Miles Davis

Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 92
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 19 times
Been thanked: 32 times

Miles Davis

Beitrag von Friedrich »

Wenn der Terminplan noch aktuell ist, startet im Mai die Monsterumfrage zu den besten Tracks von Miles Davis. Höchste Zeit also, einen Miles Davis-Thread zu erstellen. Wo anfangen? Am besten mit der Monsterbox The Complete On The Corner Sessions! ;-)

Bild

The Complete On The Corner Sessions (Aufnahmen 1972-75, Zusammenstellung 2007)

Diese 6 CD-Box ist eigentlich ein Etikettenschwindel, denn sie enthält zwar tatsächlich alle Sessions, aus denen Teo Macero das Album On The Corner zusammengebastelt hat. Die füllen aber nicht einmal eine CD und das hier natürlich ebenfalls enthaltene endgültige Album füllt auch keine ganze CD. Auf den 4 übrigen CDs sind jedoch sämtliche Studioaufnahmen, die Miles von 1972 bis zu seinem Rückzug 1975 gemacht hat, darunter mit Ausnahme von einem Stück (Honky Tonk) das komplette Doppel-Album Get Up With It, eins der besten Stücke von Big Fun (Ife) und diverses anderes, als Single (!) oder bis dahin noch gar nicht veröffentlichtes. Das ist ein stilistischer Gemischtwarenladen, vom harten abstrakten Funk von OTC über die ausgedehnte atmosphärische Meditation des Requiems für Duke Ellington He Love Him Madly (30 Minuten!), den Red China Blues (mit Mundharmonika!) und den brutalen Angriff auf Trommelfell und Nerven von Rated X mit (Miles Davis an einer schrillen Orgel!) bis zum fast-Popsong (!) Minnie.

Hier hört man Miles’ Experimentierfreude während dieser Phase. Das wenigste folgt einer konventionellen Form, beständig ist oft nur der beat, eine einfache bass line, darüber ist das meiste im Fluss, ein elektrisches Gezumsel, Vorder- und Hintergrund verschwimmen, Formen lösen sich auf und verschmelzen zu etwas neuem. Aufbruch in unerforschtes Territorium - nein: Erfindung von neuem Territorium. Perkussionist Mtume wird im booklet zitiert mit „… we bypassed fusion and went straight into improvisational funk.“ Es ist spannend, diese Entwicklung zu hören. Miles war offenbar ständig auf der Suche und änderte auch ständig die Besetzung seiner Bands - „I got everybody in the band except the devil on tambourine“ (M.D.), - mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Einiges davon klingt unfertig und ist darum sicher auch erst mal im Archiv verschwunden. Teo Macero hat aus diesem Material auch nur noch Alben montieren können, die in ihrer Uneinheitlichkeit manchmal Compilations ähnelten.

Höhepunkte sind für mich (neben dem OTC-Album selbst) das 20-minütige Ife, He Loved Him Madly, und das schöne melodische Maiysha mit einem latin touch, das aber in der Mitte plötzlich kippt und zu einem dissonanten Biest wird. Kollege @vorgarten schrieb nach Hören dieser Box im alten Forum (glaube ich) „vergesst bitches brew!“ Ich bin ja sowieso ein BB-Skeptiker, aber kann nur mutmaßen, wie vorgarten zu dieser Einschätzung kommt. Doch z.B. Ife klingt für mich wie eine gereifte Version von BB, klarer, transparenter und konsequenter groovend und dadurch zwingender. He Loved Him Madly im Gegensatz dazu frei fließend und besinnlich, Maiysha verschiebt das in eine heitere und beschwingte Richtung, aber das scheinen alles nur verschiedene Facetten der selben Sache zu sein.



Die Box ist sehr aufwändig und schön gemacht. Metallschuber, Booklet mit vielen Fotos und Texten von u.a. Mtume und Paul Buckmaster, der erzählt, dass Miles in seinem Lamborghini Miura Karlheinz Stockhausen gehört hat. Wow! Da die Hüllen der CDs mit dem Booklet in einem gemeinsamen Metallrücken gebunden sind, ist das leider etwas unhandlich. Und die Diskografie ist mit umständlichen Verweisen eine Herausforderung an die Geduld. Aber das ist kleinliches Genörgel.

Die Box ist vergriffen und nur noch teuer zu bekommen. Man aber auch gut beraten, wenn man sich stattdessen die Alben On The Corner, Get Up With It und Big Fun zulegt, die hier ja teils enthalten sind. Da kriegt man dann außerdem auch noch was oben drauf, was sich sehr schön in dieses musikalische Spektrum einreiht. Vielleicht ist die Zeit nach OTC bis 1975 eine etwas unterschätzte Phase in Miles’ Oeuvre, die zwar höchst kreativ war, aber auch darunter litt, dass sich diese Aufnahmen kaum noch unter einen Hut bringen und in Albumform veröffentlichen ließen. Nicht nur musikalische Formen, auch das Albumformat hat Miles damals gesprengt.
Zuletzt geändert von Friedrich am 21 Apr 2026, 10:47, insgesamt 1-mal geändert.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
atom
Beiträge: 193
Registriert: 29 Jul 2025, 11:27
Has thanked: 11 times
Been thanked: 62 times

Re: Miles Davis

Beitrag von atom »

In der heutigen Episode von You'll Hear It blicken Peter Martin und Adam Maness auf die Entstehung der letzten vier Prestige-Alben Cookin', Relaxin', Workin' und Steamin'. Wie immer eine tolle Folge:

serenity now!
Benutzeravatar
lotterlotta
Beiträge: 225
Registriert: 13 Jan 2026, 22:49
Wohnort: im öden wald
Has thanked: 15 times
Been thanked: 39 times

Re: Miles Davis

Beitrag von lotterlotta »

thx für die passende beschreibung dieser monströsen box @friedrich, das passt alles ganz gut, deine highlights hör ich auch so und vielleicht ist on the corner das vollendetere fusion-album als bb, welches noch den weg dahin darstellt. hier wird alles an einflüssen zusammengeführt, lose enden miteinander verknüpft, das handling mit der complete box ist gewöhnungsbedürftig, am anfang habe ich mir da auch den einen oder anderen kratzer zugezogen. heute greife ich lieber zu den dort beinhalteten vinyl-alben, vor allem big fun ist da tatsächlich ein großes vergnügen, get up with it hat mit dem zulegen des vinyl auch erheblich zugelegt, klingt in meinen ohren um einiges besser als die erste cd-version davon.....
ich wurde mal gefragt warum ich jazz höre. ganz einfach, weil er frei von hautfarbe und emotional ist....
Benutzeravatar
Doc F.
Beiträge: 89
Registriert: 23 Feb 2026, 22:05
Has thanked: 28 times
Been thanked: 25 times

Re: Miles Davis

Beitrag von Doc F. »

atom hat geschrieben: 20 Apr 2026, 21:24 In der heutigen Episode von You'll Hear It blicken Peter Martin und Adam Maness auf die Entstehung der letzten vier Prestige-Alben Cookin', Relaxin', Workin' und Steamin'. Wie immer eine tolle Folge:
Danke für den Tipp. Ich habe zuhause die "Complete Prestige Recordings" LP Box und sollte vielleicht damit starten, um mich vorzubereiten. Wobei ich es schwierig finde, irgendeine Reihenfolge ind die Kompositionen der unterscheidlichen Phasen zu bringen. Ich mag ja auch die ziemlich dissonanten Sachen wie "Pangaea" und "Agharta" sehr.
... And you may ask yourself "Well ... how did I get here?"
Benutzeravatar
atom
Beiträge: 193
Registriert: 29 Jul 2025, 11:27
Has thanked: 11 times
Been thanked: 62 times

Re: Miles Davis

Beitrag von atom »

Auch wenn die Umfrage nach den besten Tracks von Miles Davis erst im Mai startet, habe ich den Thread bereits hier eröffnet – für Vorab-Infos zum Ablauf und zum Austausch über offene Fragen.
serenity now!
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 92
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 19 times
Been thanked: 32 times

Re: Miles Davis

Beitrag von Friedrich »

lotterlotta hat geschrieben: 21 Apr 2026, 02:03 thx für die passende beschreibung dieser monströsen box @friedrich, das passt alles ganz gut, deine highlights hör ich auch so und vielleicht ist on the corner das vollendetere fusion-album als bb, welches noch den weg dahin darstellt. hier wird alles an einflüssen zusammengeführt, lose enden miteinander verknüpft, das handling mit der complete box ist gewöhnungsbedürftig, am anfang habe ich mir da auch den einen oder anderen kratzer zugezogen. heute greife ich lieber zu den dort beinhalteten vinyl-alben, vor allem big fun ist da tatsächlich ein großes vergnügen, get up with it hat mit dem zulegen des vinyl auch erheblich zugelegt, klingt in meinen ohren um einiges besser als die erste cd-version davon.....
Danke! Die Box ist schwer zu beschreiben und schwer zu bewerten, da sie zum einen ja ein Etikettenschwindel ist und zum anderen - aber damit zusammenhängend - ein ganz schöner Gemischtwarenladen. Was wohl bezeichnend für diese Miles-Phase ist. On The Corner, Ife und der Red China Blues - was haben diese Stücke gemein, außer dass Miles sie in dieser seiner try & error-Phase (?) aufgenommen hat?

Ich fand übrigens vor allem die (Wieder-)begegnung mit Get Up With It und Big Fun beeindruckend.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
vorgarten
Beiträge: 105
Registriert: 04 Dez 2023, 09:13
Has thanked: 18 times
Been thanked: 31 times

Re: Miles Davis

Beitrag von vorgarten »

Bild

miles davis, the complete live at the plugged nickel 1965 (2026)

ich bin jetzt nochmal komplett durch, nachdem ich die neue cd-box erstanden habe - die sony-box aus mitte der 1990er war damals ein erweckungserlebnis für mich, leider hatte ich die nur als dauerleihgabe von einem freund, die ich dann doch irgendwann zurückgeben musste... der neue schuber aus dünner pappe kam schon zerknickt bei mir an, aber ich will mich nicht beschweren, endlich steht das ding wieder hier.

neue eindrücke: das narrativ von der unpässlichkeit von miles ist quatsch bzw. kann man nur auf den ersten abend beziehen, am 23.12.1965 ist er in der form, in der ich ihn auch auf den aufnahmen für die studioaufnahmen höre. die sogenannten anti-"jazz"-momente sind auch am zweiten abend viel präsenter und nehmen gegen ende zu.

auffällig fand ich diesmal, wie experimentell ron carter spielt, und das fast die ganze zeit - während hancock ja oft aussteigt und williams manchmal sehr lange das gleiche pattern wiederholt.

ärgerlich an der neuen ausgabe finde ich tatsächlich die texte von syd schwartz, der unermüdlich die gleiche rhetorischen figur benutzt (verneinung einer annahme mit steigerung im nächsten satz - "it isn't about honoring the song - it's about owning it!", oder: "the quintet isn't tiptoeing - they're kicking the door in!" usw., sowas steht in jedem dritten satz). mit scheint er in der track-by-track-beschreibung oft die stücke zu verwechseln- gesichtert bei den vielen versionen von "the theme", ansonsten benutzt er so viele schwebende assoziationen, dass sie überall passen, aber manchmal auch nicht, wenn er konkret wird - "fängt als walzer an", wenn die band nur in minute 6 mal für ein paar takte 3/4 spielt, oder "miles' muted lines", wenn er ohne dämpfer spielt usw. entweder hat er nicht genau zugehört, oder beim setzen des textes ist das chaos ausgebrochen, jedenfalls hat es keinen mehrwert, diese texte mitzulesen.

ganz toll finde ich nach wie vor das lasziv-müde allerletzte set, in dem sehr viel interessante interaktion passiert und shorter nochmal richtig aufdreht. es wäre ein sehr smarter move von columbia gewesen, nur das damals zeitnah zu veröffentlichen, es hätte auf 2 vinyl-seiten gepasst.
Benutzeravatar
lotterlotta
Beiträge: 225
Registriert: 13 Jan 2026, 22:49
Wohnort: im öden wald
Has thanked: 15 times
Been thanked: 39 times

Re: Miles Davis

Beitrag von lotterlotta »

ich hatte das lesen in den liner notes meiner lp - box sehr schnell aufgegeben......ein paar der takes hier werden wohl in meiner top 20 auftauchen.....so ich sie denn zusammenkuratiert bekomme....ist echt ein dickes brett....
ich wurde mal gefragt warum ich jazz höre. ganz einfach, weil er frei von hautfarbe und emotional ist....
soulpope
Beiträge: 772
Registriert: 14 Mär 2023, 22:05
Has thanked: 98 times
Been thanked: 94 times

Miles Davis

Beitrag von soulpope »

https://www.jazzwise.com/content/featur ... zz-history

Durchaus lesenswerte Besprechung anlässlich der jetzt aktuellen "Plugged Nickel Complete" Wiederveröffentlichung ....
"I'm not much but I'm all I have" (Philip K. Dick)