Nürnberg (Nuremberg, James Vanderbilt, 2025)
Während noch unklar ist, wie die Alliierten mit den gefangenen überlebenden Nazigrößen verfahren wollen, erhält der Armeepsychiater Douglas Kelley den Auftrag, die in Nürnberg Einsitzenden, allen voran natürlich Göring, zu untersuchen. Obwohl ein Prozess schwierig scheint, entscheidet man sich gegen die sofortige Hinrichtung der Kriegsverbrecher und gründet ein internationales Tribunal. Unterdessen entwickelt sich das Verhältnis von Kelley zu Göring in eine fragwürdige Richtung.
Der Film beginnt mit einer Kamerafahrt entlang einer Straße am Kriegsende. Man sieht flüchtende Deutsche, ein GI pinkelt auf eine am Boden liegende Hakenkreuzfahne, seine Kameraden beobachten die Flüchtlinge. Plötzlich fährt ein Auto mit Hakenkreuzstandarten recht rücksichtslos durch die Menschen auf die GIs zu, hält kurz davor und aus steigt Göring, der sich in aller Form ergibt, um dann ganz jovial den Soldaten zu erklären,dass sie schon mal seine Koffer holen könnten.
Schon in dieser kurzen Sequenz offenbart sich das ganze Dilemma des Films. Einerseits zeigt uns Vanderbilt sehr deutlich, wo er steht. Er zeigt uns die Folgen des Krieges, hier die Flüchtlingstrecks, und auch das Urinieren ist natürlich symbolisch extrem aufgeladen durch das anvisierte Ziel. Später im Film werden minutenlang die Bilder aus den KZ gezeigt, die auch im realen Prozess den Angeklagten vorgeführt wurden, in einer anderen Szene bekommt eine Nebenfigur Gelegenheit, von der Geschichte seiner jüdischen Familie zu berichten. Vanderbilt lässt also keine Zweifel aufkommen, dass die angeklagten Männer verantwortlich waren für den Krieg und den Holocaust.
Dummerweise hat man aber auch ständig das Gefühl, dass der Film seinem Objekt ähnlich erliegt wie bereits die amerikanischen Soldaten in der Eröffnung, die doch ein wenig überfordert wirken. Deutlicher wird das im weiteren Verlauf, wenn die Beziehung von Kelley zu Göring thematisiert wird. Auch Kelley erliegt dem Charme Görings, und darüber hinaus ist er lange davon überzeugt, dass die Anklage keine Chance habe gegen Göring, da dieser einfach überlegen sei. Und noch ganz am Schluss zeigt er Anerkennung für Görings "Zaubertrick, der Schlinge zu entgehen", den dieser früher bereits angekündigt hatte. Das alles mag historisch weitestgehend korrekt sein. Doch durch die Wucht und Präsenz, mit der Russell Crowe Göring gibt und Rami Malek geradezu an die Wand spielt, ist der Zuschauer über weite Strecken des Films gezwungen, sich aktiv gegen eine Vereinnahmung durch die Figur Görings zu stemmen. Paradoxerweise steht Crowes großartige Leistung so dem Film im Weg. Vielleicht werden die Holocaust-Archivaufnahmen auch so lange gezeigt, weil man gemerkt hat, dass man Crowe hier etwas gewichtiges entgegensetzen muss, um kein völlig verzerrtes Bild zu liefern. Vielleicht war es auch von Anfang an beabsichtigt, den Zuschauer der Gefahr der Korrumpierung auszusetzen, um den Film herausfordernder zu gestalten. Ich bin jedenfalls dieser Darstellung gegenüber eher skeptisch.
Darüber hinaus gibt es weitere Kritikpunkte am Film. So werden, wenn ich es richtig gesehen habe, echte Archivaufnahmen ebenso gezeigt wie solche, die nur so aussehen sollen als wären es Originalaufnahmen. In diesem Kontext finde ich das mindestens überdenkenswert, besonders wenn man sich anschaut, wie viele KI-Videos mit NS-Bezug (angebliche Aufnahmen des Krieges, der Shoah usw) zur Zeit das Netz überfluten. Nicht unproblematisch finde ich auch die letzte Sequenz des Films, die die Hinrichtung Streichers begleitet. Die Szene soll wohl vor allem den edlen Charakter der bereits erwähnten jüdischen Nebenfigur betonen, doch in meinen Augen hatte sie über weite Strecken etwas geradezu pornografisches. Dabei heißt es doch im Film mehrfach, dass wir die Guten seien...
Ich gebe 5/10 Hermann Meiers