

Der Pianist Dave Martin nahm im Juli 1948 exakt ein Stück für V-Disc auf - und leider eins, das nur eine halbe Plattenseite einnahm: "Dave's Rave", eine Variante über "Lullaby in Rhythm" mit Mundell Lowe, Bruce Lawrence und Bill Clark. Martin hatte in Frankreich mit Eddie South angefangen, wurde dann zu einem "session regular" in New York (Steinman), spielte mit Sol Yaged oder Jonah Jones und bei Studio-Aufnahmen. Das Stück ist super, Lowe ist der Star hier, aber Martin und die anderen halten mit.
Und damit geht es mit CD 10 weiter - grosse Schlussrunde. Das Gene Krupa Trio ist als nächstes mit zwei Sessions zu hören, die erste in einer Besetzung, die ich glaub ich nicht kannte: Buddy DeFranco und Dodo Marmarosa nahmen im Mai 1944 drei Stücke auf. Nach Krupas Freilassung Anfang des Jahres (er sass wegen Marihuana-Besitzes und damit zusammenhängenden weiteren Punkten ein Jahr ein) spielte er drei Monate mit Goodman, dann zwei mit Tommy Dorsey, und noch im April gründete er seine eigene Big Band. Natürlich steht dieses Trio in der Nachfolge jenes von Goodman in den Dreissigern - aber in "Liza" scheint es darüber hinaus gehen zu wollen: wir können das noch besser, noch verfeinerter, noch raffinierter! Davor hören wir eine überraschend (nur wegen des Leaders) modern klingende Version von "How High the Moon" (das erst 1980 auf der Aircheck-Platte unten erschien), danach "Hodge Podge", ein Stück von Johnny Hodges, das entspannter daherkommt. Leider sind die Stücke alle kurz gehalten, das letzte nicht mal zwei Minuten.


Bei der zweiten Session des Gene Krupa Trios im Juni 1945 mit Charlie Ventura und George Walters wird die Extra-Zeit des Formates dann teilweise genutzt. "The Man I Love" und das erste lange Stück, "Ten Richie Drive" (einst Krupas Adresse in Yonkers), erschienen auch auf der LP oben. "Dark Eyes" ist wohl ein Highlight hier, Ventura brennt aber auch in "The Man I Love". "Wire Brush Stomp" ist rasant, man kann sich vorstellen, wie das live durch die Decke ging. Im Closer, "Stompin' at the Savoy", dem zweiten langen Stück, scheint Ventura zwischen Webster und Operngesang zu changieren. Wenn man DeFranco und Marmarosa die krassen Passagen irgendwie auch als spontan abnimmt, dann wirkt dieses Trio mit Ventura und dem wenig bekannten Walters, Pianist der neuen Krupa-Band, sehr gut geprobt und die Stücke mit ihren wechselhaften Arrangements wie "set pieces". Das macht Spass, aber erschöpft sich dann halt doch recht rasch, auch weil Ventura nicht mit der Gabe des guten Geschmacks gesegnet war.


Ende Oktober 1945 kriegte George T. Simon auch Roy Eldridge ins Studio. Über eine Basie-artige Rhythmusgruppe (Billy Rowland, Allen Hanlon, Trigger Alpert, Specs Powell - hervorragend aufgenommen) spielt Eldridge zum Einstieg "Roy Meets Horn". Mort Bullman (tb), Ernie Caceres (cl) und Nick Caiazza (ts) sind sind die anderen Bläser - und das erinnert an Sessions am Anfang der Box, doch die Eldridge-Session passt hier perfekt hin, Caceres und Caiazza gehören zu den Leuten, die sich mühelos zwischen Dixieland und Swing hin und her bewegten (Eldridge ja nicht, sein Dixieland-Album zeigt das). In "Old Rob Roy" spielt die Band über Rhythm-Changes und hie wie im Closer "I've Found a New Baby" spielen Caceres und Caiazza gute kurze Soli und es ist besonders schön, Caceres für einmal an der Klarinette hören zu können - aber Eldridge ist, wie fast immer, wenn er irgendwo auftaucht, die Hauptattraktion. Der weniger bekannte Posaunist hat u.a. mit Sy Oliver und Louis Armstrong aufgenommen und spielte später in Billy Taylors TV-Band für die David Frost Show.


Die letzte gute halbe Stunde der zehnten und die erste Hälfte der elften CD gehören dem Vibraphonisten Red Norvo, im ersten Teil mit der Sängerin Mildred Bailey. "Someday Sweetheart" ist ein Revival einer Nummer von 1935 (auf der VJC-CD von Bailey weitern oben erstmals erschienen und inkl. neuen alternate Takes in der Mosaic-Box). In Fletcher Hendersons "Red Dust" (erstmals auf der VJC-CD "Vol. 1" von Norvo) wird deutlich, wie gut Norvo und seine Band den neuen Klängen der Zeit gelauscht haben. Diese erste Session fand im Mai 1944 unter Simons Leitung statt und Aaron Sachs (cl/as) spielt hier eine schlanke, definitiv modern klingende Klarinette - er ist der einige Bläser dieser ersten Aufnahmen für V-Disc von Norvo, der eine Rhythmusgruppe mit Danny Negri, Remo Palmieri, Clyde Lombardi und Eddie Dell zusammengestellt hat. Bailey ist für den "Downhearted Blues" zurück - und wie schon beim ersten Stück klingt ihre Stimme hervorragend. "Blue Skies" von Irving Berlin (auch davon ein neuer Take in der Mosaic-Box) und "Purple Feathers" von Denzil Best folgen, und wie in "Red Skies" sind auch hier die offenen Ohren Norvos und seiner Sidemen - auch des Gitarristen Palmieri - für die jüngsten musikalischen Entwicklungen zu bewundern. Auch hier kriegen wir ausgefeilte Arrangements, aber die Stimmung ist immer entspannt und alles wirkt spontan. Danach ist Bailey für "Hold On" (wieder erstmals auf ihrer VCJ-CD) zurück - hier ist unklar, ob es von einer Session eine Woche später am 24. Mai stammt oder von derselben (17. Mai) wie die Stücke davor.


Für die zweite ausgedehnte Session von Red Norvo - sie wurde schon Ende Oktober 1943 aufgenommen - sind ein paar weitere Leute dabei: Dale Pierce (t), Dick Taylor (tb), Sachs, Flip Phillips (ts), Ralph Burns (p), Lombardi, Johnny Blowers - und leider nicht Mildred Bailey sondern Helen Ward. Red Norvos Oktett also, das z.B. bei einem Town Hall Konzert 1945 auftrat und dort teils dieselben Stücke spielte wie hier: "1-2-3-4 Jump", "Seven Come Eleven" oder "In a Mellotone". Eine Gruppe mit dem fliessenden Swing einer Tanzband, aber mit guten Arrangements und tollen Solisten, eine Gruppe, die vor Energie nur so sprühte. Fast alle der neun Stücke dieser Session erschienen auf V-Disc, nur "I'll Be Around" mit Ward musste auf eine VJC-CD warten (ein Take auf der abgebildeten, der andere auf Vol. 2, ein weiterer alternate Take von "The Sergeant on Furlough" fand sich vor der Mosaic-Box auch auf Vol. 1). Die Band ist wirklich toll, ein Oktett mit der Energie einer Big Band, die wenig bekannten Blechbläser sind exzellent, Flip Phillips am Tenorsax der Star der Band. Helen Ward ist dann weniger nach meinem Geschmack. Sie singt "Too Marvelous for Words" mit einem seltsam zitternden Vibrato, das mich leicht nervös macht - auch wenn ihre Stimme an sich ganz schön ist. Nach dem erst später veröffentlichten "I'll Be Around" ist sie aber auch schon wieder weg und es folgen noch drei instrumentale Stücke. Die Session dauert inklusive der zwei Alternate Takes länger als eine Dreiviertelstunde und gehört sicher zu den Highlights hier.


Im Oktober 1945 kriegte George T. Simon auch Ella Fitzgerald ins Studio. Mit einer hervorragenden Band um Buddy Rich nahm sie drei Stücke auf. Charlie Shavers, Lou McGarity, Peanuts Hucko, Remo Palmieri und Trigger Alpert braucht man nicht mehr vorzustellen, neu sind Al Sears und Pianist Buddy Weed dabei. "That's Rich" öffnet mit Rich und nervösem Shavers im Duo, dazwischen mal eine Phrase von Sears, gefolgt von kurzen Soli von McGarity (toll, mit Dämpfer) und Palmieri, einem walkenden Solo von Alpert, das ins anfänglich von Riffs begleitete Schlagzeugsolo überleitet. Dann ein Solo-Break von Ella mit Scat-Gesang zum Einstieg ihres Dialogs mit Shavers. Die folgenden Passagen von Ella bleiben zunächst unbegleitet, bis die erste längere dann von Rich begleitet wird. Dann folgt Ellas erste eigene Nummer, "I'll Always Be in Love with You" (arr. Jack Mathias) - ein mittelschnelles Swing-Stück mit guten Soli von Weed, McGarity und Hucko. Sears ist hier nicht so überzeugend wie auf dem dritten Stück, "I'll See You in My Dreams" (auch unter Ellas Namen erschienen), wo er auf ein ebenso gutes Solo Shavers folgt, vor Hucko und McGarity, die auch in wenigen Takten ein gutes, persönliches Statement hinkriegen. Bemerkenswert ist im ganzen Stück die Gitarre von Palmieri - und natürlich der Gesang von Ella bei der ganzen Session.


Natürlich hat auf 11 CDs nicht alles Platz, was unter "small group jazz" verstanden werden kann und auf V-Disc erschien - so fehlt z.B. die A-Seite der Platte von Clark Terry and His Section Eights, die dem Buddy Weed Trio (mit g/b) gehörte. Wo jeweils die Grenzen zwischen instrumentalem Pop bzw. Tanzmusik und Jazz liegen und was aufgenommen wurde und was nicht, muss man in so einem Fall den Produzenten überlassen ... ich bin, am Ende der Box angelangt, mit der Auswahl jedenfalls sehr zufrieden. Da ist wenig drin, was wirklich nicht gut ist (ein paar der Novelty-Sachen im Piano-Segment) und ganz vieles, was wirklich hervorragend ist. Clark Terry wurde im Februar 1947 mit Willard Parker (ts), Bob Parker (p), Singleton Palmer (b) und Earl Martin (d) aufgenommen. Zwei kurze und ein langes Stück waren das Ergebnis. Das sind die frühesten Aufnahmen Terrys - und sie zeigen, dass er schon hier (er war noch Sideman bei Charlie Barnet) seinen charakteristischen Ton gefunden hatte - und die Leichtigkeit seiner Linien, diese so eigene Phrasierung, das Vokale. Alles schon da in "Phalanges", einem gemeinsam mit Louis Bellson über Rhythm-Changes geschriebenen Stück. In "Sleep" tänzelt Terry wieder sofort los, Willard Parker kriegt hier nach seinem kurzen Intermezzo im ersten Stück Zeit für ein richtiges Solo und danach treten die zwei Bläser in einen engen Dialog. Die Rhythmusgruppe ist wenig bemerkenswert, macht aber ihren Job und hält das rasante Tempo und den Flow aufrecht. Das lange Stück ist dann "Billie's Bounce" (damals "Billy's Bounce" und angeblich von Terry-Elliott-King komponiert, natürlich Nonsens, Stilbezeichnung auf dem Label "Rebop"), ein Blues im langsam jumpenden Tempo, das der Rhythmusgruppe mehr Raum gibt, den besonders Singleton Palmer am Bass zu nutzen weiss. Terry spielt ein vokales Solo, das auch mal in Doubletime geht - und in die Tiefe, von wo dann Palmer übernimmt, der für meine Ohren hier anfangs etwas unsicher wirkt, sich dann aber fängt und ein Solo spielt, das im vokalen Gestus Elemente des Spiels von Stanley Turrentine vorwegnimmt. Bob Parkers Piano-Solo ist dann einfach gehalten, mehr ein Blues- als ein Jazz-Solo. Im abschliessenden Thema ist dann Palmer am Bass wieder ziemlich gut.
Auch beim letzten Musiker, den wir hier hören, fehlt die andere Seite der Platte, die von Erroll Garner stammte (ein mögliches Ausschlusskriterium wären ursprünglich fürs Radio gemachte, später auf V-Disc veröffentlichte, Live-Aufnahmen und Aufnahmen, die für andere Label gemacht wurden - ein anderes vielleicht auch noch, dass man bei Einbezug mit Problemen rechnen müsste, wie hier*). Aber gut, Lennie Tristano macht den Abschluss (vor den zwei alternate Takes von Norvo) und das ist doch gut. Mit Billy Bauer und Leonard Gaskin nahm er im Oktober 1946 zwei kurze Stücke für eine V-Disc auf. Tristano hatte davor erst eine kommerzielle Session gemacht, für Keynote, weniger als eine Woche vor dieser Session vom 14. Oktober 1946. "I Can't Get Started" with in typischer Tristano-Manier in ein eigenes Poem verarbeitet, mit dichten Harmonien zum Einstieg und sich überlagernden Linien von Bauer, der die Melodie streift, und Tristano, der drunter und drüber und davor und dahinter seine erweiterten Akkorde platziert, während Gaskin das Tempo fixiert und dabei auch die passenden Töne findet, sodass sein Bass nie altmodisch klingt. "A Night in Tunisia" ist dann klar als Dizzy Gillespies Stück erkennbar - zumindest zu Beginn, bevor Tristano beginnt, die harmonischen Möglichkeiten auszuloten, die es bietet.
Die wohl avancierteste Session (die zwar mitten in den Zeitraum von 1943-49 fällt) zum Abschluss. Passt! Ein toller Trip, das alles ... und wo ich jetzt mal eine Vorstellung habe, was in den Schatztruhe alles zu finden ist, kann ich künftig auch einzelne Aufnahmen/Sessions herauspicken. Kompliment an Mosaic für die Programmierung des Sets. Auch da, wo Sessions nicht logisch eingefügt scheinen (zuletzt auf CD 11: Warum ist Ella nicht bei den Sängerinnen? Warum Tristano nicht im Piano-Segment) macht die Platzierung komplett Sinn. Höchstens Bob Haggart ist neben der umwerfenden Woody Herman-Session etwas seltsam platziert. Da hätte vielleicht Red Norvo besser hingepasst ... aber dann hätten sich wieder ganz viele andere Dinge verschoben und es schon richtig, dass Norvo direkt vor die "modernen" Sessions gestellt wurde - und ebenso richtig, dass Stan Hasselgard bei den Swing-Combos und nicht hier zu finden ist.









































