Ich hab ja lang schleifen lassen ... drei Dutzend Konzerte gehört seit letztem Herbst, über die zu berichten ich schon im RS-Forum keine Zeit mehr fand.
Mal wieder einen Anlauf nehmen, mich kurz fassen ... Auslöser ist ein fabelhaftes Brahms-Konzert mit Janine Jansen letzte Woche, und gestern wurde nachgedoppelt mit Hilary Hahn und dem ersten von Prokofiev.
12.03.2026 - Zürich, Tonhalle - Paavo Järvi & Janine Jansen
Tonhalle-Orchester Zürich
Paavo Järvi Music Director
Janine Jansen Violine
Thomas Adès «Three Studies from Couperin»
Johannes Brahms Violinkonzert D-Dur op. 77
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Felix Mendelssohn Bartholdy Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 MWV N 18 «Schottische»
Die beiden sind ein eingespieltes Gespann. Wenn ich mich richtig erinnere, war meine erste Begegnung mit Jansen und Järvi ein Konzert in der Saison 2018/19, bei dem sie Mozarts Konzert KV 219 spielte - mit Järvi am Pult, der in der zweiten Konzerthälfte die erste Symphonie von Beethoven dirigierte - und beiden Werken jeweils ein kürzeres Orchesterstück von Messiaen voranstellte (vgl. die entsprechende alpha-CD-Produktion). Wie begeistert ich da war, weiss ich noch. Jansen war in der Saison Artist-in-Residence und ich besuchte bis auf das erste (Berg hatte ich dirket davor schon mit wem anderem gehört und seither auch wieder, ich bedaure den damaligen Fehlentscheid - eine Übersicht gibt es in der Pressevorschau zur Saison hier auf den Seiten 10/11) alle Konzerte mit ihr. Bei jenem mit Mozart hatte ich die geringsten Erwartungen, die umso deutlicher übertroffen wurden. Eine kluge, mutige Musikerin ist sie, die im Brahms-Konzert eine Art Kampf mit Järvi und dem Orchester ausfocht, der selbst im Pianissimo an Intensität kaum zu übertreffen war - und sich im Schlusssatz in Minne auflöste. Eine kluge Konzeption, die so spontan wirkte, dass kaum zu sagen war, ob das so geplant war oder sich erst im Augenblick ergab. Jansen verfügt über eine immense Klangpalette, ihr Ton ging bis ins Hässliche, Grobe, aber dann auch auf zarteste Weise bis ins verschwindende, ganz langsam ausklingende Nichts, um wieder anzusetzen, von neuem zu beginnen - und Höhen zu erklimmen, wie sie nur die allerbesten je erreichen. Beeindruckend!
Davor schwebende, sehr sehr schöne Klänge in Adès Couperin-Bearbeitungen. Es brauchte einen Moment, bis ich da reinfinden konnte, aber allmähliche fächerte die Musik mit ihrer reichen Palette sich vor mir auf und wurde immer schöner, immer lebendiger - und das, obwohl sie ganz nah an den Vorlagen bleibt. Nach der Pause eine dunkle, schlanke, fast getriebene "Schottische" - grosser Applaus rundum, stehende Ovationen für alle. Und keine Zugabe von Jansen. Klar, was hätte sie da auch noch hinzufügen sollen, wo alles, wirklich alles, gesagt war.
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15.03.2026 - Zürich, Tonhalle - Klavierabend mit Evgeny Kissin
Evgeny Kissin Klavier
Ludwig van Beethoven Klaviersonate Nr. 7 D-Dur op. 10 Nr. 3
Frédéric Chopin Aus 4 Mazurkas op. 41: Nr. 2 e-Moll (Mazurka Nr. 27)
Aus 4 Mazurkas op. 41: Nr. 4 As-Dur (Mazurka Nr. 29)
Aus 3 Mazurkas op. 56: Nr. 3 c-Moll (Mazurka Nr. 35)
Aus 3 Mazurkas op. 63: Nr. 1 B-Dur (Mazurka Nr. 39)
Mazurka a-Moll B. 140 (Mazurka Nr. 51)
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Robert Schumann «Kreisleriana» op. 16
Franz Liszt «Ungarische Rhapsodie» Nr. 12 cis-Moll S 244
Weihnachtsgeschenk für meine Mutter ... und ein sehr schöner Abend. Die "Kreisleriana" live zu hören war sehr toll, in der Interpretation schon dunkel, aber nicht so rätselhaft, wie ich die Stücke gerne höre - etwas zu gradlinig vielleicht. Den Beethoven am Anfang fand ich unerwartet gut, vollkommen stimmig. Und den Chopin natürlich auch sehr, sehr gut. Am Ende wurde es virtuos. Sehr. Wir blieben noch für zwei Zugaben (es galt, einen Zug zu erwischen, das Konzert war für einen Sonntag etwas spät angesetzt, auch für meinen Geschmack - die Tonhalle selbst lässt die Sonntagskonzerte früher beginnen, aber Kissin trat im Rahmen einer Reihe eines anderen Veranstalters auf) - von der ersten weiss ich nicht, was es war, die zweite war dann wiederum vollkommen bekloppt virtuos... und ein totaler Mindfuck. Das Stück gibt es von Kissin in früheren Einspielungen auch in der Tube, aber die unglaubliche Dynamik wird da nicht greifbar. Er spielte die rasendsten Läufe im zartesten Pianissimo - mit einer unglaublichen Kontrolle und Perfektion. Stehende Ovationen natürlich, mehrmals, riesiger Applaus (ein voller Saal auch, inklusive hundert Zusatzplätzen auf der Bühne).
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18.03.2026 - Zürich, Tonhalle - Paavo Järvi & Hilary Hahn
Tonhalle-Orchester Zürich
Paavo Järvi Music Director
Hilary Hahn Violine
Arthur Honegger Sinfonie Nr. 2
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Sergej Prokofjew Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19
Gustav Mahler Adagio aus Sinfonie Nr. 10 Fis-Dur
Gestern dann wieder Järvi mit seinem Orchester (ich lese, dass er 2028/29 das LPO übernimmt - das ist dieselbe Saison, bis zu der noch sein Vertrag mit dem Tonhalle-Orchester läuft ... wäre schade, wenn die Reise nicht weitergeht, aber sie war auf jeden Fall sehr ergiebig und hat, so dünkt mich, dem Orchester auch wirklich viel gebracht. Das wurde gestern einmal mehr sehr deutlich, schon im Honegger mit wohl 60 Streichern (ich konnte die 1. Geigen nur teils und die Bässe gar nicht sehen, aber 2. Geigen gab es 14, Bratschen 12, Celli 10), und im dritten Satz natürlich einer Solo-Trompete (Philippe Litzler vom TOZ). Wuchtig brodelnde Streicher mit kompaktem, vollem, dunklen Klang in einer hervorragenden, packenden Lesart des Stückes. Der Drive im dritten Satz war wirklich mitreissend, der Klang in allen Schattierungen von Dunkelheit, bin hin zum düsteren Abgrund.
Nach der Pause Hahn, die noch eine Zugabe von Bach spielte - spielen musste, das Publikum wollte mehr von ihr hören und das Konzert von Prokofiev ist kurz. Auch das eine hervorragende Aufführung, wie bei Jansen wurde die Dynamik voll ausgekostet, es gab Momente, in denen die Musik fast verschwand, der wunderbare Klang des Saales umso deutlicher wurde - und wie bei Jansen die immense Projektionskraft der Solistin noch im Pianissimo. Danach Mahler, das letzte Adagio - ein wilder Ritt, ein verzweifelter Tanz, unerbittlich weht das Ende über allem. Klar ist das ein Blick ex post - aber die Musik bricht ab, sammelt sich neu, kommt getrieben zu einem Höhepunkt. Wieder und wieder. Beeindruckend.
Nicht nur Mahler wurde mitgeschnitten, auch eine Honegger-CD-Produktion ist geplant - sehr erfreulich! (Und, das muss ich nachreichen, das war schon auf einem anderen Level als die Honegger-Sichtweise auf die Nr. 4 in Basel im Herbst 2024, die mich nicht so sehr zu überzeugen vermochte - das Konzert, das mit der "Pastorale d'été" begann, hatte ich drüben nur ganz knapp erwähnt).
Schön war auch das kleine Vorkonzert in der Reihe "Surprise", die von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK bestritten wird - gestern von Chouchan Siranossian einstudiert:
Daniel Schnyder (*1961): The Clutch. Version for Violin and Cello
Arthur Honegger (1892-1955): Sonatine für Violine und Violoncello (1932)
Lidiia Kocharian Violine
Mar Gimferrer Violoncello
Schnyders kurzes Stück, haben die Schwestern Siranossian schon eingespielt - gestern wurde es quasi als Zugabe am Schluss noch einmal wiederholt. Hauptsächlich stand aber auch da Honegger auf dem Programm, ein Kammermusikwerk, das knapp zehn Jahre vor der Symphonie im Hauptprogramm entstanden ist. Glaub ich hab die Sonatine zuletzt mit Kopatchinskaja/Gabetta gehört - auf der alpha-CD, aber nicht im Konzert, das ich 2021 von dem Duo auch hörte (und das mir etwas zu klamaukig war). Also auch da: toll, das Stück live hören zu können - und wie mich dünkte in einer durchaus gelungenen Lesart.
Die Honegger-Vertiefung, die ich nach dem erwähnten Konzert in Basel im Herbst 2024 schon als fernes Projekt vor mir her trug, schreitet also voran, wenn auch nur im Schneckentempo.
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So, demnächst mehr - vielleicht noch in Form eines kleinen Rückblicks über die letzten Monate.
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Sah Jewgenij Kissin am 7ten März 2026 mit identem Programm@ Musikverein Wien .... kann Deine Eindrücke weitestgehend nachvollziehen, aber besonders gut gefiel mir sein Chopin und die phänomenale Liszt Interpretation ....
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Re: Klassik live - Konzerte, Opern, Festivals
Ich mochte das Liszt Stück nicht sehr ... lag wohl eher am Stück, weniger an Kissin. Irgendwie fühlte sich das dann doch zu sehr nach Schaulaufen an - und klar, danach gab's gleich stehende Ovationen (nach der ruhigen ersten Zugabe dann nicht mehr, erst wieder nach der zweiten). Wie viele Zugaben gab es denn in Wien? Ich gehe eigentlich nie vorzeitig, aber in diesem Fall wollte ich nicht im Weg stehen.
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Re: Klassik live - Konzerte, Opern, Festivals
Er gab drei Zugaben .... eine Chopin Etude, das zweite Stück mir nicht bekannt und schliesslich den Mai aus Tschaikowskijs Jahreszeiten ....gypsy tail wind hat geschrieben: 20 Mär 2026, 08:32 Ich mochte das Liszt Stück nicht sehr ... lag wohl eher am Stück, weniger an Kissin. Irgendwie fühlte sich das dann doch zu sehr nach Schaulaufen an - und klar, danach gab's gleich stehende Ovationen (nach der ruhigen ersten Zugabe dann nicht mehr, erst wieder nach der zweiten). Wie viele Zugaben gab es denn in Wien? Ich gehe eigentlich nie vorzeitig, aber in diesem Fall wollte ich nicht im Weg stehen.
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Re: Klassik live - Konzerte, Opern, Festivals
Danke. Die erste könnte auch in Zürich Chopin gewesen sein. Die zweite in Wien war nicht der Strauss-Romp, den ich oben verlinkt hab?
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Re: Klassik live - Konzerte, Opern, Festivals
Nein, es schien mir etwas "spanisches" zu sein ....gypsy tail wind hat geschrieben: 20 Mär 2026, 12:29 Danke. Die erste könnte auch in Zürich Chopin gewesen sein. Die zweite in Wien war nicht der Strauss-Romp, den ich oben verlinkt hab?
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