Originalpost vom 28.04.2026:
Letztes Wochenende auf dem Flohmarkt gefunden. Cover hat einen kleinen Lackschaden, die Innenhülle stammt von einem Laurie Anderson-Album aber das Vinyl ist picobello. Und zu dem geforderten Preis kriege ich sonst nicht mal eine Currywurst mit Pommes. Zugegriffen.

The Lounge Lizards (1981)
Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? Plattencover im Retrostyle, schwarz-weiß Foto, Haartollen, Anzüge, schmale Schlipse, die Art Deco-Uhr auf dem Klavier: Da hat man eigentlich eher die Vorstellung einer ebenso nostalgischen Musik. Bebop oder früher Cool Jazz. Sowas wie Charlie Hadens Quartet West.
Aber wenn man sich die Platte mal anhört - also wirklich anhört – hört man zwar durchaus Retro-Einflüsse. Thelonious Monk (von dem hier zwei Kompositionen gespielt werden), Charles Mingus, vielleicht Ornette Coleman und Dave Brubeck, Soundtracks zu Film Noir haben hier zwar Spuren hinterlassen. Aber die Lounge Lizards kommen eigentlich nicht aus der Jazzszene, sondern aus der Lower East Side, wo in den späten 70er/frühen 80ern Punk und New Wave und diverse andere subkulturelle Avantgarden florierten. Die Lounge Lizards vermischen das alles miteinander und komprimieren es. Es gibt die Raffinesse und Coolness des Jazz, natürlich auch die hipness einerseits, und die Aggressivität und Trotzigkeit des Punk andererseits. Kurze knappe Stücke mit prägnanten Themen auf dem Sax, dramatische Kompositionen, halsbrecherische Tempowechsel, Piano und elektrische Orgel, E-Bass, crazy rhythms von Anton Fier und Arto Lindsay schrubbt mit seiner genial-dilettantischen kratzbürstigen Gitarre immer wieder dazwischen. Manchmal scheint die Musik zu zersplittern – bevor sie sich doch wieder fängt. Das swingt nicht durchgehend, das hat keine Songstrukturen, das baut Spannung auch ganz anders auf, eher wie ein Film mit spektakulären Kamerafahrten und harten Schnitten. Das hat Stil, Witz, Frechheit, Spannung und klingt manchmal auch tongue-in-cheek. In meinen Augen und Ohren eine tolle Platte – sowohl was Image als auch Musik betrifft.
Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm. Das ist aber eine völlig andere Sache.