Das Jahr 1998 ist ein Schicksalsjahr in der Geschichte der Ärzte. Nachdem der Vertrag mit der
Metronome ausgelaufen ist, entscheiden sich Bela, Farin und Rod gegen eine Verlängerung. Stattdessen soll der nächste Schritt in Richtung komplette Selbständigkeit getätigt werden:
Die Ärzte gründen mit
Hot Action Records ihre eigene Plattenfirma. Umso mehr Druck liegt auf den Schultern des ersten Albums, das sie auf ihrem eigenen Label veröffentlichten. Ein Flop hätte einen herben Rückschlag bedeutet. Ein Glück, dass
Farin Urlaub für die Platte,
13, den größten Hit seiner bisherigen Karriere schreiben sollte: "Männer sind Schweine" war 1998 wirklich überall. Die
Motown-beeinflusste Single über den unkontrollierbaren Geschlechtstrieb der Herren der Schöpfung wird zum ersten Nummer-Eins-Hit der Ärzte.
Das liegt sicherlich auch am dazugehörigen Videoclip. Rods Idee, dass sich die Band in dem Clip mit Videospiel-Ikone
Lara Croft ein gewalttätiges Duell liefern sollten, erwies sich als Geniestreich. Der Clip lief auf
Viva und
MTV in Dauerrotation. Viva erklärt den Veröffentlichungstag der
13 kurzerhand zum "Ärzte-Tag" und Bela, Farin und Rod treiben einen ganzen Tag lang ihr Unwesen auf dem Sender.
Aber Die Ärzte wären nicht Die Ärzte, wenn sie mit ihrem Hit nicht auch einigen Schabernack getrieben hätten. Weil sie mit einem Erfolg der Single rechnen, packen sie als Bonus-Tracks, in der Erwartung, dass die Maxi-CD (die in Anlehnung an "Ein Song namens Schunder" "Ein Schwein namens Männer" getauft wird) so einige Haushalte erreichen würde, die mit der Band sonst eher wenig Berührungspunkte hatten, mit "Saufen" - einer Tote-Hosen-Parodie, von der selbst
Campino zugibt, dass sie seine Band hervorragend getroffen hat - und vor allem "Ein Lächeln (für jeden Tag deines Lebens)" zwei möglichst bescheuerte Tracks auf den Tonträger. Bei letzterem handelt es sich um eine Verarsche des Avantgarde-Tracks "John and Yoko" von
John Lennon und
Yoko Ono von deren
Wedding Album, bei dem die beiden über 15 Minuten ihre Namen sprechen/weinen/schreien, der Name des Stücks ist dann auch eine Anspielung auf Yokos Kunstobjekt
Box of Smile. Während Rod eine sentimentale Melodie auf dem Klavier spielt, schmachten sich er, Bela und Farin vier Minuten lang gegenseitig an, am Schluss verfallen sie dann in von Yoko Ono inspiriertes Gekrächze. Es ist einer von vielen Gags, die Die Ärzte machen, um in erster Linie sich selbst zu amüsieren. Die Vorstellung, dass dieses Stück im deutschen Durchschnittshaushalt ertönt, bereitet ihnen sehr viel Freude. Einen weiteren Spaß erlauben sie sich in ihrem Megahit selbst: Am Ende von "Männer sind Schweine" zitieren die Backingsängerinnen einen indizierten Deutschpunk-Klassiker von
Slime: "Wir wollen keine Bullenschweine / Mollies und Steine gegen Bullenschweine" sind somit Zeilen aus einem der erfolgreichsten deutschen Pop-Songs aller Zeiten.
Der gigantische Erfolg von "Männer sind Schweine" ist für Die Ärzte Fluch und Segen zugleich. Einerseits erreichen sie vorher nicht gekannte Dimensionen des Erfolgs und das Debüt der eigenen Plattenfirma ist mehr als geglückt. Der erhöhte Bekanntheitsgrad erlaubt ihnen außerdem noch mehr Narrenfreiheit in der Zukunft. Andererseits stoßen sie mit einer Erfolgsnummer diesen Grades in Sphären der deutschen Unterhaltungsindustrie vor, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollen. Die Ärzte spielen zwar seit Beginn ihrer Geschichte augenzwinkernd mit dem Ausverkauf ihrer Band, halten in Wirklichkeit aber ihre Prinzipien sehr hoch - so auch in diesem Fall. Eine Anfrage von
Wetten, dass..? wird ohne mit der Wimper zu zucken abgelehnt. Auch Award-Shows sind nicht ihr Ding. Der
MTV Award für das beste Video wäre ihnen genauso sicher wie der
Echo und der
Viva Comet in der selben Kategorie. Voraussetzung: Die Band muss den Preis persönlich annehmen, was Die Ärzte jedoch ablehnen, weil sie mit der Selbstbeweihräucherung der Musikindustrie nichts zu tun haben wollen. Nominiert werden sie natürlich trotzdem, aber zu Siegern werden andere Künstler erklärt. Dabei zieht vor allem
Sabrina Setlur die Arschkarte: Weil das Publikum von der "Niederlage" der Ärzte beim Viva Comet so enttäuscht ist, kassiert sie bei Entgegennahme des Preises Pfiffe und Buhrufe.
Dass ihr Song sich auch auf dem Ballermann reger Beliebtheit erfreut, ist den Ärzten ein besonders großer Dorn im Auge. Dementsprechend wird auch eine Anfrage des
Ballermann-Samplers, den Titel verwenden zu dürfen, abgelehnt. Die Macher des Samplers lassen "Männer sind Schweine" daraufhin einfach von einer anderen Band covern, um ihn doch verwenden zu können. Als Die Ärzte schließlich unter dem Motto
Attacke Royale zum ersten Mal seit ihrem Nummer-Eins-Hit wieder auf Tour gehen, hängt ihnen dieser bereits herzlich zum Hals heraus. Und so schafft es ihr bekanntester Song nicht in die reguläre Setlist der Tour. Lediglich bei den Shows, bei denen sie von den Ska-Bands
The Busters oder
The Butlers supportet werden, spielen sie "Männer sind Schweine" und lassen sich dabei von der jeweiligen Bläsersektion unterstützen. The Busters werden Farin Urlaub in näherer Zukunft noch einmal begleiten, aber dazu ein anderes Mal mehr.
13 verkauft sich in Folge des Erfolgs von "Männer sind Schweine" natürlich extrem gut, dabei darf das Album getrost als eine der musikalisch punkingsten Ärzte-Platten gelten. Die Qualität stimmt auch: Für viele Fans ist
13 das Ärzte-Album schlechthin. In "Meine Freunde" macht sich Farin Urlaub in gewohnt ironischem Perspektivwechsel über engstirnige Arschlöcher lustig ("Meine Freunde sind homosexuell /Meine Freunde sind alle kriminell / Sie ficken sich ganz einfach so / gegenseitig in den Po / und das macht ihnen auch noch Spaß / Dürfen die das?"), Bela B. in der zweiten Single, dem Country-Stück "Goldenes Handwerk" (mit Truck-Stop-Gaststar Knut Bewersdorff), über sich selbst. Mit "1/2 Lovesong" wird erstmals ein von Rod gesungenes Stück zur Single auserkoren - Single Nummer 4 ist mit "Rebell" ein weiterer waschechter Ärzte-Klassiker - das Stück, in dem ein trotziger Jugendlicher seinen Eltern den Krieg erklärt, ist nach Eigenaussage Farin Urlaubs unter seinen adoleszenten Stücken sein liebstes. Das ungewöhnliche Reimschema im Refrain ist von
Tocotronic inspiriert.
Weitere Stücke wie "Ignorama", "Nie wieder Krieg, nie mehr Las Vegas!", "Der Graf", "Ein Lied für dich" und "Angeber" werden zu bis heute oft gespielten Live-Dauerbrennern. Besonders schön ist der Album-Opener "Punk ist...", eine in Jazz getunkte Auseinandersetzung mit den ewigen Unkenrufen, die die Frage stellen, ob Die Ärzte denn nun Punk seien oder nicht, was denen seit jeher so ziemlich scheißegal war.
Einen Fehler machen Die Ärzte in der
13-Ära: Um auch wirklich sicher zu gehen, dass ihr erstes Album unter eigenem Label ein Erfolg wird, bestreiten sie den PR-Marathon komplett gemeinsam, ehe sie auf eine sehr lange Tour gehen. Am Ende können sich Bela, Farin und Rod kaum mehr sehen. Sie sind völlig übersättigt von ihrer Band, streiten häufig und sehnen sich nach nichts mehr als nach einer Pause. 1999 gibt es dementsprechend nur ein paar Festivalauftritte im Rahmen der
Vans Warped-Tour und mit
Wir wollen nur deine Seele statt einer neuen Studio-LP das zweite Livealbum der besten Band der Welt. Dieses wird bei mehreren Konzerten aus allen Schaffensphasen der Ärzte seit ihrer Reunion zusammengestellt. Als Single erscheint eine 1997 bei
Rock am Ring aufgenommene Version des Live-Standards "Elke" von der
Das ist nicht die ganze Wahrheit..., mit dem sie dann auch erstmals bei
Top of the Pops auftreten:
Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts haben Die Ärzte mit ihrer Reunion nicht nur an alte Erfolge angeknüpft, sondern diese noch weit übertroffen. Dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein sollte, hätte wohl kaum jemand gedacht. Nachdem der Erfolg der
13 neue Türen geöffnet hatte und Die Ärzte nun mit ihrem eigenen Label die volle Autonomie über ihr Schaffen erlangt hatten, konnten sie mehr nach ihren eigenen Regeln spiele als je zuvor. Und unverschämterweise sollten sie dabei immer größer werden.