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Irrlicht
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Beitrag von Irrlicht »

Hab Lust da weiter zu machen, wo es im alten Forum aufgehört hat und kopier eben noch ein paar Texte rüber. :)



PATTI SMITH: Im Jahr des Affen / Year of the monkey (2019)

Mein zweites Buch von Smith, nach „Hingabe“, das zwei Jahre vorher erschien. Als Musikerin verehre ich Patti Smith, ich mag aber auch ihren Schreibstil durchaus gerne. „Im Jahr des Affen“ ist mehr Tagebuch als Geschichte und springt dabei munter in der Zeit. Mal verliert man sich in einem Gemälde und reist Jahrhundert zurück, mal bildet sich ein Strom an Gedanken rund um die Frage der Vergänglichkeit, gerahmt durch mehrere Todesfälle in Smiths Biografie, dann ist man in die Gegenwart geschleudert und sieht sich Krisen rund um die Wahl von Trump und dem Beginn der Coronapandemie konfrontiert. Ihr Stil ist relativ schlicht und zumindest in Teilen auch gut greifbar. Im Werk wird regelmäßig nicht nur in der Zeit gewandert, sondern auch zwischen realer Welt, Träumen und Halbschlaf – einige Metaphern und auch kulturelle Referenzen sind mir zwar nicht ganz aufgegangen, dennoch ist das Buch in jedem Falle lesenswert.



Märchen aus 1001 Nacht / Alf Laylah wa-Laylah (Eurobooks, 1998)

Mehrere Monate dran gelesen und nun beendet. Mit gut 650 Seiten und drei Dutzend Geschichten zwar nur ein ziemlich kleiner Teil dieses sehr viel umfassenderen Monuments – aber es war schön, einmal so tief in diese Welt einzutauchen.

Ich liebe so ziemlich alles daran: Die schiere Unendlichkeit an Symbolik, an Ideen und purer Phantasie, die Verbindung der Geschichten miteinander, die Querverweise über ganze Geschichtenfolgen hinweg, das Pathos, die Tiefe, den Humor, die Sprachästhetik.

Ich finde, es ist auch generell gut zu lesen. Die im Artikel erwähnte Islamisierung des Werkes muss man mögen, im Grunde wirft sich schon alle zwei bis drei Seiten irgendjemand zu Boden, weint und preist Allah (denn es gibt keinen anderen Allah, außer Allah). Als historisches Zeitdokument (Stichwort: Sklaventum, Geschlechterrollen, Schönheitsideale, Religion, Antisemitismus usw.) sind die „Märchen aus 1001 Nacht“ aber ohnehin spannend.

Auch, wenn ich so ziemlich alle Geschichten gerne gelesen habe, ist es nicht ganz makellos: Die endlosen Aufzählungen von Prunk und Schönheit sind manchmal arg redundant, das Gottesfürchtige mitunter am Rande zum Schwulst und Jahrtausende alte Lyrik aus völlig anderen Sprachräumen ins Deutsche zu übersetzen, funktioniert in der Mehrheit nur bedingt.

Ansonsten natürlich: Muss man haben.

Radnotizen:

Disney hat, wenn ich das recht erinnere, bei ihrer Verfilmung munter diverse Inhalte von verschiedenen Geschichten zu einer zusammengezurrt. Ich müsste „Aladdin und die Wunderlampe“ nach gefühlt 30 Jahren aber auch mal wieder anschauen.

Da ich es letztes Jahr erst gelesen habe: In Preußlers „Krabat“ findet sich eine Sequenz, die, fast identisch, auch in einer der Märchen auftaucht. Ein schönes kleines Bonbon und eine nette Verneigung vor diesem Werk.



YASUSHI INOUE: Das Jagdgewehr / Ryōjū (1949)

Inoues zentrales Werk von 1949 und mein zweites Buch von ihm. Ich mochte den filigranen Stil von „Liebe“ schon, aber „Das Jagdgewehr“ ist an Symbolstärke deutlich ergreifender. Gerade 90 Seiten, drei Briefe, drei lange absorbierende Monologe, die sich mit Mord und Selbstmord, Liebe und Verachtung, Einsamkeit und Erfüllung beschäftigen und vor allem dem großen, betäubend leeren Raum des Nichtgesagten. Inoue findet hier eine ganze Reihe herausragender Bilder und, wie bei asiatischen Autoren gar nicht mal selten, arbeitet „Das Jagdgewehr“ auch immer wieder mit kleinen, dezenten Callbacks, Motiven, die sich durch die Erlebniswelten der Menschen ziehen und sich zu einem eigenen, übergeordneten Bild, zusammensetzen.

Kleines Meisterwerk und zurecht ein Klassiker der japanischen Literatur.
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Irrlicht
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Beitrag von Irrlicht »



IMRE KERTÉSZ: Roman eines Schicksallosen / Sorstalanság (1975)

„Roman eines Schicksallosen“ habe ich vor Jahren angefangen und dann beiseitegelegt, damals habe ich zu der sehr nüchternen Sprache von Kertész nur bedingt Zugang gefunden. Die letzten Tage war das ganz anders, das Buch wirkte völlig absorbierend. Die Geschichte, geschrieben aus der Sicht eines ungarischen, jüdischen Jungen, ist im Grunde schnell erzählt: Deportation nach Ausschwitz, dann nach Buchenwald und Zeitz. All diese Stationen hat Kertész selbst erlebt, man kann davon ausgehen, dass ein großer Teil der enorm erfühlbaren und detaillierten Welt dieses Werks autobiografisch ist.

SPOILER:

Das Überwältigende an „Roman eines Schicksallosen“ ist das, was Reich-Ranicki vor Jahren zurecht hervorgehoben hat: Da ist keine Empörung, keine Anklage, keine große Emotionalität. Das Trauma liegt im Nichtgesagten, die Gewalt im Alltäglichen. Es lebt darin, dass der Junge zum Teil des Lagers wird, zu einer beliebigen Nummer in einer langen Kette an Namenlosen. Der berührendste Moment ist vermutlich das Ende. Nicht, weil die Figur gebrochen und ausgezehrt nach Budapest zurückkehrt und erfährt, dass das Erinnerte nicht mehr existiert und der Vater nicht mehr am Leben ist, auch nicht, weil nahezu nichts mehr Klarheit besitzt – sondern weil sie sich in die radikale Wirklichkeit des Lagers zurücksehnt und zuletzt Heimweh empfindet, weil ihr die neue alte Welt fremd geworden ist .
Zuletzt geändert von Irrlicht am 01 Mär 2026, 11:36, insgesamt 1-mal geändert.
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Irrlicht
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Beitrag von Irrlicht »

1. IMRE KERTÉSZ: Roman eines Schicksallosen / Sorstalanság (1975)
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