
The Complete On The Corner Sessions (Aufnahmen 1972-75, Zusammenstellung 2007)
Diese 6 CD-Box ist eigentlich ein Etikettenschwindel, denn sie enthält zwar tatsächlich alle Sessions, aus denen Teo Macero das Album On The Corner zusammengebastelt hat. Die füllen aber nicht einmal eine CD und das hier natürlich ebenfalls enthaltene endgültige Album füllt auch keine ganze CD. Auf den 4 übrigen CDs sind jedoch sämtliche Studioaufnahmen, die Miles von 1972 bis zu seinem Rückzug 1975 gemacht hat, darunter mit Ausnahme von einem Stück (Honky Tonk) das komplette Doppel-Album Get Up With It, eins der besten Stücke von Big Fun (Ife) und diverses anderes, als Single (!) oder bis dahin noch gar nicht veröffentlichtes. Das ist ein stilistischer Gemischtwarenladen, vom harten abstrakten Funk von OTC über die ausgedehnte atmosphärische Meditation des Requiems für Duke Ellington He Love Him Madly (30 Minuten!), den Red China Blues (mit Mundharmonika!) und den brutalen Angriff auf Trommelfell und Nerven von Rated X mit (Miles Davis an einer schrillen Orgel!) bis zum fast-Popsong (!) Minnie.
Hier hört man Miles’ Experimentierfreude während dieser Phase. Das wenigste folgt einer konventionellen Form, beständig ist oft nur der beat, eine einfache bass line, darüber ist das meiste im Fluss, ein elektrisches Gezumsel, Vorder- und Hintergrund verschwimmen, Formen lösen sich auf und verschmelzen zu etwas neuem. Aufbruch in unerforschtes Territorium - nein: Erfindung von neuem Territorium. Perkussionist Mtume wird im booklet zitiert mit „… we bypassed fusion and went straight into improvisational funk.“ Es ist spannend, diese Entwicklung zu hören. Miles war offenbar ständig auf der Suche und änderte auch ständig die Besetzung seiner Bands - „I got everybody in the band except the devil on tambourine“ (M.D.), - mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Einiges davon klingt unfertig und ist darum sicher auch erst mal im Archiv verschwunden. Teo Macero hat aus diesem Material auch nur noch Alben montieren können, die in ihrer Uneinheitlichkeit manchmal Compilations ähnelten.
Höhepunkte sind für mich (neben dem OTC-Album selbst) das 20-minütige Ife, He Loved Him Madly, und das schöne melodische Maiysha mit einem latin touch, das aber in der Mitte plötzlich kippt und zu einem dissonanten Biest wird. Kollege @vorgarten schrieb nach Hören dieser Box im alten Forum (glaube ich) „vergesst bitches brew!“ Ich bin ja sowieso ein BB-Skeptiker, aber kann nur mutmaßen, wie vorgarten zu dieser Einschätzung kommt. Doch z.B. Ife klingt für mich wie eine gereifte Version von BB, klarer, transparenter und konsequenter groovend und dadurch zwingender. He Loved Him Madly im Gegensatz dazu frei fließend und besinnlich, Maiysha verschiebt das in eine heitere und beschwingte Richtung, aber das scheinen alles nur verschiedene Facetten der selben Sache zu sein.
Die Box ist sehr aufwändig und schön gemacht. Metallschuber, Booklet mit vielen Fotos und Texten von u.a. Mtume und Paul Buckmaster, der erzählt, dass Miles in seinem Lamborghini Miura Karlheinz Stockhausen gehört hat. Wow! Da die Hüllen der CDs mit dem Booklet in einem gemeinsamen Metallrücken gebunden sind, ist das leider etwas unhandlich. Und die Diskografie ist mit umständlichen Verweisen eine Herausforderung an die Geduld. Aber das ist kleinliches Genörgel.
Die Box ist vergriffen und nur noch teuer zu bekommen. Man aber auch gut beraten, wenn man sich stattdessen die Alben On The Corner, Get Up With It und Big Fun zulegt, die hier ja teils enthalten sind. Da kriegt man dann außerdem auch noch was oben drauf, was sich sehr schön in dieses musikalische Spektrum einreiht. Vielleicht ist die Zeit nach OTC bis 1975 eine etwas unterschätzte Phase in Miles’ Oeuvre, die zwar höchst kreativ war, aber auch darunter litt, dass sich diese Aufnahmen kaum noch unter einen Hut bringen und in Albumform veröffentlichen ließen. Nicht nur musikalische Formen, auch das Albumformat hat Miles damals gesprengt.