Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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gypsy tail wind
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Murray McEachern kam 1915 in Toronto zur Welt, spielte zuerst Violine und dann diverse Reeds - Klarinette, alle Saxophone - und auch Blechinstrumente - besonders Posaune aber auch Trompete und Tuba. Bei Benny Goodman kennt man ihn als Posaunisten, mit der Casa Loma Band spielte er Posaune und Altsax, wie bei der späten Ellington-Band (bei Discogs finde ich z.B. diese Platte mit einer Aufnahme aus Winnipeg 1973). McEachern machte für Capitol auch Easy Listening, aber Mosaic nahm zwei Stücke vom Juli 1944 völlig zu Recht in die Box auf. "Someone" erschien auf der "Sax Stylists"-Platte (zum Glück müssen wir sowas nicht klassifizieren: eine 3 x 7"-Box bzw. 10"-Platte mit teils exklusiven, teils auch anderswo erschienenen Tracks - eher kein David Stone Martin oder?). In Ellingtons "Someone" ist McEachern nach dem Intro der Rhythmusgruppe (Bill Bates, Arnold Robins, Jimmy Landreth) am cremigen Altsax zu hören, à la Hodges, aber etwas schlanker, etwas schnellfingriger vielleicht auch. Frank Wiley (t) und Mac McLaughlin (ts) sind so unbekannt wie die Rhythmusgruppe, aber beide spielen gute Soli, Wiley mit Plunger - und alle fünf sind definitiv ganz gut. "Riding on a Blue Note" ist noch ein Ellington-Stück - McEachern liebte die Musik des Duke schon Jahrzehnte bevor er selbst mit ihm spielte. Hier gibt es ein effektives Intro über Orgelpunkt-Bass, dann das Thema mit Jump-Swing, guten Drums-Akzenten. Überhaupt gutes Ensemble-Spiel hier mit Intermezzi zwischen den kurzen Soli. Hinter dem rauchigeren Tenorsax spielt Landreth Rimshots, Wiley (offen) klingt etwas nach Eldridge. Morgenstern findet, die Session "sounds suspiciously like Harry Lim's stuff for Keynote from this period" - Lim setzte McEachern ein, gab ihm aber keine Leader-Session (und klar, die Keynote-Box steht auch griffbereit ... bzw. stehen, CD von Fresh Sound und der grosse LP-Trümmer). Eine schöne kleine Überraschung, diese Session - da hätte ich gerne noch zwei oder auch sechs oder zehn weitere Stücke davon gehört.



Und eh wir's gemerkt haben sind wir via Toronto im Ellington-Segment der Box gelandet, hören bald das unverwechselbare Barisax von Harry Carney, der Ende Juli dabei war, als Rex Stewart's Big Eight eine einzelne Session für Capitol aufnahmen, mit Lawrence Brown (tb), Al Sears (ts), Carney (bari), Eddie Heywood (p), Ulysses Livingston (g), Junior Raglin (b) und Keg Powell (d). Vier Stücke und einen neuen Alternate Take vom ersten gibt es. Anlass war, dass die Ellington-Band Anfang 1945 für zwei Monate in L.A. war, was seinen Stars die Gelegenheit gab, da und dort eigene Wege zu verfolgen - wie der Kornettist, der Ende Januar für Capitol ins Studio ging. Heywood war ehemals Pianist bei Benny Carter, mit dem er 1938 seine ersten Aufnahmen machte, aber inzwischen als Leader unterwegs. Der Gitarrist und der Drummer waren zur selben Zeit auch Mitglieder von Carters Band. Was wir hier hören ist klassische Ellingtonians-Musik im Kleinformat, aber mit eigenem Material des Leaders. Das erste Stück, "T'Ain't Like That" (als B-Seite einer Peggy Lee-Nummer erschienen) ist ein mittelschneller Bounce mit gutem Piano-Intro, einem einfachen Riff der ganzen Band mit sehr präsenter Rhythmusgitarre und schon in der Bridge dem unverkennbaren Carney-Sound. Lawrence Brown spielt dann 16 Takte - auch er mit eigenem Sound, klar. Livingston kriegt die Bridge und Stewart die letzten acht, bevor die Band wieder rifft und Carney auffüllt - hier werden daraus richtige Fours - und Sears die letzte Bridge kriegt. Der Alternate Take stammt von direkt nach dem Master (Nr. 4 und Nr. 5), der Groove sitzt zwar nicht so gut, aber die Soli sind anders und Keg Purnell noch besser drauf. "Dutch Treat" ist das zweite Stück und verfügt über ein eingängiges Thema, das Stewart allein am offenen Horn wunderbar präsentiert. Dann übernimmt Sears, ein toller Stilist, der bei Ellington zu unrecht etwas im Schatten seines Vorgängers Ben Webster steht. Er phrasiert mit einer Art Schaukelrhythmus und hat einen hervorragenden Tonn, hält sich hier ganz in der Stimmung, die Stewart setzt, zurück. Danach Heywood, elegant wie immer (ohne ins blumige zu driften, was ihm durchaus passieren konnte), und im abschliessenden Ensemble kriegt Brown noch einen Spot. "Rexercise" beginnt mit einer Fanfare des Leaders, danach stompt die Band mit Two-Beat-Bass durch die schnelle Nummer mit Rhythm-Changes. Sears, Heywod und Carney solierten, bevor der Leader übernimmt mit Riffs und spielt ein superbes Solo, bevor Carney mit der Band dialogisiert und dann im abschliessenden Ensemble auch Raglin am Bass zu hören ist. Für den Closer der Session, erst später auf einer Pausa-LP veröffentlicht, stösst Joya Sherrill dazu: "Blue Jay", von Sherrill und Stewart mit Joe Green komponiert. Das Tempo sitzt, Heywood spielt ein paar Schnörkel, Livingston ist wieder laut im Mix. Hinter der Sängerin kriegen wir ein paar Fetzen von Stewart und zwischendurch auch ein kurzes Solo von Al Sears. Eine echt schöne Session, von der auch wieder alle Stücke doppelt und dreifach laufen. Bei der dt. Telefunken-Pressung sind die Stücke wieder als Teil von "The History of Jazz" durchnummiert: "Dutch Treat" ist Nr. 29, "Rexercise" Nr. 30. Oben eine frz. Ausgabe.



Die Story zu Duke Brooks haben wir zwischen dem Black & White- und dem Hörfaden aufgearbeitet vor einigen Tagen. Er ist der Pianist der hervorragenden Capitol-Session vom langjährigen Ellington-Dummer Sonny Greer and the Duke's Men und spielt gleich im ersten Stück, "Mood Indigo", ein kurzes Intro, bevor das Thema von Taft Jordan (t) und Barney Bigard (cl) präsentiert wird, mit ein paar Solo-Schnörkeln vom altmodischen Altsax von Otto Hardwicke (mal mit, mal ohne "e" am Schluss), der dann auch ein längeres Solo kriegt, nachdem Jordan zu hören ist. Die Rhythmusgruppe besteht neben Brooks und Greer auch aus Fred Guy, dem langjährigen Ellington-Gitarristen und Red Callender, einem Fixpunkt der Szene von L.A., wo auch diese Session entstand, im Februar 1945, als wie gesagt Ellingtons Band in Kalifornien war. Taft Jordan, auch ein Ellingtonian, glänzt mit seinem zarten Ton in "Mood Indigo". Bigard, der natürlich am Entstehen und wie am Erfolg des Stückes beteiligt war, ist im ersten Take umwerfend gut. Im zweiten Take, der etwas schneller ist und auf der LP "The History Of Jazz Vol. 2 - The Turbulent 'Twenties" (1957) erschien, ist vor allem Jordan anders drauf: klingt er im ersten Take im Intro nach Arthur Whetsol und im Solo nach Ray Nance, lässt er sich im zweiten mehr gehen, was auch für Bigard zutrifft, der einen anderen Schluss für sein Solo findet. "Rug in a Bug" (Dick Larkin) wird von Guy an der Gitarre mit Callender eröffnet, dann übernimmt Bigard, gefolgt von Jordan, dem Piano von Brooks mit interessanten Single-Note-Linien und guten Akzenten und dann nochmal Bigard. Dann kriegen wir ein Riff des Ensembles mit Fills vom Leader, eine interessante Bridge von Hardwicke und mehr Riffs und Drums. Die Drums sind in "The Mooche" dann unverwechselbar: die Tom-Toms von Greer, dazu die catchy Linie und ein paar Schnörkel von Hardwicke, der kurz aus dem Ensemble mit Verzierungen à la Hodges ausscheren darf. Jordan soliert im zweiten Teil des Themas, die Klarinette dann über Blues-Changes. Danach ist nochmal Jordan dran und zuletzt auch Hardwicke, der seinen Stil natürlich schon gebildet hatte, bevor Hodges und Benny Carter ihre Stile fanden - auch wenn man von beiden bei Hardwicke wohl Spuren hören kann (die sicher in beide Richtungen flossen). Am Ende growlt Jordan dann ein wenig und findet zu einem passend verhaltenen Abschluss. Im zweiten Take ist das Tempo marginal schneller, was hier keine so gute Idee ist. Jordan ist allerdings besser und Callender klingt präsenter, besonders hinter Bigard. Hardwicke spielt auch ein ziemlich anderes Solo und wir hören mehr von den Tom-Toms im abschliessenden Ensemble. "Kandylamb" (Bigard/Harwdicke/Jordan) beendet die Session im zügigen Tempo mit tollen Drums schon hinter dem Riff-Thema. Bigard, Jordan und Hardwicke spielen je zwei Chorusse, dann ist Brooks nochmal dran, phrasiert stark synkopisch und sein Solo ist wieder ziemlich interessant - Morgenstern hält fest, er klinge hier "a bit like Billy Kyle with bop touches (or early Bud Powell)". Dann rifft die Band zu Akzenten von Greer zu Ende. Eine hervorragende Session - und klar liefen auch die Stücke alle wieder mehrmals.



Beide Ellington-Klassiker erschienen auch auf dem Album "The History Of Jazz Vol. 2 - The Golden Era" (1945, 5 x 10" 78 rpm und 1950 gekürzt auf 10"), zumindest von "The Mooche" der spätere Alternate Take. Alle vier Stücke landeten vor der obigen Pausa-LP mit den ganzen Stewart und Greer Master Takes sowie der Hälte der folgenden Bellson-Session (1984) auch auf einer Capitol-LP aus dem Jahr 1972, auf der natürlich (angesichts des Covers) das Holiday-Feature mit Whiteman nebst je zwei Stücken von Al Casey und Rex Stewart auch vier von Sid Catlett zu finden sind. Die Greer-Session findet man auch auf der obigen 10"-Platte aus England, auf deren A-Seite vier Stücke der famosen Capitol-Sessions von Coleman Hawkins zu finden ist (alle auch auf "Hollywood Stampede"). Stewarts "'T Ain't Like That" und Greers "Bug in a Rug" erschienen auch 1948 auf dem schmucken Album "Collector's Items" (4 x 10" 78 rpm). Die haben hier echt lange echt viel Durcheinander angerichtet, aber immerhin die Sessions immer mal wieder neu ausgewertet.




Trivia: Greer war der einzige Ellington-Sideman, der älter war als der Leader, Hardwicke und Guy die langjährigsten Ellingtonians neben Greer.



CD 10 der Mosaic-Box schliesst mit einer hervorragenden Session von den Just Jazz All Stars Featuring Louis Bellson vom Mai 1952. Hier sind moderne Klänge erlaubt, Shorty Rogers durfte zwei eigene Stücke arrangieren. Billy Strayhorn hat drei, Buddy Baker zwei und Juan Tizol ein Stück arrangiert. In der Band kriegen wir wieder einige Ellingtonians und ein paar zugewandte Orte: Clark Terry (t), Juan Tizol (vtb), John Graas (frh), Willie Smith (as), Wardell Gray (ts), Harry Carney (bari), Billy Strayhorn (p), Wendell Marshall (b) und natürlich Louis Bellson (d). Im März 1951 hatte Ellington die Band von Harry James ausgenommen ("the Great James Robbery" in den Jazz-Annalen) - und sich Willie Smith als Ersatz für Johnny Hodges geschnappt, der in den Jahren einen Versuch als Bandleader unternahm, und dazu auch gleich noch Tizol und Bellson abgezügelt - der Drummer war der erste Nachfolgen von Sonny Greer, der viele Jahre dabei gewesen war. Clark Terry war erst seit 1951 bei Ellington, Wendell Marshall seit 1948. Bellson absolviert hier sein Studio-Debut als Leader - und das Ergebnis ist hervorragend. "Just Jazz" ist ein Hinweis darauf, dass hier Gene Norman, der Promoter, dahinter steckt, der in L.A. damals sehr aktiv war (im Black & White-Faden taucht er auch auf).

Los geht es mit Bellson solo (und wir freuen und sofort über die Fortschritte, die die Aufnahmetechnik in den Jahren dazwischen machte), bevor die Bläser - von Carney verankert - das Thema von "The Jeep Is Jumpin'" (arr. Strayhorn) präsentieren. Gray ist der erste Solist und spielt ein langes, packendes Solo mit viel Raum, boppiger Phrasierung, einem superben Ton und einem tollen Fluss von Ideen. Danach ist auch noch Clark Terry zu hören. Srayhorn hat auch die zwei folgenden Stücke arrangiert. "Passion Flower" wird in dieser Version zum sehr modern klingenden Ton-Poem, irgendwo zwischen Claude Thornhill und "Birth of the Cool", ein Feature für Clark Terry mit Plunger und sein singendes Trompetenspiel, mit Pedalpunkt vom Bass, Linien anderen Bläser - toller Sound mit dem Horn und der Ventilposaune! - und Tom-Toms von Bellson. Carney kriegt die Bridge und setzt seine Marke, und danach rückt allmählich die Ventilposaune in den Vordergrund, von Strayhorns Klavier sekundiert, das den Abschluss dieser bezaubernden Einspielung macht. "Johnny Come Lately" ist dann ein Swinger mit Riff und tollen Besen von Bellson. Gray und Terry sind wieder die Solisten, mit interessanter Begleitung hinter der Trompete - und dann noch einer fabelhaften Bridge von Carney, dem acht Takte reichen, um die anderen fast in den Schatten zu stellen. In der Mitte der Session stehen dann die zwei Stücke von Rogers, "Sticks" und "Punkin'" - einem New Yorker, der den West Coast Jazz wie wenig andere prägen sollte. "Sticks" ist ein Feature für den Leader, der schon im Thema viele Fills unterbringen kann in den Pausen, die die Bläser immer wieder lassen. Dann soliert er, zunächst vor allem mit den Trommeln und der Bass-Drum, steigert die Intensität zunehmend, mit Cowbell und dann vor allem mit den Becken, während die Bläser allmählich wieder zu riffen beginnen. In "Punkin'" gibt es wieder Pausen für die Drums, doch die Solisten sind wieder Gray (mit Breaks lanciert) und Terry, gefolgt von Smith in guter Form (auch mit Breaks), danach kreist Carney ein wenig, zwischen Solo und Lead, während Bellson schon das abschliessende Ensemble vorbereitet, in dem er wieder ein paar Breaks und die Bridge kriegt. "Eyes" ist dann ein Stück von Bellson, das später als Rogers-Arrangement ausgegeben wurde, aber wohl eher von Buddy Baker (oder doch von Bellson?) stammt. Im mittelschnellen Tempo klingt die Musik wieder stärker nach Ellington. Die Texturen sind interessant, das Horn schimmert durch, das Tenor ist im Lead, während Alt und Trompete unisono spielen. Smith soliert dann kurz, wird aber bald vom Ensemble wieder "eingefangen". Terry und Tizol sind dann auch noch kurz zu hören. "Rainbow" ist von (comp./arr.) und mit Tizol - Strayhorn glänzt hinter seinem Lead, und hier höre ich auch Klarinetten (Carney und wohl auch Smith, vielleicht sogar Gray?) im Ensemble. Das Horn übernimmt den tiefen Part im Ensemble und stösst dann zur Ventilposaune, während Strayhorn einen Ton wiederholt ... ein tolles Stück. Der Closer (der Session, die Anordnung auf der 10"-Plattte ist anders) "Shadows" ist das zweite Bellson-Stück und das eine, was gesichert von Buddy Baker arrangiert worden ist. Noch eine Ballade mit Smith im Lead, dahiner wieder der attraktive Horn/Posaunen-Sound und die anderen Holzbläser. Terry taucht aus dem Ensemble mit zartem offenem Ton auf und spielt etwas Doubletime. Tizol übernimmt im Hintergrund den Lead und spielt dann auch ein paar Takte Lead im Ensemble, bevor Smith den Schlusspunkt setzt. Eine weitere umwerfende Session - die in der Mosaic-Box erst zum zweiten Mal integral veröffentlicht wurde. Die ersten sechs Bellson-Stücke wurden mit weiteren Ensembles (Capitol International Jazzmen, Metronome All-Stars von 1947 und von 1951) auch auf der Platte "All Star Sessions" 1972 wieder aufgelegt. Neben 10"-Ausgaben und 2 x 7" 45 rpm EPs gab es auch eine Version mit 3 x 7" 45 rpm Singles, auf der auch nur sechs der acht Stücke zu finden sind. Und fast überall wurde das Original-Cover wiederverwendet, auch mal ohne Rahmen oder im UK in einem fast ocker-artigen Orange statt Gelb - nur in Frankreich gab es ein Alternativ-Cover, das echt nicht gut ist, aber ich brauche halt noch ein Bild.

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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Gitarrist Carl Kress (1907-1965) war ab den späten Zwanzigern nicht aus der Jazzszene New Yorks wegzudenken, spielte mit Bix Beiderbeck, Red Nichols, Frank Trumbauer, den beiden Dorseys und vielen mehr. Er spielte auch mit den Kollegen Eddie Lang und Dick McDonough, war eine Zeit lang Mitbesitzer des Onyx Clubs, der den Jazz an die 52nd Street gebracht hatte. Am Banjo hatte er angefangen und seine Gitarre später eigenwillig gestimmt (B, F, C, G, A, D statt E, A, D, G, H, C). Als er 1945/46 in New York für Capitol aufnahm, war er dort auch für das Label auch als A&R-Mann tätig. Eine erste Session mit Tony Mottola (g) und unbekannten weiteren (cl, b, d) vom 25. Mai 1945 blieb unveröffentlicht - die Stücke waren "Swan of Tonnelle Avenue" (eine Sibelius-Bearbeitung vielleicht - EDIT: glaub nicht, der Song taucht ja später auf, ich höre da auf die Schnelle keine Verbindung), "Sarong", "Blood on the Loose" und "Walking Behind Miss Lucy". Am 29. Mai sind versuchte Kress sich erfolglos an "The Goose from Gander (Squeeze Box Swing)", doch "Jazz in G" im Duo mit Tony Mottola wurde durchgewunken und erschien auf einer der zwei EPs bzw. der 10"-Platte die Capitol erst 1953 herausbrachte (alle mit demselben Cover und wie so oft mit dem Titel bzw. eher in der Reihe "Classics in Jazz", nur eine australische 10" mit etas anderem Cover findet sich bei Discogs). Mottola ist im Lead, wir kriegen aber einen ganz guten Eindruck von Kress' eigenwilliger Konzeption. Bei der nächsten Session Mitte Oktober 1946 ist eine exzellente kleine Combo dabei: Chris Griffin (t), Hank D'Amico (cl), Artie Drelinger (ts), Stan Freeman (p), Bob Haggart (b) und Dave Though (d). In "There's a Small Hotel" spielt D'Amico das Thema, der Goodman-Trompeter kriegt die Bridge. Im Chorus von Freeman nimmt Kress die Bridge - und man achte sich auf Dave Tough! Drelinger spielt ein paar Takte à la Bud Freeman, bevor Griffin übernimmt und direkt vom kurzen Solo Thema zurückführt. Das Stück erschien wie das vierte und letzte der Session erstmals in der Mosaic-Box. "Just You, Just Me" und "Coquette" wiederum landeten auf den beiden EPs. Das erste schnell und anfangs nur mit Klarinette, Gitarre und Bass. Dann ist Freeman der erste Solist, gefolgt von Griffin, hinter dem Kress ein paar interessante Dinge anstellt, bevor er sich dann viel Zeit lässt und sich ein paar Takte gekonnt der Improvisation entzieht. Drelinger, Griffin und D'Amico kriegen dann kurze Breaks in den Riffs und dann wird das Arrangement so reduziert, dass Haggarts walkender Bass plötzlich im Vordergrund steht. In "Coquette" ist der Swing entspannt, Griffin spielt mit Dämpfer, die Gitarre füllt im Unisono-Thema, Drelinger ist dann der erste Solist, gefolgt von D'Amico und Freeman. Und wie bei der ganzen Session ist es Griffin, der danach am meisten überzeugt - fetter Ton und hier interessante Linien im tiefen Register. "I May Be Wrong" ist das zweite neue Stück, im langsamen Tempo mit Gitarre und Trompete im Thema. Griffins erneut sehr gute Beiträge umrahmen kurze Passagen von Drelinger und D'Amico. Eine feine Session.

Im Februar 1947 waren Kress und Mottola wieder im Studio, dieses Mal mit Paul Ricci (cl), Haggart und Terry Snyder (d). Bei dieser und der folgenden Session im Mai mit derselben Band wurden drei bzw. zwei Stücke aufgenommen, die alle auf den beiden EPs landeten (mit dem Gitarrenduo und zwei der vier Combo-Stücke vom Oktober 1946, "Blond on the Loose", "Sarong Number" und "Walking Behing Miss Lucy" bzw. "The Goose from Gander" und "The Swan of Tonnelle Avenue" (alle Kress/Mottola ausser Lucy, das von Kress/Haggart stammt). Der Sound ist besonders mit Klarinette und zwei Gitarren und einer Rhythmusgruppe ohne Klavier. Das ist elegant swingender Gitarren-Kammerjazz mit interessanten Arrangements mit schönen Voicings, dem gelegentlichen Tempowechsel, einer Bass-Passage da und dort, gutem Interplay von allen, der Klarinette in unterschiedlichen Facetten - unisono mit Gitarre(n) und natürlich mit kurzen Soli. In "Sarong Number" kriegen wir eine Art Samba-Groove mit solidem Bass (immer bei Haggart! in seinem halben Feature "Miss Lucy" streut er das "Salt Peanuts"-Riff ein) und passendem Getrommel (Bongos, kleine Tom-Toms - jedenfalls mit den Händen/Fingern gespielt), die Klarinette mal ganz leicht über den Rhythmen, dann wieder eingebunden.
Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 16 Mai 2026, 17:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

Beitrag von gypsy tail wind »



Die elfte CD der Mosaic-Box teilen sich Kress und die Sängerin Kay Starr with Dave Cavanaugh's Music - Cavanaugh, das ist der Mann aus der Teppichetage und Arrangeur von Capitol, der auch als Tenorsaxophonist wirkte, wie hier, wo zudem Dick Anderson (cl), Red Norvo (vib), Arnold Ross (p), Jack Marshall (g), Red Callender (b) und Joe Turner (d) dabei sind. Starr nahm viel für Capitol auf - aber wie bei Jo Stafford läuft manches eher unter Pop. Die Session ist in der Mosaic-Box wohl vor allem deshalb untergekommen, weil drei der Stücke nie davor schienen sind. Fünf erschienen auf Singles und eines davon, "Steady Daddy", auch auf dem Album "Songs by Kay Starr" (gab's mit anderem Cover auch als 12"-Platte wieder), auf dem weitere Aufnahmen mit Cavanaugh's Music zu finden sind, die ich nicht kenne. Aus der Band glänzt hier vor allem Pianist Arnold Ross, der sich als hervorragender Begleiter erweist - sonst ist das Starrs Show, und Cavanaugh macht sich immerhin nicht zum Gespött, wenn er mal ein paar ereignisarme Takte spielt. Ich weiss noch, wie mir die Stimme von Starr sofort gefiel, als ich mich vor vor fast Dreissig Jahren zum ersten Mal durch die Box hörte. Es gibt hübsche Touches in den Arrangements (eine Art Shearing-Sound mit Klarinette dazu zum Beispiel, was sehr gut passt), natürlich einen starken Bass und ein paar ganz gute Songs. "I Haven't Changed a Thing", "Between a Kiss and a Sigh" und "Believe It, Beloved", an erster Stelle, mittendrin und am Schluss der Session aufgenommen, sind die neuen Stücke. "There Ain't No Sweet Man That's Worth the Salt of My Tears" haben Beiderbecke, Trumbauer und Bing Crosby 1927 mit Paul Whiteman aufgenommen. In "Snuggled on Your Shoulder" spielt Norvo (am Xylophon vermutlich) ein kurzes Intro und eine interessante Bridge, die im langsamen Tempo fast zum ausgewachsenen Solo wird. Norvo spielt auch in "Kiss", einem der neuen Songs, 16 Takte. "Don't Let Your Love Go Wrong" ist eine Jump-Nummer mit Novelty-Elementen im Text - der Groove ist super, Kay souveränes gibt kurze Soli und die Klarinette ist echt hübsch hier. "Steady Daddy" ist dann ein Blues mit twangy Gitarre. Es gibt Tempowechsel, Soli von Norvo (Marimba?) und Ross und Scat-Gesang von Starr im Dialog mit Cavanaugh. "Please Love Me" ist eine Torch-Ballade, souverän gesungen mit der Starr eigenen felsenfesten Phrasierung und Vibraphon (oder doch Xylophon?) hinter dem Gesang, bevor Ross übernimmt, der hier wieder sehr gut ist. Der Closer, "Believe It, Beloved", hält Morgenstern zu recht für eins der besten Stücke der Session - Fats Waller hatte das Stück im Jazz eingeführt, hier treten Klarinette und Xylophon (?) in den virtuosen Dialog und Starr phrasiert einmal mehr hervorragend - und improvisiert in ihrem letzten Einsatz nach dem Dialog der Instrumentalisten, mit dem Text einfach rasch ein paar andere Linien. Klasse - und rätselhaft warum gerade dieses Stück nicht veröffentlicht wurde.



Red Norvo ist dann der wichtigste Mann auf der letzten CD der Mosaic-Box. Wir hören ihn zuerst mit Red Norvo's Nine, die im Oktober 1947 zwei Stücke aufnahmen. Bobby Sherwood (cor), Benny Carter (as), Dave Cavanaugh & Eddie Miller (ts), Arnold Ross (p), Dave Barbour (g), Billy Hadnott (b) und Jesse Price (d) sind dabei. Los geht es mit "Hollyridge Drive", einem Stück von Benny Carter, der nach Sherwoods hübschem Solo an zweiter Stelle zu hören ist. Norvo ist dann mit dem Ensemble zu hören, bevor Eddie Miller acht Takte kriegt. Der schon in Japan auf einer =https://www.discogs.com/release/140476 ... n 8-CD-Box veröffentlichte spätere alternate Take ist etwas weniger gut - aber die Saxophonisten liefern wie zu erwarten ist gute Soli. In "Under a Blanket of Blue" ist hingegen umwerfend. Barbour spielt ein schönes Intro, dann stellt Miller das Thema vor - mit einer hervorragenden Bridge von Sherwood ("the best thing he ever did on cornet" meint Morgenstern). Norvo beendet den Chorus danach, dann übernimmt Ross - fast scheint es, als könne er die Zeit anhalten - bis Carter über dem Ensemble einsteigt und zeigt, warum er der geschmackssicherste Altsaxophonist der Swing-Ära war - eine Coda von Barbour beschliesst diese grossartige Aufnahme. Repeat (3 x). Zusammen mit mehr von Norvo und Capitol-Aufnahmen von Woody Herman, Charlie Barnet, wieder dem Holiday/Whiteman-Stück und mehr erschienen die beiden Stücke auch auf der japanischen LP "Capitol Collector's Items" - schade, nahm diese Gruppe nicht mehr Musik auf!

Ende November 1947 ging es mit dem Red Norvo Septet weiter - mit Ray Linn (t), Jimmy Giuffre (as, ts), Dexter Gordon (ts), Norvo (vib, p), Dodo Marmarosa (p), Barney Kessel (g), Red Callender (b) und Jackie Mills (d) - wie das Line-Up erahnen lässt, bewegen wir uns hier eher zwischen Bop und R & B statt wie davor im Mainstream (den Begriff gab es 1947 noch nicht). "I'll Follow You" ist das erste der Norvo-Stück und der Leader präsentiert ds Thema, bevor wir einen interessanten Dialog der Saxophone kriegen (Giuffre am Alt), der in eine kontrapunktische Passage mündet. Kessel spielt acht schöne Takte und dann kehrt Norvo mit dem Ensemble zurück. "Bop!" heisst das zweite Stück programmatisch, von Norvo mit seinem Schwager Shorty Rogers komponiert und Dodo Marmarosa kommt am Piano dazu. Norvo und Kessel teilen sich den ersten Chorus, Gordon kriegt einen ganzen und spielt ein sehr tolles Solo. Linn (mit Dämpfer und auch gut) und Marmarosa folgen wieder mit je einem halben Chorus. Dann kehrt das Ensemble mit Norvo zurück - und die letzten Bridge gehört dem Bass.



Unter dem Namen Jesse Price and His Blues Band, mit derselben Band und und Price (voc), ohne Marmarosa, mit Norvo am Klavier, entstanden die zwei letzten zwei Stücke der Session. Im ersten Stück, "Baby, Let's Be Friends", spielt Kessel ein tolles kurzes Intro, nach dem Gesang von Price kriegen wir Giuffre am Tenorsax, Linn wieder mit Dämpfer und ein tolles Solo von Kessel. Für "My Baby Done Left Me" wechselt Giuffre wieder ans Alt und wir kriegen hier Gordon am Tenorsax (er denkt schon an Santa Claus, der in die Stadt kommt) und auch ein zweifingriges Piano-Solo von Norvo. Price' Gesang ist in beiden Stücken durchaus in Ordnung - aber mehr instrumentale Aufnahmen dieser Band wären natürlich höchst willkommen gewesen.

Zwei Wochen später folgte die nächste Session, jetzt von Red Norvo with Orchestra - mit Manny Klein (t), John Cave und Al Berlich (frh), Don Bonnie, Art Flemming, Jules Kinsler, Bob Lawson, Vic Poscella und Lloyd Rathburn (reeds), Ross (p), Kessel (g), Callender (b) und Irving Cottler (d). Sechs Tage später folgte eine zweite Session mit etwas verkleinertem Line-Up: Bonnie, Rahburn und Al Gershoff (reeds), Jimmy Rowles (p), Callender und Cottler. Für die von Johnny Thompson arrangierten Sessions kehrt Norvo nun definitiv zu seiner ersten Liebe, dem Xylophon zurück. Thompson hat die Musik so eingerichtet, dass alles gut zusammen passt. Leider ist das dann aber eine Norvo Solo-Show und es gibt die vielen tollen Band-Momente der Aufnahmen davor nicht mehr. Sechs durchaus swingende Stücke, die irgendwo zwischen Kammerjazz mit ganz leisen progressiven Untertönen und Swing daherkommen, der Leader in Form - aber das wird halt doch etwas eintönig. Das Highlight der ersten Session ist der Closer, die von Norvo geschätzte Ballade "I Don't Stand a Ghost of a Chance with You". Bei der zweiten Session schafft Norvo in "Summer Night" mit vier Schlegeln eine besondere Stimmung, im Ensemble kriegen wir eine semi-solistische Flöte (und eine Bassklarinette) - ein Sound, den Milt Jackson ein Jahrzehnt später bei ähnlich hübsch arrangierten Sessions wieder aufleben liess. Callender ist überaus solide und das gilt auch für Irv Cottler, Sinatras Lieblingsdrummer. "El Rojo" von Norvo ist eine rasante Paradenummer, die etwas leicht Artistisches hat, aber wie immer bei Norvo musikalisch bleibt. Als letztes kriegen wir "Band in Boston", noch ein Stück von Norvo, das ein wenig an "Sleepy Time Gal" erinnert.



Je zwei der sechs Stücke erschienen auf einer EP mit feinem Cover ("Classics in Jazz", klar). Und auch von Norvo gab es eine Pausa-LP (mit ein paar Stücken mit Benny Goodman, A1-A3, die nicht im Mosaic-Set sind und unter dem Bandnamen "Hollywood Hucksters" liefen) - und da gibt es ein Warnsignal, nämlich den Vermerk "Electronically re-recorded to simulate stereo" (bei Mel Powell steht "Mono" auf dem Label bei Discogs). Vielleicht wäre da eine Capitol-LP von 1978 mit demselben Programm plus zwei der Stücke mit Hasselgard die bessere Wahl?



Die Aufnahmen des jungen Klarinettisten Stan Hasselgard, dem Goodman Protegé (wenn Du ihn nicht schlagen kannst, behalt ihn im Blick!) aus Schweden, der Ende 1948 mit 26 Jahren bei einem Autounfall viel zu früh ums Leben kam, erschienen natürlich auch in Schweden. Sie beschliessen die Mosaic-Box - und Red Norvo ist auch hier mit dabei, zurück am Vibraphon. Arnold Ross, Barney Kessel, Rollo Garberg (b) und Frank Bode (d) komplettieren die Stan Hasselgard All Star Six, die im Dezember 1947 vier Stücke in sechs Takes für Capitol einspielten. "Swedish Pastry" von Kessel macht den Auftakt und wir bewegen uns irgendwo zwischen Swing und Bop - ganz wie die Goodman-Combo mit Hasselgard, zu der zeitweise auch Red Rodney, Wardell Gray, Mary Lou Williams, Barbara Carroll, Billy Bauer oder Chuck Wayne gehörten - das ein wenig seltsame aber musikalisch bereichernde Intermezzo war kurz nach Hasselgards Tod vorbei). Hasselgard war mit 24 in die USA gekommen, um an der Columbia University Geschichte zu studieren, so der Plan. Doch er wurde von der Jazzszene angezogen und freundete sich mit Barney Kessel an, der ihm den Bebop näherbrachte und ihn mit Frank DeVol von Capitol bekannt machte, der dem Schweden eine Session anbot. Der Bassist Garberg stammte aus Schweden, der Drummer Uffe Bode aus Dänemark. Und klar: das Line-Up erinnert an Goodmans Sextett - und Goodman war wiederum auch Hasselgards Vorbild. Die Gitarre und Klarinette spielen Kessels boppiges Blues-Thema im Unisono, dann solieren der Reihe nach Hasselgard, Kessel und Ross, der in attraktive Oktav-Passagen übergeht, bevor Norvo ein paar Takte kriegt. Weiter geht es mit "Sweet and Hot Mop", einer Linie über "Sweet and Lovely" von Johnny White, einem Vibraphonisten, der bei Goodman gespielt hatte. Zuerst hören wir hiervon einen Alternate Take - beide von Hasselgard sind auf derselben japanischen Box wie der oben erwähnte von Norvo oben erschienen. Kessel ist im Alternate Take hervorragend, Hasselgard und die Band im etwas schnelleren Master vielleicht etwas fokussierter - jedenfalls glänzt der Klarinettist mit einem schlanken aber schönen Ton und einer hervorragenden Phrasierung und Intonation. Der Bass ist präsent und hat einen guten Beat - aber von den Drums hört man fast nichts, die agieren wie ein Metronom, wo ein paar Akzente durchaus zu begrüssen gewesen wären. "Who Sleeps" ist ein schnelles Stück von Norvo, das wohl auf "Jeepers Creepers" beruht und dem Vorbild der Goodman-Combo am engsten verwandt ist. Wir kriegen wieder Soli von allen vieren - Gitarre nah an Christian, Ross ohne Oktaven (er ist auch in beiden Takes von "Sweet and Hot Mop" zu hören) - und ganz gute Drums mit Besen. Die Session endet mit "I'll Never Be the Same" von Frank Signorelli und Matty Malneck, wieder ist der Alternate Take vor dem Master entstanden - und hier beide sind stark. Hasselgard verspielter im ersten, fokussierter und näher am Thema im zweiten. Ross leitet mit einem Intro ein, dann präsentiert Hasselgard die Melodie, von Kessels Gitarre umgarnt, der im Solo im ersten Take nachdenklicher wirkt und melodischer, im zweiten stärker akkordisch spielt. Norvo ist im zweiten Take besser, ebenso wie der Schluss, der im ersten vielleicht eine Spur unsicher ist. Eine wunderbare Session zum Abschluss einer Box, in der es Unmengen an feiner Musik zu entdecken gibt.

Die Hasselgard "Classics in Jazz"-EP hat ein ganz schönes Cover. Die vier Stücke und die zwei famosen Norvo-Stücke mit Gordon und Giuffre finden sich auch auf der B-Seite einer LP mit Mulligans Capitol-Aufnahmen.

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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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Die Capitol Sessions von Benny Goodman in kleinen Formationen hatte Mosaic Records schon 1993 auf 6 LPs bzw. 4 CDs herausgebracht. Damals war ich noch nicht Kunde von Mosaic, aber die Box fand ich später second hand - hab sie mir allerdings nie richtig vorgeknöpft, weil ich einiges daraus schon aus dem Kontext von Reissues von einzelnen Alben oder thematischen CD-Compilations kannte, wobei die Reissues auf CDs in aller Regel noch mehr Material enthalten als die ursprünglichen LPs. Die 4-CD-Box kam also erst irgendwann ins Regal, als sich eine günstige Gelegenheit bot.

Die Musik beginnt mit einem einzelnen Stück vom Juni 1944 und springt dann in den Februar 1947. Ab da gibt es regelmässig Sessions bis zum Ende des Jahres (das letzte Stück findet sich bei der LP-Konfiguration am Anfang der fünften Platte). Im Herbst 1948 nahm Goodman das oben schon erwähnte "Stealin' Apples" auf, danach gibt es noch vier Sessions von 1954/55, die im Rahmen der Alen "BG in Hi Fi" und "The BG Story" entstanden sind - auf denen sind auch Big Band-Stücke zu finden und eben: die CDs enthalten auch das eine oder andere wieder, was damals nicht auf den LPs unterkommen konnte oder sollte. Wie üblich hat Capitol das Material mehrfach ausgewertet, so finden sich auch bei diskographischen Angaben zu den vielen Sessions von 1947 oft Katalognummern von LPs in der Diskographie. Und wie üblich wirkt das alles nicht besonders durchdacht (manche Stücke erschienen auf mehr als einer LP wieder, bei anderen blieb es bei der Single oder EP), und natürlich fällt das alles in die Zeit des Umbruchs der Formate (EPs, 10" und 12" LPs).

Benny Goodman braucht man auch heute kaum vorzustellen. Er kam 1909 in Chicago zur Welt und wuchs in einer Zeit auf, als neu definiert wurde, was es hiess, (US-)Amerikaner zu sein. im Hull House, einer Einrichtung für arme Kinder, machte er schon früh musikalische Erfahrungen. Hier trafen sind Jugendliche aller Religionen und Hautfarben - Loren Schoenberg erwähnt in dem Zusammenhang in seinem Text für das Mosaic-Booklet das utopische Stück "The Melting Pot" von Israel Zangvill. Und tatsächlich gehörte Goodman später zu den ersten weissen Musikern und Showbusiness-Persönlichkeiten, die Schwarze einstellten und für diese einstanden: Teddy Wilson, Lionel Hampton, Charlie Christian und Cootie Williams sind ein paar von ihnen. Es sind viele Gerüchte über Goodman im Umlauf - der netteste Mensch scheint er nicht gewesen zu sein, aber die Aussage, dass er mit den Schwarzen Kollegen nie Beziehungen über das Geschäftliche hinaus gepflegt haben solle, scheint zum Beispiel falsch zu sein (Coleman Hawkins hat 1936 erzählt, dass er jeden Freitag bei Goodmans eingeladen gewesen sei, wo die Mutter "gefilte fish" zubereitet hätte - die Erinnerung gibt's bei John Chilton in "The Song of the Hawk", 1990).

Goodman orientierte sich zunächst an der Band von Fletcher Henderson und den Arrangements von dessen wichtigstem Mitarbeiter Don Redman. Auf dieser Basis entstand seine Big Band, mit der er die Musik weiter entwickelte. Bald entstanden auch Combos mit den erwähnten Musikern und weiteren wie Mel Powell, Gene Krupa und Dave Tough, die mit ihren raffinierten, virtuosen Stücken für Aufsehen sorgten. In der grossen Besetzung spielten viele Leute, die hier im Thread oder bei den V-Discs usw. schon aufgetaucht sind: Chris Griffin, Jimmy Maxwell, Ziggy Elman oder Manny Klein (t), Lou McGarity oder Cutty Cutshall (tb), Toots Mondello (as), Georgie Auld, Peanuts Hucko oder Vido Musso (ts), Artie Bernstein oder Jack Lesberg (b), Nick Fatool, Buddy Rich oder Louis Bellson (d), Red Norvo (vib), Jess Stacy (p) und viele mehr. Für die Arrangements holte Goodman sich Leute, die zuvor für Schwarze Bands tätig waren, nicht zuletzt Fletcher Henderson selbst, den ersten wichtigen Big Band-Leader. Doch Leute wie Eddie Sauter und Mel Powell gingen auch da neue Wege.

Goodman versuchte auch, Elemente der neuen Musik von Charlie Parker und Dizzy Gillespie einzubeziehen (z.B. in der erwähnten Combo mit Stan Hasselgard und Wardell Gray in den späten Vierzigern), aber so richtig angekommen ist er im Bebop nie und die Phase der Annäherung blieb kurz. Doch gerade bei Capitol war es ihm - im Gegensatz zu RCA und Columbia, den Major Labeln, für die er davor aufgenommen hatte - möglich, zu experimentieren. E konnte Dinge ausprobieren, auf die er Lust hatte, unabhängig vom Druck, dass er die Nr. 1, der "King of Swing", zu bleiben hatte, wie es ihm die Bosse davor einbläuten. Gerade in den kleinen Bands wirkt Goodman oft sehr entspannt - und eben: er hatte durchaus offene Ohren, war an Mel Powells zahlreichen Ideen interessiert, hörte beim Bebop hin, kriegte mit, was sich an der 52nd Street tat. 1938 beauftragte Béla Bartók mit einer Komposition ("Contrasts") und zehn Jahre später erkannte er bei einem Blindfold Test mit Leonard Feather unter anderem Fats Navarro, Dizzy Gillespie, Charlie Parker und Al Haig. Als Feather ihm Monks Blue-Note-Einspielung von "Off Minor" vorspielte, sagte Goodman: "I like it. I like that very much. I like the piece, and I like the way he played it. I haven't any idea who it is. I think he's got a sense of humor, and he's got some good things there. [...] Very unusual; it's very interesting."

Es gibt bei Goodman die ganze Palette zwischen skeptischer Neugierde und spontaner Begeisterung, er hat sich bei anderen bedient und sich Sachen angeeignet - und dabei hat er mit seinem stets hohen musikalischen Standard dafür gesorgt, dass die immer zumindest hörenswert waren. Obwohl Goodman später dem Bop den Rücken zukehrte, heuerte er immer wieder moderne Musiker an: Jack Sheldon, Phil Woods, Russ Freeman oder Zoot Sims spielten und tourten mit ihm - und es gibt sogar eine Aufnahme mit Herbie Hancock am Klavier.



Los geht es im Juni 1944 mit Teddy Wilson (p), Sid Weiss (b) und Cozy Cole (d) und einer rasanten Version von "After You've Gone" - für einen Disney-Animationsfilm eingespielt und erst 1955 auf der obigen EP veröffentlicht, zusammen mit zwei späteren Aufnahmen ("All the Cats Join In" vom Juni 1944 mit der Big Band und "There'll Be Some Changes Made" vom Januar 1954). Das tolle Stück erschien 1953 auch auf er 10"-Platte (die je nach Land/Nachfrage als Doppel-7"-EP erschien, z.B. in Frankreich und Schweden, in den USA gab's beides) "The Goodman Touch" und 1956 wieder auf der Compilation-LP "Benny Goodman And His Famous Combos".

Die achtzehn Sessions von 1947 fanden alle in den Radio Recorders Studios in L.A. statt. Damals wurde auf 16" Acetat-Platten aufgenommen. Im Frühling leitete Goodman eine Combo mit Ernie Felice am Akkordeon. Bei den ersten beiden Sessions, am 12. und 19. Februar, waren auch Jess Stacy (p), Harry Babasin (b) und Tom Romersa (d) dabei und es entstanden sechs Masters plus ein Alternate Take. Und es gibt dazu fast so viele EPs, 10"- (und passende 2 x oder 3 x 7" Box-Sets) und 12"-LPs wie Takes, während einzelne Stücke auch weiterhin auf Singles erschienen, in diesem Fall "Sweet Georgia Brown" (zudem 1952 auf "Easy Does It", einer 10"/7"-Box, die 1953 bereits auf 12" als Twofer mit "Session for Six" wieder auftauchte, sowie der 12" "Combos" von 1956) und "I Know That You Know", mit denen die Session jeweils öffnen (keine Einträge bei Discogs, soweit ich sehen kann). Felice war anscheinend bei Goodman dabei, weil man ihm helfen wollte, seine eigene Karriere zu lancieren. Das ist klanglich mässig attraktiv - aber Schoenbergs Vergleich mit den Aufnahmen vom Organisten Glenn Hardman mit Lester Young finde ich dann doch etwas zu fies, so übel ist Felice echt nicht. Jess Stacy ist neben dem Leader die zentrale Stimme hier. In "I'll Always Be in Love with You" (ca. 1954 auf einer der zwei EPs bzw. der 10" "Classics in Jazz" und "Combos") verdichtet er seine Begleitung hinter Goodman zusehends, bis daraus quasi ein Duett (mit Akkordeon-Begleitung) wird und der Pianist daraus in seine Solo gleitet. Stacys poetischer Touch ist auch in zwei Takes von "Sweet Lorraine" zu bewundern - der Master Take ("The Goodman Touch") ist der erste, Stacy setzt die Stimmung und das überträgt sich auf Goodman und auch auf Felice, der eine echt schöne kurze Bridge spielt. Der zweite Take, der Alternate, erschien erst bei Mosaic und Goodman klingt hier etwas spontaner, aber Stacy eine Spur weniger gut. Die erste Session endet mit dem "St. Louis Blues" ("Classics in Jazz", "Combos"), der etwas zögerlich - aber mit gutem Akkordeon und einem eingängigen Bass-Riff - beginnt, aber am Ende ziemlich heiss wird.



Eine Woche später nahm dieselbe Gruppe noch zwei Stücke auf. "I Know that You Know" (Single, "Classics in Jazz") präsentiert im stompenden Tempo die so eigenen Goodman'sche Virtuosität, die fast beiläufig daherkommt - und noch in den schnellsten Linien immer mit diesem vollen, runden, sehr warmen Ton. Nach seinem Lieblingsmusiker gefragt, antwortete Goodman Zeit seines Lebens: Bunny Berigan. Dass wir hier dessen Paradenummer "I Can't Get Started" ("Easy Does It") zu hören kriegen, ist also kein Wunder. Akkordeon und Bass pausieren hier, wir kriegen ein Trio von Goodman, Stacy und Romersa - kein direktes Remake, aber Capitol wollte die Chance sicher wahrnehmen, an Goodmans famose Trio-Aufnahmen aus den Dreissigern anzuknüpfen.

Am 7. März war das Quintett mit neuem Pianisten, Tommy Todd (vgl. Black & White Faden), schon wieder im Studio und nahm noch zwei Stücke auf, "Lonesome Road" ohne und "Fine and Dandy" mit dem Akkordeon, beide zusammen auf einer Single (kein Eintrag bei Discogs) und beide auf "The Goodman Touch" (womit die Hälfte der Platte jetzt schon durch ist). Todd war v.a. als Arrangeur (Tommy Dorsey, Goodman) bekannt, erweist sich nicht nur hier aber auch als hervorragender Pianist, der im ersten Stück ein wenig funky wird, ein Intro beisteuert und nach Goodmans Themenpräsentation ein gutes Solo spielt, das mit einem gekonnten Tonartwechsel beginnt. Danach lässt Goodman sich vom Pianisten hörbar inspirieren und spielt ein Solo mit guten Ideen und einigen gut gesetzten Pausen. Dann ist das Akkordeon zurück, doch das hält Goodman natürlich nicht davon ab, ein exzellentes, sehr klares Solo zu spielen. Babasin/Romersa glänzen im schnellen Tempo und Todd - wieder vor Goodman - ist erneut interessant.

Die nächste Session vom 28. März blieb unveröffentlicht. Sind neben Felice, Todd, Babasin und Romersa auch noch Dave Barbour (g) und Peggy Lee (voc) dabei. Die beiden hatten sich in der Band von Goodman kennengelernt und waren seit 1943 verheiratet. Capitol brachte wie wir schon gesehen haben gerne ein paar seiner wichtigen Leute im Studio zusammen - umso überraschender, dass diese Session erst 1993 ausgegraben wurde, davor laut Schoenberg noch nicht mal in den einschlägigen Diskographien aufgetaucht war. Los geht es instrumental mit "The Bannister Slide" mit schönem Gitarren- und ziemlich abenteuerlichem Piano-Solo. Peggy Lee singt dann in "Eight, Nine and Ten" - kein grosser Song sondern wie der Titel schon erahnen lässt ein Riff-Tune (und Goodman quiekt nach der ersten Phrase der Sängerin einmal ganz kurz - auch er war nicht perfekt). Goodman scheint das Stück gemocht zu haben, denn er nahm es etwas später al "No Baby No" mit der Big Band auf und sang dabei selbst. Die Session endet mit einem Highlight, "I Never Knew" nur mit der Goodman, Todd, Babasin und Romersa. Todd glänzt wie üblich mit einem interessanten Intro und einem ungewöhnlichen Solo inklusive Dialog mit Babasins Bass, wie man ihn am ehesten aus Ellingtons Band kennt (laut Schoenberg gab's das bei Goodman davor nur einmal, 1941 in "String of Pearls"). Goodman paraphrasiert das Thema von Anfang an und Todd ist auch hinter ihm bemerkenswert.

In Australien erschien "Classics in Jazz" im 10"-Format mit einem alternativen Cover (zum Glück stärker reingezoomt, sonst würde man an der Hand sehen, dass das Foto seitenverkehrt verwendet wurde) und für den frühen 12"-Twofer "Session For Six & Easy Does It!" gab es (wie z.B. auch bei einer ähnlichen Kenton-Produktion von Capitol) auch eine Art Twofer-Cover - während in Australien dafür das Motiv von "The Goodman Touch" recycelt wurde und später (vermute ich) noch ein Alternativ-Cover auftauchte:

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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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Das Schellack-Album war 1947 noch längst nicht tot. "Benny Goodman Rides Again" heisst das Ding mit acht Stücken auf vier Platten, das Capitol 1947 herausbrachte und Goodman darauf in waschsenden Formationen präsentiert. Los geht es im Duo mit "Mean to Me" ("The Goodman Touch"), dem Opener der ersten Session vom April 1947. Jimmy Rowles ist der neue Pianist, 1942 gehörte er zur Band und kehrt hier nicht zum letzten Mal zurück. Rowles beschwört hier den Stil von Teddy Wilson herauf, und wenn Tony Romersa für "Puttin' on the Ritz" (zweimal auf Single, auf dem obigen 78rpm-Album sowie "Easy Does It", "The Goodman Touch" und der 1956er 12"-LP "Combos") dazustösst, denken wir natürlich schnell an frühere Goodman-Trios. Romersa hält das Tempo hoch, während Goodman und Rowles mit grosser Eleganz darüber schweben. Die Phrasierung von Goodman ist auf den Punkt und doch sehr frei (Pee Wee Russell war ein frühes Vorbild) - seine Technik war wirklich stupend. Und seine Spiellust auch, wenn er nach den Breaks von Romersa in den Exchanges noch an "Bei mir bist du schön" vorbeischrammt. "I Never Knew" ("Easy Does It" und "The Goodman Touch") ist das nächste kleine Meisterstück im Trio - Romersa legt das Gewicht im Stil von Krupa auf die Bass-Drum. Im Duo mit Rowles spielt Goodman zum Ausklang dann noch "Lazy River" (vom 78rpm-Album und "The Goodman Touch").



Am Tag drauf, dem 17. April, folgte eine Session mit grösserer Band - und alle drei Stücke von diesem Tag landeten auf dem 78rpm-Album: Ray Sims (tb), Ernie Felice (acc), Al Hendrickson (g) und Harry Babasin (b) stossen zum Trio. Der Posaunist setzt in der veröffentlichten Version von "The Bannister Slide" (auch auf "Classics in Jazz" und "Mostly Sextets") aus. Felice spielt das Thema unisono mit Goodman, während Rowles boppige Fills einstreut. Goodman soliert wieder mit seiner üblichen Lässigkeit, die Rhythmusgruppe swingt mit Al Hendrickson noch etwas heftiger. Rowles und Hendrickson folgen mit guten Soli und der Gitarrist spielt im Ensemble am Ende lässige Fills. "Benny's Boogie" (das letzte Stück von "The Goodman Touch") hat Goodman mit Rowles, Babasin und Romersa eingespielt - und Harry Babasin spielt laut Schoenberg das längste Bass-Solo, das es bei Goodman je gab (zwei Blues-Chorusse), nachdem er schon das Intro kriegt. Die Session endet dann mit der Bop-Hymne "How High the Moon" (auch auf "Session for Six") - Rowles ist schon im Thema sehr aktiv und umgarnt Goodmans Lead. Sims - Bruder von Zoot, den Goodman oft anheuerte - spielt ein schönes Posaunensolo im Stil von Bill Harris, doch es ist Rowles, der hier den stärksten Beitrag liefert. Felice ist dann im abschliessenden Thema für die Verzierungen zuständig.

Eine Woche später, am 23. April war dieselbe Band wieder im Studio. Ohne Gitarre nahm sie zuerst "Music Maestro Please" (auf dem 78rpm-Album, "Classics in Jazz" und "Mostly Sextets" - die restlichen zwei Stücke auf dem 78rpm-Album wurden mit Big Band aufgenommen) auf. Felice ist hier zum letzten Mal dabei und kriegt wieder einen grösseren Part im Ensemble und auch das erste Solo - und macht seine Sache gut. Die Rhythmusgruppe swingt und Rowles spielt dann ein weiteres feines Solo - schnellfingrig, voller Ideen und doch sehr poetisch. Das zweite Stück der Session ist "Makin' Whopee" ("Easy Does It", das hiermit glaub ich auch komplett ist, und "Mostly Sextets"). Piano-Intro von Rowles, dann Goodman mit einer Paraphrase des Themas. Die Band klingt hervorragend und ist zugleich tight und frei in Rhythmus und Gestaltung. Hendrickson spielt das gute erste Solo, doch es ist wieder Rowles, der am besten ist - und überhaupt, der Schluss ist so abrupt, man wünschte sich hier echt ein paar längere Stücke - die hätten gerne mal auch doppelt oder dreimal so lange spielen dürfen, wenn die Formate es zugelassen hätten (ich hoffe sehr, dass das geplante V-Disc-Set von Goodman noch zustande kommt).



Am 29. Mai 1947 gingen die Hollywood Hucksters ins Studio, um drei Stücke für Capitol einzuspielen. Eine All-Star-Combo mit Goodman (cl, voc), Benny Carter (as), Dave Cavanaugh (ts, arr), Joe Koch (bari), Charlie Shavers (t), Red Norvo (vib, xyl), Jimmy Rowles (p), Irving Ashby (g), Red Callender (b), Lee Young (d) und Stan Kenton (voc). Die Stücke erschienen unterschiedlich kombiniert (und mal mit Sonny Greer auf der B-Seite) auf Singles, "I Apologize" auch auf "Small Combos", einer Compilation, die auch unter "Classics in Jazz" lief. "I Apologize" öffnet mit einer Bläserpassage, die nach wenigen Sekunden den Raum Norvo und seinem Xylophon überlasst. Dann übernimmt Goodman fr die Bridge, bevor es mehr Norvo gibt, und danach wieder Goodman - alles von Liegetönen des Ensembles begleitet. Carter und Shavers sind dann in der geteilten Bridge kurz zu hören, bevor Goodman wieder einsteigt - der Saxophonist besonders gut in seinen wenigen Takten. Eine kollegiale Atmosphäre herrscht hier, die Musiker kannten sich zumeist schon lange und sich sich immer wieder begegnet. "Them There Eyes" kriegt ein Riff-Intro verpasst, dann präsentiert Goodman das Thema und Rowles kriegt die Bridge. Carter ist der erste Solist und unschwer mein Lieblingsmusiker bei dieser Session. Shavers und Norvo (am Vibraphon) kriegen auch ihre Spots, Young dreht vor allem hinter dem Trompeter etwas auf. Am Ende Ensemble, Goodman, ein paar Breaks und aus. Sehr gut - einerseits schön, so eine konzise Aufnahme zu haben, andererseits wünschte man sich wieder mehr Raum ... muss ja nicht grad JATP-mässig ausarten, irgendwas dazwischen stellt man sich bei so einer Band schon toll vor. Zum Abschluss gibt es eine Novelty, in der Kenton und Goodman zusammen singen und sich mit ihrem Sprech-Singsang zum Spass beleidigen. Carter, Goodman und Shavers spielen ihre ganz guten Blues-Chorusse, der Trompeter mit viel Verve. Norvo - wieder am Xylophon - spielt ein paar Arpeggien, wenn der Gesang mit Stoptime zurückkehrt.

Die Session erschien auch auf der Swaggie-LP "The Capitol Jazzmen 1943-1947" (1984) und auf der japanischen LP "Capitol Collector's Items" (beim "Happy Blues" war anscheinend das Vocal-Intro oft weggekürzt).

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Re: Capitol Records - Jazz-Sessions der Vierziger und Fünfzigerjahre

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Am 6. Juni 1947 war Goodmans Combo schon wieder im Studio - das Akkordeon wird jetzt durch die Gitarre von Al Hendrickson ersetzt und Red Norvo bleibt auch gleich dabei. Rowles und Babasin sind weiter dabei, neu ist Don Lamond an den Drums. Der glänzt schon in "Cherokee" (Single, "Classics in Jazz", "Mostly Sextets"), mit dem die Session beginnt. Wie Rowles und Norvo gehörte er bis im Vorjahr zur Band von Woody Herman, die dann auseinanderfiel, worauf einige Musiker in Kalifornien blieben oder strandeten. Und ein paar von ihnen bei Goodman unterkamen - sie alle und auch Hendrickson und der Leader glänzen in diesem schnellen Tempo. "The Maids of Cadiz" (Single, "Sessions for Six" - oben ein langweiliges deutsches Alternativcover, "Mostly Sextets") stammt von Léo Delibes, und es ist toll, Goodman abseits seiner Repertoire-Pfade zu hören - schade, hat der "the Spanish tinge" nicht öfter eine Chance gegeben. Rowles ist auch hier toll, und nach einem Vibraphon-Intermezzzo (kein Xylophon hier) beendet Goodman das Stück mit viel Soul. "Love Is Just Around the Corner" (Single mit "Cherokee", "Classics in Jazz", "Mostly Sextets" - oben das Cover eines australischens Reissues von 1974) ist das nächste Stück. Riffs mit Vibraphon-Fills, ein feines Piano-Solo gefolgt von Norvo, nochmal Rowles, dann Hendrickson und Goodman und nochmal Hendrickson - und Lamond spielt, so dünkt es, ständig mit allen mit, leicht und unaufdringlich, aber maximal lässig, wie die ganze Nummer extrem entspannt daherkommt. Am Ende kriegt auch Babasin noch ein paar Takte und Goodman spielt mal wieder eine Paraphrase über das Thema. Dei Session endet mit "I Know That You Know" ("Combos"), wieder im schnellen Tempo. Ein Stück, das Goodman schon lange im Repertoire hatte, dem er aber ganz offensichtlich immer noch viel abgewinnen konnte.



Zwei Monate vergehen bis zur nächsten Combo-Session für Capitol - am 11. August ist Goodman mit Norvo, Hendrickson, Babasin, dem Pianisten Mel Powell und dem Drummer Louis Bellson wieder im Studio. Der Stil von letzterem ist ähnlich leicht aber wohl noch musikalischer als er von Lamond, während Powell natürlich ohne den Bop-Einschlag von Rowles spielt, aber ebensosehr mit Ideen und Einfällen glänzt. Beide hatten schon öfter mit Goodman gespielt, sind aber neu im Sextett. Los geht es mit "Hi 'Ya Sophia" (Single, "Session for Six", "Mostly Sextets") von Hampton/Powell/Goodman, einem Gruss an eins von Goodmans Kindern mit gutem Beat und ein paar überraschenden Akzenten von Powell - und schrammt die Gitarre im Thema knapp an "Salt Peanuts" vorbei? Der Gitarrist singt dann maximal entspannt in "Baby, Have You Got a Little Love to Spare" (Single mit "Hi 'Ya Sophia") - schon überraschend, wie die gelegentlichen Gesangseinlagen vieler Musiker von damals sich besser gehalten haben als viele der "boy singer" der Big Band-Ära (wenn wir nicht grad Jimmy Rushing nehmen oder die allerbesten der Balldenkünstler wie Herb Jeffries oder Al Hibbler). Goodman in seiner Rolle als Begleiter völlig auf, ist dafür in "Nagasaki" (Single, "Session for Six", "Mostly Sextets"), der einzigen Combo-Nummer vom 25. August mit Artie Shapiro zurück am Bass wieder im Vordergrund. Eine famose Nummer, die Goodman natürlich auch schon lange kannte - Norvo sorgt für Kontrapunkt und Bellson für einen packenden Beat. Charlie Parker erkannte das Stück in eine Blindfold Test mit Leonard Feather sofort und sagte "Benny's always superb, that's natural. He's one of the few that never retards. I don't agree with people who think Benny's old-fashioned" (zitiert nach Loren Schoenberg im Booklet der Mosaic-Box).

Am 22. September - mit Joe Mondragon (b) und dem Rückkehrer Tony Romersa (d) - gibt es zwei Sextett-Stücke, "The Varsity Drag" (Single, "Session for Six", "Mostly Sextets") und "Gonna Get a Girl" (Single mit "Nagsaki"), wieder mit Gesang von Hendrickson. Die Drums haben zwei Gänge runtergeschaltet und das ist schade nach den tollen Aufnahmen mit Lamond und Bellson, von denen es viel zu wenie gibt. Aber Romersa macht einen guten Job und Norvo ist auch hier dabei (weiterhin immer nur am Vibraphon) und spielt ein gutes Solo und bereichert die Ensembles. Hendrickson spielt auch ein paar Takte, bevor Powell dran ist, der viel dichter als Rowles spielt, kaum Pausen lässt, aber wie immer interessante Ideen und einen guten Beat hat. Goodman ist dann der letzte Solist und er ist toll. Hendrickson singt auch das zweite Stück entspannt und ansprechend, während Goodman hinter ihm zumeist im Chalumeau-Register der Klarinette bleibt. Neben einem ganz guten Gitarrensolo ist es hier Norvo, der wieder etwas abenteuerlicher agiert.



Das Jahr neigt sich bald dem Ende zu, doch das war's noch lange nicht für Goodman, der im November noch zwei lange Trio- und im Dezember gleich vier Sessions mit dem wieder um eine Posaune erweiterten Sextett durchführte. Beim Trio kriegen wir den Rückkehrer Teddy Wilson und den ehemaligen Lunceford-Drummer Jimmy Crawford und ganze sechs Stücke am ersten Tag, dem 7. November. Wilson und Goodman hatten sich 1933 bei einer Party im Haus von Red Norvo und Mildred Bailey kennengelernt - beide von der Chicagoer Szene der Zwanziger geprägt. Die beiden spielten kaum je besser, als wenn sie gemeinsam unterwegs waren. Bei Wilson kriegt man oft den Eindruck, er ahne die nächsten Moves von Goodman schon im Voraus. Und der ist mit dem eleganten Pianisten an seiner Seite oft etwas deutlicher als der Hot-Jazzer erkennbar, der er zeitlebens war - auch da, wo die Umgebung etwas kühler, eleganter oder ambitionierter wurde. Acht der zehn Stücke landeten auf dem 10"-Album "Benny Goodman Trio" und die meisten gab0s auch auf Singles.

Der Leader öffnet "Blue (And Broken Hearted)" mit einem kurzen Solo-Intro, bevor Wilson und Crawford mit elegantem Swing im mittelschnellen Tempo einsteigen. Wilson kriegt das erste Solo und zwischen der Bass-Trommel und seiner linken Hand fehlt ein Kontrabass keine Sekunde - aber das weiss man ja schon von den Aufnahmen aus den Dreissigern mit Gene Krupa. Dass man hier nicht ständig Feuerwerke kriegt wie in den Dreissigern gehört für meine Ohren gerade zum Reiz dieser Sessions - das ist zwar oft höchst virtuose Musik, aber mit einer gereiften Eleganz von Goodman und Wilson dargeboten, die die Stücke mehr atmen lässt. "After Hours" (auch auf "Combos") von Avery Parrish wird von Goodman und Wilsons rechter Hand unisono präsentiert - ein catchy Thema mit gutem Groove, den Wilson mit der linken Hand spielt. Wieder ist er danach der erste Solist, lässt viel Raum, streut da und dort ein kleines Tremolo ein. Goodman spielt ein feines Solo, ebenfalls sparsam und mit viel Luft - und hier ist echt schön, dass Crawford von all den Pausen nicht dazu animiert wird, ständig Fills zu spielen. Im Gegenteil: er bleibt bei seinem Beat und der ist toll. "All I Do Is Dream" (in der Version nur auf "The Benny Goodman Story" erschienen) ist das Tempo dann rasant, aber die Phrasierung wieder relaxt - man versteht sich blind und kann auch bei diesem Tempo durchatmen und sich nach mal etwas nach hinten lehnen. Das Schema ist dasselbe: Goodman im Thema, Piano-Solo, Klarinetten-Solo (für das Crawford hier den Beat anpasst), allenfalls bisschen Exchanges oder ein Ensemble mit Drums oder sowas und dann nochmal Thema mit Goodman. Crawfords Spiel mit den Besen - hier mit begleitetem Solo - ist hervorragend und glücklicherweise richtig schön eingefangen. "I'll Never Be the Same" (auch auf "Classics in Jazz" und "Combos") war eigentlich eine Paradenummer von Wilson, bietet hier aber eine wunderbare Goodman-Performance: Sein Spiel wirkt so natürlich, dass man es fast bescheiden nennen möchte. Wir kriegen hier auch eine weitere Kostprobe vom exzellenten Zusammenspiel mit Wilson - im langsamen Tempo zu Beginn aber erst recht, wenn für den improvisierten Teil das Tempo beschleunigt wird - die beiden scheinen oft förmlich zu verschmelzen, statt Klarinettensolo mit Begleitung hören wir aber nicht etwa einen Dialog sondern eine gemeinsame, organisch wirkende Einheit. "Bye Bye Baby" ist dasselbe nochmal, aber im schnellen Tempo - ein telepathisches Verständnis von zwei Musikern, die sich abwechselnd und gemeinsam perfekt ergänzen und von einem exzellenten Drummer getragen werden. "Shoe Shine Boy" ist dann das letzte Stück von "The Goodman Touch" - da war ich oben vorschnell - und das zweite, das auf der 10"-Ausgabe von "Trio" fehlte (ich hatte davon eine CD mit allen Takes und einer späteren Session, bevor ich die Mosaic-Box kaufte). Das Stück kennt man vor allem, weil es das erste ist, das Lester Young je aufgenommen hatte - aber auch Goodman, Wilson und Crawford können damit viel anfangen.

Bei der Session am 17. November wurde die LP mit vier weiteren Stücken vervollständigt. "At Sundown" ist eine Performance wegen der Linien, die Goodman hier ausdenkt - mal wieder wird die Melodie selbst gar nie gespielt und alles wirkt mal wieder maximal entspannt - Schoenberg meint, es "almost has the feeling of a run-down take that went so well they decided to let well enough alone". "When You're Smiling" kommt dann wieder konventioneller daher, Goodman spielt das Thema - aber er behandelt die Melodie auf seine eigene Art und swingt im mittelschnellen Tempo. "All I Do Is Dream of You" ist dann wieder Uptempo - und das ist der Take, der auf der Trio-Platte (und "Combos" sowie " The History of Jazz, Vol. 3: Then Came Swing") landete. Crawford ist auch hier superb, sein Solo zwischen Wilson und Goodman eingebettet. Die Leichtigkeit, mit der Goodman und Wilson das Tempo spielen, sich dabei nicht den kleinsten Fehltritt erlauben, ihre vielen Ideen stets perfekt umsetzten, gehört zu den Gründen, warum die Bebopper die beiden respektierten. Von der Konzeption bis zur Durchführung ist hier alles schlicht perfekt. Die Session und das Album endet mit "Stompin' at the Savoy" (auch auf "Combos") - ein Stück, das Goodman und Wilson zu der Zeit bestimmt schon Tausende Male gespielt hatten, dem sie aber immer noch etwas abgewinnen, es frisch klingen lassen konnten.



Weiter geht es am 2. Dezember mit Ed Kusby (tb), Red Norvo (vib), Al Hendrickson (g), Mel Powell (p), Artie Shapiro (b) und Tony Romersa (d) und "Keep Me in Mind" mit einem überraschenden Gast: Peggy Lee. Das Stück ist in der Mosaic-Box zum ersten Mal erschienen und verrät wieder den Einfluss, den Billie Holiday auf Goodmans ehemalige Bandsängerin hatte. Warum das Stück nie veröffentlicht wurde, ist nicht nachvollziehbar. "Shirley Steps Out" (Single, keine Posaune) ist einem weiteren von Goodmans Kindern gewidmet. Mel Powells Stück hat ungewöhnliche Changes, die besonders Norvo zu einem ungewöhnlichen Solo inspirieren. Das Stück ist aber auch dank des Arrangements das Highlight der Session. Die Session endet mit "Give Me Those Good Old Days" (Single), auf dem noch Chuck Gentry (bsx) und The Sportsmen (voc) dazu stossen und Powell ein Tack Piano spielt. Ein nettes, aber etwas antiquiertes Bisschen Spass, bei dem Goodman sich bei seinem Solo im Zweier-Beat etwas Slap-Tonguing nicht nehmen lässt.

Am 9. Dezember geht es weiter mit Jake Porter (t), Norvo (vib), Allen Reuss (g), Powell (p), Shapiro (b), Bill Douglass (d) und auf dem ersten Stück Emma Lou Welch (voc). Dieses erste Stück ist "I'm in a Cryin' Mood" und ebenfalls neu im Mosaic-Set. Welch hat eine schöne, tiefe und bluesige Stimme, die in diesem langsamen Tempo hervorragend passt, von Goodman umgarnt und mit gutem Piano und Growl-Trmopete von Porter, der uns bei Mel Powells Capitol-Sessions schon begegnet ist. "High Fal-lutin'" hält nicht, was der Titel verspricht - ein simples Riff-Tune mit Goodman im Lead und ein paar leisen Trompeten-Growls und Gegenlinien von Norvo. Das Stück erschien zusammen mit "Them There Eyes" von den Hollywood Hucksters auf dem 10"-Album "Small Combos" mit Aufnahmen von verschiedenen Musikern, und 1955 auch auf der 12"-Version von "The Goodman Touch"). Porter setzt dann auf dem Closer der Session aus, "That's a Plenty" (Single, "Easy Does It", "Combos") - ein alter Klassiker, aber einmal mehr einer, der bei Goodmans Combo wieder sehr frisch klingt. Powell ist im Solo und in der Begleitung gut - wie Norvo auch. Auch hier hätte man gerne ein paar Minuten mehr Zeit, damit die Musik sich entfalten kann.

Zwei Tage später, am 11. Dezember, geht es mit derselben Ban und drei weiteren Stücken weiter. "Henderson Stomp" (Single, "Easy Does It", Combos") ist natürlich ein Stück von Flechter Henderson. Porter growlt wieder im Thema, Norvo kriegt das erste Solo, das geht aber alles so schnell und die Growls übernehmen und die Klarinette stösst dazu ... das ist toller Ensemble-Jazz, der natürlich keine Sekunde nach Dixieland klingt. Dass Allen Reuss ein Schüler von George Van Eps war glaubt man übrigens bei diesen Sessions auch sofort, seine Rhythmusgitarre ist integraler Bestandteil der Band und verleiht dem Swing der Rhythmusgruppe Nachdruck. "You Took Advantage of Me" erschien bis zur Mosaic-Box nicht - und hier ist das wohl wirklich verständlich, denn so richtig fesselnd ist die Nummer nicht - alles wirkt etwas unverbindlich, als fehle die Inspiration, obwohl auch überhaupt nichts falsch ist damit. "Behave Yourself" (Single, "Easy Does It") ist dann wieder mal ein Gesangsfeature von Goodman (wie der Chart, den Ralph Burns für die Big Band schrieb). Powell spielt im letzten Chorus eine tolle, von Fats Waller inspirierte Bridge.

Die Combo-Aufnahmen von 1947 enden mit zwei Stücken, die am 30. Dezember 1947 mit Norvo, Powell, Red Callender (b), Lee Young (d) und noch einem unveröffentlichten Stück mit Emma Lou Welch (voc) entstanden. "The World Is Waiting for the Sunrise" (Single, "Sessions for Six", "Combos") ist ein rasantes Stück, in dem Lee Young mal etwas mehr spielt, als er das meist bei solchen Swing-Sessions tat - oder man hört ihn hier einfach dank der superben Aufnahmequalität mit seinen Besen für einmal richtig gut. Goodman entfernt sich bald von der Melodie, wird von Norvo dicht begleitet, bevor Powell übernimmt und das irre Tempo so souverän wie Wilson meistert. Goodman und Norvo folgen und sind beide ebenfalls hervorragend. Callender kriegt auch ein paar Takte und Young ein paar Breaks im abschliessenden Ensemble. "The Record Ban Blues" ist aus unbekannter Feder und eben: nur im Mosaic-Set zu finden. Michael Cuscuna hat das Stück in den Archiven von Capitol gefunden, davor wusste man noch nicht mal von seiner Existenz. Am 1. Januar trat der zweite Recording Ban der Musikergewerkschaft in Kraft, das war also fast in letzter Minute aufgenommen und verhandelt das Thema (Dinah Washington hat am selben Tag einen anderen Song mit demselben Titel aufgenommen). Welch ist wieder gut anzuhören, aber Powells kurzes Block-Akkord-Solo ist das Highlight - und wie die Rhythmusgruppe unter ihm agiert. Goodman ist wie üblich nur der Begleiter, aber das macht er - auch wie üblich - gekonnt.



Im September 1948 konnte Goodman dank einer Ausnahmebewilligung der Gewerkschaft im Rahmen einer Benefizveranstaltung für den Damon Runyon Cancer Fund eine Aufnahme machen: ein einziges Stück, das berühmte "Stealin' Apples (komponiert von Fats Waller und Andy Razaf), ist dabei entstanden. Goodman hatte sich in den Monaten davor dem Bebop zugewandt, war nach New York zurückgekehrt, hatte eine neue Band gegründet mit dem jungen schwedischen Klarinettisten Stan Hasselgard (siehe oben) - dem einzigen, den er neben sich am eigenen Instrument je tolerierte. Auch wenn Leute wie Bob Wilber, Peanuts Hucko oder Ken Peplowski in der Band spielten: er hiess sie nie, die Klarinette hervorzuholen, sie spielten stets nur Saxophon. Zur Band mit Hasselgard, von dem der Leader wohl ebenso viel lernte wie der junge Schwede von ihm, gehörte auch Wardell Gray am Tenorsaxophon, der die Stile von Lester Young und Charlie Parker zusammenbrachte. Und Young war wiederum ein Musiker, den Goodman überaus schätzte. Für die Session in New York kamen neben Gray auch Fats Navarro (t), Gene DiNovi (p), Mundell Lowe (g), Clyde Lombardi (b) und Mel Zelnick (d) ins Studio. DiNovi wurde von Hasselgard ins Studio geschickt, da Goodman gerade einen Streit mit seiner Pianistin Mary Lou Williams gehabt habe. Und Loren Schoenberg vermutet, dass Hasselgard auch dafür verantwortlich war, dass Fats Navarro bei der Session war. Die Rhythmusgruppe ist verglichen mit anderen von 1948 etwas brav, aber alle agieren hervorragend und das Thema, von den Bläsern im Unisono, die Bridge von Goodman allein vorgestellt, ist charmant. Goodman; Gray und Navarro spielen dann ihre Soli - und die sind eins besser als das andere. Bedauerlich, dass Goodman diesen Weg nicht weiter verfolgen mochte. Er hatte bald wieder Lust auf eine neue Big Band und das Bop-Kapitel endete. Capitol hat in den Neunzigern die CD "Undercurrent Blues" herausgebracht, auf denen Goodmans Aufnahmen aus der Zeit gebündelt wurden und natürlich auch "Stealin' Apples" zu hören ist, das zuerst als B-Seite von Mel Powells "Muskrat Ramble" erschien und danach 1972 auf der LP "Bebop Spoken Here", deren B-Seite Musik von Charlie Barnet enthält.



Auf derselben LP von 1972 landeten auch zwei und auf der erwähnten CD alle vier Stücke der Session vom 14. April 1949 mit Gray (ts), Doug Mettome (t), Buddy Greco (p, voc), Francis Beecher (g), Lombardi (b) und Sonny Igoe (d). Die vier Stücke erschienen zuerst aber alle auch auf zwei Singles. Los geht es mit "Bedlam" (Single und LP von 1972), das Goodman mit Gray komponiert hat. Der Tenorsaxophonist steuert ein exzellentes Solo bei, gefolgt von Goodman und Mettome, der als einziger Weisser in der Trompetensection von Billy Eckstines legendärer Band sass, aber sein Potential leider kaum ausloten konnte. Buddy Greco war damals bereits selbst erfolgreich, aber konnte nicht widerstehen, als sein Kindheitsidol Goodman in seiner Band haben wollte - auch er spielte in gutes kurzes Solo. Danach ist auch Drummer Sonny Igoe zu hören, der viel boppiger spielt als Zelnick auf der Session davor - die Rhythmusgruppe klingt hier wirklich nach Bop, und das Schlussensemble mit seinem fast an Dixieland erinnernden multinearen Chaos hat ebenfalls einen klar boppige Tendenz. "There's a Small Hotel" ("Session for Six", "Combos" - und als einziges der vier Stücke nicht auf der CD "Undercurrent Blues") is dann eleganter Goodman allein mit der guten Rhythmusgruppe - ein Arrangement von Mary Lou Williams, die das Stück im Sommer davor mit Goodman für eine V-Disc aufgenommen hatte. Es gibt Tempo- und Tonartwechsel und arrangierte Ensemble-Passagen, aber alles fügt sich hervorragend und Greco ist erneut richtig gut. In "Oo-Bla-Dee" ist der Pianist dann auch als Sänger zu hören - das Stück hat Mary Lou Williams mit Milt Orent zusammen komponiert. Der Gesang ist angenehm, aber die Highlights sind die Soli der drei Bläser. Die Session endet mit "Blue Lou" ("Session for Six", LP von 1972), dem Stück von Edgar Sampson. Igoe zieht hier nochmal alle Register an den Drums - und laut Schoenberg war modernes Jazz-Schlagzeug etwas, was Goodman bei aller Offenheit nicht wirklich mochte. Natürlich gibt es auch hier wieder gute Soli von den Bläsern - und gutes Piano von Greco.

Und das war's mal für den Moment hier - die Sessions von 1954/55 kommen ein anders Mal an die Reihe ... und vielleicht auch noch mehr aus Goodmans Capitol-Katalog. Schade, hat Mosaic nie die Band-Aufnahmen gebündelt (ich weiss nicht mal, wie viele es davon gibt, hab die Goodman-Diskographie nie studiert, so sehr schätze ich ihn nicht, dass ich da den grossen Durchblick haben muss).
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00