
Gary LeFebvre Quartet
vor Jahren hab ich diese Platte mal in einem Laden für 15 Euro stehenlassen... und hatte mich dann durch die Jahre langsam zu der Erkenntnis gearbeitet, dass das sicher ein Fehler war... bis sie letzte Woche beim zufälligen Griff in eine der 3 Euro Kisten plötzlich in perfektem Zustand vor mir lag... jetzt muss ich die Tage mal eine Stunde finden, um all diese Kisten in Ruhe durchzusehen - aber das ist eine andere Geschichte...
Gary LeFebvre (*1939), einer der letzten klassischen Tenorsaxophonisten des West Coast Cool Jazz, präsentiert hier sein Debutalbum, 1981 also im Alter von 42 Jahren. Sieht er im Bild aus wie 42? Das will man durch die Jahrzehnte nicht beurteilen wollen, aber. Die Karriere hatte hoffnungsvoll begonnen, die Schülerband aus San Diego mit Don Sleet, Mike Wofford und John Guerin hinterlässt im Lighthouse einen hervorragenden Eindruck, es folgen Gigs bei Shorty Rogers, Terry Gibbs, Stan Kenton, Down Beat vergleicht ihn mit Jimmy Giuffre... und dann ist Welt des Cool Jazz plötzlich vorbei, keiner will das Zeug mehr hören und LeFebvre fällt in eine tiefe Krise...
Die Liner Notes zum Album hat seine Frau geschrieben, und offensichtlich will sie einiges gerade rücken, hat mutmasslich auch selbst dazu beigetragen, dass Gary seine Suchtprobleme in den Griff bekommen hat. Wie das Foto, das mutmasslich ein Passfotoautomat geschossen hat, uns klar macht, hat Gary jetzt wieder ein Saxophon, zwei sogar, brandneu. Und ja, er sei schüchtern, und reagiere dann oft nicht gut, wenn er in seine Musik vertieft sei, unterbreche sie ihn auch nicht für Mahlzeiten. Aber, die Landluft in Ventura nördlich von LA tue im gut und so war er nun endlich in der Lage, ein Debutalbum nach Mass einzuspielen.
Das Album lief am Wochenende einige Male, es ist ziemlich erstaunlich. Am Fender Rhodes wird LeFebvre von seinem treuen Sidekick Kei Akagi begleitet, der von den 70ern bis in die Mitte der 80er bei ihm blieb, um dann zunächst von Airto und Flora Purim und danach um 1990 von Miles Davis abgeworben zu werden. Und Keyboarder bei Miles Davis im Jahr 1990 ist nicht das gleiche wie Pianist bei Shelly Manne oder Shorty Rogers im Jahr 1965... Akagi liegt auf dem Album hier stilistisch irgendwo dazwischen, spielt ein sehr pures Fender Rhodes, das irgendwie von Chick Corea und Bill Evans herkommt. Der Rest der Rhythmusgruppe ist dann ein harter Kontrast, Leroy Vinegar und Frank Butler, beide mit freundlicher Erlaubnis von Xanadu Records an Bord, sind vielleicht das beste akustische Bass-Drums Team, das man um 1980 für klassischen West Coast Jazz an der Westküste hätte finden können. Die beiden verbiegen sich auch gar nicht, haben jede Menge Spielfreude mitgebracht und bilden einen tollen Kontrast zu Akagi. Tatsächlich war dieser Kontrast der Aspekt des Albums, der damals bei Down Beat (****) die meisten Abzüge brachte, da hätte man sich wohl eher Lou Levy gewünscht; ausserdem einen etwas expansiveren Bassisten... aber ich muss sagen, ich find es gerade gut so, auch weil es LeFebvres Bemühungen, relevant zu bleiben, betont, im Repertoire finden sich auch Wayne Shorter und Chick Corea - und weil Vinegar/Butler immer Spass macht. LeFebvres Saxophonspiel wird bei Down Beat sehr gelobt, Coltrane, Oliver Nelson und Warne Marsh seien gleichermassen zu hören, ich finds auch sehr gut. Die eine Produktionsentscheidung, die es für mich nicht gebraucht hätte, sind die Saxophonoverdubs, die LeFebvre in den Themen benutzt hat, um mehrstimmig spielen zu können, ein bisschen wie auf den klassischen West Coast Jazz Alben von Leuten wie Bill Perkins und RIchie Kamuca, aber da kann man drüber hinweghören.