Top25 Hip-Hop-Alben

Jahrgangsbeste, ...
Benutzeravatar
salamandersalat
Beiträge: 509
Registriert: 07 Dez 2023, 17:38
Has thanked: 297 times
Been thanked: 137 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von salamandersalat »

#11:

Bild

Dayton Family verkauften von ihrem zweiten Album F.B.I. über eine Million Exemplare, ohne von MTV gespielt zu werden oder US-weiten Radioeinsatz zu genießen. Die Crew aus Flint, Michigan, der Heimatstadt von Michael Moore, eine der gebeutelsten Regionen der USA, mit exorbitant hohen Armuts- und Kriminalitätsraten (ganz zu schweigen von den massiven Umweltproblemen), reduziert den G-Funk der Westküste auf das Nötigste (Samples fehlen komplett) und forciert eine No-Bullshit-Attitüde, die andere Gangsta Rapper wie FDP-Schlagerclowns wirken lässt.
Besonders die eindringlichen Stimmen von Bootleg und Shoestring machen den Reiz aus, abgehärtet, in jungen Jahren schon lebenserfahren, doch nicht resigniert, sondern hungrig und angriffslustig.
Das Intro des 1996er-Albums F.B.I., 79th & Halstead, bezieht sich auf einen aberwitzigen Vorfall, der die Welt, in der sich Dayton Family bewegten und immer noch bewegen, eindrücklich skizziert: Die Gruppe wurde für einen Gig in Chicago gebucht, ausschließlich um dort ausgeraubt zu werden. Die Weigerung eines Homies von Bootleg "seine Baseball-Kappe zu richten" (straighten your hat, Gang-Symbolik), führte dann auch noch zu einer überaus brenzligen Situation, in der die Crew durch einen ganzen Block voller Gang-Mitglieder Spießruten laufen musste. Potenziell tödlich, ein potenzielles Blood Bath.
Kann ihnen also niemanden verübeln, dass sie Nas' If I Ruled the World zu ihrem eigenen Ding machten: Real with this.
Keramikvasen geh'n jetzt wieder viel leichter kaputt.
Benutzeravatar
Grievous Angel
Beiträge: 246
Registriert: 12 Mär 2026, 01:46
Wohnort: Wuthering Heights
Has thanked: 42 times
Been thanked: 103 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von Grievous Angel »

Großartig, vielen Dank! Das ist wirklich sehr aufschlussreich, darauf werde ich in Zukunft definitiv zurückgreifen, wenn ich hier ein paar Lücken schließe. :)
keep on sailing.
Benutzeravatar
Fevers and Mirrors
Beiträge: 184
Registriert: 27 Nov 2023, 22:08
Been thanked: 36 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von Fevers and Mirrors »

Ja, sehr stark, salamandersalat!

Bei Mac Mall gehe ich mit - ganz stark, "Bow Down" überzeugt mich nicht ganz so sehr (zu prollig? Vielleicht. Jedenfalls mehr attitude als irgendwas anderes.) und The Dayton Family habe ich leider nicht mehr genügend im Ohr, um es zu beurteilen.
Benutzeravatar
salamandersalat
Beiträge: 509
Registriert: 07 Dez 2023, 17:38
Has thanked: 297 times
Been thanked: 137 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von salamandersalat »

#21:

Bild

Ein extrem seltener Fall, wenn eine Gruppe aus dem tiefsten Untergrund ihren musikalischen Stil dem Mainstream öffnet, ohne den ursprünglichen Sound zu verraten. Dabei hatte die Unterstützung durch eine große Plattenfirma schon ihren Tribut gefordert: Aus der Triple Six Mafia wurden Three 6 Mafia. Corporate America fickt nicht mit dem Teufel. Zumindest nicht auf den ersten Blick.
In den frühen 90ern entwickelte sich in Memphis ein völlig eigener Rap-Entwurf, der wenig mit den bisher populären Ausführungen zu tun hatte: Ein schleppender, psychedelischer und extrem dunkler Twist des Gangsta Raps, angereichert um Spielereien mit dem Okkulten und vor allem durch Mixtapes verbreitet. Auch wenn urban legends, die mittlerweile auf Reddit kursieren, den Leichtgläubigeren unter uns etwas anderes weißmachen wollen, war die Szene in etwa so satanistisch wie Black Sabbath. Soll heißen: Die Inspiration kam aus Büchern, Filmen und Musik. Berichte über Rituale, gesampleten Todeskampf von Blutopfern und ähnlichem Quatsch entstammen der kleinen und schäbigen Fantasie des Internets, Hort der True Crime-Seuche.
Viel interessanter: Der Sound-Entwurf, die Flows (man höre vor allem mal die Parts von Koopsta Knicca und Project Pat!), die Sample-Quellen. Horrorcore hatte sich vorher entwickelt, blieb traditionellen Rap-Formeln aber deutlich verhafteter, meist waren es die Texte, welche das Genre markierten und ausmachten.
Auf Chapter 2: World Domination schleicht sich ein leichter, schon anachronistisch wirkender G-Funk-Einfluss ein, der das Soundbild auflockert und die Tracks deutlich zugänglicher gestaltet als etwa noch auf dem Debüt Mystic Stylez.
Drei meiner Favoriten: Are You Ready 4 Us (mit Feature von Shoestring, Dayton Family, on point!), Body Parts 2, Weed Is Got Me High.
Mit Tear da Club Up '97 findet sich sogar ein veritabler Club-Hit, der die Ära des Crunk einläutete, später popularisiert und kannibalisiert durch Lil' Jon.
Keramikvasen geh'n jetzt wieder viel leichter kaputt.
Benutzeravatar
salamandersalat
Beiträge: 509
Registriert: 07 Dez 2023, 17:38
Has thanked: 297 times
Been thanked: 137 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von salamandersalat »

#13:

Bild

In Musik und Umfeld von Brotha Lynch Hung vermischen sich manchmal auf unappetitliche Weise Gewaltfantasien und Realität. Die krassen Texte und düsteren G-Funk-Beats fußen auf einem Leben als Mitglied der 24th Street Garden Blocc Crips in Sacramento, Kalifornien.
Das Doppel-C in Blocc und Albumtitel vermeidet eine bestimmte Schreibweise, weil gegnerische Bloods "ck" synonym für "crip killer" verwenden. Dies funktioniert auch umgekehrt, so nutzt Blood-affiliated Rapper YG z.B. "Bompton" anstelle von "Compton". Ein "C" stellt einen Affront dar. (Die Ursprünge liegen im Gang-Graffiti, hier schon mal erwähnt im Track Cross 'em Out and Put a K von Westside Connection. Durchgestrichene Namen/Tags mit einem K daneben formen eine ernstzunehmende Drohung, vor allem aber eine Reviermarkierung.)
Songtitel wie Welcome 2 Your Own Death, Rest in Piss und Return of da Baby Killa sprechen eine deutliche Sprache. Das eigentliche Politikum ist aber der gefeaturete Rapper auf letztgenanntem Track: Sicx, Sandkastenfreund von Brotha Lynch Hung, Anfang der 2000er wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornographie zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Wie REAL willst du deinen Rap?
Als Season of da Siccness: The Resurrection 1995 erschien, wusste noch niemand von diesen Vorfällen. Brotha Lynch Hung schien einfach die lyrisch begabtere und ausgefallenere Version von Snoop Doggy Dogg zu sein, mit einem präziseren und energetischeren Rap-Stil, eingebettet in eine sinistere Variante des angesagten West-Coast-Sounds. Neben den üblichen Gang- und Ghetto-Themen kniet sich Lynch Hung tief in Texte über Kannibalismus, Infantizid, Tod und Nekrophilie. Dazwischen wird dann ein bisschen Dope mit dem Teufel geraucht und dem Alkohol zugesprochen.
Das Zwielicht umwabert die komplette LP, wirklich hell scheinen jedoch Lynch Hungs Delivery und Flow.
Keramikvasen geh'n jetzt wieder viel leichter kaputt.
Benutzeravatar
Catch-22
Beiträge: 48
Registriert: 02 Jun 2026, 20:13
Has thanked: 52 times
Been thanked: 12 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von Catch-22 »

salamandersalat hat geschrieben: 04 Aug 2026, 04:00

Wie REAL willst du deinen Rap?
Da bin ich mir grad nicht sicher.

Sehr informativ und unterhalsam geschrieben, danke, wäre sonst ein blinder Fleck in meiner (eher konservativen) musikalischen Welt geblieben.
And this is how you can be walking and falling
At the same time
Benutzeravatar
salamandersalat
Beiträge: 509
Registriert: 07 Dez 2023, 17:38
Has thanked: 297 times
Been thanked: 137 times

Re: Top25 Hip-Hop-Alben

Beitrag von salamandersalat »

#10:

Bild

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Coolio aus den Reihen des Maad Circle eine Weltkarriere bestreiten würde? Mit weniger Skillz als seine Bandmitglieder WC und DJ Crazy Toones gesegnet, dafür jedoch mit einem natürlichen Spitzbubencharme, der sich prima über das Musikfernsehen verkaufen ließ, war er mit seiner Antennenfrisur eine Zeit lang das internationale Aushängeschild des West Coast Gangsta Raps. Auch dank Michelle Pfeiffer und Dangerous Minds.
WC nimmt man heutzutage eher als Anhängsel von Ice Cube wahr, das, gleich einem Zirkuspferd, live vor allem seinen crip walk vorführen darf, gefolgt von einer kurzen Auswahl älterer und neuer Tracks. Hauptattraktion: Ice Cube. Der bullige WC verkommt zum Hypeman. Ein bisschen unfair, denn WC ist in seinem Rap-Style deutlich beweglicher und variationsfreudiger als sein heutiger Mentor - und stand auch lange auf eigenen Beinen. Etwa mit DJ Aladdin als Low Profile, Ende der 80er.
DJ Crazy Toones mixte und scratchte nicht nur für die Gruppe, sondern steuerte auch Beats und Produktionen bei. Ein wenig die gute, gelassene Seele der Band.
Überhaupt verkörpern WC & The Maad Circle eine gewisse Lässigkeit und Gewitztheit, die im Laufe von WCs Solokarriere zunehmend aus den Texten verschwanden und später nur noch als Ad-Libs und Gimmicks auftauchten. Je mehr WC an Muskelmasse zulegte, desto weniger Witz schien er auf die Texte zu verwenden. Sein einzigartiger Flow blieb uns weitestgehend erhalten.
Auf Curb Servin' steht dies alles noch in voller Blüte. Die funkigen Beats (mit Unterstützung der Produzenten aus dem Ruthless-Lager, dem Camp von Eazy-E) bilden eine hervorragend bumpende Unterlage für WCs hood tales, oft mit einem Augenzwinkern dargereicht, hin und wieder von Coolio, der zu diesem Zeitpunkt schon eine Solo-Karriere verfolgte, als Sidekick à la Flavor Flav assistiert. Man höre Put on tha Set, In a Twist und Wet Dream. Vielleicht auch ein Anknüpfungspunkt für Hörer, welche Gangsta Rap und G-Funk eher kritisch gegenüberstehen. Hier findet sich einiges an ursprünglichem HipHop-Spirit.
Leider sind sowohl Coolio als auch DJ Crazy Toones mittlerweile von uns gegangen. Toones starb an einem Herzinfarkt, Coolio an einer Drogenüberdosis. R.I.P.

Bonus: Zwei Videoclips.
Keramikvasen geh'n jetzt wieder viel leichter kaputt.

Zurück zu „Die besten Alben“