Der letzte Film, den ich gesehen habe

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Mirror Man
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Mirror Man »

Das klingt interessant. Aber da muss ich offenbar mal wieder Disney+ abbonnieren um den sehen zu können.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Mirror Man hat geschrieben: 12 Jun 2026, 18:45 Das klingt interessant. Aber da muss ich offenbar mal wieder Disney+ abbonnieren um den sehen zu können.
Keine Ahnung, ob sich das für den Film lohnt. Aber ja, der Film ist echt interessant.

Beim Regen hab ich natürlich zu erwähnen vergessen, dass die ganze Expedition die Moorlandschaft eben verlassen muss, bevor diese zum Sumpf wird und kein Rauskommen mehr ist ... das scheint komplett unzugängliches Gelände zu sein.
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soulpope
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Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von soulpope »

gypsy tail wind hat geschrieben: 12 Jun 2026, 18:13

Heute Nachmittag im Kino: Ghost Elephants (USA 2025), der neue Film von Werner Herzog, der aus dem Off von einer Expedition berichtet, die er im Auftrag von National Geographic dokumentiert ....

Und obendrein gibt es eine tolle Tonspur: der niederländische Cellist Ernst Reijseger hat die Musik geschrieben und mit Ensemble (u.a. mit Harmen Fraanje und Mola Sylla) sowie dem sardischen Männergesangsensemble Cuncordu e Tenore de Orosei.


Bin unlängst "darüber gestolpert" ....
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motörwolf
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

gypsy tail wind hat geschrieben: 12 Jun 2026, 18:13

Heute Nachmittag im Kino: Ghost Elephants (USA 2025), der neue Film von Werner Herzog, der aus dem Off von einer Expedition berichtet, die er im Auftrag von National Geographic dokumentiert. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Steve Boyes sucht auf dem Hochplateau von Angola nach den riesigen Elephanten, von denen einer - "Henry" - im Smithsonian in Washington steht. Bei letzterem handelt es sich um den bis dahin grössten je gesichteten Elephanten, erschossen vom ungarischen Jäger Joseph J. Fénykövi im Jahr 1955 (klick). Boyes sucht zum Zeitpunkt der Expedition schon zehn Jahre erfolglos nach den "ghost elephants" und bleibt zwiespältig, ob er diese überhaupt finden möchte. Jedenfalls bricht die Equipe aus Namibia auf, mit Fährtenlesern aus Namibia und Angola, besucht in Angola auch einen lokalen König, der seine Segen für die ganze Expedition geben muss. Unterwegs schweift Herzog wie üblich ab, entdeckt überall kleine Dinge, die seine Neugier wecken, dokumentiert aber auch, wie die Jeeps durch das unwirtliche Land fahren (Tausend Meilen Weg vom Ausgangspunkt), dann zurückgelassen werden müssen, weil im Moorland nur noch Motorräder vorankommen, die am Ende ebenfalls abgestellt werden müssen ... nachdem wackelige Handy-Videos von zwei Elephanten gemacht werden, kommt der Regen, und zurück in den USA werden die gesammelten Beweisstücke in die Labore gebracht und mit einer Probe, die dem Schädel von "Henry" entnommen wird, abgeglichen. Das alles interessiert Herzog dann aber echt nicht mehr, der Film endet irgendwie unschlüssig, nachdem er davor quasi zielstrebig mäandert (Herzog halt). Ein ziemlich toller Trip, bei dem man auch einiges über die Sam, die Buschmänner im Kalahari-Bassin erfährt, von denen wir alle abstammen. Und obendrein gibt es eine tolle Tonspur: der niederländische Cellist Ernst Reijseger hat die Musik geschrieben und mit Ensemble (u.a. mit Harmen Fraanje und Mola Sylla) sowie dem sardischen Männergesangsensemble Cuncordu e Tenore de Orosei.

@gypsy tail wind Meine Frau liebt Elefanten, hat auch einen als Tattoo auf dem Oberarm, und unsere Wohnung ist voll mit Bildern und Figuren der Tiere. Von daher wollte ich ihr schon nach den ersten Zeilen den Film empfehlen, aber mit deinem letzten Satz hat die Empfehlung noch einmal eine ganz andere Dringlichkeit bekommen. Denn Cuncordu e Tenore de Orosei haben wir 28.4. erst zufällig in Cagliari live gesehen und hatten damit einen wunderschönen Abend. Ich kannte vorher nicht einmal die Musikrichtung Canto a Tenore, und jetzt begegnet mir die gleiche Gruppe sogar innerhalb so kurzer Zeit noch einmal. Danke für den Hinweis also!
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Kleine Warnung für Deine Frau @motörwolf: es gibt ca. nach einem Drittel ein paar Minuten aus einem italienischen Grosswildjagd-Film von 1965 oder 1966, da werden wahllos Elephanten abgeschlachtet, aus einem Helikopter, der sie auch einem tollen Hengst, der in der Savanne steht, vor die Nase treibt ... und danach schwebt die Kamera aus dem Heli gefühlt mehrere Minuten lang über Tierschädel und -skelette an einem Flussufer. Die Kontextualisierung von Herzog bzw. seinen Gewährsleuten ist die Frage, warum der Mensch immer wieder Krieg gegen die Natur führt (z.B. bei der "Eroberung" des "wilden Westens", als die Herren der Schöpfung vom Zug aus wahllos Büffel abschossen) - und ob die Ausrottung der Elephanten nicht auch das Ende des Menschen signalisiert.

Und die Gesangsgruppe hab ich tatsächlich mit Reijseger mal ungeplant im Urlaub in Locarno gehört (vieköpfig) - das war sehr beeindruckend!
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motörwolf
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

@gypsy tail wind Danke für die Warnung, aber während ich gestern im Kino war, hat meine Frau sich den Film bereits angesehen. Die angesprochenen Szenen sind natürlich hart, aber leider gibt es ja 'aus Gründen' so gut wie keine Doku mehr über Elefanten ohne solche Bilder. Ich selbst hatte gestern nicht die Gemütsverfassung, mir das komplett anzuschauen, aber den Beginn der Sequenz aus Africa Addio hat meine Frau mir gezeigt, weil da eben auch die sardische Gruppe zu hören ist. Die auch uns nachhaltig beeindruckt hat.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »



No One Knows About Persian Cats (IR 2009) - gestern Nachmittag und Abend der erste Besuch beim "Showtime! Musical Film Festival" und es gab zwei tolle Filme zu entdecken. Bahman Ghobadi drehte seinen Musikfilm - über ein Paar, das gerne eine Band zusammenstellen und mit dieser ein paar Gigs im Ausland spielen möchte, aber nicht über die nötigen Pässe und Visa verfügt - versteckt, ohne Dreherlaubnis. Im Film wirken neben einer Handvoll Schauspieler*innen, die wie so oft im semi-dokumentarischen, Realität und Fiktion nahtlos vermischenden iranischen Spielfilm Varianten ihrer selbst verkörpern, vor allem einige Bands aus der Untergrund-Musikszene Teherans mit. Die zwei Protagonist*innen besuchen das Tonstudio eines Freundes, der vermittelt weitere Kontakte, von denen einer ihnen die Papiere besorgen will. Dieses Trio begleiten wir durch den Film beim Besuch von Bands, bei denen sie die fehlenden Musiker zu hoffen finden, das führt durch Innenhöfe in versteckte Keller oder auf illegale Anbauten auf Dächern, aber auch auf eine Farm ausserhalb der Stadt (und vor da direkt - Hepatitis - zur Notaufnahme). Einmal besuchen die drei auch ein Konzert zweier Schwestern, die traditionelle persische Musik machen. Und einmal werden sie auf der Strasse angehalten, weil sie ihren Hund im Auto mitführen: der Filmtitel spielt auch darauf an, dass Katzen und Hunde offiziell verboten bzw. das Haus nicht verlassen dürfen, aber die Iraner*innen allgemein sehr tierliebend sind und ganz viele von ihnen Haustiere halten - alle wissen es, aber zugleich weiss niemand etwas. Der "Agent", hauptsächlich ist er Bootlegger von Filmen, muss auch mal auf dem Amt um seine körperliche Unversehrtheit bangen - und am Ende geht alles kapital schief. Zu den Aufnahmen mit den Schauspielern, die im Kleinwagen oder auf dem Motorrad durch die Stadt fahren, auf Anhöhen über diese Blicken oder in einem Parkhaus im Bau einen Farsi-Rapper aufsuchen, und die Rocksongs auf der Tonspur werden durch heimliche Aufnahmen auf der Strasse, in der U-Bahn usw. ergänzt - ein oft rasant geschnittener Bilderbogen. Beeindruckend, lustig, unterhaltsam, am Ende aber bedrückend, fast erschlagend.



Danach gab es für Neptune Frost (RW/US 2021) zum Glück einen fast vollen Saal (ein moderner aber kleiner Kinosaal mit nicht ganz 60 Plätzen) - Anisia Uzeyman und Saul Williams haben diesen afro-futuristischen, post-apokalyptischen queeren Film gemeinsam gemacht (Williams auch Drehbuch und Musik, Uzeyman auch Kamera). Der Bilderbogen ist hier noch intensiver - und die Mischung aus Mythologie und Technikschrott und Science-Fiction-Elementen völlig abgefahren. Ein richtiges Musical ist auch dieser Film nicht, aber viel eher, denn es wird immerhin manchmal aus den Szenen heraus gesungen wird (keine Kritik am Festivalprogramm, das echt toll ist und auch traditionelle Musicals bietet: "Singin' in the Rain", "Les Demoiselles de Rochefort", "Moulin Rouge" ...). Ich kann echt nicht behaupten, dass ich den Film wirklich verstanden hätte. Er beginnt in einer Coltan-Mine, nachdem ein Wachmann den Minenarbeiter Tekno erschlägt, mit der Flucht seines Freundes Matalusa. Parallel dazu begräbt Neptune seine Tante und flieht nach einem Übegriff durch den Priester - und entpuppt sich dabei als intersexuell. Neptune wird quasi zum Superhelden ("Motherboard"). Nach verschiedenen Begegnungen und Verwandlungen findet Neptune zu Matalusa, dem die anderen Minenarbeiter später nachfolgen. Matalusa, Martyr Loser - später wird Martyr Loser King draus, oder "MartyrLoserKing" (wie Saul Williams' Album, das ich jetzt wohl auch mal anhören muss - kenne bisher nur "Blues for Memo" mit David Murray, auch dreimal live gesehen und jedes Mal von Williams beeindruckt) - diese phonetische Anspielung auf einen anderen Helden wird natürlich ausgekostet, es entsteht ein antikolonialistisches Hacker-Camp, die "Unanimous Goldmine", voller bunter Charaktere, von wo aus ein globaler Hackerangriff gestartet wird, der mit einer Drohnenattacke auf das Camp der Techschrott-Outlaws (fuck Mr. Google!) mit ihrem "Motherboard" einigermassen offen aber nicht unbedingt hoffnungsvoll endet. Verstanden hätte, aber mich holte der Film total ab und nahm mich mit seinen Bildern und seiner Musik mit. Dass da nicht zuletzt ganz viel Sun Ra drin steckt, hat sicherlich geholfen. Und dass der Film eigentlich zuerst als Graphic Novel geplant war, leuchtet auch sofort ein. Ein Film über die Trommel ist das natürlich auch, gesungen wird innerhalb des Plots aber eben: manchmal kippt das - typisch Musical - aus der Handlung in eine andere Ebene, in der Mine wird plötzlich getrommelt ... und der Tod ist keine unüberschreitbare Barriere sondern ein Fakt des Lebens, eins der Portale, um die es im Film auch immer wieder geht.

So, alles nochmal editiert, war zunächst in Sachen Plot von "Neptune Frost" völlig verwirrend geraten - ist es eben auch!

Mehr zum Film z.B. hier:
https://www.rogerebert.com/interviews/f ... tune-frost

oder hier (noch nicht angeschaut):

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salamandersalat
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

Zum "italienischen Großwildjagdfilm" ( :D ) Africa Addio habe ich 2019 im RS-Forum mal einen Text geschrieben und nutze die Gelegenheit, um ihn hier erneut anzubringen.
DVD-Klappentext: "Grausames Afrika! Wilderei, politische Missstände, Bürgerkrieg, Rassenhass und Hinrichtungen dominieren das “neue” Afrika während dem Wechsel zur eigenen Regierung nach der britischen Imperialherrschaft. Nachdem sich die Ureinwohner unter Gewalteinwirkung das zurücknehmen, was ihnen angeblich zusteht, versinkt der “schwarze” Kontinent in einem Sumpf voller Terror und Gewalt. Rassismus steht an der Tagesordung, denn der weiße Mann wird als Unterdrücker verkannt und soll nun für seine Schandtaten büßen. Doch auch die Tierwelt ist einigen Veränderungen ausgesetzt: Schwarze Wilderer töten aus Profitgier Unmengen von Nilpferden und aus Freizeit werden unschuldige Elefanten abgeschossen.Außerdem verkauft sich Elfenbein hervorragend auf dem Weltmarkt. So wird einem auch gegen Ende klar, wer das grauenvollste Tier in Afrika ist – der Mensch!"

Eine der ersten öffentlichen anti-rassistischen Aktionen in der noch jungen BRD, zeigte sich in den Protesten von in Deutschland studierenden Afrikanern, zusammen mit dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), gegen den Film “Africa Addio”, der 1967 in die deutschen Lichtspielhäuser kam. Die italienischen Regisseure Gualtiero Jacopetti und Francesco Prosperi hatten im Stil ihres sehr erfolgreichen Vorgängerwerks “Mondo Cane” einen weiteren Mondofilm gedreht, der sich speziell auf den afrikanischen Kontinent fixierte. Die nach eben diesem “Mondo Cane” benannten Filme führten exotische Szenen aus dem Leben fremder Völker auf fernen Kontinenten vor, oftmals sensationsheischend und semi-dokumentarisch, mit dem Fokus auf Sex, Gewalt und Tod. Aus dieser kleinen Welle von exploitativen (Pseudo-)Dokumentationen entwickelte sich später der italienische Kannibalenfilm und Videoreihen wie “Gesichter des Todes”, wobei vor allem letztere nur noch den niedersten voyeuristischen Bedürfnissen des Publikums huldigten.
Jacopettis und Prosperis Vision des Mondofilms suhlt sich noch nicht in der niederträchtigen Verwertungslogik der krassen Nachrichtenbilder von Unfällen, Suiziden und Morden, sondern vereinigt Jacopettis vorherige Arbeit als Kriegsberichterstatter mit dem wissenschaftlichen Interesse an Flora und Fauna von Prosperi. Auch die cinematographische Brillanz der Bilder des Kameramanns Antonio Climati hebt “Africa Addio” weit über den Videothekenschmuddel, welcher überwiegend in den 1980ern produziert wurde. Wir erfahren durch ihn Afrika vor allem aus der Totalen, meist aus einem Hubschrauber heraus gefilmt. Climati pflegt eine Vorliebe für Massenszenen: Er nutzt die Weite des Kontinents, die Masse der Menschen und Tiere, um in einer Kombination aus Schönheit und Schrecken, die Leichen und Kadaver in ihrer erstaunlich geometrischen Anordnung mit den Spektakeln der Natur und den Bauwerken der Zivilisation abzugleichen. Die kunstvolle Spielfilmästhetik und die eingängige Filmmusik von Riz Ortolani, der schon an “Mondo Cane” beteiligt war und später den sehr bekannten Soundtrack zu “Cannibal Holocaust” komponieren sollte, verweisen deutlich auf eine Inszenierung der Wirklichkeit, die der gewöhnliche Dokumentarfilm oft zu verschleiern versucht, gerade auch durch bewusst “unprofessionelle” Kameraarbeit, Tonaussetzer, Beleuchtungsprobleme und ähnliche Kniffe. Ironischerweise bleiben Jacopetti und Prosperi “aufrichtiger” in der Wahl ihrer filmischen Mittel als die ehrbaren Kollegen des Dokumentarfilms, die im Mondo nur den schmuddeligen kleinen Bruder sehen, der die Welt nach dem Bauchgefühl des Pöbels inszeniert.
Jacopetti behauptete bis zu seinem Tod, keine der Szenen sei gestellt gewesen, was ihm unter anderem den Vorwurf einbrachte, er habe weiße Söldner bezahlt und betrunken gemacht, um Exekutionen an afrikanischen Soldaten filmen zu können. Vor Gericht konnte er sich dieser Anschuldigungen erwehren, ein negativer Beigeschmack bleibt, sprechen die Bilder von “Africa Addio” doch eine lautere Sprache als Beteuerungen, Eide und Gerichtsurteile. Die Menschen wurden getötet und anstatt zu versuchen ihnen zu helfen, hat Jacopetti vor allem dafür gesorgt, fantastische Einstellungen der Hinrichtung einzufangen. Üblicherweise reden sich Dokumentarfilmer mit einer verschwurbelten Objektivitätspflicht aus Situationen dieser Art heraus, da sie “die Aufgabe haben, die Wirklichkeit abzubilden, anstatt sie zu gestalten”, doch selbst der filmische Laie weiß um die Inszenierung und Subjektivität eines jeden auf Zelluloid festgehaltenen Vorgangs. Einem Profi nehme ich diese Blauäugigkeit nicht ab. Ich halte sie für eine Lüge.
Problematisch wird “Africa Addio” vor allem durch sein pro-kolonialistisches Weltbild. Zu Zeiten des Drehs, in der Mitte der 1960er Jahre, erlebten viele afrikanische Völker die Befreiung von der Knute des Kolonialismus: Briten und Franzosen traten den Rückzug an, nachdem sie den Kontinent Jahrhunderte ausgebeutet und ausgeblutet hatten. Das daraufhin entstehende Machtvakuum bereitete den Boden für Kriminalität und Grausamkeiten aller Couleur – und das Voice-Over des Erzählers lässt wenig Zweifel daran, dass dies auf die afrikanische Bevölkerung zurückzuführen ist, die ihren ehemaligen europäischen Herren, die Zucht, Recht und Ordnung aufrecht erhielten, in allen sozialen und politischen Aufgaben hoffungslos unterliegt. Tenor: Weitere Jahrzehnte unter europäischer Herrschaft hätten Afrika blühende Landschaften beschert.
Neben den atemberaubenden Aufnahmen des Naturpanoramas, die meist auf Prosperis Kappe gehen, ergießt sich eine Flut von verstörenden Bürgerkriegsszenen, Hinrichtungen, Aufständen, Massengräbern und Tiertötungen von der Leinwand herab, welche den gesetzlosen Zuständen der jeweiligen Länder Rechnung tragen. Tierfreunde sollten einen Bogen um “Africa Addio” machen, denn wem die aufgeknüpften Affen zu Beginn des Films und kurz darauf die Kühe mit den durchgeschnittenen Hinterläufen noch nicht genug sind, der kommt spätestens mit dem Nilpferdschlachthof, wo nach Quote getötet wird und man Föten aus den trächtigen Kühen herausschneidet, an seine Grenzen. Beeindrucken kann die folgende Einstellung, die unzählige Kieferknochen geschlachteter Flußpferde an den Ufern des Stroms einfängt. Ein gespenstischer Friedhof, von der Kamera be(d)rückend in ein Stilleben übersetzt.
Ich muss zugeben, dass mir der Tier-Snuff näher geht als die Gewalttätigkeiten der Menschen untereinander. In dieser Hinsicht bin ich wohl abgestumpft und bar jeder Hoffnung. Die Konflikte der Menschen im Afrika der 1960er sind auch heute noch die Konflikte der Menschen in Afrika – mehr als 50 Jahre später. Als ein Beispiel dient das Massaker an Arabern in Sansibar, von dem Jacopetti und Prosperi die einzigen bekannten Aufnahmen anfertigten: Massengräber von Menschen in weißen Roben, die wie reglose Gespenster wirken.
Über weite Strecken von “Africa Addio” würde ich den Ton der Darstellung als pro-kolonialistisch bezeichnen, nicht mal als anti-afrikanisch, leider schlägt der Film kurz vor dem Schluss noch ins Rassistische um. Die Szenen in Südafrika verhöhnen das zuvor abgebildete Morden und Schlachten und der Erzähler breitet genüsslich aus, warum Südafrika das “reichste Land der Erde” (war es das damals?) ist: Weil man hier nach europäischem Modell verfährt, unter Anleitung von weißen Menschen (den Buren). Unterlegt mit fetziger Pop-Musik, zu der junge, weiße Damen in Bikinis am Strand tanzen. Grotesk, infam. Der Mund bleibt einem offen stehen.
Ruggero Deodato entwickelte dieses zurückgebliebene Weltbild im Kannibalenschocker “Cannibal Holocaust” weiter. In seinem Abkömmling der Mondofilme wirken Europäer und Amerikaner nicht besser als die “Wilden” – und Filmemacher wie Jacopetti kriegen ebenfalls ihr Fett weg, zeichnet Deodato sie doch als rücksichtslose Manipulatoren. Einen Vorwurf, den sich Jacopetti gefallen lassen muss, immerhin vertraute er für die Arbeit an “Africa Addio” auf die Hilfe des berüchtigten Nazis Kongo-Müller.
Die FSK sah keine Probleme und verteilte eine Freigabe ab 18; VZM/X-Rated nutzt sogar den alten widerwärtigen Klappentext (siehe weiter oben) für die Blu-ray-Neuveröffentlichung des Films, die seit Ende 2018 in jeder Elektronik- und Drogeriekette ausliegt.
Wie stehe ich zu “Africa Addio”? Einem Film, der in seiner Aussage belegbar rassistisch ist, aber voll wunderbar komponierter Bilder und Szenen steckt? Der mir eine Welt vorführt, die mir nicht schmecken mag, aber dies auf eine Art und Weise tut, die mich unmittelbar anspricht? Ich entscheide mich, wie in anderen Fällen, für den Sieg der Ästhetik über die Moral: 7/10.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »



The Tales of Hoffmann (UK 1951), die Adaption von Jacques Offenbachs Oper(ette) gab es heute in der Matinee-Vorstellung beim "Showtime" - eine grossartig artifizielle Revue von Michael Powell und Emeric Pressburger, die mit einer Art romantischem Expressionismus losgeht (die Dächer von Nürnberg sind ausnahmslos Kirchtürme) und dann durch die drei auf E.T.A. Hoffmann beruhenden Episoden der Oper gehen - natürlich in englischer Sprache, was anfangs doch ziemlich gewöhnungsbedürftig war. In der Venedig-Episode meinte ich das Vorbild für das Bühnenbild von Fellinis "Casanova" gefunden zu haben, dass die dritte Episode auf Boecklins "Insel der Toten" spielt ist noch ein schöner Zug ... und die ganzen Kostüme, überhaupt die Ausstattung, dann wie Powell/Pressburger das alles ins Bild setzen: Technicolor, Doppelbelichtungen, die allmählich auftauchen und wieder verschwinden, die eigenwilligen Kamerawinkel und kunstvollen Bilder ... enorm beeindruckend, aber auch etwas lang, vor allem nach einer zu kurzen Nacht. Robert Rounseville fand ich überzeugend in der Titelrolle - neben Ann Ayars in der Rolle der Antonia der einzige, der selbst singt ... und wie oft in der Oper sind die beiden viel zu alt für die Rollen. Und Moira Shearer, die als Olimpia viel zu tanzen hat, hat für heutige Verhältnisse irritierende Stirnrunzeln ... für einen Automaten zumal - aber sie ist toll.

Nach einer kurzen Pause ging es mit einem völlig anderen Film weiter:



West Indies ou les Nègres marrons de la liberté (FR/DZ/MR 1979) von Med Hondo ist ein frühes antikolonialistisches Werk, das zwischen Satire, Geschichtsstunde und kraftvollem Musikfilm changiert. In einer grossen verlassenen Produktionshalle von Citroën wurde eine Art Schiffsrumpf aus Holz gebaut, der im Lauf des Filmes unterschiedliche Räumlichkeiten darstellt, vom Sklaventransporter bis zum Palast des Inselpräsidenten, den die Franzosen sich als Marionette halten. Dreieckshandel, das koloniale Fundament des Kapitalismus, die postkoloniale Ausbeutung - alles da in Hondos Film, nebst einem grossen Ensemble und umwerfend choreographierten Tanz- und Gesangsszenen.
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

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salamandersalat hat geschrieben: 14 Jun 2026, 21:12 Zum "italienischen Großwildjagdfilm" ( :D ) Africa Addio habe ich 2019 im RS-Forum mal einen Text geschrieben und nutze die Gelegenheit, um ihn hier erneut anzubringen.
Vielen Dank fürs Hervorsuchen!
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