

Murray McEachern kam 1915 in Toronto zur Welt, spielte zuerst Violine und dann diverse Reeds - Klarinette, alle Saxophone - und auch Blechinstrumente - besonders Posaune aber auch Trompete und Tuba. Bei Benny Goodman kennt man ihn als Posaunisten, mit der Casa Loma Band spielte er Posaune und Altsax, wie bei der späten Ellington-Band (bei Discogs finde ich z.B. diese Platte mit einer Aufnahme aus Winnipeg 1973). McEachern machte für Capitol auch Easy Listening, aber Mosaic nahm zwei Stücke vom Juli 1944 völlig zu Recht in die Box auf. "Someone" erschien auf der "Sax Stylists"-Platte (zum Glück müssen wir sowas nicht klassifizieren: eine 3 x 7"-Box bzw. 10"-Platte mit teils exklusiven, teils auch anderswo erschienenen Tracks - eher kein David Stone Martin oder?). In Ellingtons "Someone" ist McEachern nach dem Intro der Rhythmusgruppe (Bill Bates, Arnold Robins, Jimmy Landreth) am cremigen Altsax zu hören, à la Hodges, aber etwas schlanker, etwas schnellfingriger vielleicht auch. Frank Wiley (t) und Mac McLaughlin (ts) sind so unbekannt wie die Rhythmusgruppe, aber beide spielen gute Soli, Wiley mit Plunger - und alle fünf sind definitiv ganz gut. "Riding on a Blue Note" ist noch ein Ellington-Stück - McEachern liebte die Musik des Duke schon Jahrzehnte bevor er selbst mit ihm spielte. Hier gibt es ein effektives Intro über Orgelpunkt-Bass, dann das Thema mit Jump-Swing, guten Drums-Akzenten. Überhaupt gutes Ensemble-Spiel hier mit Intermezzi zwischen den kurzen Soli. Hinter dem rauchigeren Tenorsax spielt Landreth Rimshots, Wiley (offen) klingt etwas nach Eldridge. Morgenstern findet, die Session "sounds suspiciously like Harry Lim's stuff for Keynote from this period" - Lim setzte McEachern ein, gab ihm aber keine Leader-Session (und klar, die Keynote-Box steht auch griffbereit ... bzw. stehen, CD von Fresh Sound und der grosse LP-Trümmer). Eine schöne kleine Überraschung, diese Session - da hätte ich gerne noch zwei oder auch sechs oder zehn weitere Stücke davon gehört.


Und eh wir's gemerkt haben sind wir via Toronto im Ellington-Segment der Box gelandet, hören bald das unverwechselbare Barisax von Harry Carney, der Ende Juli dabei war, als Rex Stewart's Big Eight eine einzelne Session für Capitol aufnahmen, mit Lawrence Brown (tb), Al Sears (ts), Carney (bari), Eddie Heywood (p), Ulysses Livingston (g), Junior Raglin (b) und Keg Powell (d). Vier Stücke und einen neuen Alternate Take vom ersten gibt es. Anlass war, dass die Ellington-Band Anfang 1945 für zwei Monate in L.A. war, was seinen Stars die Gelegenheit gab, da und dort eigene Wege zu verfolgen - wie der Kornettist, der Ende Januar für Capitol ins Studio ging. Heywood war ehemals Pianist bei Benny Carter, mit dem er 1938 seine ersten Aufnahmen machte, aber inzwischen als Leader unterwegs. Der Gitarrist und der Drummer waren zur selben Zeit auch Mitglieder von Carters Band. Was wir hier hören ist klassische Ellingtonians-Musik im Kleinformat, aber mit eigenem Material des Leaders. Das erste Stück, "T'Ain't Like That" (als B-Seite einer Peggy Lee-Nummer erschienen) ist ein mittelschneller Bounce mit gutem Piano-Intro, einem einfachen Riff der ganzen Band mit sehr präsenter Rhythmusgitarre und schon in der Bridge dem unverkennbaren Carney-Sound. Lawrence Brown spielt dann 16 Takte - auch er mit eigenem Sound, klar. Livingston kriegt die Bridge und Stewart die letzten acht, bevor die Band wieder rifft und Carney auffüllt - hier werden daraus richtige Fours - und Sears die letzte Bridge kriegt. Der Alternate Take stammt von direkt nach dem Master (Nr. 4 und Nr. 5), der Groove sitzt zwar nicht so gut, aber die Soli sind anders und Keg Purnell noch besser drauf. "Dutch Treat" ist das zweite Stück und verfügt über ein eingängiges Thema, das Stewart allein am offenen Horn wunderbar präsentiert. Dann übernimmt Sears, ein toller Stilist, der bei Ellington zu unrecht etwas im Schatten seines Vorgängers Ben Webster steht. Er phrasiert mit einer Art Schaukelrhythmus und hat einen hervorragenden Tonn, hält sich hier ganz in der Stimmung, die Stewart setzt, zurück. Danach Heywood, elegant wie immer (ohne ins blumige zu driften, was ihm durchaus passieren konnte), und im abschliessenden Ensemble kriegt Brown noch einen Spot. "Rexercise" beginnt mit einer Fanfare des Leaders, danach stompt die Band mit Two-Beat-Bass durch die schnelle Nummer mit Rhythm-Changes. Sears, Heywod und Carney solierten, bevor der Leader übernimmt mit Riffs und spielt ein superbes Solo, bevor Carney mit der Band dialogisiert und dann im abschliessenden Ensemble auch Raglin am Bass zu hören ist. Für den Closer der Session, erst später auf einer Pausa-LP veröffentlicht, stösst Joya Sherrill dazu: "Blue Jay", von Sherrill und Stewart mit Joe Green komponiert. Das Tempo sitzt, Heywood spielt ein paar Schnörkel, Livingston ist wieder laut im Mix. Hinter der Sängerin kriegen wir ein paar Fetzen von Stewart und zwischendurch auch ein kurzes Solo von Al Sears. Eine echt schöne Session, von der auch wieder alle Stücke doppelt und dreifach laufen. Bei der dt. Telefunken-Pressung sind die Stücke wieder als Teil von "The History of Jazz" durchnummiert: "Dutch Treat" ist Nr. 29, "Rexercise" Nr. 30. Oben eine frz. Ausgabe.


Die Story zu Duke Brooks haben wir zwischen dem Black & White- und dem Hörfaden aufgearbeitet vor einigen Tagen. Er ist der Pianist der hervorragenden Capitol-Session vom langjährigen Ellington-Dummer Sonny Greer and the Duke's Men und spielt gleich im ersten Stück, "Mood Indigo", ein kurzes Intro, bevor das Thema von Taft Jordan (t) und Barney Bigard (cl) präsentiert wird, mit ein paar Solo-Schnörkeln vom altmodischen Altsax von Otto Hardwicke (mal mit, mal ohne "e" am Schluss), der dann auch ein längeres Solo kriegt, nachdem Jordan zu hören ist. Die Rhythmusgruppe besteht neben Brooks und Greer auch aus Fred Guy, dem langjährigen Ellington-Gitarristen und Red Callender, einem Fixpunkt der Szene von L.A., wo auch diese Session entstand, im Februar 1945, als wie gesagt Ellingtons Band in Kalifornien war. Taft Jordan, auch ein Ellingtonian, glänzt mit seinem zarten Ton in "Mood Indigo". Bigard, der natürlich am Entstehen und wie am Erfolg des Stückes beteiligt war, ist im ersten Take umwerfend gut. Im zweiten Take, der etwas schneller ist und auf der LP "The History Of Jazz Vol. 2 - The Turbulent 'Twenties" (1957) erschien, ist vor allem Jordan anders drauf: klingt er im ersten Take im Intro nach Arthur Whetsol und im Solo nach Ray Nance, lässt er sich im zweiten mehr gehen, was auch für Bigard zutrifft, der einen anderen Schluss für sein Solo findet. "Rug in a Bug" (Dick Larkin) wird von Guy an der Gitarre mit Callender eröffnet, dann übernimmt Bigard, gefolgt von Jordan, dem Piano von Brooks mit interessanten Single-Note-Linien und guten Akzenten und dann nochmal Bigard. Dann kriegen wir ein Riff des Ensembles mit Fills vom Leader, eine interessante Bridge von Hardwicke und mehr Riffs und Drums. Die Drums sind in "The Mooche" dann unverwechselbar: die Tom-Toms von Greer, dazu die catchy Linie und ein paar Schnörkel von Hardwicke, der kurz aus dem Ensemble mit Verzierungen à la Hodges ausscheren darf. Jordan soliert im zweiten Teil des Themas, die Klarinette dann über Blues-Changes. Danach ist nochmal Jordan dran und zuletzt auch Hardwicke, der seinen Stil natürlich schon gebildet hatte, bevor Hodges und Benny Carter ihre Stile fanden - auch wenn man von beiden bei Hardwicke wohl Spuren hören kann (die sicher in beide Richtungen flossen). Am Ende growlt Jordan dann ein wenig und findet zu einem passend verhaltenen Abschluss. Im zweiten Take ist das Tempo marginal schneller, was hier keine so gute Idee ist. Jordan ist allerdings besser und Callender klingt präsenter, besonders hinter Bigard. Hardwicke spielt auch ein ziemlich anderes Solo und wir hören mehr von den Tom-Toms im abschliessenden Ensemble. "Kandylamb" (Bigard/Harwdicke/Jordan) beendet die Session im zügigen Tempo mit tollen Drums schon hinter dem Riff-Thema. Bigard, Jordan und Hardwicke spielen je zwei Chorusse, dann ist Brooks nochmal dran, phrasiert stark synkopisch und sein Solo ist wieder ziemlich interessant - Morgenstern hält fest, er klinge hier "a bit like Billy Kyle with bop touches (or early Bud Powell)". Dann rifft die Band zu Akzenten von Greer zu Ende. Eine hervorragende Session - und klar liefen auch die Stücke alle wieder mehrmals.


Beide Ellington-Klassiker erschienen auch auf dem Album "The History Of Jazz Vol. 2 - The Golden Era" (1945, 5 x 10" 78 rpm und 1950 gekürzt auf 10"), zumindest von "The Mooche" der spätere Alternate Take. Alle vier Stücke landeten vor der obigen Pausa-LP mit den ganzen Stewart und Greer Master Takes sowie der Hälte der folgenden Bellson-Session (1984) auch auf einer Capitol-LP aus dem Jahr 1972, auf der natürlich (angesichts des Covers) das Holiday-Feature mit Whiteman nebst je zwei Stücken von Al Casey und Rex Stewart auch vier von Sid Catlett zu finden sind. Die Greer-Session findet man auch auf der obigen 10"-Platte aus England, auf deren A-Seite vier Stücke der famosen Capitol-Sessions von Coleman Hawkins zu finden ist (alle auch auf "Hollywood Stampede"). Stewarts "'T Ain't Like That" und Greers "Bug in a Rug" erschienen auch 1948 auf dem schmucken Album "Collector's Items" (4 x 10" 78 rpm). Die haben hier echt lange echt viel Durcheinander angerichtet, aber immerhin die Sessions immer mal wieder neu ausgewertet.




Trivia: Greer war der einzige Ellington-Sideman, der älter war als der Leader, Hardwicke und Guy die langjährigsten Ellingtonians neben Greer.


CD 10 der Mosaic-Box schliesst mit einer hervorragenden Session von den Just Jazz All Stars Featuring Louis Bellson vom Mai 1952. Hier sind moderne Klänge erlaubt, Shorty Rogers durfte zwei eigene Stücke arrangieren. Billy Strayhorn hat drei, Buddy Baker zwei und Juan Tizol ein Stück arrangiert. In der Band kriegen wir wieder einige Ellingtonians und ein paar zugewandte Orte: Clark Terry (t), Juan Tizol (vtb), John Graas (frh), Willie Smith (as), Wardell Gray (ts), Harry Carney (bari), Billy Strayhorn (p), Wendell Marshall (b) und natürlich Louis Bellson (d). Im März 1951 hatte Ellington die Band von Harry James ausgenommen ("the Great James Robbery" in den Jazz-Annalen) - und sich Willie Smith als Ersatz für Johnny Hodges geschnappt, der in den Jahren einen Versuch als Bandleader unternahm, und dazu auch gleich noch Tizol und Bellson abgezügelt - der Drummer war der erste Nachfolgen von Sonny Greer, der viele Jahre dabei gewesen war. Clark Terry war erst seit 1951 bei Ellington, Wendell Marshall seit 1948. Bellson absolviert hier sein Studio-Debut als Leader - und das Ergebnis ist hervorragend. "Just Jazz" ist ein Hinweis darauf, dass hier Gene Norman, der Promoter, dahinter steckt, der in L.A. damals sehr aktiv war (im Black & White-Faden taucht er auch auf).
Los geht es mit Bellson solo (und wir freuen und sofort über die Fortschritte, die die Aufnahmetechnik in den Jahren dazwischen machte), bevor die Bläser - von Carney verankert - das Thema von "The Jeep Is Jumpin'" (arr. Strayhorn) präsentieren. Gray ist der erste Solist und spielt ein langes, packendes Solo mit viel Raum, boppiger Phrasierung, einem superben Ton und einem tollen Fluss von Ideen. Danach ist auch noch Clark Terry zu hören. Srayhorn hat auch die zwei folgenden Stücke arrangiert. "Passion Flower" wird in dieser Version zum sehr modern klingenden Ton-Poem, irgendwo zwischen Claude Thornhill und "Birth of the Cool", ein Feature für Clark Terry mit Plunger und sein singendes Trompetenspiel, mit Pedalpunkt vom Bass, Linien anderen Bläser - toller Sound mit dem Horn und der Ventilposaune! - und Tom-Toms von Bellson. Carney kriegt die Bridge und setzt seine Marke, und danach rückt allmählich die Ventilposaune in den Vordergrund, von Strayhorns Klavier sekundiert, das den Abschluss dieser bezaubernden Einspielung macht. "Johnny Come Lately" ist dann ein Swinger mit Riff und tollen Besen von Bellson. Gray und Terry sind wieder die Solisten, mit interessanter Begleitung hinter der Trompete - und dann noch einer fabelhaften Bridge von Carney, dem acht Takte reichen, um die anderen fast in den Schatten zu stellen. In der Mitte der Session stehen dann die zwei Stücke von Rogers, "Sticks" und "Punkin'" - einem New Yorker, der den West Coast Jazz wie wenig andere prägen sollte. "Sticks" ist ein Feature für den Leader, der schon im Thema viele Fills unterbringen kann in den Pausen, die die Bläser immer wieder lassen. Dann soliert er, zunächst vor allem mit den Trommeln und der Bass-Drum, steigert die Intensität zunehmend, mit Cowbell und dann vor allem mit den Becken, während die Bläser allmählich wieder zu riffen beginnen. In "Punkin'" gibt es wieder Pausen für die Drums, doch die Solisten sind wieder Gray (mit Breaks lanciert) und Terry, gefolgt von Smith in guter Form (auch mit Breaks), danach kreist Carney ein wenig, zwischen Solo und Lead, während Bellson schon das abschliessende Ensemble vorbereitet, in dem er wieder ein paar Breaks und die Bridge kriegt. "Eyes" ist dann ein Stück von Bellson, das später als Rogers-Arrangement ausgegeben wurde, aber wohl eher von Buddy Baker (oder doch von Bellson?) stammt. Im mittelschnellen Tempo klingt die Musik wieder stärker nach Ellington. Die Texturen sind interessant, das Horn schimmert durch, das Tenor ist im Lead, während Alt und Trompete unisono spielen. Smith soliert dann kurz, wird aber bald vom Ensemble wieder "eingefangen". Terry und Tizol sind dann auch noch kurz zu hören. "Rainbow" ist von (comp./arr.) und mit Tizol - Strayhorn glänzt hinter seinem Lead, und hier höre ich auch Klarinetten (Carney und wohl auch Smith, vielleicht sogar Gray?) im Ensemble. Das Horn übernimmt den tiefen Part im Ensemble und stösst dann zur Ventilposaune, während Strayhorn einen Ton wiederholt ... ein tolles Stück. Der Closer (der Session, die Anordnung auf der 10"-Plattte ist anders) "Shadows" ist das zweite Bellson-Stück und das eine, was gesichert von Buddy Baker arrangiert worden ist. Noch eine Ballade mit Smith im Lead, dahiner wieder der attraktive Horn/Posaunen-Sound und die anderen Holzbläser. Terry taucht aus dem Ensemble mit zartem offenem Ton auf und spielt etwas Doubletime. Tizol übernimmt im Hintergrund den Lead und spielt dann auch ein paar Takte Lead im Ensemble, bevor Smith den Schlusspunkt setzt. Eine weitere umwerfende Session - die in der Mosaic-Box erst zum zweiten Mal integral veröffentlicht wurde. Die ersten sechs Bellson-Stücke wurden mit weiteren Ensembles (Capitol International Jazzmen, Metronome All-Stars von 1947 und von 1951) auch auf der Platte "All Star Sessions" 1972 wieder aufgelegt. Neben 10"-Ausgaben und 2 x 7" 45 rpm EPs gab es auch eine Version mit 3 x 7" 45 rpm Singles, auf der auch nur sechs der acht Stücke zu finden sind. Und fast überall wurde das Original-Cover wiederverwendet, auch mal ohne Rahmen oder im UK in einem fast ocker-artigen Orange statt Gelb - nur in Frankreich gab es ein Alternativ-Cover, das echt nicht gut ist, aber ich brauche halt noch ein Bild.











































