The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

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wahr
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The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von wahr »

The Beatles – The Beatles (White Album)

(Revisited und ergänzt)

Seite 1

Back In The U.S.S.R. *****
Zum einen außergewöhnlich, weil in Zeiten des Kalten Krieges sich jemand freut, in die UDSSR zurückzukehren, zum anderen ist es eine lustige Replik auf die Beach Boys und deren Feiern der US of A und der Califonian Girls.

Dear Prudence *****
Prudence ist die Schwester von Mia Farrow. Wahrscheinlich derjenige Song der Beatles, den ich im bisherigen Lauf meines Lebens am meisten gehört habe. Und das sicher nicht, um mich immer wieder seiner Miesheit zu versichern.

Glass Onion *****
Top. In seiner Kürze, in der Ideenvielfalt, in der Selbstreferenzialität und in Ringos schlanzigem Schlagzeug/-sound. So gut wie "Strawberry" und "Walrus".

Ob-La-Di, Ob-La-Da *
Die Funktion von grottenbeknackten Liedern innerhalb eines Liederreigens ist ja der, einen Abgleich zu haben, mittels deren die übrigen Songs in einem relativ besseren Licht dastehen. So kann man auch „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ noch einen Sinn abringen. Eine Reggae/Ska-Verbindung hierzu herzustellen, ist mir nie gelungen. Dafür liebe ich Reggae einfach zu sehr.

Wild Honey Pie ***
Halbgares Herumgealbere auf Instrumenten in Greifnähe.

The Continuing Story Of Bungalow Bill ****1/2
Ist ein bisschen wie ein surreal aus dem Ruder gelaufenes Skript zu einer Daktari-Folge (ja, ich weiß, dass es in Afrika keine Tiger gibt).

While My Guitar Gently Weeps *****
Jahrzehntelang dachte ich immer, das „Hey-O!“ vom Ende von „Bungalow Bill“ sei der Anfang von „While My Guitar Gently Weeps“. Wer beschreibt meine Erschütterung? Darf ich zudem, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren, behaupten, Claptons Mitwirkung stellt den Höhepunkt seiner Karriere dar?

Happiness Is A Warm Gun *****
Der beste Freund von „Glass Onion“. Wenn man ausschließlich großartige kleine Ideen irgendwo noch herumliegen hat, dann kann man sie einfach aneinanderreihen und es kommt was Großartiges heraus. Der Trick ist: Die Ideen müssen unbedingt total großartig sein. Den Rest erledigen zufällig ebenfalls herumliegende Jagdzeitschriften.

Seite 2

Martha My Dear ****1/2
McCartney muss wieder eine Geschichte zu Vaudeville-Musik erfinden, wie er es damals gerne tat, um ein bisschen abzulenken von den Krisen, die diesen weltberühmten Männergesangsverein zu korrodieren begannen…

I’m So Tired *****
… während Lennon seine inneren Zustände zum Thema nimmt. Schlaflosigkeit, innere Ruhe suchen, gereizt reagieren, weil man sie nicht findet. Und Ringo folgt wieder traum(!)haft der Fährte des Songs. Auch als der sich immer mal wieder gereizt aufbäumt. Am Ende wird übermüdet irgendwas in den Bart gebrabbelt. Can‘t buy me sleep. Dass alle drei Beatles in ihren Solo-Sarbeiten auf Ringo zurückgegriffen haben, hat sicher einen Grund darin, dass er ein feines Gespür für Stimmungen hat – musikalische und innere.

Blackbird *****
Jahrzehnte später hieß es, der Song wäre eine Metapher zur Bürgerrechtsbewegung. Was natürlich sehr gut und löblich ist. Aber als romantisch veranlagter Mensch fand ich’s auch ganz schön, zu meinen, dass es schlicht um eine Amsel ging. Und hör ich sie nicht auch trapsen, da auf dem linken Kanal, sparsam perkussiv? Ganz fein trapsen? Und sicher höre ich sie singen. Wie kann man da nicht 5 Sterne geben?

Piggies ****1/2
Harrison’s Animal Farm. Mit Spinett für die feine Gesellschaft. Schweine sind nur dann Schweine, wenn sie Menschen sind und keine echten Schweine. Denn echte Schweine sind super in ihrem Schweinsein.

Rocky Raccoon ****1/2
Wer einmal tief in das zitat- und selbstzitatwütige Varieté des White Album eingestiegen ist, der dürfte gegen die Scheinwelt der Authentizität und des echten Gefühls, das einem in der Rockmusik nicht selten vorgespielt wird, eigentlich für immer gefeit sein. Eigentlich. Außer man nimmt beispielsweise die Simulation einer Folk-Ballade wie "Rocky Raccoon" nicht als Simulation wahr, sondern als authentische Folk-Ballade und glaubt, sie gegen die Zitatwut des White Album (die eher eine Zitatlust ist) verteidigen zu müssen. Aber wenn eine von vorne bis hinten ohne historisches Vorereignis (soweit ich weiß, und wenn doch würd‘s nichts ändern) aus den Fingern gesogene Pop-Ballade von Paul McCartney inna Westernstyle kein Schein-Folk ist, dann weiß ich auch nicht. Stattdessen ist "Rocky Raccoon" ein gelungener Nachbau einer überlieferten Folk-Ballade, die von einem bekannten, das rock'n'rollige Frühwerk der Beatles über deren Spätwerk ab Rubber Soul stellenden Musikjournalisten für eine wirkliche Folk-Ballade gehalten wurde. Nur deswegen bekam "Rocky Raccoon" Gnade vor seinem Vorwurf, der Fortschrittsglaube in der Musik führe geradewegs in "Hölle und Prätention".
Aber zu solchen Täuschungen ist Pop eben fähig: Trittfeste Böden bereiten, die sich plötzlich in Blitzeis verwandeln. Es gibt auf dem Weißen Album ein paar weitere Balladen-Pendants zu „Rocky Raccoon“, wahlweise im Ballroom-Gewand („Honey Pie“), als Kinderlied getarnt („Bungalow Bill“, nicht ganz so harmlos, weil eigentlich eine Kritik an der Großwildjagd, mit knalligen Comic-Bildern erzählt, aber das ist ja auch eher ein Lennon-Stück) oder vaudevillig inszeniert („Martha My Dear“). Alles ähnliche Fake-Geschichten wie "Rocky Raccoon", in Kostümen aus der Musikgeschichte gekleidet. Wie es eben plötzlich ging ab der fortgeschrittenen Mitte der 1960er Jahre, als Mittel zur Verfügung standen, sich aus dem großen Klamottenarsenal zu bedienen, mit Mr. Martin und seinen Tontechnikern und Studio-Realisatoren im Hintergrund, unterstützt von Technik neuestem Stand. Und ja, das ist Fortschritt im Sinne von Weiterentwicklung. So wie sich auch Uderzo/Goscinny im ungefähr gleichen Zeitraum von Asterix, der Gallier (1961) zu Asterix als Legionär (1967) entwickelt haben: Ausbau der Figuren, Verbesserungen der Zeichnungen, Mehrdeutigkeiten, Interpretationsebenen. Oder Beefhearts Entwicklung von „Diddy Wah Diddy“ zu „Ella Guru“, oder John Coltranes von Ballads zu Ascension, oder der Rolling Stones von Aftermath zu Let It Bleed, oder oder.
Ich habe einen bestimmten Verdacht: Wer vom Fortschrittsglauben in der Musik abrät, weil sie geradewegs "in Hölle und Prätention" führt, der hängt möglicherweise einer Authentizitätserzählung nach, einem Glauben an „ehrliche“, „handgemachte“ Musik für die Ewigkeit. Und wer daran hängt, hat womöglich den Hang, sich in eine reine Lehre des Echten zurückzuziehen. Ich schweife ab, daher:
Gute Besserung, Mr. Raccoon, dem Rekonvaleszenten.

Don’t Pass Me By ***1/2
Weil ich Ringo mag, auch wenn er nicht die ganz große Nummer im Songschreiben ist, gibt es mehr Punkte, als ich in unmilderer Laune vielleicht vergeben würde. Die Mono-Version ist schneller (oder langsamer, weiß ich grad nicht).

Why Don’t We Do It In The Road? ***
Love-In-Nachwehen. Ein paar kurze, kräftige Zwischenrufe, bevor es wieder Sterne hagelt.

I Will *****
Liebeslied 1 (McCartney)

Julia *****
Liebeslied 2 (Lennon)
"I Will" und "Julia" gehören für mich vergesellschaftet. Kleine, schöne, zarte Liebeslieder. McCartney formuliert allgemeiner. Lennon dagegen persönlicher, um die direkte Ansprache seiner Gefühle bemüht. Die Anfangszeile von "Julia" ist eine der schönsten, offensten und berührensten, die ich kenne: „Half of what I say is meaningless/ But I say it just to reach you/ Julia“. Direkter und gleichzeitig poetischer kann man es kaum ausdrücken. Dem Unsinn, den man redet, wenn man verliebt ist, seine Würde zu geben: Das ist hier unheimlich schön und zart und aufrichtig gelungen. Unsinn reden ist nämlich eine ernste Sache!

Seite 3

Birthday ****
Warum ist eigentlich Stevie Wonders „Happy Birthday“ der offizielle Geburtstagssong im Pop-Wunderland geworden und nicht McCartneys „Birthday“? Dann könnten nämlich alle aus vollem Hals schreien, ohne sich zu schämen. Mit Birthday beginnt die dritte Seite: Rempel-Rock zum Geburtstag, Lennons Abrechung mt den heuchlerischen Aspekten des British Blues Revival, große kleine Sketche, Guru-Bashing, größter Lärm, atemberaubendes bassiges Flappen.

Yer Blues *****
Lennons Genervtsein vom britischen saturierten Baden im Blues. McCartney wollte den Titel noch verhindern. Großartiges Blues-Motiv, ein Grollen und Heulen. Wie ausgelutscht dagegen die typischen Blues-Pattern, die damals im British Blues Revival plattgespielt wurden.

Mother Nature’s Son ****1/2
So ein kleines großes McCartney-Ditty. Wo die Bläser von kleiner, bescheidener Perkussion übertönt werden, als könnte der kleine Mann der großen lauten Maschinerie etwas entgegenstellen.

Everybody’s Got Something To Hide Except Me And My Monkey ***
Verklausulierter Schabernack auf links gedreht. Ist eigentlich Beefhearts „Making Love To A Vampire With A Monkey On My Knee“ eine Antwort darauf? Oder sogar generell auf die kurzen eingestreuten Songsketche des Weißen Albums? Making Love (as we do it on the road) To A Vampire (who has something to hide) With A Monkey (licking wild honey pie) On My Knee“

Sexy Sadie *****
Auch wieder so ein Lieblingssong aus Lennons scharfer Feder. Im Gegensatz zu anderen finde ich es gut, dass hier keine Namen genannt werden, sondern alles verklausuliert besungen wird. Wieder so ein Beatles-Song, der an allgemeinem Songreichtum (Melodie, Gesang, Arrangements, Ideendichte) überquillt, ohne ein Gewese daraus zu machen.

Helter Skelter *****
Kolossalster Krach, den die Beatles fabriziert haben. "Helter Skelter" kann nichts dafür, dass die Manson Family ihn für sich okkupiert hat. Es hatte aber natürlich einen Grund, dass sie es taten. Es steckt eine böse Energie drin, ein Springteufel. Die Mono-Version ist völlig anders, braver. Sie kommt nicht zurück, um uns ein zweites Mal heimzusuchen. Es fehlen die Blasen an den Fingern.

Long, Long, Long *****
Schön, wie hier die Soundquellen bassig zusammenfließen. Ringo ist auch wieder toll in den Breaks, die präsent sind, wenn man auf sie achtet, sich aber nicht aufdrängen, wenn man nicht auf sie achtet.

Seite 4

Revolution 1 *****
Lennons Bedürfnis, etwas zur Revolution zu schreiben. Nur fand die Revolution gar nicht statt. Ist aber nicht seine Schuld. Gemessen an dem Thema eine recht lässige Version, die Single-Version klingt um einiges schärfer und elektrischer, wie hier sicher alle wissen.

Honey Pie *****
Ballroom-Musik, die sich irgendwann in meinem Kopf mit dem Gesellschaftsfoto von Jack Torrance verband, das im Hotelfoyer des Overlook Hotels hängt: „My position is tragic / Come and show me the magic“ of „all work and no play / makes jack a dull boy“. In den letzten Jahren ist eine weitere Assoziation dazu gekommen: The Caretakers verstörendes Projekt An Empty Bliss Beyond This World und die nachfolgenden Alben des Projekts, das sich den langsam verschwindenden Erinnerungen eines Alzheimer-Kranken widmet. Mit das Erschütterndste, was ich je gehört habe.

Savoy Truffle *****
Wie der Guru, der so viele Eiskugeln essen muss, um in einen bestimmten Bewusstseinszustand zu kommen – das ist zwar dann Lennons Geschichte, aber ich mag es, wie Harrison hier den zynischen Part übernimmt, den man eigentlich eher Lennon zugetraut hätte. Essen fürs Vergessen bis ihr kotzt! Der Bruder zum Schweinesong auf Seite 2.

Cry Baby Cry *****
Ein irgendwie unerklärlich guter Song, der einen im Traum verfolgen kann. Ich glaube, die Seite 4 von The Beatles ist das seltsamste, was die Beatles je aufgenommen haben.

Revolution 9 ~~~~~~
Lennon samplet und klebt sich seinen Schaeffer, gibt Stockhausen die Hand und Fluxus einen Kuss. Eno erwähnte mal, dass sich noch die größte Kakophonie als eine logisch aufgebaute Struktur einprägt, wenn man sie nur oft genug gehört hat. Es gibt eine DVD, die sich unter anderem damit beschäftigt, wie McCartney in den Sechzigern noch vor Lennon von der britischen Avant-Garde auf Stockhausen, Berio, AMM und Delia Derbyshire aufmerksam gemacht wurde (Going Underground: Paul McCartney, The Beatles And The UK Counter-Culture). Aus diesem Trog künstlerischer Inspiration wird hier geschöpft. Und mal ehrlich: Number 9. Number 9. Number 9. Das vergisst du nie!

Harrison hat mitgeholfen an "Revolution 9". Auch McCartney war experimenteller Musik und Tapemanipulationen nicht abgeneigt. 1966 besuchte er mindestens eine Session des britischen Improviationsprojektes AMM. Wahrscheinlich in der Folge auch mehrere Konzerte. Lennon konzipierte Revolution 9 aus dem, was er im Studio zur Verfügung hatte: Bandschnipsel, Sprachaufnahmen, Effekte durch Manipulation des Materials, Loops. „Gib mir ein Stück Tape und ich mach was draus“. Ganz Kind der Zeit erklärte er den Track als eine Art Collage dessen, was im Äther zu hören wäre während 'der Revolution'.

Good Night *****
Tolles intimes Abschluss- und Gutenacht-Stück, als würde man auf einer Vegas-Bühne im Glitzerpyjama vom Onkel mit den vielen Ringen in den Schlaf gesungen werden, während im Hintergrund Heerscharen von geigenden Engeln auf der sich ins Unendliche erstreckenden Showtreppe Spalier stehen.
Sounds – das längst verblichene Musikmagazin aus Hamburg – empfand in ihrem zeitgenössischen Supertotalverriss von The Beatles „Good Night“ als vollkommen deplaziert und daher symptomatisch für das gesamte Album und dessen hilfloser Aneinanderreihung schlecht aufgekochter Ideen (aus meiner Erinnerung rekapituliert). Gute Nacht.

Mit The Beatles haben sich die Beatles getrennt. Exemplarisch getrennt für die unzähligen Gruppen meist heterosexueller junger Männer, die ihnen folgten und noch folgen werden, indem sie eine Band gründen, um darin als Heranwachsende eine soziale Zugehörigkeit und Identität zu finden – bis die individuellen Interessen und Entwicklungen den Verbund nach und nach lockern und auflösen. Wenn es ein Kunstwerk gibt, das diese Entwicklung aus einer Gruppe heraus zum Individuum hin reflektiert, mit all den bewussten und unbewussten kleinen Trennungen und Verletzungen, die so eine Entwicklung begleiten, mit all den Freisetzungen kreativer Energie, mit den Spiegelungen der vergangenen Leistungen des sozialen Verbunds, ihrer Zuspitzung und der Ahnung, dass der Zusammenhalt letztendlich in einer notwendigen Sprengung enden muss, um als Individuum weiterzukommen, dann ist es (für mich) das White Album der Beatles.

Vielleicht das erste Pop-Album der Geschichte, das einen als Jugendlichen mitnimmt und als Erwachsenen entlässt, das sich dieses Zusammenhangs vielleicht noch nicht mal bewusst ist, sondern mitten im Prozess steckt, auf sich Bezug nehmend („Glass Onion“) und gleichzeitig andere Epochen zitierend, um damit von der persönlichen Krise abzulenken (Ballroomsound auf „Honey Pie“, Jahrmarktsmusik auf „Ob-La-Di, Ob-La-Da“, die große Las-Vegas-Showtreppe in „Good Night“). Gleichzeitig werden sehr intime Momente in die Matrix eingelassen und individuell ausgeformt („Long, Long, Long“, „I’m So Tired“). In seiner Zitierwut ist The Beatles bis zum Anschlag postmodern (und das schon 1968, als man diesen Begriff in der Popmusik noch gar nicht verwendete).

Das kleine Kollektiv heterosexueller junger Männer zerfällt langsam in Individuen. Vier etwa DinA 4-große Portraitfotos sind dem Album beigelegt. Eines für John. Eines für Paul. Eines für George. Eines für Ringo. Vier Einzelbilder, jedes davon in einer individuellen Session aufgenommen. Bei Lennon erkennt man einen grünlichblauen (Fotostudio?-)Hintergrund. McCartney steht vielleicht irgendwo im Garten. Harrison ist vor hellem Hintergrund abgelichtet. Ringo vor einem schwarzen Hintergrund mit weißen undeutlichen Linien. Man kriegt die vier einfach nicht mehr zusammen aufs Bild. Man muss sie schon collagieren, wollte man sie zusammenbringen. 

Diese Collage existiert wirklich. Sie ist dem Album als Poster beigefügt, das in etwa die sechsfache Abmessung eines LP-Covers umfasst. Dutzende Fotos werden übereinandergeworfen, ein dreitagebärtiger McCartney sinkt erschöpft in eine Badewanne; Lennon schaut hässlich und grotesk durch den blauen Filter einer Vogellinse; Yoko ist zu sehen; Brian Epstein, der Manager, der zwei Jahre zuvor starb; Ringo Starr tanzt mit Liz Taylor; Harrison meditiert mit dem Maharishi. Es gibt nur eine handvoll Fotos, wo alle vier gemeinsam zu sehen sind; meist sind es alte Fotos, und sie sind so winzig, dass sie in den großformatigen Einzelshots als unwichtige Fußnoten untergehen.

Auf der Rückseite des Posters sind die Texte abgedruckt. Will man die Texte mitlesen, kann man die Collage nicht anschauen. Betrachtet man die Collage, kann man die Texte nicht sehen. Es geht nicht zusammen.

Danach fabrizierten die Beatles noch eine Jamsession-Platte. Stundenlanger uninspirierter Kram mit inspirierten Momenten dazwischen. McCartney koordinierte den Terminplan, die Truppe musste um 8 Uhr morgens in einem turnhallenähnlichen Raum antanzen und Rock’n’Roll spielen, während dutzende Kameraleute und Mikrophonhalter um sie herumschwirrten. Lennon und Harrison waren angepisst von diesem Konzept. Sie wollten nicht proben wie eine Schülerband. Trotzdem gab es auch in dieser Phase der Aufnahmen Momente zwischen echter Zuneigung, Humor und Ich-gehe-jetzt-raus-das-wars-Auseinandersetzungen. Am Ende warfen die Beatles alles Phil Spector vor die Füße, der sich endlich seinen Traum erfüllen und die Beatles produzieren konnte. Der versuchte sich als Tonband-Archäologe und bastelte aus dem stundenlangen Material tatsächlich noch ein teilweise gutes Album. Auch wenn er unbedingt noch seinen wumsig-egozentrischen Spector-Backtriebmittel-Sound unterbringen musste, ohne den es mindestens genauso gut geworden wäre.

Am Ende haben sie es aber dann doch alle mit der Angst zu tun bekommen, das Projekt erstmal hintenan gestellt und ganz schnell ein (natürlich außerordentlich gutes) Pop-Album zwischengeschoben, Abbey Road. Im Prinzip ein McCartney-Album, das den Mythos nochmal zusammenhalten sollte. Lennon und Harrison saugten sich dafür in der Eile auch noch ein paar hübsche Songs aus den Fingern und durften an von McCartney zugeordneten Plätzen ein paar Gitarrensoli beisteuern. Das wars. Das Jamsession-Album (Let It Be) wurde danach veröffentlicht. Die Beatles waren aber schon Geschichte.

Es blieben: Verletzungen und Unausgesprochenes; unverbindliche Urlaubspostkarten von Linda und Paul an Yoko und John. Es blieb Ringo, der Neutrale, der für seine Kumpel immer mal wieder trommelte und eigentlich von allen bis heute am glücklichsten wirkt. Es blieben Psychotherapie und schottische Einsiedelei. Es blieb beeindruckender Friedenskitsch und Brot backen im Dakota-Building. Es blieb Naiv-Pop und "Mull of Kintyre". Es kamen Versöhnungen, Anthologien, Remixe und zwei Geisterversionen von Lennon-Demos. Es blieben Spaßprojekte mit befreundeten Superstars und Liebeskrisen und -bekundungen mit Yoko Ono. Es wurden – und das ist die Hauptsache – Individuen mit eigener Geschichte und Biographie. Und es kamen zwei Pistolenkugeln und Krebs.

Ich kann nicht behaupten, dass ich wirklich kapiert habe, wie sehr doch das Album das Auseinanderfallen einer Gruppe junger Männer dokumentiert hat, als ich das White Album kennen lernte. Aber ich kann mich erinnern, dass ich schon damals als Jugendlicher merkte, dass damit irgendwas anders war. Es war anders als die andere Beatles-Musik, die ich so kannte. Das fing schon mit dem unglaublichen Cover an. Weiß, sonst nichts. Mir kam das Album vor wie eine alternative Version der Beatles. Wie eine geheime Version ihrer selbst. Als hätte ich das Album nur geträumt, mit allen irren Wendungen und Wechselbädern, die nachhaltige Träume so bereitstellen (ich träumte wirklich mal ganz real einen kompletten Asterix-Band, der nie existierte). Ich kannte vorher von den Beatles die Hits natürlich, ich kannte sie durcheinander, weil ich sie erst nach ihrer Trennung zu schätzen lernte. The Beatles hatte zwar auch Hits (also alles, was es auf 1967-1970 geschafft hat), aber es hatte auch intime Liebeslieder, und den heftigsten Lärm, den ich jemals gehört hatte ("Helter Skelter"). Bezaubernde kleine Geschichten über Bungalow Bill, Rocky Racoon und Honey Pie. Eine teils brachiale, zerschossene, auch textlich angriffslustige dritte Seite, und es hatte die seltsame Seite 4 mit "Honey Pie", "Savoy Truffle", "Cry Baby Cry", "Revolution 9" und "Good Night", dieses fantastisch klebrige Ende nach dem Schaeffer-Gedächtnisstück "Revolution 9". Ich fühlte, dass es die Beatles waren und doch waren sie es irgendwie auch nicht. Und so war es ja auch. Sie gab es ja gar nicht mehr. Es gab einzelne Menschen, denen andere Menschen behilflich waren.

Sternebewertung: Oberhalb der Messgrenze.
Zuletzt geändert von wahr am 30 Mär 2026, 07:56, insgesamt 4-mal geändert.
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Hallogallo
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von Hallogallo »

Ich muss mal eine Lanze für Obladi-Oblada brechen, so schlecht ist der Song nicht. Ein optimistischer, lustiger Popsong, der gute Laune macht! Er hat einen Offbeat, wie Ska und Reggae, der gleich in die Beine geht.
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von dogear »

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pipe-bowl
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von pipe-bowl »

Vielen Dank für deine ausführliche Einschätzung, @wahr , die ich gerne gelesen habe. Wobei ich natürlich nicht an jeder Stelle zustimmend nicken konnte. Aber die Texte haben mich bestens unterhalten. Meine Wertungen kommen in gewohnter Form ohne Worte, aus der sich in Teilen unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen dennoch ablesen lassen sollten. Auf jeden Fall ein ganz besonderes Album, das ich auch nur so hören möchte, wie es ist.

Chronologisch:

Back in The U.S.S.R. * * * * *
Dear Prudence * * * * *
Glass Onion * * * *
Ob-la-di, ob-la-da * * * 1/2
Wild honey pie * 1/2
The continuing story of Bungalow Bill * * * *
While my guitar gently weeps * * * * *
Happiness is a warm gun * * * * *
Martha my dear * * * *
I’m so tired * * * * *
Blackbird * * * * *
Piggies * * * 1/2
Rocky Raccoon * * * * *
Don’t pass me by * * * 1/2
Why don’t we do it in the road? * * * *
I will * * * *
Julia * * * * 1/2
Birthday * * * *
Yer Blues * * * * *
Mother Nature’s Son * * * *
Everybody’s got something to hide except me and my monkey * * * *
Sexy Sadie * * * * 1/2
Helter Skelter * * * * *
Long, long, long * * * * 1/2
Revolution 1 * * * * *
Honey Pie * * * *
Savoy truffle * * * *
Cry Baby Cry * * * * *
Revolution 9 * 1/2
Good Night * * *

Meine Gesamtwertung bleibt hier bei * * * * *. Da muss mir niemand mit Mathematik kommen.

Track-Ranking:

01. Happiness is a warm gun
02. Rocky Raccoon
03. Revolution 1
04. While my guitar gently weeps
05. Helter Skelter
06. Back in the U.S.S.R.
07. Dear Prudence
08. Blackbird
09. I'm so tired
10. Yer Blues
11. Cry Baby Cry
12. Julia
13. Sexy Sadie
14. Long, long, long
15. I will
16. Birthday
17. Glass onion
18. Mother Nature's Son
19. Everybody's got something to hide except me and my monkey
20. Martha my dear
21. Why don't we do it in the road?
22. Savoy truffle
23. Honey Pie
24. The continuing story of Bungalow Bill
25. Don't pass me by
26. Ob-la-di, ob-la-da
27. Piggies
28. Good night
29. Revolution 9
30. Wild Honey Pie
There's room at the top they are telling you still, but first you must learn how to smile as you kill.
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The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von icculus »

Habe mir gerade überlegt,
ob das hier irgendwie
für die Welt relevant ist.

Sterne.
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Mozza
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von Mozza »

@wahr

Sehr gute Kommentare zu den einzelnen Tracks. Würde ich weitgehend alles so unterschreiben, einzig bei "Ob-La Di, Ob-La-Da" liegen wir auseinander. Das Stück schätze ich dann doch deutlich höher ein; dafür einige andere niedriger als du.
Aber im Großen und Ganzen hören wir das dann doch nicht unähnlich.
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von kathisi »

Ihr habt es geschafft - das Album kommt kurzfristig auf die Playlist! Und erst danach werde ich dann hier "besternen".

Toller Text - auch ich unterschreibe bei weitem nicht alles, aber er fordert auf, sich nochmal mit seinen (Vor-)Urteilen zu beschäftigen.

Bisher habe ich das Album immer als Sammelsurium einer zerfallenden Band gehört, in der jeder nochmal seinen Input gibt, wo aber nur noch wenig zusammen bleibt und insbesondere die internen Korrekturmechanismen zwischen Lennon und McCartney nicht mehr funktionieren. Das führt dann zu Ob-La-DI, Ob-La-Da und Revolution #9. Was für mich bisher dazu führte, dass ich das Album weniger schätze, als es bei der Summe seiner Teile mit den vielen Höhepunkten eigentlich sein sollte (quasi der Gegeneffekt zu @pipe-bowl, der dafür ja die Mathematik aushebelt :)). Ich höre nochmal nach!
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von dogear »

icculus hat geschrieben: 28 Mär 2026, 20:04 Habe mir gerade überlegt,
ob das hier irgendwie
für die Welt relevant ist.

Sterne.
Die Sonne ist doch ein auch Stern.
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wahr
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von wahr »

Bei "Ob-La-Di, Ob-La-Da" kommt einiges zusammen, was McCartney öfter aus seinem kompositorischen Werkteugkasten verwendet. Das Kinderliedhafte, die Albernheit, das Singen über Dritte (Desmond, Molly), Musikzitate, lautmalerischen Nonsens. Alles daraus kann zum Vorteil oder Nachteil eingesetzt werden. Hier feiert der Nachteil einen ungefährdeten Sieg. Früher als Kind mochte ich das Stück, aber ich bin halt kein Kind mehr. Zum Ska-Einfluss: Kann sein dass er vorhanden ist, es gab zu der Zeit ja Ska in den britischen Charts, aber ein Offbeat macht für mich noch keinen Reggae. Ich sehe auch inhaltlich keine Verbindung. Gut finde ich, dass es schwer ist, den Songtitel richtig zu schreiben ohne nachzuschauen. :)
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Re: The Beatles – The Beatles (White Album) 1968

Beitrag von Pheebee »

Hallogallo hat geschrieben: 28 Mär 2026, 18:13 Ich muss mal eine Lanze für Obladi-Oblada brechen, so schlecht ist der Song nicht. Ein optimistischer, lustiger Popsong, der gute Laune macht! Er hat einen Offbeat, wie Ska und Reggae, der gleich in die Beine geht.
Ich finde auch, dass mit dem Song vielfach zu streng umgegangen wird. Wie heißt es schon im Text: "Happy ever after in the market place[..]" why shouldn't it make me happy?
Und dann noch die Zwischenrufe nach "Desmond lets the children lend a hand" (arm, leg), das ist doch witzig.

Ska und Reggae Einflüsse sind mit Sicherheit vorhanden [1], doch sie müssen einen ja nicht direkt anspringen wie ein schlecht erzogener Köter.
[1] verstärkt durch das Piano, was wohl Lennons Idee gewesen sein soll
pipe-bowl hat geschrieben: 28 Mär 2026, 19:27Auf jeden Fall ein ganz besonderes Album, das ich auch nur so hören möchte, wie es ist.
Zustimmung. Versuche, Listen zu erstellen, die das Album von zwei LPs auf eine LP zurückstutzen wie eine Zimmerpflanze, halte ich für verfehlt.