The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

Ich hatte The Lounge Lizards im „Ich höre gerade Jazz!“-Thread erwähnt. Es kamen einige Reaktionen darauf und es gibt sicher noch weiteres interessantes über sie zu erzählen. Ich erlaube mir daher, den Diskussionsverlauf in diesen Thread zu kopieren. So ist das alles schön beieinander. Man findet es leichter und kann es bei Bedarf fortführen.

Originalpost vom 28.04.2026:

Letztes Wochenende auf dem Flohmarkt gefunden. Cover hat einen kleinen Lackschaden, die Innenhülle stammt von einem Laurie Anderson-Album aber das Vinyl ist picobello. Und zu dem geforderten Preis kriege ich sonst nicht mal eine Currywurst mit Pommes. Zugegriffen.



The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? Plattencover im Retrostyle, schwarz-weiß Foto, Haartollen, Anzüge, schmale Schlipse, die Art Deco-Uhr auf dem Klavier: Da hat man eigentlich eher die Vorstellung einer ebenso nostalgischen Musik. Bebop oder früher Cool Jazz. Sowas wie Charlie Hadens Quartet West.

Aber wenn man sich die Platte mal anhört - also wirklich anhört – hört man zwar durchaus Retro-Einflüsse. Thelonious Monk (von dem hier zwei Kompositionen gespielt werden), Charles Mingus, vielleicht Ornette Coleman und Dave Brubeck, Soundtracks zu Film Noir haben hier zwar Spuren hinterlassen. Aber die Lounge Lizards kommen eigentlich nicht aus der Jazzszene, sondern aus der Lower East Side, wo in den späten 70er/frühen 80ern Punk und New Wave und diverse andere subkulturelle Avantgarden florierten. Die Lounge Lizards vermischen das alles miteinander und komprimieren es. Es gibt die Raffinesse und Coolness des Jazz, natürlich auch die hipness einerseits, und die Aggressivität und Trotzigkeit des Punk andererseits. Kurze knappe Stücke mit prägnanten Themen auf dem Sax, dramatische Kompositionen, halsbrecherische Tempowechsel, Piano und elektrische Orgel, E-Bass, crazy rhythms von Anton Fier und Arto Lindsay schrubbt mit seiner genial-dilettantischen kratzbürstigen Gitarre immer wieder dazwischen. Manchmal scheint die Musik zu zersplittern – bevor sie sich doch wieder fängt. Das swingt nicht durchgehend, das hat keine Songstrukturen, das baut Spannung auch ganz anders auf, eher wie ein Film mit spektakulären Kamerafahrten und harten Schnitten. Das hat Stil, Witz, Frechheit, Spannung und klingt manchmal auch tongue-in-cheek. In meinen Augen und Ohren eine tolle Platte – sowohl was Image als auch Musik betrifft.



Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm. Das ist aber eine völlig andere Sache.
Zuletzt geändert von Friedrich am 18 Mai 2026, 08:36, insgesamt 3-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

soulpope schrieb:
Friedrich hat geschrieben: 28 Apr 2026, 23:13


The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? ....

Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm ....
Für mich wird John Lurie immer eine Kunstfigur bleiben, welche im Jim Jarmusch "low budget movie" aka "Stranger than Paradise" abgebildet ist .... übrigens kein Zufall, dass in "Down by Law" neben Lurie auch Tom Waits zu einer filmischen Kunstfigur wird, in welche er seit 1980 bereits musikalisch mutierte (die Fans seiner Karriere ab dieser Zeit mögen mir verzeihen) ....

Die Produktion von Teo Macero steht sinnbildlich für den Status des Jazz in den mitt80ern, als sich der Neotraditionalismus (aka "Young Lions") bereits totgelaufen hatte, der Free Jazz in der eigenen Nische verblieb und ergo alte Helden wiederbelebt werden konnten/mussten .... Miles Davis (sic !) ....

Ich habe die Jim Jarmusch Filme damals gesehen (mochte "Stranger than Paradise" besonders), habe die Lounge Lizards Scheibe gekauft (diese als "zeitgeistig" wahrgenommen) .... und erinnere mich gerne an diese Zeit in meinem Leben zurück ....
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:43, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

soulpope hat geschrieben: 29 Apr 2026, 09:14
Friedrich hat geschrieben: 28 Apr 2026, 23:13


The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? ....

Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm ....
Für mich wird John Lurie immer eine Kunstfigur bleiben, welche im Jim Jarmusch "low budget movie" aka "Stranger than Paradise" abgebildet ist .... übrigens kein Zufall, dass in "Down by Law" neben Lurie auch Tom Waits zu einer filmischen Kunstfigur wird, in welche er seit 1980 bereits musikalisch mutierte (die Fans seiner Karriere ab dieser Zeit mögen mir verzeihen) ....

Die Produktion von Teo Macero steht sinnbildlich für den Status des Jazz in den mitt80ern, als sich der Neotraditionalismus (aka "Young Lions") bereits totgelaufen hatte, der Free Jazz in der eigenen Nische verblieb und ergo alte Helden wiederbelebt werden konnten/mussten .... Miles Davis (sic !) ....

Ich habe die Jim Jarmusch Filme damals gesehen (mochte "Stranger than Paradise" besonders), habe die Lounge Lizards Scheibe gekauft (diese als "zeitgeistig" wahrgenommen) .... und erinnere mich gerne an diese Zeit in meinem Leben zurück ....
Klar waren die Lounge Lizards eine Inszenierung! Und zwar eine sehr gute Inszenierung – auch was die Musik betrifft. Ich kenne das LL-Debut schon lange, habe es durch meinen Flohmarktfund aber noch mal sehr bewusst gehört. So bescheuert es wirkt, das zu betonen, aber eben nicht nur das Image, sondern auch die Musik der LL haben klasse! Zeitgeistig? Ja, okay! Ist das gut? Ist das schlecht? Sowohl als auch? Weder noch? ;-)

Ich kenne mich nicht gut damit aus, was Ende der 70er / Anfang der 80er im Jazz los war. Sicher gab es auch viele parallele Entwicklungen. Aber der wirklich heiße Scheiß war Jazz damals wohl nicht mehr. Dexter Gordons (*1923) homecoming 1976 schien ein großes Ding gewesen zu sein, spricht aber auch nicht gerade für frischen Wind. Young Lion Wynton Marsalis (*1961) spielte bei Art Blakey (*1919) und veröffentliche 1982 sein Leader-Debut. Miles (*1926) tauchte 80/81 aus der Versenkung auf. John Lurie (*1953) veröffentlichte 1981 (also mit Ende 20) das LL-Debut . Ob Blakey, Gordon, Miles und Marsalis das überhaupt wahrgenommen haben?

Ich habe mal in meiner alten Ausgabe von Behrendts Jazzbuch (2005) gestöbert: Da wird immerhin einiges über die No Wave / Noise Music (sic!) geschrieben und John Lurie einmal erwähnt. Als typisch für die frühen 80er sehen Behrendt bzw. Co-Autor Huesmann ein postmodernes anything goes, in dem Traditionalisten, Eklektizisten und Modernisten aller couleur gleichermaßen ihren Platz finden. John Zorn (*1953) wird übrigens ausführlicher behandelt. Der lief erst Mitte der 80er zu großer Form auf. Beim LL-Debut hörte ich aber auch schon etwas, das JZ zur Kunstform entwickelte, das Collageprinzip, die „Schnitttechnik“, überhaupt die Neigung, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:44, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

soulpope schrieb:
Friedrich hat geschrieben: 29 Apr 2026, 15:01
soulpope hat geschrieben: 29 Apr 2026, 09:14

Für mich wird John Lurie immer eine Kunstfigur bleiben, welche im Jim Jarmusch "low budget movie" aka "Stranger than Paradise" abgebildet ist .... übrigens kein Zufall, dass in "Down by Law" neben Lurie auch Tom Waits zu einer filmischen Kunstfigur wird, in welche er seit 1980 bereits musikalisch mutierte (die Fans seiner Karriere ab dieser Zeit mögen mir verzeihen) ....

Die Produktion von Teo Macero steht sinnbildlich für den Status des Jazz in den mitt80ern, als sich der Neotraditionalismus (aka "Young Lions") bereits totgelaufen hatte, der Free Jazz in der eigenen Nische verblieb und ergo alte Helden wiederbelebt werden konnten/mussten .... Miles Davis (sic !) ....

Ich habe die Jim Jarmusch Filme damals gesehen (mochte "Stranger than Paradise" besonders), habe die Lounge Lizards Scheibe gekauft (diese als "zeitgeistig" wahrgenommen) .... und erinnere mich gerne an diese Zeit in meinem Leben zurück ....
Klar waren die Lounge Lizards eine Inszenierung! .... Zeitgeistig? Ja, okay! Ist das gut? Ist das schlecht? Sowohl als auch? Weder noch? ;-)

.... John Zorn (*1953) wird übrigens ausführlicher behandelt. Der lief erst Mitte der 80er zu großer Form auf. Beim LL-Debut hörte ich aber auch schon etwas, das JZ zur Kunstform entwickelte, das Collageprinzip, die „Schnitttechnik“, überhaupt die Neigung, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.
Ja der "Zeitgeist" .... Gut ? Schlecht ? Oder soso ? Hängt vom jeweiligen Zuhörer ab .... mich hat das damals unterhalten, eine Tiefe schien nicht beabsichtigt .... Fazit : aus der "Zeitzeugensicht" eher eine Zeiterscheinung ....

Apropos John Zorn ; das um diese Zeit (1986) veröffentlichte "Sonny Clark Memorial Album" (Black Saint) vermittelt deutlich Freude an der Verfremdung eines verinnerlichten historischen Materials .... pointierte Revolte statt .... Retorte ....
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:45, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

salamandersalat schrieb:
soulpope hat geschrieben: 29 Apr 2026, 09:14 Für mich wird John Lurie immer eine Kunstfigur bleiben, welche im Jim Jarmusch "low budget movie" aka "Stranger than Paradise" abgebildet ist .... übrigens kein Zufall, dass in "Down by Law" neben Lurie auch Tom Waits zu einer filmischen Kunstfigur wird, in welche er seit 1980 bereits musikalisch mutierte (die Fans seiner Karriere ab dieser Zeit mögen mir verzeihen) ....
Tom Waits Enscheidung konsequent als Kunstfigur zu agieren, steht bei mir ähnlich hoch im Kurs wie die Entscheidung der Beatles die unergiebigen Live-Auftritte endlich sausen zu lassen und sich dem Studio zu widmen. Es gibt nichts zu verzeihen. ;)
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:47, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

vorgarten schrieb:
Friedrich hat geschrieben: 29 Apr 2026, 15:01
Ich kenne mich nicht gut damit aus, was Ende der 70er / Anfang der 80er im Jazz los war. Sicher gab es auch viele parallele Entwicklungen. Aber der wirklich heiße Scheiß war Jazz damals wohl nicht mehr. Dexter Gordons (*1923) homecoming 1976 schien ein großes Ding gewesen zu sein, spricht aber auch nicht gerade für frischen Wind. Young Lion Wynton Marsalis (*1961) spielte bei Art Blakey (*1919) und veröffentliche 1982 sein Leader-Debut. Miles (*1926) tauchte 80/81 aus der Versenkung auf. John Lurie (*1953) veröffentlichte 1981 (also mit Ende 20) das LL-Debut . Ob Blakey, Gordon, Miles und Marsalis das überhaupt wahrgenommen haben?

Ich habe mal in meiner alten Ausgabe von Behrendts Jazzbuch (2005) gestöbert: Da wird immerhin einiges über die No Wave / Noise Music (sic!) geschrieben und John Lurie einmal erwähnt. Als typisch für die frühen 80er sehen Behrendt bzw. Co-Autor Huesmann ein postmodernes anything goes, in dem Traditionalisten, Eklektizisten und Modernisten aller couleur gleichermaßen ihren Platz finden. John Zorn (*1953) wird übrigens ausführlicher behandelt. Der lief erst Mitte der 80er zu großer Form auf. Beim LL-Debut hörte ich aber auch schon etwas, das JZ zur Kunstform entwickelte, das Collageprinzip, die „Schnitttechnik“, überhaupt die Neigung, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.
mit der schnitttechnik waren sie ja bei macero in guten händen... was deinen punkt angeht, dass es ende der 70er, anfang der 80er viele parallele entwicklungen gab, hast du sicherlich recht. wenn man sich allein das berliner-jazzfest-programm von 1981 ansieht, gibt es neben den lounge lizards (mit rosen statt lindsay) erstaunlich viele spannende bands mit frischen konzepten, die mit mainstream oder loft kaum was zu tun hatten: james 'blood' ulmer natürlich (1980-83 war er am populärsten), material (lassell, sharrock, billy bang) und defunkt (mit den frühen m-base-leuten kim clarke und kelvyn bell, außerdem vernon reid), alles quasi schon labor für m-base, downtown-szene und black-rock-coalition, zwischen denen es später auch viele überschneidungen gab.

ich mag das lizards-debüt sehr gerne, vor allem wegen der störgitarre, aber auch evan lurie habe ich als musiker immer sehr ernst genommen.
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:48, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

soulpope schrieb:


Red Rodney Ira Sullivan Quintet mit Gary Dial (p) + Jay Anderson (b) + Jeff Hirshfield (dr) "live" am 8ten November 1981 @ Jazzfest Berlin .... man konnte damals vorort den "Humus des Modernen Jazz" (Zitat Michael Naura) sprießen hören ....
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:49, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

vorgarten hat geschrieben: 29 Apr 2026, 18:51
Friedrich hat geschrieben: 29 Apr 2026, 15:01
(...)

Ich habe mal in meiner alten Ausgabe von Behrendts Jazzbuch (2005) gestöbert: Da wird immerhin einiges über die No Wave / Noise Music (sic!) geschrieben und John Lurie einmal erwähnt. Als typisch für die frühen 80er sehen Behrendt bzw. Co-Autor Huesmann ein postmodernes anything goes, in dem Traditionalisten, Eklektizisten und Modernisten aller couleur gleichermaßen ihren Platz finden. John Zorn (*1953) wird übrigens ausführlicher behandelt. Der lief erst Mitte der 80er zu großer Form auf. Beim LL-Debut hörte ich aber auch schon etwas, das JZ zur Kunstform entwickelte, das Collageprinzip, die „Schnitttechnik“, überhaupt die Neigung, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.
mit der schnitttechnik waren sie ja bei macero in guten händen... was deinen punkt angeht, dass es ende der 70er, anfang der 80er viele parallele entwicklungen gab, hast du sicherlich recht. wenn man sich allein das berliner-jazzfest-programm von 1981 ansieht, gibt es neben den lounge lizards (mit rosen statt lindsay) erstaunlich viele spannende bands mit frischen konzepten, die mit mainstream oder loft kaum was zu tun hatten: james 'blood' ulmer natürlich (1980-83 war er am populärsten), material (lassell, sharrock, billy bang) und defunkt (mit den frühen m-base-leuten kim clarke und kelvyn bell, außerdem vernon reid), alles quasi schon labor für m-base, downtown-szene und black-rock-coalition, zwischen denen es später auch viele überschneidungen gab.

ich mag das lizards-debüt sehr gerne, vor allem wegen der störgitarre, aber auch evan lurie habe ich als musiker immer sehr ernst genommen.
"Schnitttechnk" war etwas ungenau ausgedrückt. Ich denke, Teo Macero hat bei den Loungs Lizards keineswegs die Rasierklinge angelegt oder copy & paste angewendet wie er es bei Miles Davis in den 70ern gemacht hat. Die LL scheinen alles so gespielt zu haben, wie es veröffentlicht wurde. Aber die Musik ist teilweise aufgebaut wie bei einem Film, mit "Szenen", wechselnden "Einstellungen", "Schnitt", "Gegenschnitt", sie läuft parallel zu einem - hier imaginären - dramatischen Geschehen auf der Leinwand usw. Bei diesem Stück ist das ganz ausgeprägt. Die erste Minute reicht als Beispiel schon:



Das erinnert an Filmusik zu Cartoons wie z.B. das hier (Hell's Bells)

Von John Zorn gibt es - glaube ich - sogar ein Stück mit dem Titel Krazy Kat , von Bill Frisell eins mit Titel Cartoon. Der hat ja sogar Filmusiken zu Stummfilmen von Buster Keaton gemacht.

Die These, dass Anfang der 80er im Jazz ein anything goes herrschte, habe ich bei Behrendt / Huesmann abgeschrieben. Das Programm des Jazzfests 1981 scheint das zumindest zu belegen. McCoy Tyner, Material, Charlie Parker-Weggefährte Red Rodney, James "Blood" Ulmer, Defunkt, Marian McPartland und die Lounge Lizards auf der gleichen musikalischen Speisekarte: Da hätte man doch seinen Spaß haben können!

Freut mich, dass Dir das Lounge Lizards-Debut gefällt!
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:50, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

jimmydean schrieb:
Friedrich hat geschrieben: 28 Apr 2026, 23:13 Letztes Wochenende auf dem Flohmarkt gefunden. Cover hat einen kleinen Lackschaden, die Innenhülle stammt von einem Laurie Anderson-Album aber das Vinyl ist picobello. Und zu dem geforderten Preis kriege ich sonst nicht mal eine Currywurst mit Pommes. Zugegriffen.


The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? Plattencover im Retrostyle, schwarz-weiß Foto, Haartollen, Anzüge, schmale Schlipse, die Art Deco-Uhr auf dem Klavier: Da hat man eigentlich eher die Vorstellung einer ebenso nostalgischen Musik. Bebop oder früher Cool Jazz. Sowas wie Charlie Hadens Quartet West.

Aber wenn man sich die Platte mal anhört - also wirklich anhört – hört man zwar durchaus Retro-Einflüsse. Thelonious Monk (von dem hier zwei Kompositionen gespielt werden), Charles Mingus, vielleicht Ornette Coleman und Dave Brubeck, Soundtracks zu Film Noir haben hier zwar Spuren hinterlassen. Aber die Lounge Lizards kommen eigentlich nicht aus der Jazzszene, sondern aus der Lower East Side, wo in den späten 70er/frühen 80ern Punk und New Wave und diverse andere subkulturelle Avantgarden florierten. Die Lounge Lizards vermischen das alles miteinander und komprimieren es. Es gibt die Raffinesse und Coolness des Jazz, natürlich auch die hipness einerseits, und die Aggressivität und Trotzigkeit des Punk andererseits. Kurze knappe Stücke mit prägnanten Themen auf dem Sax, dramatische Kompositionen, halsbrecherische Tempowechsel, Piano und elektrische Orgel, E-Bass, crazy rhythms von Anton Fier und Arto Lindsay schrubbt mit seiner genial-dilettantischen kratzbürstigen Gitarre immer wieder dazwischen. Manchmal scheint die Musik zu zersplittern – bevor sie sich doch wieder fängt. Das swingt nicht durchgehend, das hat keine Songstrukturen, das baut Spannung auch ganz anders auf, eher wie ein Film mit spektakulären Kamerafahrten und harten Schnitten. Das hat Stil, Witz, Frechheit, Spannung und klingt manchmal auch tongue-in-cheek. In meinen Augen und Ohren eine tolle Platte – sowohl was Image als auch Musik betrifft.


Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm. Das ist aber eine völlig andere Sache.
wie immer sehr schöne review... ist auch in meinen top 100 jazz alben, und war einer der wege zum jazz für mich ende der achtziger, neben den impulse-reissues... die frage ist halt ob das nicht schon etwas zu durchkomponiert ist, um in die jazz-schublade zu passen, aber das ist ja bei gil evans z.b. nicht viel anders
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:51, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 160
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: The Lounge Lizards / John + Evan Lurie

Beitrag von Friedrich »

vorgarten schrieb:
jimmydean hat geschrieben: 01 Mai 2026, 08:15 die frage ist halt ob das nicht schon etwas zu durchkomponiert ist, um in die jazz-schublade zu passen
kunsthochschuljazz halt ;)

bei john lurie ging das ja später in eine ganz andere richtung, weg vom auskomponierten, hin zu langen improvisationen über rhythmisch stabilen pattern. aber man merkt auch beim lizards-debüt schon, dass das sax eigentlich da raus will (was aber ja auch ein schöner effekt ist).
Zuletzt geändert von Friedrich am 17 Mai 2026, 21:51, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)