Gestern im Kino:
Okiʼs Movie (Ok-hui-ui yeonghwa) (KR 2010) - und das ist jetzt vielleicht wirklich die erste kleine Enttäuschung in der Hong Sangsoo Reihe. Ein Episodenfilm um Oki, eine Studentin, die eine Affäre mit ihrem Professor sowie einem Kommilitonen an der Film-Hochschule hat. In den ersten drei Teilen werden zuerst das Umfeld, dann die Sichtweisen des älteren und des jüngeren Mannes dargestellt, bevor in der vierten Episode "Oki's Movie" als Film im Film zu sehen ist. Es gibt schwülstige Musik Elgar zu den Credits, wie vor jeder Episode laufen (obwohl die Leute immer dieselben sind) und die Anlage des Films ist super, auch der Shift, den Hong laut eines Zitats im Programmheft (Film at Lincoln Center, Mai 2022,
klick) hier vornimmt, nämlich dass er von der Männer- in die Frauenperspektive wechselt, was bei späteren Filmen ja tatsächlich eher die Regel zu sein scheint (ich hab ja nur ein gutes Viertel seines Werks gesehen) ist natürlich alles andere als belanglos - und eigentlich ja eine echte Wohltat, angesichts all der Jammerlappen und Unsympathen, die seine Filme bevölkern. Aber eben: ich war etwas enttäuscht, weil mich der Film einfach nicht recht überzeugen konnte. Das hat, glaub ich, mit dem Pacing zu tun, das nicht annähernd so perfekt ist wie bei all den anderen, die ich in den letzten Wochen sah. Es kam mir vor, als liesse er sich an den falschen Stellen zu viel oder zu wenig Zeit. Und die erwartete "Auflösung" im Film im Film blieb dann auch eher trivial. Vermutlich hätte er aus dem Stoff besser eine Tetralogie gemacht, vier einstündige Filme vielleicht. So wird zu vieles nur gestreift, bleibt an der Oberfläche.
Andererseits, wo ich jetzt diese Gedanken formuliere und zu ergründen suche, warum mir der Film nicht recht gefiel*, drängt sich noch ein Gedanke auf, den ich wiederum äusserst reizvoll finde: die Auslassungen - z.B. beim Saufabend in der ersten Episode, wo es zwar eine kurze Konfrontation gibt, aber der ganze Aufbau dorthin fehlt, die wie ich vermute wahren Gerüchte um Korruption an der Uni nicht weiter verfolgt, die Figuren und Akteure nicht greifbar werden ... oder danach die Begegnung auf der Parkbank mit der Kamera ... oder ja, auch der Film im Film ... diese Auslassungen, könnte man vielleicht argumentieren, können mit Kenntnis von Hongs Werk auch einfach aufgefüllt werden vom Publikum, denn man weiss ja, wie die Saufgelage, die allmählich aufgebauten Konfrontationen mit ihren jeweiligen Gefühlsentladungen funktionieren, man weiss, wie Hong Begegnungen zwischen Menschen (ob sie sich nun lieben oder nicht, bleibt ja oft sehr im Ungewissen, auch wenn es manche recht greifbare - aber in der Regel sehr dilettantisch inszenierte - Sexszene gibt, hier glaub ich die späteste aus den mir jetzt bekannten Filmen) ablaufen, wie die Dialoge, die Pausen, die gemeinsamen Gänge durch die Stadt oder auch - seltener - in Naherholungsgebiete, Parks oder so (wie hier im Film im Film). Die Tetralogie kann man sich also quasi auch im Kopf auffüllen und die kurzen 81 Minuten (von denen man wohl wegen der multiplen Credits noch mindestens fünf abziehen kann) können so gesehen eben doch gut für sich stehen.
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*) Drei von fünf lebendig verschluckten und in den Schnee rausgekotzten Oktopussen sind wohl schon drin, schlecht ist er nun wirklich nicht!
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00