Außer Atem (À Bout De Souffle, Jean-Luc Godard, 1960)
Mit Fellinis Dolce Vita ging es mir so, dass ich davon Bilder im Kopf hatte, ohne ihn je gesehen zu haben. Anita Ekberg im Trevi-Brunnen, der gut aussehende und charmante Marcello Mastroianni, die glitzernde Welt des showbusiness. Bei Dolce Vita überstrahlten diese Bilder den tatsächlichen Film und überdeckten, dass er tatsächlich ein Blick in die tiefen Abgründe der Schönen und Reichen ist. Mit Außer Atem ging es mir ähnlich: Irgendwie meinte ich den Film zu kennen, hatte ihn aber tatsächlich nie gesehen – oder konnte mich nicht mehr daran erinnern.
Bei Außer Atem hatte ich das Bild des lässigen Ganoven und Draufgängers Jean-Paul Belmondo alias Michel Poiccard, der kurzhaarigen Stilikone Jean Seberg alias Patricia Franchini, die Liebesgeschichte zwischen den beiden und die lebendigen Pariser Straßenszenen vor Augen. Was ich zunächst nicht sah, war der dissoziale Widerling Michel, der einen Polizisten erschießt, Freunde bestiehlt, Fremde überfällt und ein Auto nach dem anderen klaut und die eigentlich dysfunktionale Affäre zwischen ihm und der Studentin Patricia. Ich habe mich gefragt, wie ich die Figur Michel überhaupt interpretieren soll: Ist das ein Antiheld, den ich in seiner respektlosen Art irgendwie cool finden soll? Ist das eine Parodie auf den zynischen einsamen Desperado aus einem Western oder den Privatdetektiv oder Gangster aus einem Film Noir? Sind seine ständigen besserwisserischen und gegenüber Frauen abwertenden Sprüche zeittypisch für die späten 50er/frühen 60er? Stellt Jean-Luc Godard diesen Sexismus hier bloß? Oder fand man es damals wirklich cool, jungen Frauen auf offener Straße von hinten den Rock zu lupfen? Ständig wird darüber geredet, wer wie oft mit wem geschlafen hat. P: „Kennst du William Faulkner?“ M: „Hast Du mit ihm geschlafen?“
Warum lässt sich die selbstbewusste und intellektuelle Patricia das gefallen? Oder ist dessen Grobheit sogar das, was sie an Michel reizt? Das erscheint mir völlig unglaubwürdig. Was sind das eigentlich für ausufernde Dialoge zwischen den beiden, in denen sie aber nur aneinander vorbeireden. Sie redet über Kunst und Literatur, er redet über Geld und Sex. Schlaue Sprüche, Aphorismen, die man schön zitieren oder als Graffiti an die Wand schreiben kann. Ist das Philosophie oder kann das weg?
In Außer Atem gibt es einen eigenartigen Widerspruch zwischen dem scheinbaren Naturalismus, der durch die mit Handkamera auf der Straße, in Mansarden und Bistros gedrehten, spontan wirkenden Szenen erzeugt wird, die Alltagsgeräusche im Hintergrund einerseits und den bis zur Parodie stilisierten klischeehaften Figuren wie eben Michel oder dem von Jean-Pierre Melville gespielten Schriftsteller, den Patricia interviewt, andererseits. Der spricht auch ausschließlich in Aphorismen: „Unsterblich werden – und dann sterben.“ Die leicht trottelig wirkenden Polizisten kommen mir fast vor wie Schulze und Schultze. Als Michel am Ende, von einer Polizeikugel getroffen, sterbend auf der Straße liegt, stößt er noch eine letzte Wolke Zigarettenrauch aus und drückt sich selber die Augen zu.
Liest sich so, als würde ich Außer Atem überhaupt nicht mögen. Ist aber gar nicht so. Ich stelle aber fest, dass das Image des Filmes, wie ich es im Kopf hatte, in weiten Teilen überhaupt nicht mit dem tatsächlichen Film übereinstimmt. Einerseits wirkt er wie eine Hommage an Gangster- und Liebesfilme, andererseits zerlegt er aber die Klischees dieser Genres einschließlich ihrer Figuren und entzaubert sie. Er ist scheinbar naturalistisch, aber tatsächlich total künstlich – Belmondo durchbricht am Anfang sogar die vierte Wand, Seberg ganz am Ende auch einmal. Ein Film über Film, auf der Metaebene. Denkt JLG hier zweimal um die Ecke und führt den Zuschauer (also mich) aufs Glatteis, so dass der gar nicht mehr weiß, was er da wirklich sieht? „Je sais que je ne sais rien“, könnte ich mit einem Aphorismus sagen.
Und da muss ich noch mal auf Richard Linklaters Making Of Nouvelle Vague zurückkommen: Hier wirkt Belmondo wie ein sympathisches Schlitzohr und die Beziehung zwischen Michel und Patricia wirkt romantisch, wenn auch am Ende tragisch. Er gibt eigentlich die Vorstellung von Außer Atem wieder, die ich hatte, bevor ich den Film (wieder) sah. Haben vielleicht auch andere Leute diese Vorstellung? Wie wird Außer Atem eigentlich sonst wahrgenommen? Ich schrieb in einem früheren Post, dass Anfang der 60er wahrscheinlich jeder junge Mann am liebsten Michel/Belmondo nachahmen wollte: Der Hut, die Sonnenbrille, die Zigarette! Die Frechheit! Jetzt denke ich: Schön doof! Außer Atem ist ein desillusionierender Film, Nouvelle Vague hingegen ist ein beschwingter, ja berauschender Film. Aber er verklärt Außer Atem eigentlich total. Ich frage mich, wie Richard Linklater das sieht.
Ach ja, und dann gibt es da noch die jump cuts, die langen Kamerafahrten mit ungeschnittenen Einstellungen, die Aufnahmen
„en extérieur“... Filmmusik übrigens von Martial Solal.