Ich höre gerade ... Jazz

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lotterlotta
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von lotterlotta »

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....je öfter ich mir diese scheibe anhöre, desto mehr wundere ich mich darüber, dass er nicht mehr unter seinem namen herausbringen konnte....
ich wurde mal gefragt warum ich jazz höre. ganz einfach, weil er frei von hautfarbe und emotional ist....
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Friedrich
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von Friedrich »

Letztes Wochenende auf dem Flohmarkt gefunden. Cover hat einen kleinen Lackschaden, die Innenhülle stammt von einem Laurie Anderson-Album aber das Vinyl ist picobello. Und zu dem geforderten Preis kriege ich sonst nicht mal eine Currywurst mit Pommes. Zugegriffen.



The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? Plattencover im Retrostyle, schwarz-weiß Foto, Haartollen, Anzüge, schmale Schlipse, die Art Deco-Uhr auf dem Klavier: Da hat man eigentlich eher die Vorstellung einer ebenso nostalgischen Musik. Bebop oder früher Cool Jazz. Sowas wie Charlie Hadens Quartet West.

Aber wenn man sich die Platte mal anhört - also wirklich anhört – hört man zwar durchaus Retro-Einflüsse. Thelonious Monk (von dem hier zwei Kompositionen gespielt werden), Charles Mingus, vielleicht Ornette Coleman und Dave Brubeck, Soundtracks zu Film Noir haben hier zwar Spuren hinterlassen. Aber die Lounge Lizards kommen eigentlich nicht aus der Jazzszene, sondern aus der Lower East Side, wo in den späten 70er/frühen 80ern Punk und New Wave und diverse andere subkulturelle Avantgarden florierten. Die Lounge Lizards vermischen das alles miteinander und komprimieren es. Es gibt die Raffinesse und Coolness des Jazz, natürlich auch die hipness einerseits, und die Aggressivität und Trotzigkeit des Punk andererseits. Kurze knappe Stücke mit prägnanten Themen auf dem Sax, dramatische Kompositionen, halsbrecherische Tempowechsel, Piano und elektrische Orgel, E-Bass, crazy rhythms von Anton Fier und Arto Lindsay schrubbt mit seiner genial-dilettantischen kratzbürstigen Gitarre immer wieder dazwischen. Manchmal scheint die Musik zu zersplittern – bevor sie sich doch wieder fängt. Das swingt nicht durchgehend, das hat keine Songstrukturen, das baut Spannung auch ganz anders auf, eher wie ein Film mit spektakulären Kamerafahrten und harten Schnitten. Das hat Stil, Witz, Frechheit, Spannung und klingt manchmal auch tongue-in-cheek. In meinen Augen und Ohren eine tolle Platte – sowohl was Image als auch Musik betrifft.



Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm. Das ist aber eine völlig andere Sache.
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soulpope
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Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von soulpope »

Friedrich hat geschrieben: 28 Apr 2026, 23:13


The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? ....

Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm ....
Für mich wird John Lurie immer eine Kunstfigur bleiben, welche im Jim Jarmusch "low budget movie" aka "Stranger than Paradise" abgebildet ist .... übrigens kein Zufall, dass in "Down by Law" neben Lurie auch Tom Waits zu einer filmischen Kunstfigur wird, in welche er seit 1980 bereits musikalisch mutierte (die Fans seiner Karriere ab dieser Zeit mögen mir verzeihen) ....

Die Produktion von Teo Macero steht sinnbildlich für den Status des Jazz in den mitt80ern, als sich der Neotraditionalismus (aka "Young Lions") bereits totgelaufen hatte, der Free Jazz in der eigenen Nische verblieb und ergo alte Helden wiederbelebt werden konnten/mussten .... Miles Davis (sic !) ....

Ich habe die Jim Jarmusch Filme damals gesehen (mochte "Stranger than Paradise" besonders), habe die Lounge Lizards Scheibe gekauft (diese als "zeitgeistig" wahrgenommen) .... und erinnere mich gerne an diese Zeit in meinem Leben zurück ....
Zuletzt geändert von soulpope am 29 Apr 2026, 09:20, insgesamt 1-mal geändert.
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Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von soulpope »

lotterlotta hat geschrieben: 28 Apr 2026, 18:28 Bild

....je öfter ich mir diese scheibe anhöre, desto mehr wundere ich mich darüber, dass er nicht mehr unter seinem namen herausbringen konnte....
"Soyuz Dance" .... btw die Rhythmusgruppe mit Michel Graillier (p) und Jack Gregg (b) schon guad ....
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von redbeansandrice »

Graillier...

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gypsy tail wind
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »

Wie war nochmal die Connection von Akagi zu Graillier, hast Du dazu nochmal mehr rausgekriegt?
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von redbeansandrice »

gypsy tail wind hat geschrieben: 29 Apr 2026, 13:04 Wie war nochmal die Connection von Akagi zu Graillier, hast Du dazu nochmal mehr rausgekriegt?
Graillier bezog sich auf den Post drüber, nichts mit Akagi
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gypsy tail wind
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »

redbeansandrice hat geschrieben: 29 Apr 2026, 14:11
gypsy tail wind hat geschrieben: 29 Apr 2026, 13:04 Wie war nochmal die Connection von Akagi zu Graillier, hast Du dazu nochmal mehr rausgekriegt?
Graillier bezog sich auf den Post drüber, nichts mit Akagi
Ach, sorry, komplettes Durcheinander, hatte irgendwie den Post hier mit Graillier verknüpft ... pardon!
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hurley
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von hurley »

lotterlotta hat geschrieben: 28 Apr 2026, 18:28 Bild

....je öfter ich mir diese scheibe anhöre, desto mehr wundere ich mich darüber, dass er nicht mehr unter seinem namen herausbringen konnte....
Das hat mich auch immer gewundert, wenn gleich das Album auch erst beim zweiten oder dritten Mal richtig zu begeistern wußte.
It Is The Time Of Great Confusion
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Friedrich
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von Friedrich »

soulpope hat geschrieben: 29 Apr 2026, 09:14
Friedrich hat geschrieben: 28 Apr 2026, 23:13


The Lounge Lizards (1981)

Ich frage mich, was eigentlich stärker im kollektiven Gedächtnis verankert ist – die Musik der Lounge Lizards oder das Image der Lounge Lizards? ....

Produziert hat kein geringerer als Teo Macero, der um die gleiche Zeit auch Miles Davis’ Comeback Album The Man With The Horn aufnahm ....
Für mich wird John Lurie immer eine Kunstfigur bleiben, welche im Jim Jarmusch "low budget movie" aka "Stranger than Paradise" abgebildet ist .... übrigens kein Zufall, dass in "Down by Law" neben Lurie auch Tom Waits zu einer filmischen Kunstfigur wird, in welche er seit 1980 bereits musikalisch mutierte (die Fans seiner Karriere ab dieser Zeit mögen mir verzeihen) ....

Die Produktion von Teo Macero steht sinnbildlich für den Status des Jazz in den mitt80ern, als sich der Neotraditionalismus (aka "Young Lions") bereits totgelaufen hatte, der Free Jazz in der eigenen Nische verblieb und ergo alte Helden wiederbelebt werden konnten/mussten .... Miles Davis (sic !) ....

Ich habe die Jim Jarmusch Filme damals gesehen (mochte "Stranger than Paradise" besonders), habe die Lounge Lizards Scheibe gekauft (diese als "zeitgeistig" wahrgenommen) .... und erinnere mich gerne an diese Zeit in meinem Leben zurück ....
Klar waren die Lounge Lizards eine Inszenierung! Und zwar eine sehr gute Inszenierung – auch was die Musik betrifft. Ich kenne das LL-Debut schon lange, habe es durch meinen Flohmarktfund aber noch mal sehr bewusst gehört. So bescheuert es wirkt, das zu betonen, aber eben nicht nur das Image, sondern auch die Musik der LL haben klasse! Zeitgeistig? Ja, okay! Ist das gut? Ist das schlecht? Sowohl als auch? Weder noch? ;-)

Ich kenne mich nicht gut damit aus, was Ende der 70er / Anfang der 80er im Jazz los war. Sicher gab es auch viele parallele Entwicklungen. Aber der wirklich heiße Scheiß war Jazz damals wohl nicht mehr. Dexter Gordons (*1923) homecoming 1976 schien ein großes Ding gewesen zu sein, spricht aber auch nicht gerade für frischen Wind. Young Lion Wynton Marsalis (*1961) spielte bei Art Blakey (*1919) und veröffentliche 1982 sein Leader-Debut. Miles (*1926) tauchte 80/81 aus der Versenkung auf. John Lurie (*1953) veröffentlichte 1981 (also mit Ende 20) das LL-Debut . Ob Blakey, Gordon, Miles und Marsalis das überhaupt wahrgenommen haben?

Ich habe mal in meiner alten Ausgabe von Behrendts Jazzbuch (2005) gestöbert: Da wird immerhin einiges über die No Wave / Noise Music (sic!) geschrieben und John Lurie einmal erwähnt. Als typisch für die frühen 80er sehen Behrendt bzw. Co-Autor Huesmann ein postmodernes anything goes, in dem Traditionalisten, Eklektizisten und Modernisten aller couleur gleichermaßen ihren Platz finden. John Zorn (*1953) wird übrigens ausführlicher behandelt. Der lief erst Mitte der 80er zu großer Form auf. Beim LL-Debut hörte ich aber auch schon etwas, das JZ zur Kunstform entwickelte, das Collageprinzip, die „Schnitttechnik“, überhaupt die Neigung, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen.
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