
Mel Powell Trio - Borderline / Thigamagig | Die nächsten zwei Alben, mit einer Woche Abstand im August 1954 aufgenommen, sind auf dem Papier vielleicht nicht so überraschend (keine Sonatinen oder andere "klassische" Kompositionen, die bei Powell später auch zwölftönig/seriell wurden) - aber dennoch voller unerwarteter Wendungen und von grosser Vielseitigkeit: es werden Experimente aller Art mit swingendem Playing verbunden. Das erste Trio greift mit Paul Quinichette und Bobby Donaldson das altgediente Goodman-Line-Up auf, bietet Originals mit avancierter Harmonik und sehr eigenem Charakter neben "klassischen" Jazz-Tunes, in denen Quinichette in seinen Lester Young-Modus fällt. Anderswo ist es gerade sein besonderer Ton, der der Musik eine zusätzliche Sprödheit gibt, was echt gut passt. Powell erweist sich als Experimentator voller Ideen und mit ganz eigenen Klangwelten. Käme das nicht aus dem Swing sondern dem Modern Jazz würde man statt von "Kammerjazz" eher von "Third Stream" reden - aber beide Etiketten greifen zu kurz. Und ich greife einen Punkt auf, den ich im alten Piano-Trio-Faden gemacht habe: auch hier zeigt sich, dass beim Klavier die Grenzen zwischen den Jazz-Stilen/Epochen verschwinden, dass sich moderne Harmonik nahtlos neben Stride-Einflüsse gesellen, dass die Brüche mühelos - manchmal innerhalb zweier Takte in einem Stück - überwunden werden bzw. gar nicht erst da sind oder sich eben eher im Rhythmischen zeigen, während Melodie und Harmonik mühelos mit dem mithalten kann, was die Bopper und ihre Nachfolger/Kollegen im Cool Jazz, so machten. Und dabei wirkt das hier oft deutlich weniger steif als so manches Westküsten-Experiment. Das bewahrheitet sich alles auch beim zweiten Album, auf dem Ruby Braff den Bläser-Posten übernimmt. Braff zeigt hier immer wieder seinen besonderen (und vielschichtigen) Ton, hat keinerlei Mühe mit den Stücken, die manchmal auch klassische Elemente einbringen (aber keine Vermischung à la Third Stream machen, das steht hier eher gleichberechtigt nebeneinander - auch wieder innerhalb der Stücke), in "Bouquet" klingen der erste und der letzte Teil der ABA-Form wie eine Trompetensonate.
Mel Powell – Out on a Limb | Das letzte Vanguard-Album von Mel Powell entsteht am 19. Oktober 1955 und erscheint im 12"-Format. Zehn Kollegen, eine Marathon-Session. Wir hören Powell im Trio mit Tommy Kay (g - ehemals bei Jimmy Dorsey und Teil der Band von Mildred Baileys Radio-Show "Music 'Till Midnight") und Arnold Fishkin (b - von Lennie Tristanos Band, davor in verschiedenen Big Bands) (zwei Stücke) und einmal mehr mit Braff/Donaldson (zwei alte Klassiker: "Beale Street Blues" und "Rosetta"), mit Al Mattaliano (t - damals bei Kenton), Peanuts Hucko (cl - dank den Armstrong All Stars und der Band von Lawrence Welks TV-Show wohl der damals bekannteste Name), Nick Caiazza (ts - in den Dreissigern und Vierzigern Mitglied diverser Big Bands), Kay, Fishkin und Bobby Donaldson (vier Stücke) sowie mit Skeeter Best (g), Oscar Pettiford (b) (zwei Stücke im Trio) plus Braff und Donaldson (zwei Stücke im Quintett). Das ergibt 41 Minuten Musik, die auf einem als "composition recital" konzipierten Album veröffentlicht wurde, wie Thomas W. Cunniffe im Mosaic-Booklet schreibt. Auch hier mischt sich vieles: Swing, Einflüsse aus dem West Coast Jazz ... und im Opener "Gone with the Wind" (im Trio mit Gitarre/Bass) auch tatsächlich hübsche Kontrapunkt-Passagen, wie sie z.B. auch beim Modern Jazz Quartet zu hören sind. Hauptsächlich aber gibt es im ersten Teil mit dem Septett tighte, attraktive aber mir eine Spur zu aufgeräumte Arrangements und gute Soli, besonders vom Leader, der einen echt besonderen Touch hat - irgendwo zwischen Teddy Wilson und John Lewis möchte ich sagen, aber das greift sicher viel zu kurz, denn auch Waller grätscht immer wieder herein. Im Arrangement von "Stompin' at the Savoy" gibt es schöne Soli von allen, nicht nur von Hucko und dem auch anderswo glänzenden Caiazza sondern auch von Mattaliano und Kay.
Auf der B-Seite gibt es dann das Quintett - doch nur in zwei der sechs Stücke. Eingerahmt wird die Seite von den zwei Stücken mit Braff/Donaldson, auf das erste folgen die zwei mit Best/Pettiford, danach die zwei vom Quintett. Das ist keine Fortschreibung von "Thigamagig" - was man bei der Wahl der Stücke auch eher nicht erwartet hätte, aber bei Powell weiss man wirklich nie. Die Musik ist gradlinig und druckvoll - einfach guter Mainstream-Jazz, wie er auf zahlreichen Platten der "Vanguard Jazz Showcase"-Reihe zu finden ist. Braff growlt altmodisch durch den Blues von W.C. Handy, in "Rosetta" solieren alle drei hervorragend. In "Three Little Words" glänzt Best mit einem tollen Gitarrensolo (gefolgt von einem ebenso tollen Solo des Leaders), während in "You're Lucky to Be Me" Pettiford überragend gut spielt - in der Begleitung wie im Solo. Im Quintett verschwinden die Gitarre in die Begleitung, zu hören gibt es "Liza" (mit überragendem Braff - und Bass-Begleitung beim Besen-Solo der Drums) und "The Best Thing for You" (auf vielen Veröffentlichungen falsch als "The Best Things in Life Are Free" angegeben).
Unter dem Strich kein so tolles Album wie die beiden mit den Trios oben - aber zugleich ein hervorragendes Showcase für Mel Powell - als Komponist, als Arrangeur, als Bandleader ... und vor allem als Pianist, als der er in all den Settings glänzt.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00