Tja, leider mit Jack Antonoff muss ich aus meiner Warte sagen. Der hat diesem Album allerdings nicht geschadet.
Ein Album mit einem fast halbminüter (Reaper) zu beginnen ist im Streamingzeitalter schon mal ein Statement. Bis zu Minute 4 aber sehr eingängig, dann kommt ein träumerischer Instrumentalteil inkl. Naturgeräuschen, der mir ausgesprochen gut gefällt, das ist wohl mit experimentell-anspruchsvolle gemeint von der reinen Popwarte aus gehört. Ist aber nicht nervig oder anstrengend, sondern leicht goutierbar und angenehm. Textlich geht es hier gleich ums Ganze: Spiritualität, den Umgang mit Schmerz, den Verlust des Glaubens und die Idee von Tod und Wiedergeburt. Und laut Lu um die Themen des gesamten Albums.
Portrait of a lady on Fire. Viel Streicher, ein eher getragener Song aber trotzdem dynamisch. Wohl ein Song über bzw. inspiriert durch den gleichnamigen Film, der übrigens sehr gut ist! Wie dieser Song.
What can I do. Jetzt geht es ganz sparsam zu mit Akustiggitarre. Wieder sehr getragen. Erster Höhepunkt des Albums. Tja, was kann ich tun? Die Frage, die ich mir auch immer wieder Stelle.
Running to pain. Das hätte ich als Single genommen. Moderne Popmusik mit der man die Charts anführen kann. Clubtauglicher Dancerhythmus. Deutlicher Stilbruch zu den bisherigen Songs. Fällt ein bischen aus dem Rahmen. Kleiner aufwecker zwischendurch? Braucht es das? Stört das nicht eher die Gesamtatmosphäre des Albums? Muss ich mal ausprobieren beim nächsten durchhören.
Comfort. Lu kehrt zurück zur Stimmung der ersten Songs, ist hier allerdings etwas eindringlicher vorgetragen und die Instrumentierung ist Bandmäßiger. Die Streicher wurden aber nicht rausgeschmissen.
American Sonet. Beginnt mir Cello und Piano. Fast schon Modern Classic. Langsamer Song, Ballade, aber nicht seicht, ganz im Gegenteil. Zweiter Höhepunkt des Albums! Die Art des Vortrags (dürfte
@The Imposter nicht gefallen

) erinnert mich an Björk. Die Instrumentierung bleibt so karg, der Song ist trotzdem sehr spannungsvoll und eindringlich. Fast 8 Minuten. Zum Glück. Am Ende klingt das Lied mit einem elektronischen Beat aus. Der Titel weist wohl auf Wanda Coleman (Dichterin) als Inspirationsquelle hin.
852. Keine AHnung was der Titel bedeutet. Sehr sehnsuchtvoll vorgetragenes Liebeslied, wieder eher getragen langsam. Sehr Stimmungsvoll.
Only the Lonely. Hier geht es wieder etwas anders zur Sache. Lu nutzt hier einen trägen, atmosphärischen Drum-’n’-Bass-Rhythmus, der sanft und dezent im Hintergrund pulsiert. Das Lied ist trotzdem nicht so schnell, wie kann das sein? Gehial! Der Song ist eher troditionell-poppig. Zweite Single, wenn ich was zu sagen hätte.
Better than That. Sticht gesanglich heraus. Dritter Höhepunkt des Albums. Duett mit Sampha.
Cutting off the Head of a Ghost. Etwas bombastischerer Schlusssong des Albums. Das passt. So kann man gut aus einem Album rausgehen. Das große Finale!
Klasse Album, anspruchsvoller Pop mit textlichem Tiefgang. Gefällt mir sehr gut. Von der Zuschreibung Avandgard oder experimentell sollte sich niemand abschrecken lassen, denn damit wird ja meist schwer verdaubare Kost assoziiert, das ist hier aber nicht der Fall. Sehr gut hörbares Album, dass das Ohr nicht mit Schlich- und Flachheit beleidigt. Kommt sicher in meine Jahrescharts.
Instrumentierung und Credits zu den einzelnen Songs:
https://www.discogs.com/release/3759761 ... elp-Me-God
https://www.metacritic.com/music/so-hel ... /kelsey-lu