KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

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atom
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KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von atom »

Ted Gioia berichtet auf The Honest Broker über eine sich offenbar rasant ausbreitende Betrugsmasche: Unter den Namen bekannter Jazz-Musiker:innen tauchen auf Streaming-Plattformen KI-generierte Fake-Alben auf – ohne Genehmigung, aber mit vollen Royalty-Ansprüchen der Scammer.

Bestätigte Fälle innerhalb weniger Tage: Benny Green, Nat Adderley (mit weißem Trompeter im Thumbnail und dreiarmigem Bassisten auf dem Cover), Marc Johnson, Abbey Lincoln, Bob Dorough, Billy Strayhorn und weitere.

Benny Green hat die Fälschung persönlich bestätigt – das Album war eine Woche später noch immer online, obwohl sein Manager versuchte, es entfernen zu lassen.

Spotify bewirbt diese Fake-Tracks sogar aktiv über den Release Radar. Einen einfachen Meldeweg gibt es nicht.
Gioia vermutet, dass Jazz nur der Anfang ist – kleine, unübersichtliche Diskografien, wenig aufmerksames Publikum, ideale Bedingungen für Fälscher. Wenn hier nichts passiert, weitet sich das aus. Mir sind in letzter Zeit ähnliche verdächtige Releases auch bei Tidal aufgefallen.

https://www.honest-broker.com/p/is-spot ... ersonation

In den Kommentaren wird darauf hingewiesen, dass dieses strukturelle Problem offenbar bei den Distributoren liegt. Dienste wie Distrokid oder Ditto ermöglichen für einen Jahresfixbetrag unbegrenzte Uploads ohne nennenswerte Kontrolle. Als pragmatischer Lösungsansatz wird diskutiert, eine kleine Gebühr pro Track einzuführen, um industrielle Spam-Uploads wirtschaftlich unattraktiv zu machen. Außerdem: Man muss nicht berühmt sein, um betroffen zu sein – der Komponist David Rothenberg berichtet, dass auch er bereits gefälscht wurde.
serenity now!
dogear
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von dogear »

Oha!
Der Rock ist ein Gebrauchswert (Karl Marx)
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DJ@RSO
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von DJ@RSO »

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Nat Adderley - Low Tide, High Grief @ Spotify

Ach, du Sch.....!

Wenn es nicht so traurig - nein, schockierend - wäre, wäre es einfach nur lächerlich.
Doe maar gewoon... dan doe je al gek genoeg.
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latho
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von latho »

Teufelskerl, dieser Sax-Player/Bassist! Wieso hat man von dem Mann nicht mehr gehört?
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gypsy tail wind
DJ
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von gypsy tail wind »

Ich will echt nicht zynisch tönen, aber ich hab das schon lange erwartet - auf YT gibt es auch schon massenhaft Playlisten von vermutlich KI-generierten Inhalten - mir ist dort noch nichts untergekommen, was einem bekannten Musiker untergejubelt wurde, aber eben: war längst zu erwarten. Zum Kotzen ist es trotzdem (ebenso wie die Investitionen von Spotify in den Waffenmarkt).
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
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Doc F.
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von Doc F. »

Umso mehr befremdet mich das, was ich kürzlich bei Perlentaucher über Pat Metheny gelesen habe:

„Der Jazzgitarrist Pat Metheny erweist sich im SZ-Gespräch mit Andrian Kreye als erfrischender KI-Enthusiast. Wer vor KI in der Musik Angst hat, habe nur Angst um seine Platzierung in den Charts, meint er - für Leute aus seiner Welt sei also eh nichts zu verlieren. KI "könnte den kulturellen Mittelweg verändern, auf dem sich der Großteil der Popmusik bewegt. Ich hoffe, dass die Leute davon einfach gelangweilt sein werden, weil KI das besser kann als die meisten dieser Leute. Die Leute werden draufkommen, dass man sich etwas anderes einfallen lassen muss. So etwas Ähnliches ist in unserer Welt aber immer wieder passiert. Es gab in den vierziger Jahren all diese Musik, die sich immer wieder aufs Neue wiederholte und dann kam Charlie Parker und veränderte alles." Und "jedes Mal, wenn man sich mit KI beschäftigt, wird man von dem, was passiert, überrascht. Aber nur wenn man weiß, wie Musik funktioniert. Sonst klingt das wahrscheinlich albern. Aber wenn man versteht, was in all dem wirklich Cooles steckt, entdeckt man die neuen Möglichkeiten, die sie in den Harmonien, den Melodien, den Rhythmen finden.“ (https://www.perlentaucher.de/efeu/2026- ... ny#a103564)

Ich kann ihm da nicht ganz folgen. Aber vielleicht bin ich auch nur zu pessimistisch eingestellt.
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Ewalds Ghost
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von Ewalds Ghost »

Auch mich überrascht diese Entwicklung nicht. Mit einer frei verfügbaren App (z.B. Suno) kriegt jeder in Minutenschnelle einen passablen Song hin. Thema eingeben, ein paar key points. Songtexte generieren lassen. Dann den Stil (zB Gitarre, female voice, new wave), Button drücken, 15 Sekunden warten, voila. Mit "passabel" meine ich: Das Ergebnis klingt wie tausend anderes was man z.B. im Formatradio hört. Die meisten Hörer (mich eingeschlossen) würden nicht bemerken dass es KI-generiert ist, wenn es im Radio gespielt wird. Dass man mit mehr Aufwand auch sowas mit Jazz machen kann, also dass man zumindest beim flüchtigen Reinhören nichts merkt, halte ich für plausibel. Oder einen Musiker komplett mit Profil, Lebenslauf und zugehöriger Musik per KI zu kreieren, so wie das im alten Thread in einem Video zu sehen war (ich glaube @friedrich hatte es verlinkt). Da wird noch einiges gruseliges auf uns zukommen.

Was das Zitat von Pat Metheny angeht: Einen Gedanken finde ich ganz interessant. Wenn KIs in der Lage sind gefällige Gebrauchsmusik aller Richtungen zu generieren, wird es für Musiker die bisher vor allem gefällige Gebrauchsmusik produziert haben schwieriger, und sie müssen kreativer werden.
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Doc F.
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von Doc F. »

Ewalds Ghost hat geschrieben: 10 Mär 2026, 19:46
Was das Zitat von Pat Metheny angeht: Einen Gedanken finde ich ganz interessant. Wenn KIs in der Lage sind gefällige Gebrauchsmusik aller Richtungen zu generieren, wird es für Musiker die bisher vor allem gefällige Gebrauchsmusik produziert haben schwieriger, und sie müssen kreativer werden.
Ich mag Pat Metheny. Tatsächlich finde ich die Einstellung allerdings ein wenig zu elitär, wenn er meint, es sei so einfach Popmusik zu schreiben. Ich glaube auch nicht, dass er richtig liegt, also dass KI dazu führt, dass es zu einer Art Selektionsprozess zu mehr Qualität kommt.
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Ewalds Ghost
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von Ewalds Ghost »

Passend auch dazu: Die Gema verklagt Suno.

https://www.zdfheute.de/wirtschaft/suno ... t-100.html
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Friedrich
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Re: KI-Fakes auf Streaming-Plattformen: Jazz-Musiker:innen werden massenhaft imitiert

Beitrag von Friedrich »

Wir hatten das Thema Musik und KI im alten RS-Forum diskutiert und hier fortgesetzt. Vielleicht sollte man die Diskussion auch da fortsetzen.

Auslöser war eine Glosse von Detlef Diederichsen in der taz: „Seit sich mit Musik Kohle machen lässt, ist – mit Verlaub – Scheißmusik die Norm. Ketzerisch gefragt: Warum überlassen wir die nicht einfach der KI?“

Hier hat Rick Beato mit Hilfe von KI einen Indie Rock-Musiker komplett mit Foto und Songs generiert.

Ich habe auf der homepage von Suno spaßeshalber mal einzeilige Prompts eingegeben, durch die im Handumdrehen Popsongs erzeugt wurden, die ohne weiteres im Radio-Tagesbegleitprogramm oder einer algorithmisch generierten Playlist laufen könnten. Je origineller der Prompt, desto origineller aber auch das Ergebnis. Bei der Imitation von Keith Jarrett stieß Suno allerdings an Grenzen. Nat Adderley oder andere, lebende Musikerinnen wie Holly Cole oder Gretchen Parlato sind aber offenbar einfacher zu imitieren. Natürlich ist das künstlerisch, moralisch und rechtlich total mies! Aber Produktpiraterie ist nichts neues.

Ganz weit holt Vlogger Adam Neely in diesem 90-minütigen Video aus, in dem er anhand der Entwicklung von KI-generierter Musik über verschiedene sozio-kulturelle und sozio-psychologische Begleiterscheinungen philosophiert. Auch und gerade in dieser Länge sehr sehenswert. Ich habe mir das in 2 Portionen à 45 min angesehen und fand es sehr anregend. Danke an @NvF für diesen Tipp!

Und hier legt Diederichsen d. J. noch mal nach: „Und gleich noch ein Karrieretipp für alle, die lieber heute als morgen von Maloche auf müheloses Einkommen umstellen möchten: Beauftragen Sie die KI Ihres Vertrauens, je tausend Songs im Stil von (diversen Popsternchen) zu produzieren (...) und laden Sie den ganzen Krempel bei den einschlägigen Streaming-Anbietern hoch. Wäre doch gelacht, wenn da nicht ein Hit dabei ist und Sie noch in diesem Frühjahr in Ihr eigenes 300-qm-Penthouse in Dubai umziehen können!“

Ich bin vor einiger Zeit beruflich mit KI konfrontiert worden. Ich war von den Fähigkeiten der KI teils völlig überrascht und darüber erstaunt, teils fand ich das aber auch banal. Beeindruckend ist in jedem Fall die rasante Entwicklung dieser Technologie. Während hier und anderswo noch über den künstlerischen Wert, die moralischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen von KI diskutiert, gejammert und geklagt wird, hat die KI einen schon längst rechts überholt. Die KI wartet nicht auf die Bedenkenträger. Ob das gut ist oder schlecht, weiß ich nicht zu beurteilen.
Zuletzt geändert von Friedrich am 11 Mär 2026, 16:18, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)