei Jackson-Stücke neben der feinen Überraschung mit Martha Raye auch durch die instrumentalen Stücke eine tolle Ergänzung. Und alles in Allem knappe eineinhalb Stunden grossartige Musik zum Einstieg in die zweite Mosaic-Box.

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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Von Les Brown hatte ich es drüben in anderem Zusammenhang (Billy Usselton) neulich ... er begann 1936 noch an der Universität als Bandleader, zwei Jahre später wurde er zum Profi, hatte bei Bluebird und OKeh ein paar kleinere Hits, bevor er 1942 zum Mutterlabel Columbia wechseln konnte. Im November 1943 nahm Brown zwei Stücke für V-Disc auf, den "Mexican Hat Dance" (der er 1941 für OKeh eingespielt hatte) und "Moonglow". Das ist Tanzmusik von erster Güte mit hübschen kurzen Soli von Ted Nash am Tenorsax (in beiden Stücken) und dem Trompeter Randy Brooks im ersten. Die bekannten Namen in der Band halten sich in Grenzen, da ist noch Hal McKusick am Altsax, der später interessantere Gigs hatte.

Bei der zweiten Session vom Juli 1944 (im Army Camp Hospital, NJ, aufgenommen) entstanden fünf Stücke, McKusick war weitergezogen, wir kriegen kurze Soli von Nash, Brooks, dem Pianisten Geoff Clarkson (Hy White ist jetzt an der Gitarre dabei, der auch bei kleineren Formationen für V-Disc dabei war) - und im letzten Stück hören wir die Sängerin der Band, eine gewisse Doris Day. Die Band ist schon sehr gut, der Gesamtklang ist super, die Register klingen einzeln gut ... das ist einfach alles ein paar Stufen zu brav und zu strukturiert, um je aufregend zu werden. Soll ja keine*r aus dem Tritt kommen auf der Tanzfläche. Nash ist in "Prelude to a Kiss" besonders gut - und "Okay for Baby" war laut Weiner "a hip choice for Les to select", da nur der Komponist Benny Carter und Jimmie Lunceford das Stück bis dahin gespielt hätten. Hier ist zunächst das Posaunenregister im Lead, bevor auch ganz kurz der Leader an der Klarinette zu hören ist, eingebettet von Nash wohl. Danach die Trompeten. Alles sehr tight und der Swing sitzt (Bob Leininger-b, Dick Shanahan-d). Doris Day hatte 1940/41 schon mal eine Weile mit der Band von Brown gesungen - bis sie heiratete und ein Kind zur Welt brachte. Brown überredete sie 1944 dazu, wieder mit der Band aufzutreten, und kaum war im November der Recording Ban zu Ende, kamen die Hits ("Sentimental Journey", "My Dreams Are Getting Better All the Time", "Till the End of Time" usw.). Doch hier ist es noch nicht so weit - obwohl das Stück wirklich hervorragend ist. Die Trompeten sind im Lead im langsamen Aufbau - erst nach über zwei Minuten steigt Day von der Klarinette und den Posaunen lanciert und einer Querflöte umgarnt ein, ihre Stimme etwas rauchig und durchaus sexy.



Rassismus war alltäglich - Lawrence Brown und Harry Carney hatten da natürlich recht - selbst bei einem Bandleader, der als einer er ersten "integrated" Bands auf die Bühne brachte: Charlie Barnet: Seine einzige V-Disc-Session, im Juli 1944 in Hollywood aufgenommen, geht mit "Cherokee (Redskin Rhumba)" los, seinem "exotischen" Thema. "Pompton Turnpike" (arr. Billy May) folgt, dann die neuen Stücke "Sharecroppin Blues" von Willard Robison mit der stark auftretenden Sängerin Kay Starr (arr. Dave Matthews - sie nahm den Song später mit Barnet wieder für Decca und Capitol auf, diese frühe Version sei mit Abstand die beste, meint Weiner) und "Skyliner" (arr. Billy Moore Jr.), von dem es zwei Takes gibt, der Alternate Take wieder ans Ende der CD gestellt. In letzterem ist der Leader am Sopran im Dialog mit einer Trompete (Peanuts Holland?) zu hören. In der Band finden sich wieder wenige bekannte Namen - aber Barnet war auch selbst als Solist aktiv. Und er hatte eine exzellente Rhythmusgruppe: Dodo Marmarosa, Barney Kessel, Howard Rumsey und - weniger bekannt - Harold Hahn. Der neue Pianist und der neue Gitarrist sind in "Blue Skies" (arr. Al Gibson) kurz zu hören, in "Straighten Up and Fly Right" (arr. Harry Rogers) ist Peanuts Holland mit Gesang und Trompete zu hören - und der Leader am verknoteten Altsax. Der Closer, Ellingtons "Drop Me Off in Harlem" (arr. Ralph Burns) öffnet mit der Gitarre, danach ist wieder Holland mit einem Solo zu hören. Die Arrangeure, die Barnet um sich scharten, waren echt gut ... und die Band verbindet die "korrekte" Spielweise mit ordentlich Pep und manchmal Feuer, wie es bei einer reinen Tanzband wie der von Brown vollkommen fehlt.



Die Band des Bandleaders (nur das, kein Instrument) Max Hallett ist eine der ältesten, die V-Disc-Aufnahmen machte, seit 1925 aktiv. Im Herbst 1944 nahm sie ihr Thema "Boston Tea Party", sowie volle Versionen von "Exactly Like You" und "After All That Gin" auf, letzteres mit einem Lunceford-artigen Band-Vocal und passend auf die B-Seite einer Lunceford-Aufnahme platziert. Bei Hallett hatten in den Dreissigern Leute wie Jack Teagarden oder Gene Krupa gespielt, 1944 waren die bekanntesten Namen die von Boots Musulli (as) und Buddy Wise (ts), die beide in "Exactly Like You" zu hören sind. Der grösste Teil der Besetzung ist unklar ev. ist Don Fagerquist im Trompetensatz dabei (und vielleicht als Solist in "After AllThat Gin", in dem es auch ein kurzes Bass-Solo gibt), ein Jon Sher mag er zweite Tenorsax sein und Mary Conlon möglicherweise am Bass - hier gibt es auf S. 5 ein Foto von Hallett, Conlon und Halletts Pianisten John Collins. Das ist nach Barnet wieder etwas braver, aber genuin jazzig. Interessant ist auch die sehr viel synkopischere Phrasierung der Bläser, die auch aus der Rhythmusgruppe zu kommen scheint, die weniger flüssig spielt. Da merkt man wohl, dass diese Band aus einer anderen Ära stammt.

Clyde Lucas, Posaunist und Sänger, leitete eine der vielen Sweet-Bands der Dreissigerjahre und gründete in den Vierzigern eine etwas heissere Band, in der u.a. Arrangements von Don Redman gespielt wurden. Von ihm kriegen wir im Mosaic-Set drei Stücke, die ca. Ende August 1944 aufgenommen wurden. Wieder sind die meisten Leute unbekannt und die vermuteten Namen sagen mir auch nicht viel (Tony Shules, Paul Stelle und Red Travis-t; Sheldon Fonda-tb; Mickey McGuire-cl/as; Allen Yost-ts; Nelson Broadbeck-p). Die sehr ordentliche Sängerin Jean LaSalle ist auf "Ten Days with Baby" (von Goodman 1944 im Film "Sweet and Lowdown" eingeführt) und "Miss You" (mit kurzem Posaunensolo des Leaders) zu hören, der Leader dann auf "Dance with a Dolly", einem Stück, das in der Kriegszeit vom Publikum immer wieder verlangt wurde (das wäre dann wohl Yost mit den paar Takten am Tenorsax). Rhythmisch ist das wieder flüssiger, ansonsten wohl von ähnlicher Güte wie die beiden Stücke von Hallett.

Die letzte Band auf der zweiten CD ist die von Ted FioRito mit einem einzigen, im November 1943 aufgenommen Stück, "Can't Get Stuff in Your Cuff" - es geht hier um den Mangel an Stoffen, der dazu führte, dass die Hosen zu den beliebten Zoot Suits ohne Umschläge genäht werden mussten. Es singt der Trompeter Quig Quigley. In der Band sind vermutlich auch "Big Chief" Russell Moore (tb), Frank Socolov (ts) und Candy Candido (b - später "radio performer und voice actor" u.a. in "The Wizard of Oz", "Peter Pan", "Sleeping Beauty" und anderen Disney-Produktionen). Auch Fiorito, der in der Band das Piano spielt, hatte in den Zwanzigern angefangen und auch als Komponist einen Beitrag geleistet ("I Never Knew" mag der für Jazzkreise wichtigste sein). In der Band wirkten auch die künftigen Swingle Singers mit - und Candido sang auch, aber eben nicht in dieser Nummer, die sich die Seite mit "I Said No" teilte, die "Candy (two-voices) Candido with Ted Fiorito at the Piano" zugeschrieben ist. Candido verfügte über einen Stimmumfang von vier Oktaven, was wohl die Erklärung für die "two voices" sein dürfte (simultan konnte er vermutlich nicht ohne Hilfe der Studiotechnik). Novelty und nicht im Mosaic-Set.
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Mehr gute und überraschend jazzige Tanzmusik - hervorragend gespielt mit attraktiven Arrangements und dem einen oder anderen guten kurzen Solo - bietet die Band von Hal McIntyre, der als fähiger Holzbläser (hier Klarinette und Altsax) 1937 zu den ersten gehörte, die Glenn Miller für seine Band anstellte. 1941 verliess er Miller. Mit dessen Segen, etwas Starthilfe und ein paar Arrangements, gründete McIntyre seine eigene Band, die im Oktober 1943 für V-Disc aufnahm. Bekannte Namen gibt es auch nur wenige - eigentlich nur Eddie Safranski am Bass und vielleicht noch so halb Bart Caldarell am Altsax. Musikalisch orientiert sich die Band mehr bei Ellington (der mit "Do Nothin' till You Hear from Me" auch im Repertoire vertreten ist) als bei Miller - auch dank Arrangements von Dave Matthews (nicht auf den V-Discs vertreten), Howard Gibeling und Danny Hurd, dem Pianisten der Band. Die Highlights sind die zwei instrumentalen Stücke, "The Sheep in the Meadow" und "Rockin' and Ridin'" (beide von Hurd arrangiert, das erste ein Traditional, das zweite ein Stück von Hurd). Sänger Al Noble ist kein Plus, Sängerin Gloria Van auch eher nicht, aber etwas weniger deutlich. Neben dem Leader sind Sal LaPerche (t) und Ted Goddard (ts) die Solisten.

Im Dezember 1944 folgte eine zweite Session, aufgenommen Open Air beim Mason General Hospital auf Long Island, NY, wo Kriegsverletzte gepflegt wurden - vermutlich bei einem besonderen Anlass, da laut Weiner fast die ganze Produktions-Equipe von V-Disc anwesend gewesen ist (produziert hat George T. Simon). Die Band hatte sich durch den "draft" verändert, Hurd ist nur mehr als Arrangeur vertreten, aber Safranski ist immer noch dabei und sein Bass gibt allen Stücken ein auffallend solides Fundament. Die neue Sängerin Ruth Gaylor ist und nur auf dem ersten Stück zu hören - ein grosser Fortschritt. Sie singt mit Schmiss und Swag in "Tabby the Cat" (aus dem Repertoire von Anita O'Day mit Kenton). An Instrumentals kriegen wir hier "Hymn to a Goat" (arr. Gibeling), "Good As a Fool in a Pool" (arr. Barney Koppich) und "Singin' in the Rain" (arr. Hurd), die Soli stammen laut Weiner neben dem Leader von Joe Wiedman (t), Jimmy Emert und Johnny Hayes (ts) sowie dem Pianisten George Miller und mehrmals von Safranski am Bass.



Sagte ich Stan Kenton? Ihn kriegen wir als nächstes, einen der populärsten Bandleader der Kriegsjahre, ein grosser, schlanker Mann mit charismatischem Auftreten auf dem Bandstand und einem Ruf für innovative Musik. Seine einzige exklusive V-Disc-Session fand im Oktober 1945 (unter Simon) in New York statt. In der Band waren damals Buddy Childers, John Anderson, Russ Burgher, Bob Lymperis (t), Ray Wetzel (t, voc), Fred Zito, Jimmy Simms (tb), Milt Kabak (tb, arr), Bart Varsalona (btb), Boots Mussulli, Al Anthony (as), Bob Cooper, Sam Allecia (ts), Bob Gioga (bari), Kenton (p, arr), Bob Ahern (g), Eddie Safranski (b), Ralph Collier (d) sowie die Sängerin June Christy. Nebst den schon genannten kriegen auch Arrangements von Gene Howard, Gene Roland und Charlie Shirley. Los geht es mit Christy und "The Stuf You Gotta Watch" (arr. Roland). In Kentons "Southern Scandal" hören wir Safranski, Childers und Collier. Für "Ride On" (arr. Shirley) - einst von Anita O'Day mit der Band gesungen - kehrt Christy zurück und klingt gut, mit etwas Piano vom Leader. In "I'm a Shy Guy" (arr. Howard) kriegen wir Wetzel als Sänger à la Nat Cole. Posaunist Milt Kabak hat das Arrangement des nächsten Christy-Features geschrieben, "I Never Thought I'd Sing the Blues", wieder ein O'Day, das Christy geerbt hat, wie auch der Closer, "Are You Livin' Old Man" (dieses letzte Stücke erschien - wie ein von Mosaic nicht auftreibbares "Summertime" von derselben Session - anscheinend erst später auf einer AFRS-Transcription-Platte, die offensichtlich nicht die Quelle von Mosaic ist, die nur das erste Stück von einer Hindsight-Platte nahmen). Von Christy mal abgesehen, die eh super ist, muss ich fairerweise (mit meinen durchaus für Kentons Musik empfänglichen Ohren) sagen, dass sich die Band der mir völlig unbekannten McIntyre da echt nicht verstecken braucht.

Dass die Leute bei V-Disc sich mit den jüngsten Entwicklungen auskannten, beweist der nächste Bandleader. Boyd Raeburn nahm im Mai 1944 eine Session für V-Disc auf (produziert gemeinsam von Sholes und Janak), bei der neben zwei eigenen Stücken auch Dizzy Gillespies "A Night in Tunisia" und "Who Started Love", das Vocal-Feature für Dorothy Claire, aufgenommen wurden. Zur Band gehörten u.a. Tommy Allison, Jimmy Pupa und vermutlich Marky Markowitz (t), Tommy Pederson und Earl Swope (tb), Johnny Bothwell und Hal McKusik (as), George Handy (p), Jimmy Johnson (b) und Don Lamond (d), der Leader spielt eins von drei Tenorsaxophonen (die anderen beiden sind Tommy Bauer und Emmett Carls). Gillespie hat die zwei Fremdkompositionen arrangiert (seine eigene mit George Handy zusammen), Ed Finckel die zwei von Raeburn. In Gillespies Stück übernimmt Allison den Lead an der Trompete, Bothwell, Pederson und Lamond sind auch zu hören. Claires Feature verkündet schon in den ersten Takten mit Bothwells Altsax und den ungewöhnlich gesetzten Trompeten, dass eine neue Ära im Big Band-Jazz begonnen hat. Die Sängerin macht ihre Sache ziemlich gut. In den Originals "March of the Boyds" und "Two Spoos in an Igloo" kriegen wir mehr virtuose Trompete von Anderson.

Raeburn kehrte 1948 nochmal für eine kurze Session zurück, bei der nur "Begin the Beguine" aufgenommen wurde, ein Johnny Richards-Arrangement. Ganz so prominent ist die Band zu dem Zeitpunkt nicht mehr besetzt, aber mit Edie Bert, Frank Socolov, Clyde Lombardi und Tiny Kahn sind weiterhin hervorragende Leute dabei. Stan Kenton und Woody Herman hatten zu der Zeit mit ähnlicher Musik viel Erfolg - Raeburn war ihnen zwar voraus, aber leider hatte er nie den Erfolg, den seine ungewöhnliche Band verdient hätte. Wer da einsteigen will, dem seien die Savoy-Aufnahmen ("Boyd Meets Stravinsky", "Jewells") und die Jubilee-Aufnahmen auf Hep ("Jubilee Performances 1946", "March of the Boyds '45-'48") empfohlen. Nicht Musik zum stundenlangen Hören am Stück, aber da ist viel Tolles zum Entdecken dabei.



Kay Kyser? Nie gehört ... und das obwohl seine Band damals "phenomenally popular" gewesen ist. Seine Band begann als College-Band in den Zwanzigern, gehörte Mitte der Dreissiger zu den erfolgreichsten im Land - "Swing fans and the musical press denigrated their ricky-tick novelty style, but they were taking in top money" (Weiner). 1939 fing Kyser dann mit Hollywood-Musicals an und so änderte sich die Ausrichtung der Band immer mehr in Richtung Swing. Als im November 1943 eine V-Disc-Session anstand, war diese Metamorphose längst abgeschlossen. Die Solisten, die in den drei Stücken - "Always", "Bye Bye Blues" und "Shine On Harvest Moon" - zu hören sind, sagen mir alle nichts, aber ein paar hatten lange Karrieren, wie Weiner schreibt, etwa der Klarinettist Rosy McHargue, der in den Zwanzigern bei Trumbauer anfing und bis in die Neunziger im Dixieland-Revival unterwegs war. Andere Solisten sind Bobby Guyer (t), Joe Howard (tb), Noni Bernardi (as - in den Dreissigern bei Goodman, für den er "And the Angels Sing" arrangierte, und bei Tommy Dorsey) und Ray Dunn (ts).

Den Abschluss dieses Kapitels - CD 3 des Big Band Mosaic-Sets - macht ein Stück der Sängerin Dottie Reed with Johnny Blowers and Gang. Drummer Blowers tauchte öfter bei den Small Group-Sessions auf - auch mit einer Session als Leader, bei der auch dieses Stück entstand, "Born to Be Blue", das sich in fast sechs Minuten so richtig entfalten kann. Chris Griffin spielt an der Trompete den ersten Chorus, dann folgt Dottie Reed, die u.a. mit Muggsy Spanier, Jack Teagarden, Goodman, Buddy Rich und Jimmy Dorsey gearbeitet hat. Die Saxophonisten (Bill Stegmeryer am Alt, Peanuts Hucko am Tenor) kriegen auch noch kurze Spots, aber das ist Reids Nummer. Auch dabei sind Herb Winfield (tb), Dave Bowman (p), Guy Smith (g) und Sid Weiss (b).

Ein unerwartetes Highlight am Ende einer schönen aber nicht überragenden CD. Die Highlights davor stammen vor allem von June Christy, die interessanten Akzente von Boyd Raeburn. Ausfälle sind allerdings keine zu vermelden, auch wenn die Kyser-Session jetzt nicht so super finde - sagen wir: solide. Die McIntyre-Sessions sind definitiv mehr als das. Auf CD 4 gibt es dann die geballte Drum-Power von Gene Krupa und Buddy Rich - mal schauen, ob mir morgen danach ist.
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Gene Krupa fand sich im August 1944 zum ersten Mal für V-Disc im Studio - mit seinem "New Orchestra", das er 1944-45 für ein knappes Jahr leitete, nachdem er Tommy Dorsey verlassen hatte. Zehn Streicher, fünf Sänger*innen (hier sind's Lilian Lane und The Escorts, ein Trio aus Lane, Dave Lambert und Buddy Stewart) sowie eine voll besetzte Big Band, in der mit Charlie Ventura (ts) und Marty Napoleon (p) auch noch eine band-within-the-band für echten Jazz-Content sorgen konnte. Krupas Label Columbia nahm diese Band hatte auch nach dem Ende des Recording Ban wenig Interesse, die Band zu dokumentieren, und so ist die kurze V-Disc-Session wertvoll, bei der nach einem - für einmal gesungenen, für sowas hat man ja ein Gesangstrio - Intro "Fish Market" und "The Very Thought of You" zu hören sind, beide über fünf Minuten lang. Das erste ist ein Riff-Tune von Roy Eldridge, das auf "Chi mi frena in tal momento?" aus Donizettis Lucia di Lammermoor beruht und Soli von Ventura, Leon Cox (tb), Harry Klee (as) und Tommy Allison (t) bietet, dazu ein paar aktive Streicher-Passagen und natürlich ein Solo des Leaders - das Arrangement stammt laut Krupa von Buster Harding (auf dem Label der Platte steht Krupa-[Remo] Biondi, aber dort steht auch Verdi statt Donizetti). Das zweite Stück ist ein Balladen-Feature für Lilian Lane mit dicken Streichern, gedämpftem Blech und einem schönen Solo von Ventura. Die Band bleibt hier allerdings recht anonym.

Bei der zweiten Session vom Juli 1945 sind die Streicher weg, neu ist Anita O'Day dabei (zurück bei Krupa nach einer Weile bei Kenton) und singt in beiden Nummern, "Jose Gonzales" und "Ooh, Hot Dawg" (Krupa-Biondi). Die Session fühlt sich fast wie eine Live-Session an, was damit zu tun haben mag, dass sie auf der Dachterrasse des Hotel Astor in New York aufgenommen wurde. Im ersten Stück spielt Don Fagerquist ein Trompetensolo zwischen O'Days Beiträgen. Im zweiten Stück - dem "Boogie Blues", der mal als Pauken-Feature geschrieben wurde, den O'Day aber singen wollte und irgendwelche Lyrics dafür ausgegraben hat (laut Krupa möglicherweise von Billie Holiday) - spielt wieder Leon Cox (tb) mit Dämpfer hinter O'Day), und wir kriegen wir ein Solo von Johnny Bothwell (as). Am Piano sitzt hier George Walters, Harry Babasin sorgt für einen stabilen Bass. Und nach einer guten Viertelstunde ist das Krupa-Segment leider schon vorbei.



Von Buddy Rich kriegen wir auf dem Rest der vierten CD fast dreimal so viel Musik. Mit 18 Monaten stand Rich auf Vaudeville-Bühnen, mit vier war er "Baby Traps, the Drum Wonder" und trat auch als Stepptänzer auf. Mit Joe Marsala, Bunny Berigan, Artie Shaw oder Tommy Dorsey spielte er dann ab 19 Jazz - und hatte seine Bestimmung gefunden. Seine erste V-Disc-Session fand Ende Dezember 1945 oder Anfang Januar 1946 statt, in der Band u.a. Karl Warwick (t), Johnny Mandel und Earl Swope (tb), Aaron Sachs (as) und George Berg (ts), Arrangements steuerten Ed Finckel und Neal Hefti bei. Von Finckel stammt das von "Quiet Riot", einem etwas hektischen Drum-Feature mit einem kurzen Solo von Berg. Hefti hat das etwas entspanntere "A Little Handicap" arrangiert, Bitsy Mullins spielt das Trompeten-, Berg erneut das Tenorsaxsolo. Bei Krupa ist das Schlagzeug vielleicht nicht immer präzise, aber total lässig. Bei Rich muss ich manchmal etwas über die Perfektion hinwegsehen, den etwas steifen Stomp, um die Musik dahinter zu hören - Rich wirkt auf mich oft etwas getrieben ... aber die Band ist gut und ich mag sein Spiel nach einer kleinen Angewöhnungsphase jeweils auch ganz gerne.

Im April 1947 war er für eine produktive Session zurück, in der Band u.a. Allen Eager und sein Bruder Mickey Rich an den Tenorsaxophonen. Die Musik klingt flüssiger, weniger auf rohe Power aus. "Nellie's Nightmare" (Finckel/Rich, arr. Finckel) ist der Opener, der wie das zweite Stück die Überlänge voll ausnützt. Eager spielt ein langes Solo, davor hören wir Harvey Leonard (p), danach auch Bob Asher (tb), Tommy Allison (t) und aus den Riffs ergibt sich dann ein Schlagzeugsolo. "Daily Double" lieh Rich sich von der Band von Georgie Auld und in seiner Ansage stellt er den tollen neuen Tenorsaxer seiner Band vor. Zu hören ist er nach Allison und Ascher - und Eager zeigt in seinem langen Solo, wie stark er von Lester Young geprägt war. Am Ende der guten Hefti-Arrangements ist dann wieder Rich an der Reihe. Ed Finckel hat "What Is This Thing Called Love" arrangiert - mit denselben drei Solisten. Bill Channon hat das Pop-Feature für die Sängerin Linda Larkin arrangiert, "I Believe" (Cahn/Styne), und am Ende kriegen wir noch Tadd Damerons Arrangement von "Just You, Just Me" - mit den drei Solisten, die wir schön kennen.

Ein weiterer Recording Ban sorgte dafür, dass Rich 1948 kaum Aufnahmen machte - aber Ende Oktober holte Tony Janak ihn zum dritten Mal für V-Disc ins Studio - mit einer inzwischen ziemlich prominent besetzten Band, zu der u.a. Hal McKusick, Jimmy Giuffre, Warne Marsh und Teddy Kotick gehörten. Im Opener "A Man Could Be a Wonderful Thing" (arr. Al Cohn) tritt Rich als Sänger auf (Stanley Kay übernimmt an den Drums) - gekonnt aber mit fragwürdigem Text. "The Carioca" ist dann eine halbe Latin-Nummer, arrangiert von Hefti und mit diversen kurzen Soli, vermutlich von McKusick, Asher, Marsh, Allison, Jerry Schwarz am Piano und am Ende viel Druck vom Leader. "Four Rich Brothers" (comp./arr. Giuffre) erschien auf einer der letzten V-Discs (Katalog-Nummer 899) und ist ein Update von Giuffres frühem Hit mit Woody Herman. Er und McKusick sind die Solisten. Später erschienen bei Hep von dieser Session auch noch "Good Bait" (comp./arr. Tadd Dameron) und "(Baby) I've Got News for You", wieder mit Rich am Gesang und Kay an den Drums. Erwartungsgemäss eine starke CD.

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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Der Trompeter Harry James gehörte damals zu den populärsten Musikern der USA. Er nahm zwei exklusive V-Disc-Sessions auf (sie stehen am Anfang von CD 5 der Mosaic Big Band-Box), zusammen mit übernommenen kommerziellen Aufnahmen erschienen insgesamt um die 60 Stücke von ihm bei V-Disc. Morty Palitz produzierte im November 1943 die erste V-Disc-Session mit der Big Band, zu der auch drei Streicher gehörten (zwei Violinen und ein Cello). "Blue Lou" und "Charmaine", die ersten zwei Stücke, sind James-Klassiker, die den Leader in bestechender Form präsentieren. Corky Corcoran ist kurz am Tenorsax zu hören. "The Sad Sack" ist eine entspannt swingende Nummer, nach einem Cartoon-Charakter benannt, der zur Army gehört und nichts auf die Reihe kriegt - James hat die Nummer ganz für sich. In "Mexico City" (arr. Johnny Thompson) hat dann Buddy Moreno, der Sänger der Band, seinen Auftritt - noch so ein "lazy swinger" mit tollem Groove und James im Lead über der Band. "Sierra" (comp./arr. Jack Matthias) ist ein langsam swingendes Feature für die strahlende Trompete des Leaders, und für "Too Marvelous for Words" (arr. Thompson) ist Moreno zurück (1947 mit einem anderen Sänger, Buddy De Vito, und anderem Arrangement für Columbia eingespielt).

Als James im Juli 1945 (George T. Simon) zum zweiten Mal für V-Disc aufnahm, war der Recording Ban vorbei und der Trompeter fand sich mitten in einer Reihe erfolgreicher Aufnahmen. Die Band war auf dreissig Leute angewachsen, mit einer vollen Streicher-Section (zehn Violinen, vier Violas, zwei Celli), Juan Tizol (vtb), Willie Smith (as) und Arnold Ross (p) sind die neuen Namen - Smith, Corcoran und der Gitarrist Hayden Causey sind im "Eight Bar Riff" von James (in zwei Teilen, sieben Minuten) zu hören, das im Mosaic-Set erstmals erscheint. Davor kriegen wir kurz Tizol in "September in the Rain", Corcoran und Ross in "920 Special" (aus dem Basie-Buch, von Earle Warren geschrieben) ausführlich Willie Smith an der Klarinette und am Altsax und nochmal Ross in "Rose Room". Und natürlich ist da immer wieder die charakteristische Trompete des Leaders, die den Drahtseilakt zwischen kraftvoller Strahlkraft und tänzelnder Verletzlichkeit immer wieder meistert. Mehr andere Solisten sorgen für mehr Abwechslung hier - und der Leader kriegt trotzdem seinen Platz. Eine feine Session. Ausser dem "Eight Bar Riff" erschienen alle Stücke auf V-Discs - kein Wunder bei der Popularität der Band.



Claude Thornhill nahm ein einziges Stück exklusiv für V-Disc auf, vermutlich im November 1948, kurz vor Ende des Programms, eröffentlicht auf der Platte mit Nummer 900, die im Mai 1949 im dem letzten Paket von V-Discs, das auf den Weg geschickt wurde, lag. "Easy Does It" von Trummy Young/Sy Oliver kriegen wir zu hören, wobei unklar ist, ob Thornhill oder Gil Evans das Arrangement eingerichtet hat. Lee Konitz könnte der Solist am Altsax sein - oder doch Danny Polo? Auch dabei sind u.a. Mickey Folus (ts), Gerry Mulligan (bari), Joe Derise (g) - und natürlich zwei Hörner (Al Antonucci und Sandy Siegelstein) und eine Tuba (Bill Barber). Ob das ein Alt- (wie Weiner schreibt) oder doch ein Tenorsax-Solo ist? Konitz oder Polo oder eben doch eher Mickey Folus? Ich bin grad echt unsicher, die Sonorität klingt für mich recht eindeutig nach Tenor, aber in die Tiefe geht es eben nur so halb. (Was meinst Du @redbeansandrice? Klick.)

Es gab von Thornhill bei V-Disc diverse weitere Stücke - aber hier, wo es nur das eine exklusive gibt, ist das ein recht starker Stilbruch zwischen James und Count Basie, mit dessen Band es für die zweite Hälfte der fünften und dann mehr als der Hälfte der sechsten weitergeht. Dass Basie fast eineinhalb Stunden Musik exklusiv für V-Disc aufnahm, hatte wohl auch damit zu tun, dass er mit Morty Palitz wie mit George T. Simon befreundet war. Schon im November 1943 ging Basie erstmals für V-Disc ins Studio und nahm seine beiden Originals bzw. Head-Arrangements "Yeah Man" (arr. Horace Henderson) und "Rhythm Man" (arr. Jimmy Mundy) auf. Im rasanten ersten hören wir kurze Soli der Tenorsaxer Buddy Tate und Don Byas sowie der Trompeter Buck Clayton und Harry Edison. Das zweite Stück ist nur eine Spur weniger rasant und besteht, sehr typisch für den frühen Basie, aus ein paar sich abwechselnden Riffs. Kurz nach dieser Session verliess Walter Page die Band und die "all-american rhythm section" war Geschichte. Hier glänzt sie noch mit all ihrer Kraft - mit Basie, Freddie Green, Page und Jo Jones. Von wem die paar Takte Trompete stammen, kann ich nicht sagen (Clayton, Edison oder Ed Lewis kommen alle in Frage, die höhen Töne am Ende von "Yeah Man" spielte vielleicht auch Snooky Young?), das Tenor klingt mehr nach Tate als Byas - nur wer das Piano spielt ist natürlich klar, und wer das tolle Schlagzeug.



Als Basie Ende Mai 1944 in die Liederkranz Hall in New York zurückkehrte (Palitz produzierte), war Rodney Richardson am Bass dabei - und Lester Young am Tenorsax (anstelle von Byas) zurück. Clayton und Snooky Young hatten die Band verlassen, Joe Newman und Al Killian rückten nach. Den "Kansas City Stride" (comp./arr. Dicky Wells) kriegen wir in zwei Takes (der zweite erschien auf einer weiteren Vintage Jazz Classics-CD) - und wir hören Young hier am Ende des Solo-Reigens, nach dem Leader am Klavier, Jimmy Powell am Altsax und Rudy Rutherford an der Klarinette (er war als Nachfolger von Caughey Roberts, der 1943 noch dabei war, auch fürs Barisax zuständig). In Buster Hardings Arrangement von "Beaver Junction" hören wir den Komponisten des Riff-Tunes, Harry Edison an der Trompete, sowie Dicky Wells an der Posaune. Im ähnlichen Tempo geht es mit Buck Claytons (comp./arr.) "Circus in Rhythm" weiter - mit Edison, Young am Tenor und ein paar Takten vom Lead-Altsaxer Earle Warren. Dann ist Warren als Sänger dran mit "Aunt Hagar's Country Home", einem seltsamen Stück über ein Altenheim für Jazzmusiker - das Altsax stammt wohl auch gleich von Warren, ein beeindruckend flüssiger Wechsel. Das Stück, so Weiner völlig zurecht, könnte von Willard Robison stammen, komponiert hat es aber Hal Dickinson, ein Mitglied der Gesangsgruppe The Modernaires (bei den Infos von Mosaic steht "unidentified") - es erschien erst Jahre später auf der oben abgebildeten schwedischen LP. Für "Gee Baby Ain't I Good to You" ist dann Jimmy Rushing dabei - in Don Redmans altem Arrangement singt er nach langem Intro der Band zunächst den Verse - und nach dem Refrain gibt es ein paar kurze Soli, zuerst von Young, dann zum Ausklang eine Klarinette (Rutherford wohl, ich bin mir nicht sicher, ob Jimmy Powell auch mal an der Klarinette solierte). Ist halt toll, wenn man sich auch vier Minuten Zeit nehmen kann! "Basie Strides Again (Along Avenue C)" ist mir mehr durch Lambert, Hendricks & Ross eingebrannt als durch Basie. Buck Clayton hat das Stück geschrieben und arrangiert (ein "head arrangement" wohl, wie so vieles bei Basie aus der Zeit, v.a. wenn die Arrangements den Musikern der Band zugeschrieben werden). Buddy Tate kriegt hier seinen grossen Spot zwischen den Annie-Ross- (bzw. Al-Killian-)Trompetensätzen und den Soli von Wells und Edison, auf den auch noch Young folgt - und dann kriegt Jo Jones, der schon die ganze Zeit glänzt - er ist präzise und doch lässig, spielt einen extrem steady Beat und total lockere, fast frei wirkende Fills dazu - , endlich ein paar Takte. Für "Call Me Darling" ist Thelma Carpenter an der Reihe - Basie hatte fast immer "boy singer" und "girl singer" in seiner Band - eine nette Nummer mit gutem Gesang im gemütlich swingenden Tempo - und einem weiteren Solo von Young. Die Session endet mit "Playhouse No. 2 Stomp (Variations on I Got Rhythm") (Gershwin, arr. Basie) - die letzten zwei Stücke erschienen auch erst auf der VJC-CD oder ev. davor auf einer AFRS-Platte (P-574) - beide Stücke sind auch bei der folgenden Session nochmal eingespielt worden und welche Version auf der für Mosaic wohl nicht greifbaren AFRS-Platte landeten, ist unklar. In der Mosaic-Box finden sich jedenfalls von der Gesangsnummer nur der Take von Ende Mai 1944, von "Playhouse No. 2 Stomp" wurde die spätere Version damals auf eine V-Disc gepresst und die erste vom Mai wohl quasi "rejected" - aber sie ist gut! (Hier gibt es noch einen Fehler: in der Trackliste für CD 5 fehlt "Call Me Darling" - aber auf der CD und auch in der Diskographie und in Weiners Text ist alles da.)



Im Januar 1945 war die Band zurück, dieses Mal im CBS Radio Playhouse in New York und mit George T. Simon. Bei den Trompeten sind weiterhin Edison, Killian und Newman, neu ist Al Stearns dabei. Das Posaunenregister ist dasselbe mit Ted Donnelly, Eli Robinson, Lous Taylor und Dicky Wells. Die Saxophone sind Warren und Powell (as), Lucky Thompson und Tate (ts) und Rutherford (cl/bari), Joe Marshall ist am Schlagzeug dabei - eine Überbrückungslösung zwischen Jo Jones und Shadow Wilson. Und Jimmy Rushing war auch dieses Mal dabei. Los geht es mit einer kurzen Ansage, wie es sie zu fast jeder Band gibt - manchmal auch mehrmals pro Session: ein kurzer Gruss der Musiker an die Soldaten, keine hysterischen "antics" wie bei den Jubilee-Sessions. Dann folgt "Taps Miller" (Basie, arr. Clayton) hat das Stück arrangiert und die fünf Minuten bieten Raum für Soli von Powell (as), Tate (ts), Edison (t), Wells (tb) und Thompson (ts). Letzteren so früh zu hören, finde ich immer toll ... ein paar Aufnahmen mit Basie kannte ich schon, aber die V-Discs habe ich zumindest nie in so guter Qualität wie hier gehört (kenne aber zumindest die Master Takes von Classics-CDs, die ich bei Basie glaub ich komplett habe, wenigstens bis 1947, danach benötige ich sie auch nicht mehr). Don Redman hat sein eigenes "Just an Old Manuscript" und Killians "On the Upbeat" arrangiert - beide hervorragend. Edison und Tate sind die Solisten im ersten, Edison, Tate und am Ende Killian im zweiten - und natürlich gibt es die für Basie so typischen Rhythmusgruppen-Passagen, mit der Gitarre von Freddie Green, ohne die die Band nicht dieselbe wäre. Basie und Rushing grüssen die servicemen vor "Jimmy's Blues", Rushings eigenem Gesangsfeature, und "Take Me Back Baby" (Smith/Basie/Rushing, arr. Andy Gibson), in dem Dicky Wells dem Sänger Antwort gibt. Die Session endet dann mit dem damals - wie alle Stücke von dieser und der folgenden Session - auf einer V-Disc veröffentlichten Version von "Playhouse No. 2 Stomp (Variations on I Got Rhythm)". Hier kriegt Killian für einmal das Trompetensolo (mit Dämpfer und ohne Exzesse - wirklich gut!), gefolgt von Tate (mellow), einer tollen Posaunen-Passage und einem langen Spot für Rutherfords Klarinette am Schluss.



Im Mai 1945 folgte die letzte, wieder sehr produktive Session, dieses Mal in den NBC Studios (wieder unter Simon). Clayton, Lewis und Young waren zurück bei den Trompeten, die jetzt mit Edison und dem neuen Highnote-Spezialisten Karl George auf fünf angewachsen waren. Donnelly, Robinson und Wells begrüssten mit J.J. Johnson einen Neuling im Posaunenregister, während die Saxophone weiterhin von Warren, Powell (ev. auch ss), Tate, Thompson und Rutherford (auch cl) gespielt wurden. Shadow Wilson sitzt jetzt am Schlagzeug und damit ist die Rhythmusgruppe (mit Green und Richardson) quasi wieder ganz. Los geht0s mit "High Tide (I Ain't Mad at You)", gesungen inkl. Scat-Einlage von Taps Miller (dem natürlich "Taps Miller" gewidmet ist, ein Song-and-Dance-Man, der ab und zu mit Basie auftrat). Wells und Clayton rollen ihm den Teppich aus und Thompson ist dann etwas moderner als bei Basie üblich. Für "Sent for You Yesterday" (arr. Eddie Durham) und "Jimmy's Boogie Woogie" ist dann Rushing zurück - Musik aus Basies Repertoire der Dreissiger im Taschenformat (zwei Minuten). Im ersten wird Rushing von einem Tenorsax umgarnt (ich tippe auf Tate) und es gibt ein Trompetensolo (Edison?), im zweiten ein Altsax (ziemlich sicher Powell) und Antwortgesang der Band mit etwas Klarinette von Rutherford im Hintergrund und dann über den Riffs am Ende. Im tollen "Tippin' on the Q. T." (arr./comp. Clayton) ist nach der Rhythmusgruppe gleich wieder Rutherford an der Klarinette der erste Solist, gefolgt von Powell (am Altsax glaub ich, Weiner schreibt Sopransax), Clayton an der Trompete, einem interessant modulierenden Beitrag von Lucky Thompson und einem kurzen Solo von J.J. Johnson. In "San Jose" kriegen wir die tolle neue Rhythmusgruppe so aktiv wie selten und Soli von Edison, Powell und Wells - und einen boppigen Abschluss (der Arrangeur ist unbekannt). "B-Flat Blues" ist eine schnelle Nummer mit Soli von Tate (toller Einstieg!), Rutherford, Edison und Thompson (elegant) - und Wilson blüht inzwischen richtig auf. Den Abschluss des tollen, langen Basie-Segments macht dann die Ballade "Sweet Lorraine", in der Karl George den süssen ersten Chorus spielt, bevor Warren seinen Auftritt als balladeer hat - und sich insgesamt ganz gut schlägt hier.



Auch Lionel Hampton ging zweimal exklusiv mit seiner Big Band für V-Disc ins Studio. Nachdem der Vibraphonist 1940 die Band von Benny Goodman verlassen hatte, wurde er neben Louis Jordan zu einem Pionier eines neuen Stils: Rhythm and Blues. Seine beiden Sessions produzierten ein paar der aufregendsten Aufnahmen aus dem ganzen V-Disc-Katalog. Natürlich gibt es bei der ersten vom März 1944 gleich eine lange Version von "Flying Home" zum Einstieg - und Hampton nutzt die Ansage dazu, den "fellas" zu sagen, dass "we all hope you'll be flying home soon". Fast neun Minuten auf zwei Plattenseiten, auf denen nach dem Vibraphon des Leaders lange Soli von von Arnett Cobb (ts), Milt Buckner (p, hier auch arr.) und Al Sears (ts) zu hören sind, bevor der Leader das Stück beendet. Cobb gewinnt den Geschmackswettbewerb eindeutig, aber Sears' Sound ist natürlich einer der archetypischen R&B-Sounds und auch ein Vorläufer für Leute wie Albert Ayler. Wer im zweiten Teil das Trompetensolo spielt, verrät Weiner uns nicht - eher nicht Cat Anderson, denke ich (die anderen sind Leo Morris, Lammar Wright und Roy McCoy). Das folgende "The Major and the Minor" hat Earl Bostic komponiert (mit einem R. Evans zusammen), der am Altsax (vermutlich Lead, man kann sich einbilden, dass man ihn im verschnörkelten Intro raushört) in der Band sitzt - und um die Band geht es hier in erster Linie, es gibt zwischen satten Tutti und dem Thema ein kurze Spots für Posaunen (Al Hayes, Booty Wood und Fred Beckett bilden die Section - da tippe ich völlig ahnungslos auf Wood), kurze Altsax-Soli (vermutlich beide, zuerst Bostic?), am Ende sind ist dann noch der Leader kurz zu hören (mit dem Sears/Cobb-Dialog muss Weiner wohl die Alt-Solo meinen? hier hat er echt nicht gut aufgepasst). Im letzten Stück der ersten Session, Hamptons "I Wonder Boogie" (später "Hamp's Boogie Woogie") ist der Arrangeur Milt Buckner am Klavier der Solist - nicht so mein Fall, aber seine Mischung aus Boogie, rasenden Linien (stell ich mir manchmal vor, als spiele er die mit zwei Zeigefingern) und wuchtigen Akkorden ist in so einer Band schon sehr effektiv. Ein Posaunensolo kriegen wir hier mittendrin auch noch - und vielleicht ist das stets Beckett, den Weiner bei der zweiten Session "the likely trombonist" nennt (ihn aber "Bennett" nennt)?



Von den zwei Stücken, die Hampton bei seiner zweiten Session im Januar 1945 (die erste Session produzierten Sholes, Janak und Simon gemeinsam, für die zweite ist nur Simon aufgeführt) gab es auch separate Navy-Pressungen. In der Band gab es zahlreiche Wechsel Snooky Young, Wright, Dave Page, Wendell Culley und Morris bilden die Trompetensection, die Posaunen sind Vernon Porter, Andrew Page, Sonny Craven, Allen Durham, Hayes und Becket (sechs!), die Sax-Section leitet der zweifelhafte Herbie Fields (auch cl), Gus Evans, Arnett Cobb und Charlie Fowlkes sind weiterhin dabei, der neue am Tenorsax ist der unterschätzte Freddie Simon. Milt Buckner (p) und Fred Radcliffe (d)sind auch weiter dabei, dafür gibt es nach Eric Miller (g) und Vernon King (b) nun neue Gesichter mit Billy Mackel (elg) sowie Ted Sinclair und Charlie Harris (b). Im "Vibe Boogie" spielen Hampton und Buckner quasi ein Duet mit Bass und Gitarre dazu, bis am Ende die Band riffend einsteigt. Im "Screamin' Boogie" gibt es Band-Gesang, Soli von Morris (t, mit Plunger), Cobb (ts), und vermutlich Bennett (tb) und hohe Töne von Fields (cl) ... und am Ende auch noch eine hohe Trompete (Snooky Young?) bevor das Stück wie üblich mit Riffs endet.

Damit ist CD 6 zu Ende - und eigentlich auch das interessante Segment der Box ... es folgen diverse Army Bands, auch die von Glenn Miller und eine ganze CD mit Bands unter Sam Donahue, dazu die Dorseys, auch noch je eine Don Redman- und Jimmie Lunceford-Session, wohl auch ein paar Sachen, die eher in Richtung Dixieland gehen ... ich bleibe gespannt und bin sicher, dass da noch Entdeckungen zu machen sind - aber halt keine so tollen Sessions wie die von Woody Herman oder Count Basie zu hören sein werden.
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von redbeansandrice »

ich hör das Solo auf Easy Does It auch eher als Tenor... wie du schreibst: an der Range kann man es nicht festmachen - das sind ja auch nur ein paar Töne unten - sondern am Sound... es klingt einfach mehr als wär es irgendwer zwischen Lester Young und Stan Getz... jetzt ist Konitz sicher von den Leuten beeinflusst... und Klarinettisten wie Polo klingen am Saxophon vielleicht manchmal etwas ungewöhnlich... aber ich bleib bei Tenor
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »

redbeansandrice hat geschrieben: 24 Apr 2026, 13:45 ich hör das Solo auf Easy Does It auch eher als Tenor... wie du schreibst: an der Range kann man es nicht festmachen - das sind ja auch nur ein paar Töne unten - sondern am Sound... es klingt einfach mehr als wär es irgendwer zwischen Lester Young und Stan Getz... jetzt ist Konitz sicher von den Leuten beeinflusst... und Klarinettisten wie Polo klingen am Saxophon vielleicht manchmal etwas ungewöhnlich... aber ich bleib bei Tenor
Danke für die Bestätigung. Hab's fünfmal oder so gehört und bin mir inzwischen ziemlich sicher. Diese eine Phrase geht vielleicht auch eine Spur zu tief. Aber der Hauptunkt ist, dass das nie so klingt, als sei das Instrument ganz unten sondern eher so komfortabel mittendrin.
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