Musik von Tommy Dorsey hörte ich ja die letzten Monaten schon ein paar Mal ... als mir auch seine allererste Classics-CD in die Hände fiel, hab ich kurz nachgelesen und beschlossen, sie ebenfalls mitzunehmen, vor allem wegen des "Prologs" zu seiner Karriere, den zwei Okeh-Sessions von 1928 bzw. 1929 mit denen die CD öffnet. "Tom Dorsey" heisst er bei den ersten Aufnahmen mit Eddie Lang (g), Jimmy Williams (tuba/b), Stank King (d) und auf dem ersten Stück Arthur Schutt (harmonium). "It's Right Here for You" ist das erste Stück vom 10. November 1928. Das ist Musik irgendwo auf halbem Weg zwischen Armstrong und Beiderbecke, Dorsey spielt Trompete (!) mit Punch und attraktivem Ton, Lang ist die andere wichtige Stimme hier - und klar, Swing gibt es 1928 noch nicht so ganz, aber man ist durchaus auf dem Weg dorthin, besonders dank dem tollen Flow von Eddie Lang an der akustischen Gitarre. "Tiger Rag" ist das zweite Stück der Session. Im April 1929 folgten noch zwei Stücke an der Trompete mit Frank Signorelli (p), Lang und King, "Daddy, Change Your Mind" und "You Can't Cheat a Cheater". Weiter geht es dann mit einem einzigen Stück, das Dorsey im Juli 1932 einspielte und das bei Brunswick (UK) erschein - jetzt an der Posaune und mit grösserer Band (Manny Klein-t, Jimmy Dorsey-cl, Larry Binyon-ts, Fulton McGrath-p, Dick McDonough-g, Artie Bernstein-b und Dave Tough-d). "Three Moods" heisst Dorseys tolles Stück, in dem er eine Art Rubato-Intro spielt und schon sein toller Ton an der Posaune zu hören ist. Dann spielt er glänzende, schnelle Linien, bevor die Band in der Mitte ins Tempo fällt. Die Klarinette des Bruders sticht im Arrangement heraus und kriegt gegen Ende auch ein paar Takte im und spielt eine Art Gegenlinie zum Thema. Aber das ist ganz klar ein Tommy Dorsey-Showcase und der weiss das zu nutzen.
"You Can't Cheat a Cheater" haben Dorsey und Signorelli mit dem Trompeter Phil Napoleon komponiert. Im Mai 1929, einen Monat nach Dorseys Aufnahme, spielte das Trio es auch gemeinsam ein - mit Jimmy Dorsey (cl/as), Joe Venuti (v), Lang, Joe Tarto (tuba) und Ted Napoleon (d)
Von den fünf Stücken der Classics-CD sind die ersten beiden auch in der Mosaic-Box "The Classic Columbia and Okeh Joe Venuti and Eddie Lang Sessions" - warum nur diese, weiss ich nicht. Dass die "Cheater"-Aufnahme auf RCA fehlt, ist hingegen klar (bei Classics, weil das keine Dorsey-Session ist, bei Mosaic, weil RCA nicht Okeh ist).
Danach springt die Classics-CD ins Jahr 1935, als Dorsey seine Band gründete (für die er eben ein paar Jahre später auch ganz gerne Alix Combelle angeheuert hätte). Es gibt auf der Classics-CD die ersten fünf Sessions für Victor, entstanden zwischen dem 26. September und dem 7. November, also in sehr kurzer Zeit. Bekannte Namen liest man im Line-Up kaum: Trompeter Sterling Bose vielleicht, Drummer Sam Weiss bei der letzten Session, die Sängerin Edythe Wright, der Arrangeur Paul Weston.
Los geht es bei der ersten Session erstmal mit "Take Me Back to My Boots and Saddle", einem Western-Song mit müden Vocals von Trompeter Cliff Weston mit klappernden Hufen und einem Bassklarinetten-Lick im Ensemble (fehlt im LIne-Up, da steht: Sid Stoneburn-cl/as, Noni Bernardi-as, Clyde Rounds-as/ts, Johnny van Eps-ts - aber den Part konnte jeder der vier in drei Sekunden einstudieren, nur die drei Schnörkel am Ende zeigen, dass wer auch immer hier Bassklarinette spielt, das Instrument schon beherrscht). "Weary Blues" ist dann das Instrumental dieser ersten Session - schnelles Tempo, gute Klarinette, eskalierendes Piano (Paul Mitchell) und stompendes Tenorsax, bevor der Leader das letzte Solo spielt, während Drummer Sam Rosen ziemlich Dampf macht (aber nicht ganz ohne ein paar Hufklapper-Rim-Shots durch kommt). Das ist nun aufregende Swing-Musik, und davon gibt es - neben zu vielen Gesangsfeatures für Weston und Eleanore Powell, die auf der zweiten Session nominell die Leaderin ist und auch bei der dritten Session nochmal mitsingt und steppt - noch einige mehr zu hören, aber nur noch zwei weitere Instrumentals, darunter der Closer der CD, "Pagan Star". 19 Stücke der Band finden sich auf der CD, darunter auch bereits den Theme-Song "I'm Getting Sentimental Over You", der bei der vierten Session am 18. Oktober eingespielt wurde (das letzte Instrumental hier, arrangiert von Noni Bernardi). Die Gesangsnummern von Edythe Wright sind teils ganz gut - selbst drittklassige Songs wie "Treasure Island" werden bei ihr ganz charmant, aber sie singt nur dreimal (plus "Santa Claus Is Coming to Town" bei der ersten Session zusammen mit Weston), während Powell fünfmal zu hören ist und Weston gefühlt ständig (sieben Stücke plus das Duett). Laut Anatol Schenkers Liner Notes hat der Komponist George Bassman das Stück für gerade mal 25$ an Irving Mills verkauft, der dann ordentlich Reibach macht, nachdem Dorsey damit einen Hit landete.
Meine Dorsey-Sammlung (es gibt nach dieser noch ein ganzes Dutzend Classics-CDs und natürlich viele weitere Compilations, von denen ich auch schon ein paar habe, aber eher zufällig "eingesammelt") wird jedenfalls vorerst nicht weiter wachsen, denke ich (eine einzelne der vielen weiteren Classics-CDs hätte ich in Paris auch noch mitnehmen können, aber eben: muss nicht). Die beste CD, die mir bisher in die Finger kam, ist wohl "
At the 400 Restaurant 1946" auf Hep (merci
@redbeansandrice!)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz #176: 13.10.2026, 22:00