V-Disc Sessions

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gypsy tail wind
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Beitrag von gypsy tail wind »



Dass die Grenzen zwischen Dixieland und Swing bei den meisten in den Vierzigern auch in der Dixieland-Revival-Szene aktiven Musikern nicht so klar gesteckt waren, erwähnte ich schon - Trompeter Yank Lawson ist dafür ein weiteres Beispiel. Er spielt die Lead-Parts seiner V-Disc-Session vom Januar 1945 (Tony Janak, NYC) zwar mit einem altmodischen Punch, setzt sie aber quasi als Sahnehäubchen auf eine excellent swingende Band, die vermutlich von ihrem Bassisten arrangiert wurde, Bob Haggart. Mit dabei sind u.a. Billy Butterfield, Jimmy Maxwell (t), Vernon Brown (tb), Hymie Scherztzer (as), Nick Caiazza (ts), Dave Bowman (p), Carl Kress (elg), Haggard (b) und Johnny Blowers (d) - viele von ihnen bei V-Disc Small-Groups gern gesehen. Der "Washboard Blues" von Hoagy Carmichael ist wohl gleich das Highlight zum Einstieg (mit einem Solo von Ray Eckstrand an der Klarinette). "Sugar" ist ähnlich gelungen, während im "Sensation Rag" sich das Gewicht deutlicher zum Dixieland verschiebt - wir kriegen hier auch ein Posaunen- und ein Tenorsaxsolo und ich tippe auf Brown und Caiazza. Brown ist dann im "Davenport Blues" neben Bowman (p) und Eckstrand (cl) wieder zu hören - die Beiträge der drei werden von Soli von Lawson eingerahmt.



Glen Gray and the Casa Loma Orchestra - wie Lawson ein Name, der mir schon öfter begegnet ist, den ich aber aber überhaupt nicht einordnen kann. Glenn Gray Knoblauch hiess er mit vollständigem Namen, lebte von 1900 bis 1963 und spielte Saxophon, wurde dann aber mehr zum Bandleader und spielt hier selbst nicht mehr mit. Das Casa Loma Orchestra wurde zunächst als Kollektiv aufgesetzt, in dem Gray zwar den Bandleader-Poste innehatte, aber erst Mitte der Vierziger wurde diese frühe Swing-Band zu seiner eigenen Band, der Name zu seinem Besitz. Davor hatte die Band praktisch alle anderen beeinflusst, selbst Fletcher Henderson konnte sie nicht ignorieren. Im May 1945 in den World Studios waren u.a. Bobby Hackett (cor), Lou Carter (p) und Jackie Mills (d) dabei, Larry Wagner hat die drei Stücke, von denen "Ja-Da" und "Low Gravy" im Mosaic-Set zum ersten Mal erscheinen, arrangiert. Die "original stalwarts" hatten die Band zu dem Zeitpunkt verlassen. Im "No Name Jive", dem veröffentlichten ersten Stück der Session, kriegen wir neben Hckett auch Fats Daniels (cl), James Kelleher (tb) und Jack Goldie (ts) zu hören. "Ja-Da" ist wieder vor allem Hackett, und in "Low Gravy" kriegen wir Fats Daniels als Sänger zu hören.

Die Wege der Dorsey-Brüder hatten sich 1935 getrennt (ich kenne die Geschichte nicht), sie hatten zehn Jahre nicht zusammen gespielt, als George T. Simon im März 1945 beide mit ihren ganzen Big Bands in die Liederkranz Hall in New York holte: The Combined Bands of Jimmy and Tommy Dorsey. Charlie Shavers, Irving Goodman, Ray Linn (t), Gus Bivona (cl, as), Al Klink (ts), Jess Stacy (p), Bob Bain, Herb Ellis (g), Buddy Rich und Buddy Schutz (d) sind Namen aus dem riesigen Line-Up - wobei Tommy das prominentere Line-Up zu bieten hat. Nach einer sarkastische Einführung, in der die Brüder mit Bill Goodwin quatschen, geht es mit dem "Brotherly Jump" los, einem typischen Sy Oliver-Arrangement, in dem neben Shavers die Drummer zu hören sind. Im zweiten Stück der Session, "More Than You Know" (arrr. Otto Helbig, einer von Jimmys Leuten), sind die Brüder mit ihren singenden Legato-Sounds zu hören - Tommy kriegt das Thema, spielt es zunächst recht verhalten mit weichem Ton und viel Vibrato, gegen Ende wird er etwas druckvoller und klarer. Dann übernimmt Jimmy an der Klarinette für dei Bridge. Und dank der Extrapielzeit der V-Discs reicht es für einen zweiten Chorus, in dem die ganzen Bands zu hören sind, bis Tommy und Jimmy am Ende nochmal den Lead übernehmen - gemeinsam. Leider ist der Sound nicht so gut - Weiner erklärt es so: "Though the session was held at Manhattan's popular Liederkranz Hall, famed for its expansive acoustics, for some reason, the microphones bounced the line signal to CBS, then to NBC and finally to RCA Victor for transribing, resulting in a lower-fidelity recording. But, as Simon said, 'The feeling came through!'"



Die folgende halbe Stunde gehört der Band von Jimmy Dorsey, die im Juli 1944 in Hollywood eine sehr produktive Session für V-Disc machte - nachdem schon zehn kommerziell eingespielte Stücke bei V-Disc erschienen waren. Linn (t), Sy Zentner (tb), Bob Dukoff (ts) und, Teddy Walters (g) sind ein par der bekannteren Namen aus der Band. Toots Camarata hat das kurze Band-Thema "Contrasts" (J. Dorsey) arrangiert. Danach geht es mit "Long John Silver" zur Sache - wir kriegen hier Musik, wie sie Dorseys Label Decca selten zuliess: lange Versionen von mehrheitlich eigenen instrumentalen Stücken,vom Band-Thema abgesehen steht mit Sidekick: Babe Russin, Sonny Burke, Dizzy Gillespie, Ray Krise, Joe Lippman. Sonny Burke hat "All the Things You Ain't" (Dorsey/Russin), die Klassiker "Together" und "Oh What a Beautiful Morning" sowie das mit Dorsey zusammen komponierte "Sunset Strip" arrangiert. Dizzy Gillespie war für "Grand Central Getaway" der Sidekick und Arrangeur, Krise für "Long John Silver", Lipman für "Jumpin' Jehosephat", Andy Gibson hat den Calloway-Klassiker "The Great Lie" arrangiert - und hier kriegen wir eine Solisten-Parade mit Marvin Right (p), Dorsey (cl), vermutlich Linn (t), Dukoff (ts) und wohl wieder Linn (t), dann Walters (g) und Schutz (d). Das Gillespie-Stück ist eindeutig eine Bebop-Nummer - Dorsey, der hier am Altsax zu hören ist und sich nicht sehr verbiegen muss, um sein Spiel einigermassen passend hinzukriegen, hatte vor sowas keine Angst, aber eben: sein Label liess ihn sowas nicht einspielen. Von dem die Trompete mit Dämpfer danach ist, weiss ich nicht. Neben Linn gehören Bob Alexy, Claude Browen, Tony Picciotto und Shorty Solomson zur Trompetensection. Si Zentner dürfte die Plunger-Posaune in "All The Things...." spielen, danach gibt es wieder ein kurzes Trompetensolo (ich tippe generell auf Linn, ohne die anderen zu kennen), bevor der Leader und später auch noch der Pianist zu hören sind. In "Oh, What a Beautiful Morning" kriegen wir im Intro kurz die Flöte von Charlie Frazier zu hören, dem anderen Tenorsaxer der Band. Auch im langen "Sunset Strip" gibt es diverse meist kurze Soli zwischen den vielen Riffs der Band - das ist Tanzmusik und Bandmusik, in der die tighten Arrangements in der Regel wichtiger sind als die Soli - aber das Trompetensolo mit einer Art Stoptime der Band dahinter ist wirklich toll, und eine E-Gitarre kriegt man in so einer Band auch nicht oft, die wenigen Takte von Walters hier sind also auch willkommen. Am Ende der Session wurde mit "My First Love" (arr. unbekannt) dann noch eine Gesangsnummer (Walters, der Gitarrist) eingespielt, die bei AFRS erschien und in der Mosaic-Box nicht zu hören ist (ein weiterer Take von "Together" blieb unveröffentlicht).

Die doch wieder überraschend gute siebte CD der Mosaic-Box endet dann mit einer Rarität: die Band von Tommy Dorsey war in der Zeit enorm populär, wuchs zeitweise mit Streichern auf fast dreissig Mann an - und ist auf fast 80 V-Discs zu hören, die allermeisten von kommerziellen Aufnahmen und Transcriptions geliehen, auch von Film-Soundtracks und einem wöchentlichen Radio-Programm, "The All-Time Hit Parade", das extra dafür eingerichtet wurde, die Band und Gäste für V-Discs zu dokumentieren. Nur zwei Stücke - zusammen immerhin zehn Minuten lang - wurden bei einer exklusiven V-Disc-Session aufgenommen - und bis zur Mosaic-Box nie veröffentlicht. Im November 1945 ging die Band ins RCA Victor Studio in New York und nahm zwei Stücke von Sy Oliver (comp./arr.) auf. "At the Fat Man's" ist ein Feature für Tommy Dorseys langjährigen Sideman Charlie Shavers, an der Trompete wie am Gesang. Das zweite Stück wurde in den Diskographien lange als "Sent for You Yesterday" geführt, es handelt sich aber um "Blues No More", damals schon seit fünf Jahren im Buch der Band. Der Leader stellt die Solisten vor: Boomie Richman (ts), Buddy DeFranco (cl), Johnny Potoker (p) und erneut Shavers (t). Auch zur Band gehörten bei der Session Sam Herman (g) und Alvin Stoller (d). (Wer die gesammelten V-Discs von Dorsey sucht, unabhängig von ihrem Ursprung - Transcriptions, Radio, Film ... - ist mit einem 3-CD-Set von Collector's Choice gut bedient, nehme ich an ... vielleicht wäre das auch tatsächlich eine gute Möglichkeit, mehr von dem Mann zu hören, denn eben: die kommerziellen Aufnahmen aus der Zeit sind oft nicht so berauschend - allerdings taucht auf ihnen auch eine Stimme auf, die bald zu den wichtigsten der Pop-Musik gehören sollte, die von Frank Sinatra.)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

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Beitrag von gypsy tail wind »




Die erste 35 Minuten der achten CD gehören dem Army Air Forces Training Command Orchestra, geleitet von Captain Glenn Miller. Millers Band hinterliess eine grosse Menge an Aufnahmen, war ständig im Radio - und vieles davon wurde vom Armed Forces Radio Service (AFRS) und auch vom V-Disc-Programm zweitausgewertet. Dreimal ging er aber auch extra für V-Disc ins Studio. Die erste Session fand Ende Oktober 1943 bei RCA statt, produziert von Palitz, Sholes und Robert Vincent - braucht auch so viele "superviser" bei einer Band mit: 7 t, 8 tb, 1 frh, 3 as, 4 ts, 2 bari, 15 v, 3 vla, 2 vc, p, g, 3 b, 2 d. Die prominenten Namen darin sind u.a. Johnny Carisi (t), John Halliburton, Nat Peck (tb), Peanuts Hucko (cl, ts), Chuck Gentry (bari), Carmen Mastren (g), Trigger Alpert (b) und Ray McKinley (d). Arrangiert haben Jerry Gray, der auch als Geiger dabei ist, McKinley, Perry Burgett und Ralph Wilkinson. Los geht es nach zwei Anläufen, bis die Ansage sitzt, mit "Stardust" (arr. Wilkinson) und das ist dann auch gleich ein Highlight, ein vierminütiges Feature für die ganze Band, ihren exquisiten Sound mit den Streichern, ihre Klangpalette und Nuance - es gibt auch kurze Solo-Passagen von Addison Collins (frh), Vince Carbone (ts) und Bobby Nichols (t). Danach wurden drei Stücke ohne Streicher mit striktem Marsch-Beat eingespielt - "Buckle Down, WInsocki" (ein damals recht junges Stück aus einer Broadway-Show) ist ein Feature für die gradlinige Posaune des Leaders, die im zweiten Chorus ein wenig swingt. "El Capitan" ist eine Sousa-Nummer, die einfach durchgespielt wird - weckt bei mir eher unschöne Erinnerungen an meine eigene Zeit in der Militärmusik. Etwas interessanter ist dann der "St. Louis Blues March (arr. Gray mit Ergänzungen von Purgett und McKinley) - im Rückblick laut Weiner zur wohl berühmtesten Nummer der Band geworden, und der seltene Fall einer V-Disc, die eine zweite Auflage fand (Nr. 65 Army und Nr. 114 Navy zuerst, und dann nochmal als Nur. 522 im Juli 1945). Die Drummer McKinley und Frank Ippolito haben hier zu tun, Nichols (t), Carbone (ts) und Hank Freeman (as) steuern bluesige Soli bei. Das ist schon ziemlich gut. Jedenfalls eine wichtige Nummer für Miller - und die einzige Aufnahme, die es von dem Stück gibt. Tex Beneke nahm 1947 eine - natürlich gekürzte - Fassung des Stückes auf (die V-Disc dauert viereinhalb Minuten), doch das Arrangement wurde erst 1953 richtig populär, mit dem Film "The Glenn Miller Story". RCA bezahlte erst 1955 dafür, die V-Disc kommerziell herauszubringen, im Rahmen des 5-LP-Sets "Glenn Miller Army Air Force Band". Danach tauchte die Aufnahme von 1943 immer wieder auf Reissues und Compilations auf, manchmal auch auf drei Minuten gekürzt, indem die Trompeten- und Tenorsax-Soli gestrichen wurden. "Stormy Weather" (arr. Wilkinson) ist dann die letzte Aufnahme der Session. Wieder gedämpfte Trompete, dazu ein starker Bass (Alpert, zweifellos - die anderen zwei werden die Bassisten der Streicher-Section sein) und dann die Streicher.

Sechs Wochen später, im Dezember 1943 war die Band zurück im RCA Studio, dieses Mal mit George T. Simon und ein paar neuen Leuten, von denen Bernie Privin (t) und Mel Powell (p, arr) erwähnenswert sind. "The Squadron Song" ist eine Soldaten-Nummer, wie die Band viele aufnehmen sollte. Es gibt Tempowechsel und Grüsse an diverse Einheiten, die Streicher haben ihre Spots ebenso wie der Sänger Johnny Desmond (dem man die Übernamen "The G.I. Sinatra" und "The Creamer" verpasste). Von Bill Finegan (comp./arr.) stammt "Tail End Charlie" (das zuerst "Troop Movement" hiess und von Horace Heidts Band schon 1942 gespielt wurde. Das Arrangement hier wurde gekürzt, damit es mit dem "Squadron Song" auf eine Plattenseite passte. Gentry (bari) und Carbone (ts) kriegen die Kurzen Solo-Spots. Die Session schliesst mit eine Medley aus "Goin' Home" (arr. Gray), "Honeysuckle Rose" (arr. Powell) und "My Blue Heaven" - Dvorák (mit tollem Band-Sound), Waller/Razaf und Donaldson/Whiting in einem, komprimiert in nicht ganz fünf Minuten. Schade ist Powells Piano-Solo im Waller-Segment nicht länger!



Die Dritte Session folgte im Januar 1944 mit demselben Line-Up und Simon. Dieses Mal wurden nur zwei Stücke veröffentlicht, beide von Johnny Mercer komponiert. Im "G.I. Jive" (arr. Gray) ist McKinley als Sänger zu hören, zusammen mit Ensemble Vocals von den Crew Chiefs, fünf Sängern - Mercer hatte das Stück als erstes für sein Label Capitol produziert, als dieses im Oktober 1943 wieder aufnehmen konnte. "Moon Dreams" (mit Musik von Chummy McGregor, einem alten Freund Millers, und Lyrics von Mercer) war schon 1942 von Capitol mit der Sängerin Martha Tilton eingespielt worden. Aber das neu gegründete Label hatte kaum Zeit - und Ressourcen - vor Inkrafttreten des ersten Recording Ban viel herauszubringen und so erschien "Moon Dreams" erst im Spätsommer 1943. Die Version von Miller ist laut Weiner deutlich besser, vor allem wegen der Band, die den quasi symphonischen, fünf Minuten langen Chart mit Gusto spielt. Johnny Desmond und die Crew Chiefs kümmern sich um den Gesang, doch einmal mehr geht es hier ganz um die Band und die Texturen und Klangfarben, über die sie verfügt. Da und dort dringt mal kurz eine Stimme nach vorn - aber immer nur für einen Moment, eben wie in symphonischer Musik. Wie es dazu kam, dass Miles Davis das Stück aufgriff, ist wohl nicht genauer bekannt (ich geh jetzt nicht nachgucken, ob dazu irgendwo etwas steht), aber der Hornist von Miller, Addison "Junior" Collins war jedenfalls auch bei den Live-Auftritten und den Capitol-Sessions von Miles dabei (es gibt zwei Live-Versionen und eine aus dem Studio von "Moon Dreams"). Vielleicht war er es ja, der das Stück mitbrachte oder vorgeschlagen hatte?

Das ist nicht meine Musik - aber die besten Stücke sind schon ziemlich toll: die Balladen mit Streichern und auch der Marsch-Romp über W.C. Handys "St. Louis Blues".
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Die Curtis Bay Coast Guard Training Station Dance Band ist als nächstes an der Reihe, geleitet vom Posaunisten Bill Schallen, der davor mit den Bands von Van Alexander und Alvino Rey spielte. Dabei sind u.a. Irving Goodman (t), Kai Winding (tb, arr), Jerry Sanfino (as), Paul Smith (p), Johnny Grifo (b), Charlie Perry (d) - und Danny Hurd, den wir schon mit Hal McIntyre hörten (und der auch mit Jimmy Dorsey spielte) ist als Arrangeur zusammen mit Ken(yon) Hopkins vertreten. Winding hat "Annie Laurie" arrangiert und kriegt da auch das Posaunensolo. Von Hurt stammen die Charts für "Mary Lou" und "Shine" - Die drei Stücke sind alle kurz gehalten und erschienen mit einem an erster Stelle zu hörenden, im Mosaic-Set fehlenden Gesangs-Feature für Schallen gemeinsam auf einer ganz dieser Band gewidmeten V-Disc. "Shine" bietet ein paar exzellente Soli und Hopkins' Chart ist super - aber eben: alles sehr schnell vorbei. Hurds eigenes "Available Jones" ist dann etwas länger, Sanfino und Winding kriegen etwas mehr Raum in dreieinhalb Minuten. Es erschien auf einer anderen V-Disc - als B-Seite einer Platte, auf deren A-Seite Freddy Martin & His Orchestra eine kondensierte Fassung von Tschaikowskis Klavierkonzert in B-Dur präsentieren ... die Bandbreite der V-Discs ist wirklich gross. Unbedingt erwähnenswert ist hier auch, wie gut die Rhythmusgruppe ist. Wade Grove an der Gitarre gehört noch dazu, aber v.a. geht es um Frigo und Perry - das macht nach Millers Band einen echten Unterschied. Die Aufnahme ist im März 1944 entstanden.



Next up: die U.S. Maritime Service Training Station Band under direction of Warrant Officer Si Waronker, USMC, aufgenommen im August 1945 in Hollywood. Die Band war auf Catalina Island in Kalifornien stationiert und wurde zunächst vom Comedian und Bandleader Phil Harris geleitet, reiste oft nach Los Angeles, um aufzutreten und bei Spendensammlungen mitzuwirken. Im Sommer 1945 war Harris aus dem Dienst ausgetreten und Si Warronker hatte die Leitung übernommen. Posaunist Pee Wee Hunt sagt den Gruss an die Soldaten und singt im ersten Stück "The Devil Is Afraid of Music" auch gleich - das Stückt stammte aus dem Buch von Hunts ehemaliger Band, dem Casa Loma Orchestra. Gesichert sind neben ihm nur Bill Heathcock (tb), Mahlon Clark (c) und Wilbur Schwartz (as), mit der Band spielte aber z.B. auch Ted Nash. "I've Got My Love to Keep Me Warm" ist ein tightes Tanz-Arrangement (von Heathcock). "The Sphinx" von Mahlon Clark ist eine Art "Sing, Sing, Sing"-Kopie und wir kriegen die Klarinette des Komponisten und laut Weiner die Drums von Glen Waller zu hören (die anderen möglichen Drummer der Band sind Ray Hagan und Charley Price).

Auf der B-Seite derselben Platte ist die im Frühling 1945 aufgenommene Army Service Forces Dance Band directed by Sgt. Johnny Messner mit zwei Stücken zu hören, von denen Mosaic den "Cradle Song" von Brahms weggelassen hat, aber eine stompende Version von "I Know What You Know" präsentiert, nicht ganz zwei Minuten aber kraftvoll u.a. wieder dank einer guten Rhythmusgruppe (Moe Wechsler-p, Jackie Paris-g, Frank Ray-b, Bunny Shawker-d). Wechsler und Ernie Perry (ts) sind mit kurzen Soli zu hören, der Pianist ziemlich toll. Auch zu dieser in Rockland COuntry, nördlich von New York City stationierten Band gehörte Eddie Bert (tb).



Die nächste Platte beginnt mit einer Ansage von General Joseph Byron (Director of Special Services Division, ASF), der die Band vorstellt, die einen Wettbewerb gewonnen habe. Es ist das 344th Army Service Forces Orchestra, geleitet von Carmen Dello - und George T. Simon wurde nach Illinois geschickt, um die in Fort Sheridan stationierte Bandaufzunehmen. Bekannt sind nur zwei der Holzbläser, Don Bonnee und Ray Toland, sowie der Arrangeur Wally Fobart. Die Musiker sind sehr okay, in "The Lonesome Road" und "Swingtime in the Rockies", dessen Arrangement auf dem von Benny Goodman/Jimmy Mundy beruht.

Die folgende Session von 1944 stammt von einer Band namens Majors & The Minors und bleibt rätselhaft. Ort, Datum, Produzent und auch Line-Up sind unbekannt, es handelt sich aber um eine kleine Big Band (2-3 T, 2 tb, cl/as, as, ts, bari, p, b, d) und es gibt im Mosaic-Set als Premiere die zwei Stücke "Whispering" und "Sometimes I'm Happy" zu hören, zwei Evergreens aus den Zwanzigern, kurz genug, als dass sie zusammen auf eine Seite gepasst hätten.

Zwei lange Stücke der Band von Randy Brooks beenden CD acht. Aufgenommen Ende Juni 1945 mit Simon in New York. Trompeter Brooks war bei Hal Kemp, Claude Thornhill und besonders bei Les Brown bekannt geworden mit seiner an Harry James geschulten, kraftvollen Trompete. Er heiratete die Bandleaderin Ina Ray Hutton, was ihm zu zusätzlicher Popularität verhalf, und gründete bald seine eigene Band. John Benson Brooks (ha, das ist mal eine Überraschung! die zwei sind nicht verwandt) schrieb das Arrangement von Randy Brooks' Original "To Beat or Not to Beat". Neben der Trompete des Leaders kriegen wir ein paar Takte von Willie Baker am Tenorsax zu hören. Im zweiten Stück, "Stompin' at the Savoy" in einem überraschend gemütlichen Tempo, kriegen wir einen guten Chart (arr. unbekannt) und dieselben beiden Solisten. Wirklich bekannte Namen gibt es nicht hier, aber ein paar, die einem hier und da begegnen, wie Bitsy Mullens, den Trompeter, den wir hier mit Buddy Rich schon gehört haben, oder Eddie Caine am Altsax, der später bei diversen Studio-Sessions, nicht zuletzt mit Miles Davis und Gil Evans, dabei war. Die Rhythmusgruppe ist auch wieder gut: Shorty Allen (p), John Crenzani (b) und Sonny Mann (Joseph Mancari) (d).

Das sind nun alles keine Aufnahmen, die ich kaufen würde, wenn sie vor mir lägen - aber sie sind unterm Strich fast alle von ziemlich hoher Qualität.
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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



CD 9 des Big Band-Sets von Mosaic gehört ganz dem Tenorsaxophonisten Sam Donahue. Wie bei Miller laufen die ersten beiden Sessions (11. und 12. Juni 1945, George T. Simon) unter militärischen Namen: "Mus 1/C Sam Donahue and the Navy Dance Band" und ein paar Varianten (inkl. eine mit "Former" davor, weil er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die Navy verlassen hatte - ich nehme an ein "Musician First Class" war ein einfacher Soldat? Ich war jedenfalls zu meiner Zeit auch "Trompeter" und nicht "Soldat"). Donahue hatte bei Sonny Burke, Gene Krupa und Harry James gespielt, bevor er eine eigene Band leitete. Als er 1942 eingezogen wurde, wählte man ihn für die Artie Shaw Navy Rangers Band, die im South Pacific tourte. Shaw wurde Anfang 1944 aus der Navy entlassen und Donahue übernahm die Band - und gestaltete sie vollkommen um, tauschte einige Musiker aus und brachte neue Charts. Die Band tourte ein Jahr erfolgreich durch Europa und den Mittelmeerraum. Im September 1944 bei einer "battle of bands" in London gaben die meisten Anwesenden Donahue ihre Stimme - nicht dem Konkurrenten Glenn Miller. Und ich verstehe nach wenigen Takten, weshalb.

Im Line-Up lesen wir ein paar (halb-)bekannte Namen, v.a. im Trompetenregister (Conrad Gozzo, Frank Beach), am Bass ist Barney Spieler dabei, dessen clame to fame unter Fans von Modern Jazz der Gig in Paris 1949 mit Miles Davis und Tadd Dameron ist. Es gibt auch hier eine gute Rhythmusgruppe (Rocky Coluccio-p, Al Horisch-g, Spieler und Buzz Sithens-d), wie schon der öffnende "'C' Jam Blues" von Ellington verdeutlicht, von Donahue selbst arrangiert und mit einem Solo von ihm (nehme ich an) zum Einstieg und danach auch ein paar hübschen, verschatteten Takten eines Altsaxophons (Ralph La Polla, der auch Klarinette spielte, oder Bill Nichol). In "Dinah" (arr. David Rose - nicht gleich Songwriter David Rose) gibt es den Leader dann trotz des mittelschnellen Tempos im Balladenmodus. Er hat einen echt schönen Ton, sowas wie Lester Young, aber in Samt gekleidet. Eine Posaune spielt ein paar Takte dazwischen, danach folgt eine Trompete. Die Solisten bei der Session sind laut Weiner: Johnny Best und Don Jacoby (t - womit das ganze Register genannt ist), Tak Takvorian (tb - die anderen im Register sind Tasso Harris, Dick LeFave und Gene Leetch an der Bassposaune), La Polla (cl - einen Altsax-Solisten nennt Weiner nicht, gibt es sonst auch nicht wieder, glaub ich ... im Register sind sonst noch Joe Aglora und Mack Pierce am Tenor- und Charlie Wade am Barisax) und Coluccio (p), der auch als Rocky Cole bekannt war und mit Tommy Dorsey oder Benny Goodman aufgenommen hat - und Jahre als Begleiter von Patti Page wirkte. Auch erwähnenswert ist - nicht zum ersten Mal - wie hervorragend die Session klingt. In "My Melancholy Baby" ist jeder Ton der Rhythmusgitarre und der ganze Reichtum der Bläsersätze zu hören, das tolle Arrangement stammt von keinem geringeren als Benny Carter. Der erste Tag schliesst mit dem "Bugle Call Rag" (arr. Donahue). Von drei der vier Stücke - allen ausser dem Carter-Chart - gibt es alternate Takes, die später auf einer Hep-Compilation erstmals erschienen sind.



Die zweite Session bringt es auf beachtliche neun Titel. Los geht es mit dem "Moten Swing", gefolgt von "Just You, Just Me" und dem Donahue-Original "LST Party" (alle arr. Donahue). "LST" steht für "Landing Ship Tank" - das sind die Transportbarken, mit denen z.B. beim D-Day Truppen und militärisches Material ans Ufer gekarrt wurden, der Titel ist also gelinde gesagt ironisch zu verstehen. Man hört der Band aber schon im "Moten Swing" an, wie gut sie eingespielt ist - nach einem Jahr auf Tour, mit vermutlich täglichen Auftritten (wenn nicht sogar mehreren pro Tag). Was neben dem tollen Sound hier auch eine Wohltat ist: Es gibt kaum Gesang. Das ist einfach eine tolle Swing-Band, die ihr Ding macht. "LST Party" ist ein Highlight (Coluccio ist gut hier, der Leader auch, die Extra-Zeit hilft auch). "Deep Night" hat Rose arrangiert, den Romp über "I've Found a New Baby" wieder Donahue selbst, den Barbour/Lee-Song "You Was Right Baby" dann Don Jacoby, der Trompeter, der hier zum einzigen Mal - durchaus gekonnt und vor allem laid back - auch als Sänger agiert, eingebettet von Beiträgen des Leaders (der fast wie ein Altsax klingt) und wieder mit hervorragender Rhythmusgruppe. "Convoy" (comp./arr. Donahue) ist das nächste Highlight - im Rahmen der Navy bezieht sich das auf aus Sicherheitsgründen eng zusammenfahrende Schiffe. Die Session endet mit "Cocktails for Two" (arr. Donahue) und Arrangement von Benny Carter, "Paradise", mit typisch üppigen Passagen vom Sax-Register. Von dieser Session gibt es einen alternate Take von einen von "Moden Swing" und zwei von "Convoy".



Ende Juli 1948 ging Donahue noch einmal für V-Disc ins Studio, mit seiner Nachkriegsband. Nur ein kurzes Stück ist davon erhalten geblieben, "Sax O' Boogie" von Donahue selbst, angekündigt von Donahue und seiner Band-Sängerin Shirley Lloyd - ein schneller Romp mit Band-Vocals, einem Sax-Solo, das an Leute wie Illinois Jacquet erinnert und am Ende Highnote-Trompete von Doc Severinsen. Zum restlichen Material der Session gehörte ihr Feature über "Mean to Me" und vier weitere Stücke, darunter auch "Robbins' Nest" (was zum Eindruck passt, den Donahue hier hinterlässt: das Stück stammt ja aus dem Repertoire der Jacquet-Band). Schade, dass das alles verschollen oder verloren ist.

Auch diese CD eine überaus gelungene Überraschung für mich - der ich Donahue bisher gar nicht kannte. Ich sehe, dass es z.B. bei Hep weitere Veröffentlichungen gibt mit Aufnahmen von davor sowie auch direkt nach dem Navy-Band-Intermezzo, muss ich mal genauer nachgucken. Das Bandfoto unten stammt aus dem Booklet der Hep CD 5, "Sam Donahue Directing the Band of the U.S, Navy Liberation Forces – LST Party, 1945, Vol. 2".

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Re: V-Disc Sessions

Beitrag von gypsy tail wind »



Die zehnte und letzte CD der Mosaic Big Band Box öffnet mit keinem geringeren als Jimmie Lunceford, dessen Band im Oktober 1945 unter George T. Simon eine einzige exklusive V-Disc-Session einspielte. Vier kurze Stücke, je zwei auf einer Seite von zwei Platten. Joe Thomas ist zur Stelle für das wuchtige Solo im Opener "For Dancers Only" (natürlich in Sy Olivers klassischem Arrangement), gefolgt von Trompeter Bob Mitchell. In "What to Do" (ebenfalls arr. Oliver) ist dann Pianist Eddie Wilcox der wichtigste Solist. Kirt Bradford, der Altsax-Solist (Nachfolger von Willie Smith) kriegt auf dem Label eine Nennung für sein Feature in "The Jimmies" (arr. Wilcox), das mit einem hübschen Piano-Intro öffnet und dann zeigt, dass auch diese späte Lunceford-Rhythmusgruppe einen solchen langsamen Swing gekonnt hinkriegte (neben dem Urgestein Wilcox sind das die Neulinge John Mitchell-g, Truck Parham-b und Joe Marshall-d). Die letzten Nummer ist "I Need a Lift" (comp./arr. Wilcox) mit einem Band-Vocal. Von beiden Wilcox-Arrangements gab's 1946 auch kommerzielle Versionen für Majestic - und von "For Dancers Only" erschien später noch ein alternate Take auf der schon mehrfach erwähnten IAJRC-Platte und damit natürlich auch auf dem Mosaic-Set. Bedauerlich ist nur, dass die Band nie aus dem Korsett der 2-3 Minuten kurzen Stücke ausbricht und von der Extraspielzeit der V-Discs gar keinen Gebrauch macht.



Die folgende Band geht noch weiter zurück - Don Redman war ein essentieller Faktor des Erfolgs von Flechter Henderson. Er spielte auch bei den McKinney's Cotton Pickers und war ab 1931 bis in die Vierziger erfolgreich mit eigener Band unterwegs. Im November 1943 nahm Redman eine Session für V-Disc auf. Paul Cohen und Dick Vance (t), Henderson Chambers und Sandy Williams (tb), Rudy Powell (as), Foots Thomas und Eddie Williams (ts) sind die zahlreichen bekannten Namen in der Band (dazu noch Roger Jones-t und Ear Hardy-tb und natürlich Redman-cl/as/arr). Die heftig swingende Rhythmusgruppe besteht aus Sammy Benskin (p), Jimmy Butts (b) und Wilbert Kirk (d), als Bandsängerin ist Dolores Brown dabei (ehemals mit Erskine Hawkins' Band), doch im Opener "Pistol Packin' Mama" singt Redman selbst, mit Unterstützung der Band. Vermutlich (meint Weiner) Rudy Powell (cl) und danach (sicher) Cohen sind die Instrumental-Solisten. "Redman Blues" nutzt die Extra-Zeit des 12"-Formats mit fast fünf Minuten Dauer. Cohen und Walter "Foots" Thomas sind die Solisten, doch ebenso wichtig ist die Band als ganze, wie immer arrangiert vom Leader, mit viel Variantenreichtum in den Riffs und zahlreichen Ideen. Und einmal mehr toll aufgenommen! Für "Great Day in the Morning" ist dann Dolores Brown zur Stelle - inklusive kurzen Grusses an die Soldaten und dann im Stück einem Altsax-Solo des Leaders. Das letzte Stück der Session ist "Sneaky Pete", wieder mit Gesang vom Leader und der ganzen Band. Warum dieses Stück erst 1948 (auf der V-Disc 804) erschien, weiss der Geier, denn es ist vielleicht wirklich die "hottest number of the date", wie Weiner meint.



Bis zum Ende gibt es Namen, die für mich neu sind: Charlie Spivak spielte in den Dreissigern mit einigen der besten Bands und lancierte dann mit Unterstützung von Glenn Miller seine eigene Band, die nie so populär wurde, wie sie es verdient gehabt hätte (so Weiner und so ich, nach dem ersten Eindruck). Die Balladentrompete des Leaders war die Hauptattraktion der Band und davon kriegen wir im kurzen Band-Thema "Star Song", das einer kurzen Ansage vorangeht, einen Eindruck. In den beiden vollständigen Stücken (je 3 Minuten) "The General Jumped at Dawn" (comp./arr. Jimmy Mundy, ursprünglich 1942 für Paul Whiteman geschrieben - das ziemlich gute Tenorsax-Solo stammt laut Weiner von Fran Ludwig) und "Arkansas" zeigt die Band, dass sie in Sachen Swing mit den besten mithalten konnte. Neal Hefti (t), Herbie Harper und Nelson Riddle (tb) sowie Alvin Stoller (d) sind die bekannten Namen in der Band. Irene Day singt in "Arkansas" sehr okay den sentimentalen Text - sie war davor bei Krupa und sollte Spivak später heiraten. Zwischen den zwei Swingern gibt es noch ein ganz kurzes "I'll Get By" (1:15) mit dem Posaunenregister als Star und etwas Piano von Lionel Prouting. Auch hier: schade, dass die Band den Extra-Raum des 12"-Formates nichts nutzen durfte. Ein Sweet-Vocal von Daye fehlt bei Mosaic ("Suddenly It's Spring") und das in den Diskographien dieser Session von Mitte Januar 1944 zugeschriebene "Besame Mucho" stammt "from a live remote", also wohl von einer Radio-Aufnahme, und fehlt entsprechend auch.



Noch ein Trompeter, der mir nicht sagt, folgt: Lee Castle mit seiner grossteils unbekannten Band, die Ende Juni 1944 eine Session für V-Disc machte, bei der zwei lange Stücke entstanden "I Get the Blues When It Rains" und "Uptown Express". Andy Russo (tb), Manny Albam (bari) und Jack Pleis (arr) sind vermutete Mitwirkende, gesichert sind wohl nur Charlie Queener (p) und Ernie Austin (d). Castle hatte u.a. mit Tommy Dorsey, Will Bradley, Artie Shaw oder Bunny Berigan gespielt, verliess 1943 die Band von Benny Goodman, um eine eigene zu gründen. Das erste Stück beginnt langsam und mit charaktervollem Spiel des Leaders, wechselt dann in ein schnelleres Jump-Tempo (mit Soli von einem Tenorsaxophonisten und Queener). "Uptown Express" von Castle und einem Flenniken (Vorname unbekannt) ist ein attraktives Stück in Moll, in dem die Trompete des Leaders in einer Art "Sing, Sing, Sing"-Passage mit den Drums zu hören ist.



Der Sänger und Saxophonist Tony Pastor wurde als Mitglied von Artie Shaws Band bekannt, zu hören auf Hits wie "Indian Love Call" oder "Rosalie". Ende 1939 zog Shaw sich zurück und Pastor erbte dessen Gig bei Bluebird, ging aber in eine kommerziellere Richtung. Auch seine V-Discs fallen teils eher in die Novelty-Kategorie und Mosaic hat je ein Stück von zwei Sessions ausgewählt. Von Anfang November 1943 kommt "'Deed I Do", eine seitenfüllende Aufnahme mit Gesang von Pastor, dessen Band wiederum weitgehend unbekannt bleibt. Nach dem Gesangschorus in "'Deed I Do" kriegen wir Paston auch am Tenorsax und danach Les Burness am Klavier. Stubby Paster und Charles Trotta (t), Al Avola (g) und Johnny Morris (d) sind die weiteren gesicherten Namen, Eddie Rosa und Stu Anderson vielleicht am as bzw. ts dabei. "Together" wurde vermutlich im Frühling 1944 aufgenommen, das Line-Up ist von den bekannten/vermuteten Namen her dasselbe, nur dass Rick Richardson am zweiten Tenorsax zu den gesicherten dazu kommt. Wir hören auch hier Pastor (ts), ein ziemlich tolles Klaviersolo von Burness und am Ende noch eine Trompete. Auch diese Band konnte swingen, wenn sie denn durfte.



Den Abschluss der Box macht eine Session von Bill Heathcock - als Posaunist in der Band von Sam Waronker schon anderswo im Mosaic-Set dabei, hier aber nur Arrangeur und Bandleader einer (vermutlich Pick-Up-)Big Band mit teils denselben Leuten wie bei Waronker: Mahlon Clark (cl/as), Wilbur Schwartz (as), Bob Dukoff (ts), Chuck Gentry (bari) und Artie Shapiro (b) sind die bekannteren Namen, Anita Boyer als Sängerin dabei. Heathcock hatte vor dem Krieg u.a. mit Charlie Barnett und Eddie Duchin gespielt. Die V-Disc-Session in Hollywood produzierte Tony Janak und sie war anscheinend das Ergebnis einer Diskussion um die Verdienste der Ost- vs. Westküsten-Bands. Die meisten Leute hier sind allerdings Ostküstler, die nach Kalifornien gezogen waren - und teils in der Army-Band auf Catalina Island gespielt hatten, die Waronker leitete. "Late at Night" (comp./arr. Heathcock) präsentiert Soli von Clark (cl), Dukoff (ts) und Ray Heath (tb) - im "Sing, Sing, Sing"-Stil, also im Duo mit den Drums bzw. Tom-Toms von Nat Musicant. Es gibt neben dem ausgeblendeten Master im Mosaic-Set erstmals ganze drei Alternate Takes davon zu hören. "P.S. I Love You" (arr. Heathcock) ist das erste Boyer-Feature im mittelschnellen Tempo - und sie ist wie üblich hervorragend. Boyer hatte mit Artie Shaw, Jerry Wald und Jimmy Dorsey gesungen - bei letzterem traf sie Dukoff, den sie 1943 heiratete - und der in Saxophon-Kreisen einen Namen hat als Konstrukteur der Mundstücke, die viele für die schlimmsten überhaupt halten. "You're Not the Kind" (arr. Heathcock) ist das nächste Instrumental mit zahlreichen kurzen Soli (as, cl, t, p, ts, tb und nochmal kurz as) und einem echt guten Beat. Für den Closer, die Ballade "My Silent Love" (komponiert von einer Frau, Dana Suesse), das längste Stück der Session, ist Boyer zurück und Jimmy Dorseys Hausarrangeur Otto Helbig sorgt für einen passenden Background. Eine Posaune mit Dämpfer spielt das Thema (Heath? Die anderen sind Vic Hamann, Al Sherman und Chuck Preble), die Rhythmsgitarre (Tiny Timbrough) ist dank der einmal mehr hervorragenden Aufnahme sehr präsent. Boyer steigt in der Mitte der vier Minuten ein und ist auch hier überzeugend.

Die zehnte CD und damit die Box enden dann mit dem Alternate Take von "For Dancers Only" und einem Breakdown sowie drei alternate Takes von Heathcocks "Late at Night".

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Ein populärer Name fehlt - der wichtigste von allen Duke Ellington. Es gab zwar zahlreiche V-Discs von Ellington (eine spätere Compilation benötigte drei CDs, um sie alle zu bündeln) - aber keine einzige davon war exklusiv. Entweder wurden kommerzielle (RCA-)Aufnahmen zweitverwertete oder Mitschnitte aus irgendwelchen Radio-Shows (inkl. der Treasury Shows) wurden dem V-Disc-Programm zur Verfügung gestellt. Ob Ellington die Meinung seiner Musiker Lawrence Brown und Harry Carney teilte? Das hätte er bestimmt nie laut ausgesprochen, wenn dem so wäre.

Ich habe noch die alte Columbia Doppel-CD mit allen V-Discs von Frank Sinatra für Columbia (es gab wohl noch weitere, die aber aus anderen Küchen kamen? jedenfalls gibt's aus Spanien ein erheblich umfangreicheres 3-CD-Set) herausgelegt und mache vielleicht damit und mit verstreutem anderen noch etwas weiter.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00