Ernie Wilkins & The All Stars Band – K.A.L.E.I.D.O.D.U.K.E | Eine Ellington-Hommage, aufgenommen an zwei Tagen Ende Mai 1990 live in Paris und vier Jahre später von Birdology veröffentlicht - produziert und Liner Notes geschrieben hat Jean François Deiber, der Gründer von Birdology, aber aussehen tut das ganze Produkt wie eine typische damalige französische Verve/PolyGram/Gitanes-Produktion (gleiches Layout fürs Booklet usw.). In den Liner Notes gibt es Hinweise darauf, warum das ein besonderes Album geworden ist, denn für Ernie Wilkins war klar, dass er nie den Original-Sound der Ellington/Strayhorn-Band mit ihren charaktervollen Solisten erreichen kann und daher einen anderen Weg gehen muss: "I honestly and sincerely believe that the only way for me to pay tribute to the master is to present my own interpretation of the music of Ellington and his orchestra" - und er spricht dann von "re-creating" (und erwähnt das im Vorjahr im Rahmen eines Tributes and Charlie Parker zusammengestellte Projekt, bei dem er die Musik von Parker mit Jay McShann rekonstruiert hatte ("Paris All Star Blues Featuring Jay McShann - A Tribute to Charlie Parker"), das viel einfacher gewesen sei. Das hat mit der Anlage der Musik zu tun, klar. Für eine Hommage an Ellington musste Wilkins mit handverlesenen Leuten anfangen und dann - wie Ellington/Strayhorn - die Arrangements für diese schreiben. Dabei kommen wie bei Ellington die Klangfarben zum Einsatz, über die die ausgewählten Musiker eben verfügen. Klar sind dabei ein paar erfahrene Big Band-Leute dabei - auch ein paar, die mit Ellington gespielt haben, ebenso wie ein paar, die wie Wilkins mit der Basie-Band gespielt haben. Snooky Young, Benny Bailey (einer der Starsolisten des Albums) und Art Farmer (auch Flügelhorn) bilden die Trompetensection, Grover Mitchell und Curtis Fuller die kleine Posaunensection. Den fünf Blech- werden ganze sechs Holzbläser gegenübergestellt: Alvin Batiste (cl), Marshall Royal (as/cl), Frank Wess (fl/ts), Joe Henderson und Ernie Wilkins(ts) sowie Ronnie Cuber (bari). Die Rhythmusgruppe besteht aus James Williams, Jimmy Woode und Charli Persip. Es gibt gleich im Opener, Strayhorns "Johnny Come Lately", die Klarinetten von Batiste und Royal neben Baileys Growl-Trmopete zu hören - und im folgenden "The Mooche" das gleiche Trio, mit Royal jetzt am Alt. In "Sophisticated Lady" präsentiert jemand am Sopransax (im Booklet steht Wess und Flöte - vielleicht ist das Wilkins' einer Spot im Rampenlicht, denn er spielte ja tatsächlich in den Achtzigern mit seiner "Almost Big Band" auch Sopransax) das Thema: Cuber kriegt die Bridge und Batiste ist als Solist auch noch gelistet, aber hier glaub ich nur im Satz zu hören. Strayhorn ist noch mit "My Little Brown Book" (mit Mitchell, Cuber und Williams) und "Isfahan" (mit Farmer, Wess und Royal)vertreten, Ellington mit "Kinda Dukish" (mit Williams, Batiste, Persip und Woode), "Don't Get Around Much Anymore" ein Feature for Royal) und dem Closer "Take the Coltrane" (in dem Joe Henderson wie Curtis Fuller sein einziges Solo spielt - 18 Minuten dauert das Stück und die halbe Band kommt zum Zug: Williams, Henderson, Bailey, Batiste, Fuller, Royal, Cuber, Williams und am Ende Persip). Der Sohn ist mit "Things Ain't What They Used to Be" dabei (ein Feature für Batiste) und Johnny Hodges mit "Good Queen Bess" (mit Royal, Bailey, Wess, Williams und Woode). Royal kriegt viel Raum - eine Art späte Wiedergutmachung vielleicht? - und weiss den hervorragend zu nutzen, Farmer spielt in "Isfahan" das Flügelhorn, Bailey, Wess, Williams und Woode kommen auch mehrfach zum Zug ... das ist also keine Tenorsax-lastige Big Band, auch keine typische Swing-Band, dafür sind Wilkins' Arrangements dann doch zu ... ja was überhaupt? Besonders modern sind sie nicht mal, aber sie öffnen andere Räume als wir es bei Ellington gewohnt sind, und ich denke, das hat auch viel mit der aktiven Rolle von Persip am Schlagzeug zu tun, aber auch damit, dass Wilkins die Sounds anders kombiniert und aufbricht, als man das kennt - auch das eine schöne Hommage an Ellington, der gerade für ungewöhnliche Kombinationen ein besonders Faible hatte und damit immer wieder Klänge fand, wie kein anderer - ausser Strayhorn.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00