Der letzte Film, den ich gesehen habe

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latho
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von latho »

motörwolf hat geschrieben: 14 Mär 2026, 13:00 [...]
Ich habe den Roman von Emily Brontë nie gelesen, was wahrscheinlich ein Vorteil ist, wenn man den Film schaut, denn im Vergleich zur Vorlage hat sich doch wohl einiges geändert. Heathcliff ist im Film ein Weißer, viele der Nebencharaktere sind, wenn man so will, deutlich verfälscht. Mich stört das nicht, da Film und Buch nun einmal zwei unterschiedliche Medien aus völlig anderen Zeiten sind, aber einigen Kritikern hat das wohl missfallen, Dabei weisen schon die Anführungszeichen im Titel darauf hin, dass der Zuschauer hier eben keine 1 zu 1-Verfilmung erwarten sollte.
[...]
Danke für die Kritik, My 2 cents:

In Emily Brontës Buch geht es ja auch um soziale Schranken und da reicht es völlig aus, dass Heathcliff nicht schwarz, sondern "gypsy", also Zigeuner ist. Das reichte damals locker für Diskriminierung, zumal es Schwarze in größeren Mengen in Yorkshire gar nicht gab. Und Rassismus ist auch nicht Brontës Thema, eine Gesellschaft ohne Schranken, gar mit Gleichberechtigung konnte sie sich, wie die Meisten ihrer Zeit, gar nicht vorstellen. Aber das ist, genau so wie die rigiden Klassenschranken, heute nicht vermittelbar (dabei existieren sie wieder/noch und sind allgemein akzeptiert, nur von einem dicken Farbschicht Identitätspolitik verdeckt), auch weitere geschichtliche Umstände werden nicht mehr wahrgenommen. Das 19 Jahrhundert ist gemein zu Schwarzen, Transmenschen (die es in der heutigen "Form" damals gar nicht geben konnte) und Frauen, das Jahrhundert davor schnitt man Leuten die Köpfe ab, weil sie so komische Perücken trugen und davor war Mittelalter, in dem Menschen noch zaubern konnten, auch wenn manche dafür auf dem Scheiterhaufen endeten. Bridgerton-Geschichte also. In Kürze: ein Wuthering Heights-Film, der die Konflikte des Buches abbildet, wird heute aus mangelndem Geschichtsverständnis nicht mehr kapiert werden, also stülpt man der Vorlage beliebig Themen über, also zB. SEXSESXEX, aber natürlich nicht so viel, dass nicht auch die Jugendlichen in den Film könnten.
Wuthering Heights ist immer wieder mal mein Lieblingsbuch. Ich mag einfach diese ziemlich sicher den World-Building-Spielen der Brontës entsprungenen Geschichten, die ja im Original nicht nur die normalerweise verfilmte, verhängnisvolle amour fou zwischen Heathcliff und Cathy, sondern auch noch die durch das Verhängnis gezeichnete nächste Generation beschreibt. Emily Brontë beschreibt da für mich eine Katastrophe in dem geregelten, immer gleich laufendem, dekadenlangen Leben in der Kleinbürgerwelt Yorkshires: geboren, richtig aufgewachsen, verheiratet, fortgepflanzt und gestorben, ein ewiger Kreislauf, nur durchbrochen durch Unglücke wie Kriege oder "Charakterschwäche" wie Brontës trinksüchtigem Bruder. Und dann beschreibt Emily eine Katastrophe, in der durch einen Fremdkörper, "gypsy" Heathcliff, das Gefüge auseinandergebrochen wird, weil er auf eine "Schwachstelle", die kapriziöse Cathy, trifft. Sex wird nicht mal angedeutet (die Heirat ist viel wichtiger), es geht darum, wie zwei Menschen sich gegenseitig ins Verderben ziehen, offenen Auges, aber es nicht anders können. Verhängnis, Schicksal, Gottes Strafe? Am Ende stehen die Zeugen der Geschichte um die Gräber und schütteln die Köpfe, traurig und ratlos.
An Verfilmungen (Fennells Film habe ich noch nicht gesehen) mag ich die von William Wyler, zum einen, weil man Willie Wyler sowieso mögen muss, zum anderen, weil der Film einfach unglaubliche Bilder hat. Und Wyler brachte es fertig, Lawrence Olivier das ewige Posen abzugewöhnen. Runner-up: Andrea Arnolds Verfilmung, die ebenfalls Wert auf die Yorkshire Moors legt. Und ich bilde mir ein, Emily Brontë selber hätte wohl am ehesten die Rivette-Verfilmung gemocht.
Zuletzt geändert von latho am 15 Mär 2026, 13:01, insgesamt 2-mal geändert.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Danke @Friedrich - hab gestern in der Konzertpause auch noch die Rezension hier gelesen (glaub mit dem Link sollte man sie lesen können?):
https://www.republik.ch/2026/03/12/neue ... ne-legende
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Friedrich
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Friedrich »

gypsy tail wind hat geschrieben: 15 Mär 2026, 08:51 Danke @Friedrich - hab gestern in der Konzertpause auch noch die Rezension hier gelesen (glaub mit dem Link sollte man sie lesen können?):
https://www.republik.ch/2026/03/12/neue ... ne-legende
Sehr schöner, anregender Text! Danke @gypsy tail wind! Mit meiner Einschätzung, dass zwischen Regisseur und Gauner im Falle von JLG kein prinzipieller Unterschied ist, lag ich offenbar nicht ganz daneben. ;)

Ich bin am Dienstag 17.03. im Cinema Paris am Ku-Damm und sehe mir À bout de souffle an. Vorstellung ist fast ausverkauft, @Shanks: Also bei Bedarf schnell zuschlagen! Alternativ gibt's den Film am 21.03. in den Hackeschen Höfen. Dann habe ich aber leider keine Zeit.
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Grievous Angel
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Grievous Angel »

latho hat geschrieben: 15 Mär 2026, 01:43
motörwolf hat geschrieben: 14 Mär 2026, 13:00 [...]
Ich habe den Roman von Emily Brontë nie gelesen, was wahrscheinlich ein Vorteil ist, wenn man den Film schaut, denn im Vergleich zur Vorlage hat sich doch wohl einiges geändert. Heathcliff ist im Film ein Weißer, viele der Nebencharaktere sind, wenn man so will, deutlich verfälscht. Mich stört das nicht, da Film und Buch nun einmal zwei unterschiedliche Medien aus völlig anderen Zeiten sind, aber einigen Kritikern hat das wohl missfallen, Dabei weisen schon die Anführungszeichen im Titel darauf hin, dass der Zuschauer hier eben keine 1 zu 1-Verfilmung erwarten sollte.
[...]
Danke für die Kritik, My 2 cents:
Großartig, vielen Dank für diese Analyse meines Lieblingsromans! Ergänzen kann ich nur, dass ich auch die 1988er Adaption von Yoshida (immerhin auch im erweiterten Kreise meiner liebsten Regisseure, bis auf zwei Ausnahmen mag ich von ihm alles gerne) sehr empfehlen kann. Die Rivette-Version habe ich bis heute nicht gesehen, an jene von Buñuel erinnere ich mich im Moment nur dunkel, hat mir aber auch gefallen.
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FifteenJugglers
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von FifteenJugglers »

Danke, @latho! Jetzt ärgere ich mich, dass ich den Arnold-Film nicht hier im Filmclub gesehen habe, als er lief.
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latho
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von latho »

Grievous Angel hat geschrieben: 15 Mär 2026, 11:42 Großartig, vielen Dank für diese Analyse meines Lieblingsromans! Ergänzen kann ich nur, dass ich auch die 1988er Adaption von Yoshida (immerhin auch im erweiterten Kreise meiner liebsten Regisseure, bis auf zwei Ausnahmen mag ich von ihm alles gerne) sehr empfehlen kann. Die Rivette-Version habe ich bis heute nicht gesehen, an jene von Buñuel erinnere ich mich im Moment nur dunkel, hat mir aber auch gefallen.
Gerne! Die Yoshida-Version habe ich hier irgendwo noch, die wollte ich mir auch ansehen.
FifteenJugglers hat geschrieben: 15 Mär 2026, 12:24 Danke, @latho! Jetzt ärgere ich mich, dass ich den Arnold-Film nicht hier im Filmclub gesehen habe, als er lief.
Ist definitiv eine Empfehlung, auch weil Arnold diesen offensichtlichen Dampf aus der Heathcliff-Cathy-Beziehung nimmt und das sehr zurück genommen verfilmt, fast ein bisschen verträumt.
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Grievous Angel
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Grievous Angel »

latho hat geschrieben: 15 Mär 2026, 13:05 Ist definitiv eine Empfehlung, auch weil Arnold diesen offensichtlichen Dampf aus der Heathcliff-Cathy-Beziehung nimmt und das sehr zurück genommen verfilmt, fast ein bisschen verträumt.
Da gehe ich mit! Einer meiner liebsten Filme der 2010er. Schaut meiner Erinnerung nach auch toll aus.
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Talking Head
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Talking Head »

Am Samstag endlich im Kino:

Marty Supreme (Josh Safdie, 2025)

Marty Mauser ist ein ziemlich talentierter Tischtennisspieler, aber gleichzeitig ein großes Arschloch, ein notorischer Lügner und ein kleiner Choleriker, der in seiner Gier alles seinem sportlichen Erfolg unterordnet. Das hört sich jetzt nicht unbedingt positiv an, ist aber ein wirklich irrer und völlig abgefahrener Film geworden. Immer wenn man meint, der Peak an Unmöglichkeiten sei erreicht, setzt Safdie noch einen drauf.

Auf sportlicher Ebene fühlte ich mich bei Mauser an John McEnroe erinnert, auf filmischer an Frank Abagnale, jr. (Catch Me If You Can).

Kameraführung, Sound und die musikalische Auswahl der Tracks würde ich als ziemlich exzellent bezeichnen und mit Timothée Chalamet geht wohl ein neuer Stern am Himmel über Hollywood auf.

Einziges Manko aus meiner Sicht: Die Sache mit dem Hund empfand ich als ein bisschen zu ausgewalzt. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau.

Fazit: Unbedingt anschauen, am besten im Kino, so lange er noch läuft!

Dass der Film bei neun Nominierungen keinen einzigen Oscar gewinnen konnte, ist schon ein bisschen sehr traurig.

@motörwolf, lieben Dank für deine ausführliche Kritik!
Das Leben als Pensionär ist einfach nur geil!
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FifteenJugglers
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von FifteenJugglers »

Grievous Angel hat geschrieben: 16 Mär 2026, 12:13
latho hat geschrieben: 15 Mär 2026, 13:05 Ist definitiv eine Empfehlung, auch weil Arnold diesen offensichtlichen Dampf aus der Heathcliff-Cathy-Beziehung nimmt und das sehr zurück genommen verfilmt, fast ein bisschen verträumt.
Da gehe ich mit! Einer meiner liebsten Filme der 2010er. Schaut meiner Erinnerung nach auch toll aus.
Jaja ... Streu nur Salz in die Wunde. ;)
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motörwolf
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

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The Bride! – Es lebe die Braut (The Bride!, Maggie Gyllenhaal, 2026)

Die tote Mary Shelley ist mit ihrem Roman Frankenstein nicht zufrieden. Um das damals nicht gesagte endlich loszuwerden, kapert sie in einer Kneipe der 1930er den Körper von Ida und legt ich sofort mit fast allen Anwesenden an, u.a. einem Mafiapaten. Das führt unmittelbar zu Idas Tod. Gleichzeitig ersucht Frankensteins Monster Frank die Wissenschaftlerin Doktor Euphronious darum, ihm eine Braut zu erschaffen. Das wird zufällig Ida, und ab da überstürzen sich die Ereignisse. Menschen sterben, Frank und Ida werden gejagt, Frank begegnet seinem Idol, dem Schauspieler Ronnie Reed, Ida/Mary wird zur Symbolfigur weiblichen Widerstands. Und nebenbei entwickelt sich die Beziehung des Paares...

Gyllenhaal war nach eigener Aussage verwundert darüber, dass im originalen Frankensteins Braut (James Whale, 1935) die Titelfigur kaum eine Rolle spielte. Daraus entwickelte ich dieser Film, der eine feministische Interpretation der Geschichte liefert. Doch obwohl der Feminismus wirklich aus jeder Pore des Films dünstet, ist der Film alles andere als eine dröge Vorlesung über Ethik, sondern ein wunderbar unterhaltsames, herrlich anzusehendes Gothic-Märchen.
Die Eröffnungssequenz, in der Mary aus dem Jenseits und durch Ida spricht, greift Whales Eröffnung auf. Auch Whale lässt Shelley die Geschichte ihres Romans weiterspinnen, doch bei ihm lebt sie. Daher ist die Geschichte, die sie erzählt, viel konventioneller, was Inhalt und Perspektive betrifft, als die Geschichte, die von Gyllenhaals wütender, toter Mary ja auch nicht nur erzählt, sondern in Personalunion mit Ida erlebt wird. Durch diese Besessenheit von Mary gewinnt Ida, die eigentlich zu einem Dasein als passive Braut Franks bestimmt war, eine Kraft, die sie vom Opfer zur handelnden Figur werden lässt. Diese beiden Aspekte Idas / Marys, die klagende, unterdrückte, ermordete, ungefragt wiederbelebte und zur Braut erklärte Frau und die rebellische, starke, ihr eigenes Schicksal suchende und formende, werden von Jessie Buckley hervorragend gespielt. Ihre Perfomance ist eine der absoluten Stärken des Films.
Auch andere Figuren im Film werden entweder feministisch umgestaltet, wie zum Beispiel Doktor Euphronious, die einen weiblichen Mad Scientist darstellt. Da gibt es einen Detektiv, der mit seiner Sekretärin auf der Spur des Paares ist. Nur ist hier eigentlich die Sekretärin die Ermittlerin und der Detektiv der Gehilfe. Die Beiden nutzen diese Tarnung notgedrungen, weil die Zeit für weibliche Ermittler noch nicht reif ist. Dankenswerterweise hat man als Zuschauer aber nie das Gefühl, dass Gyllenhaals Feminismus einer wäre, der Männer prinzipiell verachtet. So entsetzlich plumpe Szenen wie in The Substance, in denen Männer z.B. beim ekelerregenden Fressen gezeigt werden, gibt es hier nicht. Stattdessen begeht selbst Frank, das Monster, seine schlimmste Tat gegen die Braut eben gerade nicht aus Bosheit, er belügt sie bezüglich ihres Beziehungsstatus vor ihrem Unfall aus Zuneigung und Unsicherheit.
Ich gebe 9,5/10 Stromstößen.