Der letzte Film, den ich gesehen habe

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salamandersalat
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

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Bienvenue chez les Ch'tis (Regie: Dany Boon - Frankreich, 2008) 5,5/10
Kick-Ass (Regie: Matthew Vaughn - USA/Großbritannien, 2010) 7/10
Wòhǔ Cánglóng (Regie: Ang Lee - Taiwan/China/Hongkong/USA, 2000) 7,5/10
Xǐyàn (Regie: Ang Lee - Taiwan/USA, 1993) 7,5/10
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »



Vorhin im Kino (angenehm kühl nach den 26 Grad im Büro): That Day, on the Beach (Hai tan de yi tian) (TW 1983) -
Edward Yangs erster Langfilm, und was für ein Debüt! Wie er mit der grössten Leichtigkeit und Eleganz die komplexe Erzählstruktur voller Rückblenden - und Rückblenden in Rückblenden - und Sprüngen zwischen verschiedenen Zeitebenen umsetzt, ist wirklich atemberaubend. Und dabei ist das ein stiller, melancholischer Film, wie immer (?) über Menschen, die ihr Leben bewältigen, so gut es eben geht, ihre Kämpfe mit sich und ihrer Umgebung ausfechten, ihre kleine Fluchten suchen und manchmal finden. Ich kenne jetzt vier der sieben langen Filme (drei jetzt, "Yi Yi" vor einem knappen Jahr) und bin schwer beeindruckt.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

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motörwolf
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

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Nürnberg (Nuremberg, James Vanderbilt, 2025)

Während noch unklar ist, wie die Alliierten mit den gefangenen überlebenden Nazigrößen verfahren wollen, erhält der Armeepsychiater Douglas Kelley den Auftrag, die in Nürnberg Einsitzenden, allen voran natürlich Göring, zu untersuchen. Obwohl ein Prozess schwierig scheint, entscheidet man sich gegen die sofortige Hinrichtung der Kriegsverbrecher und gründet ein internationales Tribunal. Unterdessen entwickelt sich das Verhältnis von Kelley zu Göring in eine fragwürdige Richtung.

Der Film beginnt mit einer Kamerafahrt entlang einer Straße am Kriegsende. Man sieht flüchtende Deutsche, ein GI pinkelt auf eine am Boden liegende Hakenkreuzfahne, seine Kameraden beobachten die Flüchtlinge. Plötzlich fährt ein Auto mit Hakenkreuzstandarten recht rücksichtslos durch die Menschen auf die GIs zu, hält kurz davor und aus steigt Göring, der sich in aller Form ergibt, um dann ganz jovial den Soldaten zu erklären,dass sie schon mal seine Koffer holen könnten.
Schon in dieser kurzen Sequenz offenbart sich das ganze Dilemma des Films. Einerseits zeigt uns Vanderbilt sehr deutlich, wo er steht. Er zeigt uns die Folgen des Krieges, hier die Flüchtlingstrecks, und auch das Urinieren ist natürlich symbolisch extrem aufgeladen durch das anvisierte Ziel. Später im Film werden minutenlang die Bilder aus den KZ gezeigt, die auch im realen Prozess den Angeklagten vorgeführt wurden, in einer anderen Szene bekommt eine Nebenfigur Gelegenheit, von der Geschichte seiner jüdischen Familie zu berichten. Vanderbilt lässt also keine Zweifel aufkommen, dass die angeklagten Männer verantwortlich waren für den Krieg und den Holocaust.
Dummerweise hat man aber auch ständig das Gefühl, dass der Film seinem Objekt ähnlich erliegt wie bereits die amerikanischen Soldaten in der Eröffnung, die doch ein wenig überfordert wirken. Deutlicher wird das im weiteren Verlauf, wenn die Beziehung von Kelley zu Göring thematisiert wird. Auch Kelley erliegt dem Charme Görings, und darüber hinaus ist er lange davon überzeugt, dass die Anklage keine Chance habe gegen Göring, da dieser einfach überlegen sei. Und noch ganz am Schluss zeigt er Anerkennung für Görings "Zaubertrick, der Schlinge zu entgehen", den dieser früher bereits angekündigt hatte. Das alles mag historisch weitestgehend korrekt sein. Doch durch die Wucht und Präsenz, mit der Russell Crowe Göring gibt und Rami Malek geradezu an die Wand spielt, ist der Zuschauer über weite Strecken des Films gezwungen, sich aktiv gegen eine Vereinnahmung durch die Figur Görings zu stemmen. Paradoxerweise steht Crowes großartige Leistung so dem Film im Weg. Vielleicht werden die Holocaust-Archivaufnahmen auch so lange gezeigt, weil man gemerkt hat, dass man Crowe hier etwas gewichtiges entgegensetzen muss, um kein völlig verzerrtes Bild zu liefern. Vielleicht war es auch von Anfang an beabsichtigt, den Zuschauer der Gefahr der Korrumpierung auszusetzen, um den Film herausfordernder zu gestalten. Ich bin jedenfalls dieser Darstellung gegenüber eher skeptisch.
Darüber hinaus gibt es weitere Kritikpunkte am Film. So werden, wenn ich es richtig gesehen habe, echte Archivaufnahmen ebenso gezeigt wie solche, die nur so aussehen sollen als wären es Originalaufnahmen. In diesem Kontext finde ich das mindestens überdenkenswert, besonders wenn man sich anschaut, wie viele KI-Videos mit NS-Bezug (angebliche Aufnahmen des Krieges, der Shoah usw) zur Zeit das Netz überfluten. Nicht unproblematisch finde ich auch die letzte Sequenz des Films, die die Hinrichtung Streichers begleitet. Die Szene soll wohl vor allem den edlen Charakter der bereits erwähnten jüdischen Nebenfigur betonen, doch in meinen Augen hatte sie über weite Strecken etwas geradezu pornografisches. Dabei heißt es doch im Film mehrfach, dass wir die Guten seien...
Ich gebe 5/10 Hermann Meiers
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motörwolf
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

gypsy tail wind hat geschrieben: 25 Mai 2026, 10:28
Gestern im Kino zuerst nachmittagsfüllend einen neuen Film von Howard Hawks entdeckt - ein semi-improvisierter, rasant dahinmäandernder, liebenswürdig doofes (der Plot, die Liebesgeschichten, der Slapstick) und doch wunderbares Buddy-Movie und RomCom und Abenteuerfilm, bei dem sich der Eindruck vermittelt, die ganze Crew sei völlig tiefenentspannt am Werk gewesen (trotz Pyrotechnik, gefährlichen Tieren, versicherungstechnisch vermutlich nicht leicht zu bewältigender Dreharbeiten usw.) - ich meine natürlich Hatari (US 1962) mit John Wayne, Hardy Krüger, Gérard Blain, Elsa Martinelli und nicht zuletzt der wunderbaren Michèle Girardon. Und tolle Musik von Henry Mancini gibt es natürlich auch noch ... die mir zumindest teilweise längst bekannt war, ohne dass ich den Film je zu Gesicht bekommen hatte. Schön, dass meine Eltern dabei waren, die ca. 1971/72 die Region bereist hatten (von Kaptstadt bis Tansania und dann nach Südasien eingeschifft mit ihrem klapprigen VW-Bus, der natürlich so hiess, wie der erste Baby-Elefant von "Dallas", nämlich "Tembo") und dabei auch in Arusha waren, der nächsten grösseren Stadt. Lustig, dass Martinellis Fotografin für den Basler Zoo arbeitet - keine Ahnung, ob die Anfang der Sechziger besonders aktiv Tiere einkauften ... jedenfalls sollte ich in meiner Freizeit wohl mal ein wenig in den Bestand eines Tierfängers gucken, der bei uns auf der Arbeit (bzw. sicher im Keller verstaut) rumliegt, der von Charles Cordier, einem Zürcher, der denselben Job hatte wie John Waynes Sean in "Hatari".
Nur Liebe für diesen Post! Hatari! ist seit Kindheitstagen einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Ich liebe alles daran, und sollte ich es einmal schaffen, genügend Punkte in meiner Kino-App für eine Privatvorstellung zu sammeln, wird es wahrscheinlich der sein, den ich mir wünschen werde (meist gehen die Punkte vorher für einen Gratismonat drauf). Oder ein Westernklassiker, aber da kann ich mich fast unmöglich entscheiden.
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Fevers and Mirrors
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Fevers and Mirrors »

motörwolf hat geschrieben: 29 Mai 2026, 03:12 Bild

Nürnberg (Nuremberg, James Vanderbilt, 2025)

Während noch unklar ist, wie die Alliierten mit den gefangenen überlebenden Nazigrößen verfahren wollen, erhält der Armeepsychiater Douglas Kelley den Auftrag, die in Nürnberg Einsitzenden, allen voran natürlich Göring, zu untersuchen. Obwohl ein Prozess schwierig scheint, entscheidet man sich gegen die sofortige Hinrichtung der Kriegsverbrecher und gründet ein internationales Tribunal. Unterdessen entwickelt sich das Verhältnis von Kelley zu Göring in eine fragwürdige Richtung.

Der Film beginnt mit einer Kamerafahrt entlang einer Straße am Kriegsende. Man sieht flüchtende Deutsche, ein GI pinkelt auf eine am Boden liegende Hakenkreuzfahne, seine Kameraden beobachten die Flüchtlinge. Plötzlich fährt ein Auto mit Hakenkreuzstandarten recht rücksichtslos durch die Menschen auf die GIs zu, hält kurz davor und aus steigt Göring, der sich in aller Form ergibt, um dann ganz jovial den Soldaten zu erklären,dass sie schon mal seine Koffer holen könnten.
Schon in dieser kurzen Sequenz offenbart sich das ganze Dilemma des Films. Einerseits zeigt uns Vanderbilt sehr deutlich, wo er steht. Er zeigt uns die Folgen des Krieges, hier die Flüchtlingstrecks, und auch das Urinieren ist natürlich symbolisch extrem aufgeladen durch das anvisierte Ziel. Später im Film werden minutenlang die Bilder aus den KZ gezeigt, die auch im realen Prozess den Angeklagten vorgeführt wurden, in einer anderen Szene bekommt eine Nebenfigur Gelegenheit, von der Geschichte seiner jüdischen Familie zu berichten. Vanderbilt lässt also keine Zweifel aufkommen, dass die angeklagten Männer verantwortlich waren für den Krieg und den Holocaust.
Dummerweise hat man aber auch ständig das Gefühl, dass der Film seinem Objekt ähnlich erliegt wie bereits die amerikanischen Soldaten in der Eröffnung, die doch ein wenig überfordert wirken. Deutlicher wird das im weiteren Verlauf, wenn die Beziehung von Kelley zu Göring thematisiert wird. Auch Kelley erliegt dem Charme Görings, und darüber hinaus ist er lange davon überzeugt, dass die Anklage keine Chance habe gegen Göring, da dieser einfach überlegen sei. Und noch ganz am Schluss zeigt er Anerkennung für Görings "Zaubertrick, der Schlinge zu entgehen", den dieser früher bereits angekündigt hatte. Das alles mag historisch weitestgehend korrekt sein. Doch durch die Wucht und Präsenz, mit der Russell Crowe Göring gibt und Rami Malek geradezu an die Wand spielt, ist der Zuschauer über weite Strecken des Films gezwungen, sich aktiv gegen eine Vereinnahmung durch die Figur Görings zu stemmen. Paradoxerweise steht Crowes großartige Leistung so dem Film im Weg. Vielleicht werden die Holocaust-Archivaufnahmen auch so lange gezeigt, weil man gemerkt hat, dass man Crowe hier etwas gewichtiges entgegensetzen muss, um kein völlig verzerrtes Bild zu liefern. Vielleicht war es auch von Anfang an beabsichtigt, den Zuschauer der Gefahr der Korrumpierung auszusetzen, um den Film herausfordernder zu gestalten. Ich bin jedenfalls dieser Darstellung gegenüber eher skeptisch.
Darüber hinaus gibt es weitere Kritikpunkte am Film. So werden, wenn ich es richtig gesehen habe, echte Archivaufnahmen ebenso gezeigt wie solche, die nur so aussehen sollen als wären es Originalaufnahmen. In diesem Kontext finde ich das mindestens überdenkenswert, besonders wenn man sich anschaut, wie viele KI-Videos mit NS-Bezug (angebliche Aufnahmen des Krieges, der Shoah usw) zur Zeit das Netz überfluten. Nicht unproblematisch finde ich auch die letzte Sequenz des Films, die die Hinrichtung Streichers begleitet. Die Szene soll wohl vor allem den edlen Charakter der bereits erwähnten jüdischen Nebenfigur betonen, doch in meinen Augen hatte sie über weite Strecken etwas geradezu pornografisches. Dabei heißt es doch im Film mehrfach, dass wir die Guten seien...
Ich gebe 5/10 Hermann Meiers
Sehe ich ähnlich. Wenn Vanderbilt hier aber hauptsächlich aufzeigen wollte, wie Göring selbst im Angesicht der offensichtlichsten Gräueltaten dennoch punkten konnte, dank Charisma, Cleverness und einem genuinen Sinn für Familie, dann ist dies letztendlich gelungen, gegenüber Kelley, gegenüber dem Publikum. Wäre allerdings auch ein arg einfaches Vorhaben. Siehe, ein Mensch!
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Talking Head
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Talking Head »

Hey, @motörwolf, lieben Dank für die wie immer sehr ausführliche Filmkritik.

Ich finde es erwähnenswert, dass du dir damit immer solche Mühe gibst und es ist mir eine Freude, sie zu lesen.
Das Leben als Pensionär ist einfach nur geil!
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FifteenJugglers
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von FifteenJugglers »

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"Skaterdater" (Noel Black, 1965)
Kurz-Spielfilm und angeblich der erste Skater-Film überhaupt. Untermalt von einem ansprechenden Pseudo-Surf-Soundtrack. Macht gute Laune. 8/10, mindestens.

Das mit der guten Laune gilt natürlich erst recht für
"Gregory's Girl" (Bill Forsyth, 1980)
Sehr witzige und teilweise auch berührende Story um einen unbeholfenen jugendlichen Fußballspieler, der sich in eine Mannschaftskameradin(!) verknallt, die in jeder Hinsicht außerhalb seiner Liga spielt. 9,5/10.

"Fuego" (Armando Bó, 1969)
Ein Hauptwerk des argentinischen Russ Meyer. Nymphomanie vor patagonischer Kulisse. Fotografieren kann er schon, aber im Gegensatz zum Kollegen Meyer fehlt es Bó ganz entschieden an Dynamik. Und irgendwann geht einem auch die Musik auf die Nerven. 4,5/10.
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salamandersalat
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

Zuletzt gesehen:



Beowulf [Director's Cut] (Regie: Robert Zemeckis - USA, 2007) 4,5/10
The Monuments Men (Regie: George Clooney - USA/Deutschland, 2014) 6,5/10
Charlie's Angels (Regie: McG - USA, 2000) 3,5/10
The Usual Suspects (Regie: Bryan Singer - USA/Deutschland, 1995) [Re-Watch] 7/10
Böse Buben/Fiese Männer (Regie: Ulrich Seidl - Österreich/Deutschland, 2012) 7/10
Vorsicht Haderer (Regie: Ulrich Seidl - Österreich, 1992) 8,5/10
Alte Menschen (Regie: Ulrich Seidl - Österreich, 1988) 7/10

Die Wertung zu Ulrich Seidls wenig schmuck abgefilmtem Theaterprojekt Böse Buben/Fiese Männer (u.a. mit Georg Friedrich und René Rupnik) steht auf wackeligen Beinen, denn ca. ein Drittel der Aufführung musste auf dem Boden des Schneideraums bleiben, weil die Erben von David Foster Wallace dessen dort verwendete Texte für die DVD-Auswertung nicht freigeben wollten.
Das Porträt des Cartoonisten Gerhard Haderer kommt dann wieder ganz seidlgemäß mit einem verfremdenden Auftritt von Maria Hofstätter daher - und reiht sich ohne Weiteres zwischen Seidls frühen Glanzstücken ein.
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gypsy tail wind
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »



Gestern im Kino: É noite na América (BR/FR/IT 2022), das umwerfende Debut von Ana Vaz. Eine Art Film-Poem zwischen Essay und Dokumentation: die Kamera schweift über Brasilia - es regnet. Zooms auf Wildtiere: Eulen, Affen, Capybaras, Wildkatzen, Ameisenbären usw., auf der Tonspur gelegentlich Anrufe bei der Notfalllinie der Militärpolizei, wo verirrte Tiere gemeldet und deren Abholung organisiert wird, Einblicke in eine Veterinärstation, wo krank eingesammelte Tiere wieder aufgepäppelt werden. Dazu tolle Musik von Guilherme Vaz, dem Vater der Regisseurin, mit einer rätselhaft brüchigen Posaune im Lead, die fast wie ein Horn klingt ... ein Rausch aus Bildern, der immer wieder kurz unterbrochen wird: das Bild flackert kurz, als seien die Überblendungen nicht gelungen. Die wacklige Handkamera mit dem 16mm-Film zoomt erst nicht scharf auf die Tiergesichter, verweilt dann aber lange auf ihnen. Die Eule dreht ihren Kopf, alle paar Sekunden, immer wieder, dazwischen verharrt sie reglos - und wir schauen zu, mit Blaufiltern und in der Dämmerung, in der grauen Feuchtigkeit nach dem grossen Regen, der auch einen Fischotter sich in der Kanalisation des Krankenhauses verirren lässt. Ein Film jenseits der Worte. Im letzten Drittel oder so gab's statt Untertiteln Buchstabensalat von der Art "mi tztnle ttelrid abgs tatts titeluntern Stuchabenalast" - man konnte knapp folgen, aber das war eh egal, weil es auch ohne Worte ging. Ob das die Tonspur reflektiert, konnte ich nicht sagen, dazu verstehe ich zu wenig Portugiesisch und da alles wie schlecht aufgezeichnete Anrufe klang, war die Qualität auch nicht gut. Dass Vaz für den Film anscheinend abgelaufenes Filmmaterial nutzte, mag zur tollen Ästhethik auch beigetragen haben. Endlos faszinierend jedenfalls.
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Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
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salamandersalat
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Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

Außerdem gesehen:

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Gli invincibili dieci gladiatori (Regie: Nick Nostro - Italien/Frankreich/Spanien, 1964) 4,5/10
Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto (Regie: Elio Petri - Italien, 1970) 8/10

Nachdem ich schon auf die Bonner Programmkinos schimpfte, weil sie den Tod Béla Tarrs ignorierten und auch Julia Ducournaus neuen Film Alpha nicht zeigten, stimmte mich der heutige frühe Abend versöhnlich: Auf meinem Weg zurück von Nobbis Plattenladen (drei neue Crates mit Rap-Klassikern und Raritäten, leider zu Mondpreisen) schaute ich bei der Bonner Kinemathek vorbei und siehe da: Ein Film von Elio Petri auf dem Spielplan. Den ich noch nicht kannte. In 4K und im O-Ton. Jetzt gleich!
Visuell nicht immer ganz so betörend wie manch anderes Werk von ihm (das bringt halt leider dieses Beamten & Polizei-Umfeld mit sich), dafür eine schmerzhafte Satire über Autorität(shörigkeit) und Herrschaft. (Es heißt ja immer "so aktuell wie nie", ich behaupte, es war halt schon immer nicht geil. Nirgends.) Außerdem Musik von Ennio Morricone. Hat der eigentlich jemals etwas Schlechtes komponiert? Bei diesem riesigen Output...
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