

Dass die Grenzen zwischen Dixieland und Swing bei den meisten in den Vierzigern auch in der Dixieland-Revival-Szene aktiven Musikern nicht so klar gesteckt waren, erwähnte ich schon - Trompeter Yank Lawson ist dafür ein weiteres Beispiel. Er spielt die Lead-Parts seiner V-Disc-Session vom Januar 1945 (Tony Janak, NYC) zwar mit einem altmodischen Punch, setzt sie aber quasi als Sahnehäubchen auf eine excellent swingende Band, die vermutlich von ihrem Bassisten arrangiert wurde, Bob Haggart. Mit dabei sind u.a. Billy Butterfield, Jimmy Maxwell (t), Vernon Brown (tb), Hymie Scherztzer (as), Nick Caiazza (ts), Dave Bowman (p), Carl Kress (elg), Haggard (b) und Johnny Blowers (d) - viele von ihnen bei V-Disc Small-Groups gern gesehen. Der "Washboard Blues" von Hoagy Carmichael ist wohl gleich das Highlight zum Einstieg (mit einem Solo von Ray Eckstrand an der Klarinette). "Sugar" ist ähnlich gelungen, während im "Sensation Rag" sich das Gewicht deutlicher zum Dixieland verschiebt - wir kriegen hier auch ein Posaunen- und ein Tenorsaxsolo und ich tippe auf Brown und Caiazza. Brown ist dann im "Davenport Blues" neben Bowman (p) und Eckstrand (cl) wieder zu hören - die Beiträge der drei werden von Soli von Lawson eingerahmt.


Glen Gray and the Casa Loma Orchestra - wie Lawson ein Name, der mir schon öfter begegnet ist, den ich aber aber überhaupt nicht einordnen kann. Glenn Gray Knoblauch hiess er mit vollständigem Namen, lebte von 1900 bis 1963 und spielte Saxophon, wurde dann aber mehr zum Bandleader und spielt hier selbst nicht mehr mit. Das Casa Loma Orchestra wurde zunächst als Kollektiv aufgesetzt, in dem Gray zwar den Bandleader-Poste innehatte, aber erst Mitte der Vierziger wurde diese frühe Swing-Band zu seiner eigenen Band, der Name zu seinem Besitz. Davor hatte die Band praktisch alle anderen beeinflusst, selbst Fletcher Henderson konnte sie nicht ignorieren. Im May 1945 in den World Studios waren u.a. Bobby Hackett (cor), Lou Carter (p) und Jackie Mills (d) dabei, Larry Wagner hat die drei Stücke, von denen "Ja-Da" und "Low Gravy" im Mosaic-Set zum ersten Mal erscheinen, arrangiert. Die "original stalwarts" hatten die Band zu dem Zeitpunkt verlassen. Im "No Name Jive", dem veröffentlichten ersten Stück der Session, kriegen wir neben Hckett auch Fats Daniels (cl), James Kelleher (tb) und Jack Goldie (ts) zu hören. "Ja-Da" ist wieder vor allem Hackett, und in "Low Gravy" kriegen wir Fats Daniels als Sänger zu hören.
Die Wege der Dorsey-Brüder hatten sich 1935 getrennt (ich kenne die Geschichte nicht), sie hatten zehn Jahre nicht zusammen gespielt, als George T. Simon im März 1945 beide mit ihren ganzen Big Bands in die Liederkranz Hall in New York holte: The Combined Bands of Jimmy and Tommy Dorsey. Charlie Shavers, Irving Goodman, Ray Linn (t), Gus Bivona (cl, as), Al Klink (ts), Jess Stacy (p), Bob Bain, Herb Ellis (g), Buddy Rich und Buddy Schutz (d) sind Namen aus dem riesigen Line-Up - wobei Tommy das prominentere Line-Up zu bieten hat. Nach einer sarkastische Einführung, in der die Brüder mit Bill Goodwin quatschen, geht es mit dem "Brotherly Jump" los, einem typischen Sy Oliver-Arrangement, in dem neben Shavers die Drummer zu hören sind. Im zweiten Stück der Session, "More Than You Know" (arrr. Otto Helbig, einer von Jimmys Leuten), sind die Brüder mit ihren singenden Legato-Sounds zu hören - Tommy kriegt das Thema, spielt es zunächst recht verhalten mit weichem Ton und viel Vibrato, gegen Ende wird er etwas druckvoller und klarer. Dann übernimmt Jimmy an der Klarinette für dei Bridge. Und dank der Extrapielzeit der V-Discs reicht es für einen zweiten Chorus, in dem die ganzen Bands zu hören sind, bis Tommy und Jimmy am Ende nochmal den Lead übernehmen - gemeinsam. Leider ist der Sound nicht so gut - Weiner erklärt es so: "Though the session was held at Manhattan's popular Liederkranz Hall, famed for its expansive acoustics, for some reason, the microphones bounced the line signal to CBS, then to NBC and finally to RCA Victor for transribing, resulting in a lower-fidelity recording. But, as Simon said, 'The feeling came through!'"


Die folgende halbe Stunde gehört der Band von Jimmy Dorsey, die im Juli 1944 in Hollywood eine sehr produktive Session für V-Disc machte - nachdem schon zehn kommerziell eingespielte Stücke bei V-Disc erschienen waren. Linn (t), Sy Zentner (tb), Bob Dukoff (ts) und, Teddy Walters (g) sind ein par der bekannteren Namen aus der Band. Toots Camarata hat das kurze Band-Thema "Contrasts" (J. Dorsey) arrangiert. Danach geht es mit "Long John Silver" zur Sache - wir kriegen hier Musik, wie sie Dorseys Label Decca selten zuliess: lange Versionen von mehrheitlich eigenen instrumentalen Stücken,vom Band-Thema abgesehen steht mit Sidekick: Babe Russin, Sonny Burke, Dizzy Gillespie, Ray Krise, Joe Lippman. Sonny Burke hat "All the Things You Ain't" (Dorsey/Russin), die Klassiker "Together" und "Oh What a Beautiful Morning" sowie das mit Dorsey zusammen komponierte "Sunset Strip" arrangiert. Dizzy Gillespie war für "Grand Central Getaway" der Sidekick und Arrangeur, Krise für "Long John Silver", Lipman für "Jumpin' Jehosephat", Andy Gibson hat den Calloway-Klassiker "The Great Lie" arrangiert - und hier kriegen wir eine Solisten-Parade mit Marvin Right (p), Dorsey (cl), vermutlich Linn (t), Dukoff (ts) und wohl wieder Linn (t), dann Walters (g) und Schutz (d). Das Gillespie-Stück ist eindeutig eine Bebop-Nummer - Dorsey, der hier am Altsax zu hören ist und sich nicht sehr verbiegen muss, um sein Spiel einigermassen passend hinzukriegen, hatte vor sowas keine Angst, aber eben: sein Label liess ihn sowas nicht einspielen. Von dem die Trompete mit Dämpfer danach ist, weiss ich nicht. Neben Linn gehören Bob Alexy, Claude Browen, Tony Picciotto und Shorty Solomson zur Trompetensection. Si Zentner dürfte die Plunger-Posaune in "All The Things...." spielen, danach gibt es wieder ein kurzes Trompetensolo (ich tippe generell auf Linn, ohne die anderen zu kennen), bevor der Leader und später auch noch der Pianist zu hören sind. In "Oh, What a Beautiful Morning" kriegen wir im Intro kurz die Flöte von Charlie Frazier zu hören, dem anderen Tenorsaxer der Band. Auch im langen "Sunset Strip" gibt es diverse meist kurze Soli zwischen den vielen Riffs der Band - das ist Tanzmusik und Bandmusik, in der die tighten Arrangements in der Regel wichtiger sind als die Soli - aber das Trompetensolo mit einer Art Stoptime der Band dahinter ist wirklich toll, und eine E-Gitarre kriegt man in so einer Band auch nicht oft, die wenigen Takte von Walters hier sind also auch willkommen. Am Ende der Session wurde mit "My First Love" (arr. unbekannt) dann noch eine Gesangsnummer (Walters, der Gitarrist) eingespielt, die bei AFRS erschien und in der Mosaic-Box nicht zu hören ist (ein weiterer Take von "Together" blieb unveröffentlicht).
Die doch wieder überraschend gute siebte CD der Mosaic-Box endet dann mit einer Rarität: die Band von Tommy Dorsey war in der Zeit enorm populär, wuchs zeitweise mit Streichern auf fast dreissig Mann an - und ist auf fast 80 V-Discs zu hören, die allermeisten von kommerziellen Aufnahmen und Transcriptions geliehen, auch von Film-Soundtracks und einem wöchentlichen Radio-Programm, "The All-Time Hit Parade", das extra dafür eingerichtet wurde, die Band und Gäste für V-Discs zu dokumentieren. Nur zwei Stücke - zusammen immerhin zehn Minuten lang - wurden bei einer exklusiven V-Disc-Session aufgenommen - und bis zur Mosaic-Box nie veröffentlicht. Im November 1945 ging die Band ins RCA Victor Studio in New York und nahm zwei Stücke von Sy Oliver (comp./arr.) auf. "At the Fat Man's" ist ein Feature für Tommy Dorseys langjährigen Sideman Charlie Shavers, an der Trompete wie am Gesang. Das zweite Stück wurde in den Diskographien lange als "Sent for You Yesterday" geführt, es handelt sich aber um "Blues No More", damals schon seit fünf Jahren im Buch der Band. Der Leader stellt die Solisten vor: Boomie Richman (ts), Buddy DeFranco (cl), Johnny Potoker (p) und erneut Shavers (t). Auch zur Band gehörten bei der Session Sam Herman (g) und Alvin Stoller (d). (Wer die gesammelten V-Discs von Dorsey sucht, unabhängig von ihrem Ursprung - Transcriptions, Radio, Film ... - ist mit einem 3-CD-Set von Collector's Choice gut bedient, nehme ich an ... vielleicht wäre das auch tatsächlich eine gute Möglichkeit, mehr von dem Mann zu hören, denn eben: die kommerziellen Aufnahmen aus der Zeit sind oft nicht so berauschend - allerdings taucht auf ihnen auch eine Stimme auf, die bald zu den wichtigsten der Pop-Musik gehören sollte, die von Frank Sinatra.)





























