Der letzte Film, den ich gesehen habe
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Zwei Filme, die sich vergleichen ließen, auch wenn die Erzählweise weit voneinander abweicht. Zwei dialoglastige Tragikomödien mit dem Themenschwerpunkt Familie.
"Father Mother SIster Brother" (2026, Jim Jarmusch) * * * 1/2
Ich bin kein großer Fan des Werkes von Jim Jarmusch. Zuletzt habe ich mich über "The dead don't die" geärgert. Diesen Film halte ich letztlich für einen seiner besseren. Es geht um Familien, in denen sich Naivität, Hinterhältigkeit, Dominanz, Rebellion und Hilflosigkeit wiederfinden. Familien, die sich offensichtlich Zeit ihres Lebens fremd geblieben sind. Ich mag keine Dialogfilme, in denen Schlag auf Schlag im Eiltempo argumentiert und fabuliert wird, dass es einem schwindelig wird und es dadurch nicht mehr real wirkt. Aber in diesem Film haben die Langsamkeit und die Pausen mitunter etwas Enervierendes. Es gibt manches an Symbolik und wiederkehrenden Momenten (die Skater, die Uhren), die ich als reizvoll empfand. Die dritte Geschichte in diesem Triptychon weicht in ihrer wahrhaftig wirkenden Harmonie zwischen den Geschwistern von den ersten beiden Stories, die mir nicht nur unterschwellig eine unangenehme Atmosphäre vermittelten, ab. Sein leises und intimes Meisterwerk hat Jarmusch Jahre vorher bereits mit dem Film "Paterson" abgeliefert.
"Is This Thing On?" (2025, Bradley Cooper) * * * * 1/2
Im Vergleich der für mich deutlich bessere Film. Szenen einer vermeintlich gescheiterten Ehe. Hier sitzen die Dialoge und wie sich der Protagonist Alex Novak über seine Tätigkeit als Stand Up-Comedian selbst therapiert, wirkt überzeugend auf mich. Nichts an diesem Film wirkt gekünstelt, vieles wie aus dem Ärmel geschüttelt, aber dennoch kommt nichts unreflekiert oder bedeutungslos daher.
"Father Mother SIster Brother" (2026, Jim Jarmusch) * * * 1/2
Ich bin kein großer Fan des Werkes von Jim Jarmusch. Zuletzt habe ich mich über "The dead don't die" geärgert. Diesen Film halte ich letztlich für einen seiner besseren. Es geht um Familien, in denen sich Naivität, Hinterhältigkeit, Dominanz, Rebellion und Hilflosigkeit wiederfinden. Familien, die sich offensichtlich Zeit ihres Lebens fremd geblieben sind. Ich mag keine Dialogfilme, in denen Schlag auf Schlag im Eiltempo argumentiert und fabuliert wird, dass es einem schwindelig wird und es dadurch nicht mehr real wirkt. Aber in diesem Film haben die Langsamkeit und die Pausen mitunter etwas Enervierendes. Es gibt manches an Symbolik und wiederkehrenden Momenten (die Skater, die Uhren), die ich als reizvoll empfand. Die dritte Geschichte in diesem Triptychon weicht in ihrer wahrhaftig wirkenden Harmonie zwischen den Geschwistern von den ersten beiden Stories, die mir nicht nur unterschwellig eine unangenehme Atmosphäre vermittelten, ab. Sein leises und intimes Meisterwerk hat Jarmusch Jahre vorher bereits mit dem Film "Paterson" abgeliefert.
"Is This Thing On?" (2025, Bradley Cooper) * * * * 1/2
Im Vergleich der für mich deutlich bessere Film. Szenen einer vermeintlich gescheiterten Ehe. Hier sitzen die Dialoge und wie sich der Protagonist Alex Novak über seine Tätigkeit als Stand Up-Comedian selbst therapiert, wirkt überzeugend auf mich. Nichts an diesem Film wirkt gekünstelt, vieles wie aus dem Ärmel geschüttelt, aber dennoch kommt nichts unreflekiert oder bedeutungslos daher.
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
So, das Festival ist zu Ende - es war wie immer grossartig und ich werde etwas Zeit brauchen, das alles sacken zu lassen ... am letzten Tag gab es vier Vorstellungen und zwischendurch endlich noch die Varda-Ausstellung, die sehr toll war, weil es vor allem eine Foto-Ausstellung war, die auch Vardas Schaffen als Fotografin ins Licht rückte.
Los ging es um 10 Uhr morgens mit Shinel (The Overcoat) (USSR 1926) vom Regie-Duo Grigorij Kozincev und Leonid Trauberg. Diese zweite Vorführung wurde von Meg Morley am Piano begleitet (die erste vor ein paar Tagen von Maud Nelissen). "Kleider machen Leute" fasst den Film eigentlich gut zusammen, die eindringlichen und sehr dunkeln Bilder grenzen ans expressionistische Kino aus Deutschland (zwei Murnau-Filme habe ich verpasst, aber beide schon einmal gesehen, was bei dem Überangebot hier halt schon eine Rolle spielt beim Zusammenstellen des Programms). Ein unscheinbare, ärmlicher Beamter braucht einen neuen Mantel, worauf er eine Ewigkeit sparen muss - und der wird ihm dann natürlich geraubt. Davor und dazwischen gibt es noch kleine Nebenhandlungen und am Schluss den Versuch, den Diebstahl zu melden. Zum Bittsteller degradiert und - wie davor schon ständig von allen - verspottet wird der Mann plötzlich verkleinert, die Kamera filmt ihn von hoch oben, während die monströsen Figuren, die über ihn richten, zu Giganten werden. In der ausweglosen Welt, die der Film bis dahin recht langen fünf Viertelstunden aufgebaut hat, ist klar, dass es nur einen Ausweg gibt: den billigsten Sarg, den man kriegen kann, denn für mehr reicht das Geld eh nicht. So richtig fesseln konnte mich das leider nicht so richtig. (In der Tube zirkuliert eine 63minütige Version und als so lang wurde der Film auch programmiert/angekündigt, aber die neue Fassung - George Eastman Museum/MoMA - dauert 86 Minuten.)
Besser war der unmittelbar darauf folgende What Price Glory (USA 1926) von Raoul Walsh, mit Gabriel Thibaudeau am Klavier. Ein grosser Kriegs- und Antikriegsfilm, der am Ende aber doch eine üble patriotische Kurve kriegt, wenn auch Edmund Lowes Sergeant Quirt, der davor als zweifelhafter Charakter auch mal eine Antikriegsrede halten durfte, ohne Ausrüstung und Waffe wieder an die Front zurückkehrt - um sich dort niederschiessen zu lassen (am deutschen Wesen wird die Welt verwesen, oder wie heiss das schon wieder?), zusammen mit Victor McLaglens Captain Flagg, der zwar ein strammer Soldat ist, aber zwischendurch auch mal nachdenklich fragt, was es eigentlich mit dieser Zivilisation auf sich hat, die verlangt, dass alle dreissig Jahre eine ganze Generation hingemetzelt wird. Natürlich gibt es Komödiantisches, Liebeleien und Rivalitäten - beides zusammen um die Charmaine de la Cognac von Dolores del Rio - zwischen den beiden Haudegen (der Film beginnt in Shanghai und macht dann einen Abstecher nach Indochina, bevor er im Schützengraben in Frankreich endet), aber auch sehr berührende Momente (der "Mother's Boy", der natürlich sterben wird, wie man bei seinem ersten Auftritt im Film schon weiss). Die Kriegsbilder (mit eingefärbten Mündungsfeuern und Explosionen), die Walsh findet, sind eindringlich, das Gemetzel wird erfahrbar - aber die verheerenden Versehrungen, die in den Schnipseln von Albert Samama Chikli zu sehen sind (jeder "klassische" Krieg ist ja auch ein Krieg gegen die Natur), kann oder will Walsh nicht zeigen (in dem Kontext würde es mich interessieren, ob der Film im Studio gedreht wurde oder ob die Kriegsszenen irgendwo in der Wüste oder so gedreht wurden). (Den Film gibt es mit synchronisiertem Ton - nur Musik, kein Dialog. Ich nehme an, der Trailer, den ich in der Tube gefunden habe, ist auch so gemacht worden, man hört ja die Abspielgeräusche der Schellackplatte.)
Danach bin ich durch die tolle Ausstellung geschlendert, die Agnès Varda gewidmet ist, VIVA VARDA! Il cinema è donna, in der Galleria Modernissimo (ehemals "Sottopasso di Piazza Re Enzo" - eine ehemalige Fussgängerpassage unter der Hauptstrasse im Zentrum Bolognas, das inzwischen ziemlich verkehrsberuhigt ist, es werden sogar wieder Gleise für eine Strassenbahn verlegt). Die grosse Ausstellung fokussiert auf Vardas photographisches Werk fast ebensosehr wie auf ihre Filme und ist darin auch recht anders als die Ausstellung vor ein paar Jahren in der Cinémathèque Française, wo es viel weniger Fotos gab (dafür gibt es in Bologna relativ wenige Objekte). Neben Fotos von Sets und den unterschiedlichen Drehorten, die Varda erkundet hat (in Los Angeles etwa für die Murals-Filme usw., aber auch in Venedig für nicht zustande gekommene Filme), gibt es auch viele Fotos von Freunden und Bekannten, auch Fotos aus dem Frühwerk, bevor Varda zum Film fand. Und die paar Minuten stumme Footage (später mit einem französischen Gespräch und einem Doors-Song vertont) mit Pasolini in New York waren auch wieder zu sehen (ich sah die schon 2022 oder 2023 in Bologna mal, als es am selben Ort eine Pasolini-Ausstellung gab).
Am Nachmittag sah ich dann “Erogotoshitachi” yori jinruigaku nyumon (The Pornographers) (JP 1966) von Shohei Imamura - bisher immer verpasst. Ein ziemlich toller Film über einen Mann, der mit einer Witwe und deren beiden Teenager-Kindern lebt und Amateur-Pornos dreht. Das Verhältnis zur (Stief-)Tochter wird dabei immer komplizierter und irgendwann missbräuchlich - und die Obsession mit seiner Tätigkeit ebenso. Der ganze Titel des Films scheint übersetzt in etwa "An introduction to anthropology through pornographers" zu heissen - und die Sache mit der "anthropology" ist dann eher Imamuras Perspektive. Die des Protagonisten ist eher jene, dass er seine Arbeit als Hilfe sieht für viele Menschen (aka Männer, klar), als eine Art Dienstleistung. Am Ende driftet der Film, der auch eine schwarze Komödie ist, immer mehr ab - und der Plot, die Obsession mit dem Gucken, dem Spionieren, dem Voyeurismus, wird auch formal nachvollzogen. Immer wieder wird durch Fenster, Türrahmen oder ähnliche das Breitformat eingrenzende "Rahmen" gefilmt, manchmal auch durch einen die ganze Breite überspannenden schmalen horizontalen Schlitz. Oder durch das Aquarium, in dem die Witwe einen Karpfen hält, in dem, wie sie glaubt, der Geist ihres Mannes fortlebt. In der allerletzten Einstellung verkleinert sich das Bild dann bis zum 8mm-Format der Filme, die der Protagonist dreht.
Dass der Protagonist bei Imamura wegen Obszönität verhaftet wird, wiederholte sich dann gerade im letzten Film, den ich im Programm hatte, Lenny (USA 1974), das Lenny Bruce-Biopic von Bob Fosse. Dustin Hofmann spielt den Comedian sehr überzeugend. Der Film fingiert Interviews: Fosses Stimme aus dem Off, Tonbandgeräte im Bild zusammen mit der Ex-Frau (Valerie Perrine als Honey Bruce), der Mutter (Jan Miner als Sally Marr) und dem erfundenen Manager und Freund (Stanley Beck als Artie Silver). Zwischen diesen sehr einfachen Bilder wird in Rückblenden die Geschichte erzählt. Und diese Rückblenden sind üppig und mit Hochglanzbildern inszeniert (der Film ist allerdings Schwarzweiss, was ich sehr passend finde). Dazu kommt als dritte Ebene noch die des Alltags von Bruce, die eher im Noir-Stil - dunkler, beengter - gefilmt wird. Die Musik - mit drei bekannten Aufnahmen von Miles Davis, aber auch viel im Film live gespielter Musik - hat Ralph Burns eingerichtet, wie bei "New York, New York". Und in der ersten Hälfte oder so ist das auch beinah ein Musikfilm, denn Bruce tritt u.a. als Ansager von Stripperinnen auf, kriegt da jeweils ein klein wenig Zeit, um zu reden und findet so irgendwann - am Tiefpunkt eigentlich - zu seiner Bühnenpersona. In der zweiten Hälfte geht es dann um den Kampf gegen die Drogen und die Obrigkeit, die Bruce immer wieder wegen Obszönität verklagte. Ein sehr guter Film, finde ich.
Ich habe in der Programmbroschüre (nicht im Katalog) auch mit Sternen geworfen, muss das aber alles nochmal etwas sacken lassen, vielleicht versuche ich später noch eine Art Fazit zu ziehen.
Los ging es um 10 Uhr morgens mit Shinel (The Overcoat) (USSR 1926) vom Regie-Duo Grigorij Kozincev und Leonid Trauberg. Diese zweite Vorführung wurde von Meg Morley am Piano begleitet (die erste vor ein paar Tagen von Maud Nelissen). "Kleider machen Leute" fasst den Film eigentlich gut zusammen, die eindringlichen und sehr dunkeln Bilder grenzen ans expressionistische Kino aus Deutschland (zwei Murnau-Filme habe ich verpasst, aber beide schon einmal gesehen, was bei dem Überangebot hier halt schon eine Rolle spielt beim Zusammenstellen des Programms). Ein unscheinbare, ärmlicher Beamter braucht einen neuen Mantel, worauf er eine Ewigkeit sparen muss - und der wird ihm dann natürlich geraubt. Davor und dazwischen gibt es noch kleine Nebenhandlungen und am Schluss den Versuch, den Diebstahl zu melden. Zum Bittsteller degradiert und - wie davor schon ständig von allen - verspottet wird der Mann plötzlich verkleinert, die Kamera filmt ihn von hoch oben, während die monströsen Figuren, die über ihn richten, zu Giganten werden. In der ausweglosen Welt, die der Film bis dahin recht langen fünf Viertelstunden aufgebaut hat, ist klar, dass es nur einen Ausweg gibt: den billigsten Sarg, den man kriegen kann, denn für mehr reicht das Geld eh nicht. So richtig fesseln konnte mich das leider nicht so richtig. (In der Tube zirkuliert eine 63minütige Version und als so lang wurde der Film auch programmiert/angekündigt, aber die neue Fassung - George Eastman Museum/MoMA - dauert 86 Minuten.)
Besser war der unmittelbar darauf folgende What Price Glory (USA 1926) von Raoul Walsh, mit Gabriel Thibaudeau am Klavier. Ein grosser Kriegs- und Antikriegsfilm, der am Ende aber doch eine üble patriotische Kurve kriegt, wenn auch Edmund Lowes Sergeant Quirt, der davor als zweifelhafter Charakter auch mal eine Antikriegsrede halten durfte, ohne Ausrüstung und Waffe wieder an die Front zurückkehrt - um sich dort niederschiessen zu lassen (am deutschen Wesen wird die Welt verwesen, oder wie heiss das schon wieder?), zusammen mit Victor McLaglens Captain Flagg, der zwar ein strammer Soldat ist, aber zwischendurch auch mal nachdenklich fragt, was es eigentlich mit dieser Zivilisation auf sich hat, die verlangt, dass alle dreissig Jahre eine ganze Generation hingemetzelt wird. Natürlich gibt es Komödiantisches, Liebeleien und Rivalitäten - beides zusammen um die Charmaine de la Cognac von Dolores del Rio - zwischen den beiden Haudegen (der Film beginnt in Shanghai und macht dann einen Abstecher nach Indochina, bevor er im Schützengraben in Frankreich endet), aber auch sehr berührende Momente (der "Mother's Boy", der natürlich sterben wird, wie man bei seinem ersten Auftritt im Film schon weiss). Die Kriegsbilder (mit eingefärbten Mündungsfeuern und Explosionen), die Walsh findet, sind eindringlich, das Gemetzel wird erfahrbar - aber die verheerenden Versehrungen, die in den Schnipseln von Albert Samama Chikli zu sehen sind (jeder "klassische" Krieg ist ja auch ein Krieg gegen die Natur), kann oder will Walsh nicht zeigen (in dem Kontext würde es mich interessieren, ob der Film im Studio gedreht wurde oder ob die Kriegsszenen irgendwo in der Wüste oder so gedreht wurden). (Den Film gibt es mit synchronisiertem Ton - nur Musik, kein Dialog. Ich nehme an, der Trailer, den ich in der Tube gefunden habe, ist auch so gemacht worden, man hört ja die Abspielgeräusche der Schellackplatte.)
Danach bin ich durch die tolle Ausstellung geschlendert, die Agnès Varda gewidmet ist, VIVA VARDA! Il cinema è donna, in der Galleria Modernissimo (ehemals "Sottopasso di Piazza Re Enzo" - eine ehemalige Fussgängerpassage unter der Hauptstrasse im Zentrum Bolognas, das inzwischen ziemlich verkehrsberuhigt ist, es werden sogar wieder Gleise für eine Strassenbahn verlegt). Die grosse Ausstellung fokussiert auf Vardas photographisches Werk fast ebensosehr wie auf ihre Filme und ist darin auch recht anders als die Ausstellung vor ein paar Jahren in der Cinémathèque Française, wo es viel weniger Fotos gab (dafür gibt es in Bologna relativ wenige Objekte). Neben Fotos von Sets und den unterschiedlichen Drehorten, die Varda erkundet hat (in Los Angeles etwa für die Murals-Filme usw., aber auch in Venedig für nicht zustande gekommene Filme), gibt es auch viele Fotos von Freunden und Bekannten, auch Fotos aus dem Frühwerk, bevor Varda zum Film fand. Und die paar Minuten stumme Footage (später mit einem französischen Gespräch und einem Doors-Song vertont) mit Pasolini in New York waren auch wieder zu sehen (ich sah die schon 2022 oder 2023 in Bologna mal, als es am selben Ort eine Pasolini-Ausstellung gab).
Am Nachmittag sah ich dann “Erogotoshitachi” yori jinruigaku nyumon (The Pornographers) (JP 1966) von Shohei Imamura - bisher immer verpasst. Ein ziemlich toller Film über einen Mann, der mit einer Witwe und deren beiden Teenager-Kindern lebt und Amateur-Pornos dreht. Das Verhältnis zur (Stief-)Tochter wird dabei immer komplizierter und irgendwann missbräuchlich - und die Obsession mit seiner Tätigkeit ebenso. Der ganze Titel des Films scheint übersetzt in etwa "An introduction to anthropology through pornographers" zu heissen - und die Sache mit der "anthropology" ist dann eher Imamuras Perspektive. Die des Protagonisten ist eher jene, dass er seine Arbeit als Hilfe sieht für viele Menschen (aka Männer, klar), als eine Art Dienstleistung. Am Ende driftet der Film, der auch eine schwarze Komödie ist, immer mehr ab - und der Plot, die Obsession mit dem Gucken, dem Spionieren, dem Voyeurismus, wird auch formal nachvollzogen. Immer wieder wird durch Fenster, Türrahmen oder ähnliche das Breitformat eingrenzende "Rahmen" gefilmt, manchmal auch durch einen die ganze Breite überspannenden schmalen horizontalen Schlitz. Oder durch das Aquarium, in dem die Witwe einen Karpfen hält, in dem, wie sie glaubt, der Geist ihres Mannes fortlebt. In der allerletzten Einstellung verkleinert sich das Bild dann bis zum 8mm-Format der Filme, die der Protagonist dreht.
Dass der Protagonist bei Imamura wegen Obszönität verhaftet wird, wiederholte sich dann gerade im letzten Film, den ich im Programm hatte, Lenny (USA 1974), das Lenny Bruce-Biopic von Bob Fosse. Dustin Hofmann spielt den Comedian sehr überzeugend. Der Film fingiert Interviews: Fosses Stimme aus dem Off, Tonbandgeräte im Bild zusammen mit der Ex-Frau (Valerie Perrine als Honey Bruce), der Mutter (Jan Miner als Sally Marr) und dem erfundenen Manager und Freund (Stanley Beck als Artie Silver). Zwischen diesen sehr einfachen Bilder wird in Rückblenden die Geschichte erzählt. Und diese Rückblenden sind üppig und mit Hochglanzbildern inszeniert (der Film ist allerdings Schwarzweiss, was ich sehr passend finde). Dazu kommt als dritte Ebene noch die des Alltags von Bruce, die eher im Noir-Stil - dunkler, beengter - gefilmt wird. Die Musik - mit drei bekannten Aufnahmen von Miles Davis, aber auch viel im Film live gespielter Musik - hat Ralph Burns eingerichtet, wie bei "New York, New York". Und in der ersten Hälfte oder so ist das auch beinah ein Musikfilm, denn Bruce tritt u.a. als Ansager von Stripperinnen auf, kriegt da jeweils ein klein wenig Zeit, um zu reden und findet so irgendwann - am Tiefpunkt eigentlich - zu seiner Bühnenpersona. In der zweiten Hälfte geht es dann um den Kampf gegen die Drogen und die Obrigkeit, die Bruce immer wieder wegen Obszönität verklagte. Ein sehr guter Film, finde ich.
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Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 29 Jun 2026, 08:01, insgesamt 2-mal geändert.
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Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
The Pornographers sah ich nur auf DVD und Lenny nur bei Prime, halte aber beide für tolle Filme, gerade auch wegen ihrer Schwarz/Weiß-Fotografie. Lenny wirkt besonders deprimierend, da man zuschauen kann wie die Doppelmoral einer Gesellschaft ein fragiles Leben zerstört, welche ansonsten immer ganz vorne mit dabei ist, wenn es gilt, "Freiheit" mit Waffengewalt zu verteidigen.
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Cooler Abschluss, gypsy! Danke für die letzten Eindrücke.
EDIT: @pipe-bowl: mein liebster Jarmusch-Film ist auch "Paterson" (* * * *)
Mir ist der Film ein bisschen zu lang für die beiden, aber sonst bin ich da sehr nahe bei deiner Einschätzung. Das Besondere am Erfolg von "What Price Glory" ist ja, dass laut der Hollywood-Folklore unzählige Menschen mehrfach für den Film ins Kino gegangen sind. Wegen der damals beispiellosen Profanitäten, die sich Lowe und McLaglen an den Kopf werfen und die von Lippen lesenden Menschen rasch als solche erkannt worden sind, soll es zu großen Beschwerden gegen das Studio gekommen sein, was wiederum gut für die Publicity war und dazu führte, dass viele Leute noch mal eine Vorstellung besuchten um zu schauen ob sie die vulgären Worte auch selbst von den Lippen der beiden Stars lesen konnten. Die beiden Fortsetzungen sind jeweils eine Klasse schwächer als ihr direkter Vorgänger.gypsy tail wind hat geschrieben: 28 Jun 2026, 23:53 What Price Glory (USA 1926) von Raoul Walsh, mit Gabriel Thibaudeau am Klavier.
Den mag ich auch sehr gerne. Habe den auch einmal im Kino verpasst und bislang nur vor einigen Jahren in der DVD-Version gesehen. Dieses Monat erschien aber auf Radiance - dem wie an anderer Stelle erwähnt für mich aktuell spannendsten Boutique-Label - eine neu restaurierte Blu-Ray.gypsy tail wind hat geschrieben: 28 Jun 2026, 23:53 Am Nachmittag sah ich dann “Erogotoshitachi” yori jinruigaku nyumon (The Pornographers) (JP 1966) von Shohei Imamura
Da stimme ich noch einmal zu. Die Filme von Fosse sehen ja auch absolut fantastisch aus. Und in "All That Jazz" verarbeitet er direkt die Zeit während den Dreharbeiten von "Lenny". Letzteren gibt es seit Mai übrigens auch in der Criterion Collection.gypsy tail wind hat geschrieben: 28 Jun 2026, 23:53 Lenny (USA 1974), das Lenny Bruce-Biopic von Bob Fosse. Ein sehr guter Film, finde ich.
EDIT: @pipe-bowl: mein liebster Jarmusch-Film ist auch "Paterson" (* * * *)
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Außerdem gesehen:

Hable con ella (Regie: Pedro Almodóvar - Spanien, 2002) 7/10
Street Trash (Regie: Ryan Kruger - Südafrika/USA, 2024) 4,5/10
In die Sonne schauen (Regie: Mascha Schilinski - Deutschland, 2025) 8,5/10
Operazione paura (Regie: Mario Bava - Italien, 1966) [Re-Watch] 9/10
Much Ado About Nothing (Regie: Kenneth Branagh - Großbritannien/USA, 1993) 4/10
Die Werbetexter des Verleihs bringen Kenneth Branagh, der sich an einer Inszenierung von Shakespeare versucht, mit Orson Welles und Laurence Olivier in Verbindung, es soll also nach Genie und Hochkultur müffeln, leider ist das Ganze nur eine kreuzbiedere Seifenoper in unspektakulären Bildern. Viel Lärm um nichts, indeed.

Hable con ella (Regie: Pedro Almodóvar - Spanien, 2002) 7/10
Street Trash (Regie: Ryan Kruger - Südafrika/USA, 2024) 4,5/10
In die Sonne schauen (Regie: Mascha Schilinski - Deutschland, 2025) 8,5/10
Operazione paura (Regie: Mario Bava - Italien, 1966) [Re-Watch] 9/10
Much Ado About Nothing (Regie: Kenneth Branagh - Großbritannien/USA, 1993) 4/10
Die Werbetexter des Verleihs bringen Kenneth Branagh, der sich an einer Inszenierung von Shakespeare versucht, mit Orson Welles und Laurence Olivier in Verbindung, es soll also nach Genie und Hochkultur müffeln, leider ist das Ganze nur eine kreuzbiedere Seifenoper in unspektakulären Bildern. Viel Lärm um nichts, indeed.
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Das sind ja die mit der neuen Golestan-Box, die ich gerade vorbestellt habe.Grievous Angel hat geschrieben: 29 Jun 2026, 12:31Den mag ich auch sehr gerne. Habe den auch einmal im Kino verpasst und bislang nur vor einigen Jahren in der DVD-Version gesehen. Dieses Monat erschien aber auf Radiance - dem wie an anderer Stelle erwähnt für mich aktuell spannendsten Boutique-Label - eine neu restaurierte Blu-Ray.gypsy tail wind hat geschrieben: 28 Jun 2026, 23:53 Am Nachmittag sah ich dann “Erogotoshitachi” yori jinruigaku nyumon (The Pornographers) (JP 1966) von Shohei Imamura
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Genau die! Wenn ich das richtig verstanden habe, wurde Radiance vom bis dato Chef von Arrow gegründet, weil dieser - in meinen Augen berechtigt - wohl das Gefühl hatte, dass Arrow seine ursprüngliche Ausrichtung aus den Augen verloren und sich die Veröffentlichungspolitik stark verändert hatte.
keep on sailing.
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Danke, als Gelegenheitskäufer kenn ich mich schlecht aus ... Arrow sieht ziemlich mainstreamig aus, Radiance definitiv interessanter für mich, aber auch voller Filme, die ich halt lieber im Kino sehe. Ich hab öfter Sachen von Carlotta (z.B. Ozu oder Brocka) oder Gaumont (Godard) gekauft, da gibt's dann in der Regel nur frz. Untertitel, was mich auch etwas nervt, aber ich komme damit klar. Eigentlich kauf ich DVD/BluRay in erster Linie ergänzend und am liebsten gleich in Boxen bei ganz grossen Favoriten (Varda, Demy, Marker, Tarr sind auch da, bei Godard natürlich längst nicht alles, bei Lanzman auch nicht). Radiance hat aber echt vieles, was mich interessieren würde, wenn das meine Haupt-Konsumweise wäre!
Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 02 Jul 2026, 13:16, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe
Gerne! Und ja, deine Präferenz kenne ich ja mittlerweile. 
Aber einer muss hier ja das Vermächtnis der alten RS-Filmgarde hochhalten, die jederzeit das Kinoerlebnis vorzog, aber ihre Lieblingsfilme auch in der bestmöglichen Version im Regal stehen haben wollte.
Habe nebenan echt viel von Leuten wie pinch und napo gelernt und bin bis heute verblüfft, wie differenziert und kenntnisreich die sich gefühlt jederzeit über gefühlt jeden Film auslassen konnten. Dafür werde ich auch ewig dankbar sein.
Und zurück zum Thema: Arrow ist wie die anderen von mir geschätzten Boutique-Lables ja vor allem für ihren Beitrag bekannt, kleinere oder lange Zeit schwerer erhältliche Filmperlen neu zu restaurieren und damit Kennern sowie einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Bin bei Arrow auch nicht so bewandert, die hatten ihren Peak vor meiner Zeit, aber Namen wie Mario Bava, Argento, Fulci fallen mir da ein neben Cronenberg, Craven, Ferrara. Also gefühlsmäßig viel aus dem Giallo, Horror, Thriller oder Sci-Fi-Bereich. Könnte jetzt aber auch nicht alle meine Arrow-Blu Rays aufzählen, das muss ich dann irgendwann daheim in Wien abchecken. Ich glaube, in den letzten Jahren ist da vermehrt der Fokus auf Wiederveröffentlichungen des eigenen Inventars in 4K-Versionen und so. Deswegen hat sich der Mann von Arrow verabschiedet und Radiance gegründet, mit dem er jetzt wieder seiner ursprünglichen Vision fröhnen kann.
Aber einer muss hier ja das Vermächtnis der alten RS-Filmgarde hochhalten, die jederzeit das Kinoerlebnis vorzog, aber ihre Lieblingsfilme auch in der bestmöglichen Version im Regal stehen haben wollte.
Und zurück zum Thema: Arrow ist wie die anderen von mir geschätzten Boutique-Lables ja vor allem für ihren Beitrag bekannt, kleinere oder lange Zeit schwerer erhältliche Filmperlen neu zu restaurieren und damit Kennern sowie einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Bin bei Arrow auch nicht so bewandert, die hatten ihren Peak vor meiner Zeit, aber Namen wie Mario Bava, Argento, Fulci fallen mir da ein neben Cronenberg, Craven, Ferrara. Also gefühlsmäßig viel aus dem Giallo, Horror, Thriller oder Sci-Fi-Bereich. Könnte jetzt aber auch nicht alle meine Arrow-Blu Rays aufzählen, das muss ich dann irgendwann daheim in Wien abchecken. Ich glaube, in den letzten Jahren ist da vermehrt der Fokus auf Wiederveröffentlichungen des eigenen Inventars in 4K-Versionen und so. Deswegen hat sich der Mann von Arrow verabschiedet und Radiance gegründet, mit dem er jetzt wieder seiner ursprünglichen Vision fröhnen kann.
keep on sailing.