Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »

Ergänzungen zu Harry Miller:
redbeansandrice hat geschrieben: Was ich mir übrigens gestern noch angesehen hab, waren die Lineups von Harry Miller’s Gigs im BIMhuis, das gibt einen ganz guten Überblick
https://www.bimhuis.nl/?s=Harry+miller
Moholo war scheinbar noch oft zu Gast …
Springband im Dezember 1983 ist ja die schicksalhafte Tour der Gruppe von Willem van Manen (der letztes Jahr starb). Zwei der Musiker waren wohl sofort tot (Posaunist Joep Maessen und Trompeter Jeff Reynolds) und Miller lag danach zwei Wochen im Krankenhaus, bis er starb (Sterbeort steht auf Wikipedia nicht). (Und Miller sass nicht am Steuer, obwohl er anscheinend bei vielen Touren in den Jahren davor gefahren ist, siehe dazu die Episode, an die Evan Parker sich erinnerte, im Miller-Post oben.)
redbeansandrice hat geschrieben: Hab es gerade nachgelesen, sie waren auf dem Nachhauseweg von Baarle Nassau (belgisch/niederländische Exklave), wo die Tournee begonnen hatte, nach Amsterdam und kamen in Goirle südlich von Tilburg durch einen schweren Windstoß vom Weg ab… Die Ecke kenn ich von Fahrradtouren rund um Tilburg tatsächlich recht gut… Miller war dann im Elisabeth Krankenhaus in Tilburg, wo ich auch schon war, und starb etwa zwei Wochen später… Mit im Auto waren auch noch der Saxophonist Maarten van Noorden (starb kürzlich und kam hier auch neulich vor) und der Trompeter Louis Lanzing… Wer am Steuer sass hab ich nicht gelesen, aber war vielleicht auch nicht so relevant, es war einfach ein schwerer Sturm… Edit: Reynolds sass am Steuer
Danke fürs Nachgucken und Ergänzen. Dann wird Miller wohl in Tilburg gestorben sein – in so einem Zustand wurde er ja kaum nochmal verlegt. Van Norden wurde nicht gerade alt. Sind beide letzten September verstorben, aber van Manen war 15 Jahre älter. Ich kenne beide vor allem (Norden nur) aus dem Willem Breuker Kollektief. Van Manen ist ja auf der „Zeeland Suite“ dabei – mit Harry Miller am Bass. Und auf „Fuck de Boere“, Brötzmann 1970, Johnny Dyani gewidmet* (zu Lebzeiten oder als 2001 die CD erschien? hab nicht nachgeguckt) … und beim ICP Orchestra natürlich auch, aber bisher nicht als Stimme, die sich mir eingeprägt hätte, hab all die frühen Sachen noch nicht richtig angehört, Wolter Wierbos ist der Posaunist, den ich mit der Band kenne).

--
*) Schon interessant, wie sich die Szenen da mischen: Malcolm Griffiths und Evan Parker sind dabei, beide auch mit der Brotherhood unterwegs (wobei das für Parker ja nicht so eine zentrale Station war, denke ich), dazu Derek Bailey und Paul Rutherford aus dem SME-Umfeld … und neben den üblichen Niederländern (van Hove, Bennink) auch Breuker. Wobei Breuker und Parker ja zwei Jahre früher bei „Machine Gun“ schon an Bord waren.
redbeansandrice hat geschrieben: Miller ist in Tilburg gestorben, das stand in einem der Artikel… Bei Breuker etc bin ich noch nicht gross eingestiegen, die Zeeland Suite hab ich, Chicken Song von Maarten van Noorden und Boy Raaymakers hatte ich mal, aber hab ich zu selten gehört und abgegeben… Das einzige Album von Jeff Reynolds, aufgenommen im April 83, hab ich mir für die nächsten Tage zum hören rausgelegt, das hab ich mal gekauft, weil Paul Stocker dort mitspielt, aber es lief auch noch nicht oft…
redbeansandrice hat geschrieben: Hier ist ein ziemlich detaillierter Nachruf auf van Manen… Er wurde zwar 84 aber sein Tod war trotzdem völlig überraschend, wieder ein Autounfall, in diesem Fall aber als Fußgänger… Der Unfall 1983 war Sonntag 27.11. gegen 3 Uhr morgens, nach einem Konzert im Plushok (heute Plusetage) in Baarle… und der Unfallort war wohl in der Nähe von Alphen (was geografisch ein kleines bisschen mehr Sinn macht als Goirle, was ich heute früh geschrieben hatte)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »

Und ich finde endlich die Story zur Tour von Dyani und Moholo mit Steve Lacy und Enrico Rava nach Buenos Aires – Rava erzählt die Geschichte im Booklet zu „The Ogun Collection“ von den Blue Notes:
Enrico Rava (hat dies natürlich nicht im RS-Forum oder hier geschrieben) hat geschrieben: Hearing the Blue Notes for the first time at the 1964 Antibes Jazz Festival was as big a shock to my system as the Miles Davis’s quintet with Tony Williams had been during the previous year’s festival. I had no knowledge of a jazz scene in South Africa, and I’d never heard anything like that before. It was jazz all right, but with a very special African flavour. I was really struck by the purity and the originality of that music.

A year later I was in London with Steve Lacy. We were looking for a drummer and a bass player. That’s why we stole Johnny Dyani and Louis Moholo from Chris McGregor. They were absolutely perfect for our music. With this brand new quartet we went to Italy and Johnny, Louis and myself became like brothers. They called me POPO. The music was really happening. Because although we played totally free, without any time and melodies, the two of them kept that African color that gave more life to the whole thing.

In 1966 we moved to Buenos Aires. We thought we were going to stay one month or two, but we got stuck there for more than a year since we couldn’t get together enough money to get out. Johnny and Louis were probably the only two black guys in Buenos Aires at that time, and Johnny sported a Mohican, so people had a tendency to look at them in a very insistent way, with the obvious consequences. So my father-in-law, who signed as Johnny’s tutor to let him in in Argentina, since he was under age for Argentinean law, had to go to the police station several times to get them out. It was tough: little money, people did not understand our music but at the same time we got closer and closer. They kept telling me about their African friends like Mongezi, Dudu, and Dollar Brand, so much that wen eventually I met all of them, I felt I had known them all my life.

In 1967 the quartet broke up. Steve went to NYC and a couple of months later I did too. In New York I looked for Dollar Brand who started moving in order to help Johnny and Louis to get out from Argentina. I think that eventually McGregor somehow got the money to bring them back to London. I didn’t see them much after that, just one in a while around Europe. Then I heard about Johnny’s death and that hit me very hard, because, although we did not see each other very often deep inside we were still brothers and I’ll never forget my POPO.

~ Enrico Rava, aus dem Booklet zu „Blue Notes: The Ogun Collection“, 2008)
Das hinterlässt zumindest die Möglichkeit eines Beigeschmacks: die zwei weissen Jungs kriegen es hin, abzuhauen … aber gut, eine meiner schöneren Konzerterinnerungen ist dann ja ein Duo-Set von Rava mit Moholo-Moholo in Novara beim dortigen Jazzfestival (1. Juni 2017 war das, meine Fotos sind unbrauchbar – das Set fand nach Sonnenuntergang im Innenhof des Broletto statt, eine tolle Location, aber für eine Handykamera und noch von weit hinten leider völlig unmöglich).

Wo ich gerade Erinnerung an Moholo-Moholo aufwärme: 2016 hörte ich ihn schon beim Ravenna Festival: mit Keith und Julie Tippetts und dem MinAfric Orchestra mit Roberto Ottaviano mit „For Mandela“ und am Abend darauf dann mit den Four Blokes (Jason Yarde, Alexander Hawkins, John Edwards). 2017 in Novara spielte er am zweiten Tag noch mit einer Ad-Hoc-Gruppe, dem Magmatic Quartet, zudem auch Alexander Hawkins und Giovanni Guidi an zwei Klavieren sowie der Posaunist Gianluca Petrella gehörten.

Dazwischen, im April 2017, hörte ich beim Intakt in London Festival an einem Abend zwei Sets mit Moholo – und das sind dann die sechs, die ich insgesamt hörte: zuerst spielte er ein Duo mit Irène Schweizer, das mir damals nicht so gut gefiel: stur schienen sie, Moholo fast kriegerisch – aber im Rückblick, wo ich mich mit Schweizer und ihrer Musik stärker auseinandergesetzt habe, frage ich mich, ob das nicht zur Beziehung der beiden gehörte und genau richtig war? Fürs folgende Set stiess der Zürcher Saxophonist Omri Ziegele für eine Version des „Where Is Africa“-Trio dazu (Schweizer mit wechselnden Partnern, fix dabei war wohl damals neben Ziegele auch Makaya Nthsoko, aber dieses Trio schaffte ich leider nie). Ziegele setzte sich den beiden mürrischen Sturköpfen aus, stand in die Mitte und guckte, was passiert und was er tun konnte – und das war am Ende gar nicht wenig, wirklich nicht.



Steve Lacy – The Forest and the Zoo | Ich habe dieses Album seit Jahren nicht angehört … und entdecke es im Südafrika-Kontext heute ganz neu. Die zwei Bläser agieren so telepathisch zusammen wie es die Rhythmusgruppe tut. Und alle vier finden gemeinsam etwas, was viel mehr ist als die Summe der Einzelteile oder -stimmen. Alles ist in ständigen Bewegung, es gibt einen Puls, der tatsächlich oft auch sehr groovt, sich aber auch ständig bewegt: Dyani spielt frei, Moholo setzt ständig unregelmässige, unerwartete Akzente, sei es mit der Bass-Drum oder den Becken und natürlich der Snare. Aus kollektiven Passagen winden sich Soli heraus und auch wenn weiterhin alle spielen, entstehen auch immer wieder Zwiegespräche von zwei der Musiker: Lacy und Moholo, Rava und Dyani … die vier atmen gemeinsam an diesem 8. Oktober 1966 im Institue de Tella in Buenos Aires (einige Wochen vor Dyanis 21. Geburtstag am 30. November – ob er dann damals in Argentinien volljährig wurde? Heute scheint das mit 18 der Fall zu sein) und die Vielfalt, die das Quartett bietet, ist beeindruckend. Ich hatte dieses Album immer als besseres Mittelmass empfunden – das geht mir heute völlig anders!

(Mehr zu den Monaten, in denen Dyani und Moholo in Argentinien ausharren musste folgt weiter unten.)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Blue Notes for Mongezi | Zurück zu Chris McGregor und ins Jahr 1975 – Mongezi Feza ist tot, Ende einer Ära zumindest was die südafrikanische Jazztrompete betrifft. Oder: den südafrikanischen Jazz – denn so eine eigenwillige Stimme, wie Feza sie hatte, taucht nur alle paar Jahrzehnte einmal auf. Auf der Foldout-Hülle des Doppelalbums (mit neuem Layout rekonstruiert für „The Ogun Collection“ der Blue Notes) gibt es eine Hommage von Chris McGregor, die wenn ich das richtig verstehe, von Z. Pallo Jordan in Zulu übersetzt wurde (der Übersetzungscredit fehlt auf der LP-Hülle) sowie einen kurzen biographischen Abriss von Hazel Miller. Die Kurzfassung davon: Feza kam 1945 in Queenstown zur Welt. Mit acht Jahren fing er an, Trompete zu spielen, unterstützt von seinem Bruder Sandi. Mit 15 wurde er Berufsmusiker und 1962 stiess er zu den Blue Notes. Sie tourten durch Südafrika, bis sie 1964 das Land verliessen und in Antibes spielten (dazu mehr weiter oben in diesem Faden). 1965 gelangten die Musiker nach London und „injected an exciting new element into the London jazz scene. Many exhilarating nights were spent at such venues as Ronnie Scott’s Old Place in Gerrard Street“ (Hazel Miller). Feza spielte in allen Bands von Chris McGregor, leitete auch die Trompetensection der Brotherhood of Breath, spielte daneben aber auch mit zahlreichen britischen und europäischen Musikern [und ich ergänze: er wirkte, oft zusammen mit Dudu Pukwana, in dessen Bands er auch spielte, oft auch bei Sessions in Bläser-Sections mit]. Er leitete auch seine eigene Band (ich nehme an, Miller meint hier Music for Xaba) und schrieb Musik für verschiedene südafrikanische Theaterproduktionen. Am 14. Dezember 1974 starb der weitherum respektierte Musik viel zu jung.



Ist ja alles nicht neu für den Faden hier, aber wo es eben nochmal um Feza geht … für „The Ogun Collection“ hat Hazel Miller die Sessions, aus denen „Blue Notes for Mongezi“ zusammengestellt wurde, nahezu komplett gemacht: statt 22:35, 19:50, 19:20 und 23:30 (ich nehme die Timings vom Scan der Platte auf Discogs) dauern die vier Teile des Albums jetzt 42:14, 36:31, 41:07 und 37:11 – das Doppel- wurde also quasi zum Vierfachalbum. Die Musik stammt aus einem Proberaum in London und wurde am 23. Dezember 1975 aufgenommen, „the spontaneous tribute of four musicians who had assembled in London for the Memorial Service for their friend. No discussion took place beforehand and nothing was said during the session, save through the music.“ Dreieinhalb Stunden habe die Session gedauert, die Musiker hätten auch keine Rücksicht darauf genommen, wenn ein Tonband gewechselt werden musste – so Keith Beal, der dritte Ogun-Gründer und Toningenieur. Mitten im ersten Teil, wenn die vier einen Groove finden, den sie endlos repetieren, beginnt (vermutlich) Dyani zu chanten: „Hey Mongezi Feza / We really loved you … Hey Mongezi Feza / You’re no enemy … It’s not easy for us / We really loved us …“.



Die Session ist so dunkel getönt, wie die Plattenhülle es nahe legt (das Bandfoto stammt vom oben schon erwähnten Shoot in am See in Zürich) – und es ist faszinierend, dem freien Fluss an Ideen zu folgen: wie eine neue Idee, ein neues Riff gefunden wird, wie sich aus dem freien Spiel etwas konkretisiert und später wieder auflöst. Nach seinen eigenen, manchmal in etwas formelhafte Formate gepackten Aufnahmen (immer mit Feza und natürlich immer voller toller Grooves und faszinierender Höhenflüge), blüht Dudu Pukwana hier förmlich auf – dominiert aber obwohl der einzige Bläser das Geschehen nicht, lässt den anderen dreien (von denen leider McGregor und Moholo nicht so gut aufgenommen sind – ziemlich dumpf das Klavier, zumindest in der ersten halben Stunde zu leise das Schlagzeug) auch viel Raum. Es wird schon im ersten Teil klar, dass die vier als Band immer noch hervorragend funktionieren, auch zehn, zwölf Jahre nach ihren Anfängen in Südafrika – und einige der alten Tunes tauchen zwischendurch wohl auch auf. Auf jeden Fall gleiten die vier manchmal in klar greifbare Stücke und bleiben eine Minute oder so dabei, bevor sie weiterziehen. Die Achsen sind hier anders, als wenn Miller/Moholo spielen: mich dünkt, Dyani ist enger mit Pukwana verzahnt und reagiert oft stärker als Moholo auf dessen Improvisationen, während vielleicht die Achse vom Drummer zu McGregor stärker ist (klar, die konnte es bei Miller gar nicht geben und Tippett ist dort zwar überhaupt kein Fremdkörper, aber eben auch nicht die erste Andockstation für Moholo). Das braucht keinen Zeilenkommentar und keine Erklärungen … es ist einfach nur umwerfend toll zu verfolgen, was hier alles passiert. Mein persönliches Highlight ist heute Teil 3 – aber das spielt keine Rolle, der beste Teil ist am Ende der, der gerade läuft.



Blue Notes In Concert (Volume 1) | Das nächste Live-Album der Blue Notes entstand am 16. April 1977 im 100 Club in London und wurde 1978 auf Ogun veröffentlicht. Der bei Reissues entfernte Zusatz „Volume 1“ deutet Pläne für mehr an – vom selben Abend? Die CD-Ausgabe für die Blue Notes Collection wurde etwas erweitert, dauert mit 59 Minuten aber auch nicht übermässig lange (wie lange die LP dauerte, ist nicht klar – ich finde im Netz keine Angaben, auf den Plattenlabeln steht auch nichts). Die Trackliste der CD kriege ich mit der LP nur teils zusammen, aber ich gehe eher davon aus, dass Ogun nichts weggelassen sondern die Trackliste bereinigt hat. Die erste, etwas längere Hälfte bietet ein paar Originals von Pukwana, Tete Mbambisa und McGregor sowie zum Abschluss eine halbe Minute „Funky Boots“, dem Brotherhood-Evergreen von Windo/Evans. Teil 2, 27 Minuten, besteht dann aus einer Abfolge von südafrikanischen Traditionals, die das Quartett arrangiert hat – und noch einem Tag-Abschluss mit „Funky Boots“ zwischendrin. Der Sound ist auch nicht direkt super, etwas dumpf aber man gewöhnt sich rasch daran (Ron Barron, der die LP damals produziert hat, hat aufgenommen, er und Keith Beal haben 1978 den Mix gemacht, für die CD durfte Martin Davidson ran: „re-edited and digitally mastered“ steht dazu). Für meine Ohren ist das nach den zweieinhalb Sternstunden „For Mongezi“ etwas verhalten, eher ein Moment der Band bei der Arbeit als erneut Sternstunde – hier werden keine Höhepunkte gesucht, die Grooves nicht auf die Spitze getrieben. Was nicht heissen soll, dass es im Club nicht ordentlich heiss wird. Die Snare von Moholo nach zehn Minuten oder so im Opener, immer wieder freie Ausbrüche von Pukwana … und sehr viel Raum für McGregor immer wieder, während Dyani hier buchstäblich zum Gravitationszentrum wird – und auch mal ein altbekanntes Bass-Ostinato gegen eine freie Passage seiner Kollegen legt. Für mich eher ein Set zum zurücklehnen und geniessen als eines, das mich ständig begeistert – aber das bei wiederholtem Hören doch immer mehr wächst (es lief gerade zweimal am Stück – was besseres kann man an einem Sonntagmorgen ja eh nicht tun).



Chris McGregor’s Brotherhood of Breath – Procession (Live at Toulouse) | Keith Beal, der „dritte Mann“ bei Ogun, hat die kurzen Liner Notes für den Mitschnitt aus der Halle aux Grains im Centre Culturel von Toulouse am 10. Mai 1977 beigesteuert. The Brotherhood of Breath Experience, um es kurz zu sagen. Es gehe nicht um Soli sondern „the essence of the Brotherhood is group improvisation. They make music together. There are solos, but only in the sense that one voice stands out in front and leads the direction for a while. The support, the single phrase or note in response that punctuates the soloist’s line or gees him along, is just as important. The South Africans in the band will tell you that all music is a religious experience. Well, something of this feeling has permeated to all members of the group.“ Statt der drei Stücke auf der LP (eins davon um 4 Minuten gekürzt) enthält die CD deren sechs und ist 24 oder 25 Minuten länger. Mit dabei sind: Harry Beckett und Mark Charig (t, Radu Malfatti (tb), Dudu Pukwana und Mike Osborne (as), Evan Parker (ts), Bruce Grant (bari, fl), Chris McGregor (p), Johnny Dyani und Harry Miller (b) sowie Louis Moholo (d). Feza fehlt natürlich – aber dass Dyani für einmal auch wieder dabei ist, ist natürlich toll. Das Foto auf der Rückseite der Hülle hat Gérard Rouy in Moers gemacht – es scheint von den Bläsern her zu passen, bis auf den zusätzlichen Altsaxophonisten (der dritte, zwischen Pukwana und Parker – ist das Elton Dean?):

Zum Foto:
lotterlotta hat geschrieben: …das sollte elton dean sein, finde auf die schnelle keine alten bilder von ihm aus den end-siebzigern aber frisur, sprich haaransatz und bart spricht sehr dafür, hat große ähnlichkeit mit einer aufnahme aus 1983, also denke ja, isser…..


Die Musik ist ein Rausch – das letzte grosse Dokument der Band, soweit mir bekannt (ich kenne die späten Alben nicht alle und nicht so gut, so packend fand ich sie nie). Schon im Opener, Fezas „You Ain’t Gonna Know Me ‚Cos You Think You Know Me“ ist der Groove perfekt, das Mit- und Ineinander der Stimmen genau wie von Beal beschrieben. Ein schöner Moment ist, wie Malfatti sich kurz vor Schluss zunächst zu den Bässen gesellt und aus der Tiefe zu einer kurzen solistischen Passage auftaucht, immer höher und mit sehr biegbarem Ton. „Sunrise in the Sun“ von McGregor folgt, mit 17 Minuten fast die ganze A-Seite der LP (danach folgte noch das gekürzte „Sonia“, das hier 8:42 dauert). Hier ist die Stimmung anders: ein grummelnder freier Teppich – die zwei Bässe und Das Barisax führen zu einem dunkleren Ton, der hier schön zur Geltung kommt. Darüber riffen die Bläser und das – für einmal, hallelujah! – hervorragend aufgenommene Klavier. Das dauert minutenlang … und könnte ewig so weitergehen, aber dann schälen sich allmählich Stimmen heraus: eine verspielte Trompete (Beckett), das schon im Ensemble sehr starke Tenorsaxophon von Parker, jemand greift eine Pfeife (ist das die „flute“ von Grant?), hinter Parker, der lange im Vordergrund bleibt und sich vom Coltrane der frühen Sechziger zu Ayler steigert, werden die zwei Altsaxophone zur Wand, während die Bässe rasen und die Musik auch ohne Time unglaublich mitreissend wird – das erinnert durchaus ein wenig an die kollektiven Passagen von „Ascension“. Das Stück ist erst etwas länger als sechs Minuten, wenn Parker seinen Flug beendet – und doch ist da schon eine ganze Welt aufgegangen. McGregor übernimmt kurz, zunächst nur mit den Bässen und den Drums, doch dann stösst eine Trompete dazu, verspielt und leider etwas weit vom Mikrophon entfernt – ich tippe auf Beckett? Ein Sax kreischt dazwischen, das Klavier rast, die Trompete gleitet und fliegt stellenweise fast wie Feza, aber nicht in der höchsten Lage, wie dieser es meist tat. In „Sonia“ (Feza) ist der Groove der ganzen Band wieder unglaublich mitreissend – leider ist auch die lange Version unvollständig und wird ausgeblendet – bis dahin ist das alles ein kontinuierliches, ca. 33minütiges Segment aus dem Konzert. Zum Auftakt von „Kwhalo“ (Pukwana – mit 18:35 die ganze B-Seite der LP) wird die Band noch kurz angekündigt und McGregor öffnet am Klavier – ich nehme an, dass das der erste Teil des Konzertes ist. Die Bläser riffen, Moholo shuffelt, die Bässe grummeln … und plötzlich gleitet alles ab: die Bässe rasen, ein zweites Riff der Saxophone gegen das der Trompeten, verschiedene Stränge legen sich übereinander, die Posaune und das Barisax finden eigene Linien im Hintergrund. Die CD fährt dann noch mit „TBS“ (McGregor) fort, einer wunderschönen Ballade mit Parkers Tenor im Lead, und einem kurzen, eingeblendeten Ausschnitt von „Andromeda“ (McGregor) zum Abschluss, nochmal ein Groove und direkt nach dem Einblenden ist eine Trompete im vollen Flug zu hören, bevor das Riff-Thema auftaucht. Die zwei Bonusstücke hängen soweit erkennbar nicht unmittelbar zusammen (auch nicht mit „Kwhalo“), aber dieses zweite Segment der CD allgemein merklich ruhiger, nachdenklicher als das erste auf der CD – gut möglich, dass das alles von früher im Konzert stammt als der Block, mit dem die CD öffnet. Und ich frage mich, ob die Gruppierung der CD um die Original-LP herum in dem Fall so sinnvoll war … aber egal, das ist ein phantastischer Mitschnitt – ein letztes grosses Aufbäumen der originalen BoB-Band.



Chris McGregor – In His Good Time | Am 18. November 1977 trat Chris McGregor solo im Palais des Glaces, 37 rue Faubourg du Temple in Paris auf. Ron Barron war wieder zur Stelle, um das aufzunehmen, das auf CD fünf Viertelstunden dauert. Acht Stücke kamen 1979 auf LP heraus, ein Auszug aus dem vollständig dokumentierten ersten Set (Stücke 1-8 der CD, 4-6 waren auf der LP) sowie ein längerer Auszug aus dem unvollständig präsentierten zweiten Set (Stücke 9-13, hier bietet die CD keine Extras). Es geht relativ zurückhaltend los mit „Green Hymn“ von McGregor, der neun der Stücke geschrieben und zwei Traditionals adaptiert hat. „Kwa Tebugo“, das zweite Stück, wieder von McGregor, könnte aber auch ein Traditional sein – über neun Minuten groovt McGregor sich durch ein Riff und macht in Fezas „Sonia“ dasselbe gleich nochmal – und ich glaube nicht, dass er je mehr wie sein Kollege Abdullah Ibrahim geklungen hat als hier … auch wenn man sie niemals verwechseln würde. McGregor betritt vielleicht etwas seltener die offensichtlichen Pfade, klingt hier aber auch etwas … weniger involviert als Ibrahim, bei seinen Solo-Aufnahmen. Die wilde Seite – die Cluster, die Arpeggien, die Verdichtungen à la Cecil Taylor – erwartet man hier vergebens. Dafür sucht McGregor nach der Reduktion – auch das eine Parallel zu Ibrahim, der das aber wiederum konsequenter tat (oder einfach nochmal eine Spur besser war darin). Doch das kontinuierliche Set wird immer besser und das Segment, das auf die LP fand, ist tatsächlich sehr stark. „Call“, „Raincloud“ und „Umhome“ – letzteres einer der beiden Traditionals und mit einem rollenden Klavier, wie man es auch vom anderen Tastenmeister vom Kap kennt. Im ersten Set folgen noch „Burning Bush“ – hier mischt sich Cape-Jazz mit Ellington/Strayhorn-Klangfarben – das ist sehr schön. Mit dem zweiten Traditional „Shekele“ endet das Set dann wieder in schnellerem Tempo und mit einem kreisenden Groove. Dann folgt der Ausschnitt aus dem zweiten Set, der auch Seite 2 der LP entspricht. Mit „Yikiti“ geht es mit einem Original los, das ein wenig an Herbie Nichols (oder Hasaan Ibn Ali?) erinnert – McGregor konnte kantig und schroff, rollt das hier aber gekonnt und fügt alles in den weichen Flow dieses Sets ein. In der Mitte des Fünferblocks steht das Titelstück, gefolgt vom zweiten Stück von einem Kollegen, Dudu Pukwanas „The Bride“.



Wenn das alles etwas lauwarm klingt, täuscht das nicht: mir nötigt dieses Set einerseits grossen Respekt ab, ich finde es im Moment des Hörens auch wirklich gut … aber das Album blieb bisher nicht hängen und ich glaube, das liegt daran, dass es mich emotional nicht wirklich packen kann. Auch wenn McGregor auf die Hülle schreibt: „This music is dedicated to the ONE who brings all things to be in His Good Time“, ist das für mich – im Gegensatz etwa zum BoB-Set aus Toulouse – kein musikalischer Gottesdienst sondern ein recht aufgeräumtes Solo-Set, zu dem es ganz gut passt, dass McGregor auf dem Foto über der Widmung (ich spreche von der CD-Hülle, ob die Platte ein Foldout war und mehr als bei Discogs zu sehen bot, weiss ich nicht) wie ein Weltenbummler mit gepflegtem Bart und Pferdeschanz gestikulierend in einem Strassencafé sitzt – vermutlich an einer Strasse, die Anne Hidalgo die letzten Jahre vom Autoverkehr befreit hat.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Johnny Dyani with John Tchicai & Dudu Pukwana – Witchdoctor’s Son | Am 15. März 1978 steht Dyani zum ersten Mal mit einer eigenen Band im Studio – wenn man mal von Music for Xaba absieht, dem Trio mit Mongezi Feza und Okay Temiz. Dyani ist inzwischen nach Dänemark gezogen und wird in den Jahren, die ihm noch bleiben, rege aufnehmen. Für das dänische Label entsteht eine ganze Reihe hervorragender Alben, auf denen auch Dudu Pukwana oder Makaya Ntshoko zu hören sind, zwei andere Exilanten aus Südafrika.

Los geht es aber mit einer viel bunteren Band: da sind neben dem Leader einmal die beiden Saxophonisten, die auf dem Cover schon genannt werden: John Tchicai, der Däne mit kongolesischem Vater, der bei Coltranes „Ascension“ mitgespielt hat, und der Kollege aus den Blue Notes, beide hauptsächlich am Altsax, Tchcicai kantiger und mit etwas schlankerem Ton (und auch mal am Sopran), Pukwana wie immer in so einem Rahmen mit vollem, sich manchmal fast überschlagendem Ton (auch mal am Tenor) und diesem so eigenen Flow, der nicht kantig ist, aber unberechenbar, unvorhersehbar – und mit dieser Mischung aus Freude und Trauer, wie sie der Musik so vieler Südafrikaner eingeschrieben ist. Dazu kommen zwei Brasilianer: Alfredo do Nascimento an der akustischen Gitarre und Drummer Luez „Chum“ Carlos de Sequaira. Und dann ist da noch der Percussionist Mohamed Al-Jabry, der damals auch mit Monnette Sudler spielte und vielleicht auch ein Album als Saxophonist aufgenommen hat (klick)? Ein recht wilder Mix, der als ich diese Alben entdeckte, dafür sorgte, dass dieses erste alles andere als ein Favorit war. Das hat sich die letzten Tage geändert: das Album schlug endlich ein, und richtig heftig. Es lief jetzt fünf- oder sechsmal und ich freue mich immer noch über diesen neuen Freund.

„Heart with Minor’s Face“ ist Dyanis Opener, ein kurzes, schnelles Stück mit einer kollektiven Improvisation von den beiden brennenden Altsaxophonen – das bleibt aber im Beat und tonal. Danach folgt die schönste Überraschung, die aber auch alles durchbricht: „Ntyilo Ntyilo“, das südafrikanische Traditional, im Duo von Dyani (Gesang und Bass) mit Nascimentos Gitarre – und unglaublich schön! Die Gitarre und die Congas sind nicht immer dabei, aber in Pukwanas „Radebe“ spielt die Gitarre eine wichtige Rolle im Groove, den Dyani und der Drummer setzen. Die Drums spielen auch eine Schlüsselrolle (das nicht zu entdecken war vermutlich bisher mein „Problem“ mit dem Album): sie sind polyrhythmisch, setzen ständig Akzente, haben einen Flow, der für meine Ohren genuin brasilianisch klingt: da ist alles auf der Spitze, Becken und Snare vermischen sich, alles klingt hell und leicht, auch wenn „Chum“ ordentlich zulangt. Die Saxophone im Zwiegespräch darüber sind immer wieder toll – es gibt keine leere Phrasendrescherei sondern ein enges Umgarnen. Natürlich ist das kompetitiv, aber es bleibt immer in der Musik verwurzelt und wird nie zum Selbstzweck.

„Mbizo“ – der südafrikanische Name, den Dyani sich selbst gab, anscheinend als Hommage an seinen Adoptivvater – ist der Titel des nächsten Stückes und ein echter Ohrwurm. Eine Art Stop-and-Go-Thema aus zwei Teilen – und hier setzt Dyani sich ans Klavier, während Pukwana wohl Tenorsax spielt. Soli gibt es hier nicht, das ist Bandmusik wie bei der Brotherhood of Breath (zu der Dyani ja im Vorjahr wieder gestossen war, siehe „Procession“). „Eyomzi“ ist das nächste Dyani-Stück, hier ist der Beat wieder brasilianisch geprägt, die Congas stossen dazu – doch das Thema ist purer Cape Jazz. Und es bricht unvermittelt ab, um dem Bass Raum für ein Solo zu geben. Ein phantastisches, an dieser Stelle auch wohlverdientes Solo mit wahnsinnig schönem, warmen Ton und voller überraschender Ideen und Wendungen – und danach, über dem Groove, zu dem jetzt auch die Gitarre stösst, spielt Tchicai ein Solo am Sopransax, bleibt aber lange in der Tiefen Lage und hat besonders da einen echt schönen Ton. Der Closer beginnt dann mit Chants über ein Gitarrenriff und Percussion – Chants, wie Dyani sie auch bei den Duos mit Dollar Brand oder Music for Xaba einsetzte. Tchicai spielt auch hier wieder Sopransax und wenn PUkwana nach seinem Solo am Alt übernimmt, ist der Handover wirklich perfekt. Die zwei sind so toll zusammen, dass mir echt kein Vergleich einfällt. Es gibt dutzende wenn nicht hunderte Alben mit zwei Ternosaxophonisten, die sich so toll ergänzen, aber zwei Altsaxophonisten bzw. zwei, die nie Tenor spielen (Pukwana nur einmal im Ensemble), da fällt mir spontan nicht viel ein (klar, es gibt Lacy und Potts, aber dort ist das Alt ja auch nicht im Zentrum). Über viel Percussion und das weiterlaufende Bass/Gitarren-Ostinato soliert dann am Ende auch der Drummer noch, während Dyani wieder zu chanten anfängt. Neben „Ntyilo Ntyilo“ ist der Closer für meine Ohren das grosse Highlight des Albums.

Zu den zweimal ca. 20 Minuten der LP gibt es auf der CD noch vier Alternate Takes, drei davon mit „take 1“ angeschrieben: „Radebe“ (eineinhalb Minuten länger), „Ntyilo Ntylo“ (eine Minute kürzer) und „Magwaza“ (drei Minuten kürzer), dazu ein „take 2“ von „Heart with Minor’s Face“ (fast gleich lang wie der Master). Ob da jeweils die Masters „take 2“ bzw. „take 1“ sind, weiss ich nicht – und Liner Notes hat meine CD leider auch nicht (kam bei Steeplechase-CDs manchmal vor, dass das Innere des Covers – ein zweiteiliges Blatt – leer blieb, ich weiss nicht, ob das misprints sind oder einzelne Ausgaben einfach wirklich keine Liner Notes haben, nur den entsprechenden Credit, andere hatten in der Frühzeit im Innern nur eine Liste weiterer Titel des Labels, so z.B. meine Ausgabe von „Suburban Fantasies“, dem Duo-Album von Dyani mit Joe Bonner, aber da gab’s bei der LP auch keine Liner Notes).



Den Adoptivater nannte ich schon … ich weiss nicht, ob Dyanis Geburtstag inzwischen restlos geklärt ist. Er nannte den 30. November 1945, sein Biograph Lars Rasmussen den 4. Juni 1947 (Zeleni, nahe King Williams Town). Jedenfalls wuchs Dyani in Duncan auf, einer Township bei East London. Musik interessierte ihn schon früh. Aus einer Teekiste und einem Besenstiel baute er sich eine Art Gitarre, machte bald Strassenmusik, wurde von der damals populären Kwela-Musik beeinflusst. Als Jugendlicher lernte er, Trompete und Drums zu spielen, später auch Klavier. Schliesslich wurde der Kontrabass sein Instrument, und er traf auf lokale Stars wie Tete Mbambisa und Pinise Saul. Als die Blue Notes in Duncan spielten, fragte der Teenager, ob er mitspielen dürfe. Der Wunsch wurde gewährt und Dyani bald zum regulären Bassisten der Gruppe – und der Rest dieser Geschichte steht hier zum grössten Teil schon. Was bisher nicht steht, weil ich es erst jetzt, in den Liner Notes zum höchstwillkommenen Reissue von „African Bass“ von 2024, lese: 1963 wurde in Südafrika ein Gesetz in Kraft gesetzt, der Publications and Entertainment Act No. 3, in dem es Schwarzen und Weissen explizit verboten war, zusammen aufzutreten.

Zu Dyanis frühster Zeit steht in den Liner Notes von Marco Giorgi zum Reissue von „African Bass“ ein wenig was, was aber teils auch unklar bleibt: „It seems that his mother has died in childbirth together with his two little brothers [Zwillinge?]. Despairing that he might survive, Dyani was baptized, which would explain the absence of the African name next to the Christian one. The name Mbizo was, in fact, chosen by the double bass player himself in honor of his adoptive father. The tragic events surrounding his birth [waren es also Drillinge?] were ignored by Dyani until adulthood when he found out he had been adopted. The uncertainty about his real date of birth is probably due to the time that elapsed between his birth and the official registration.“ (Und dann werden die oben schon genannten Daten genannt.)



Johnny Dyani Quartet – Song for Biko | Was ich bisher unterschlagen habe: Dyani lehnte die Bezeichnung „Jazz“ ab. Er sah sich als Musiker in der Tradition seines Landes, aber auch nicht einfach als Kwela- oder Mbqanga-Musiker. Laut Giorgis Text für „Arican Bass“ (siehe unten) wählte er den Begriff „sk’enke“, ein Slangausdruck, der „communal sharing“ bedeute und sah seine Musik als „a combination of folk, jazz, reggae and punk“. Mit Don Cherry hatte Dyani natürlich schon gespielt: in der Vorgänger-Gruppe zu Music for Xaba („Orient“, „Blue Lake“). Am 18. Juli 1978 nahm ein Quartett mit Cherry und drei Südafrikanern für Steeplechase eins der Meisterwerke des Jazz der Siebziger auf: „Song for Biko“, gewidmet Steve Biko und seiner Familie, wie Chris Sheridan in den Liner Notes schreibt (er gibt den 20. November 1945 als Geburtsdatum Dyanis an) und ganz von Dyani komponiert dieses Mal. Die Südafrikaner sind Dudu Pukwana (as), Dyani (b) und Makaya Ntshoko (d). Der Drive dieses Quartetts ist mitreissend, ihre Musik noch in den freiesten Passagen (wo Ntshoko auch mal den Puls auflöst, der die meiste Zeit durchläuft) vollkommen in sich geerdet, stimmig, Musik von einer Wärme, für die mir als Vergleich nur Charlie Haden einfällt, ein anderer Bassist/Bandleader, dessen Karriere vielleicht parallel zu jener Dyanis hätte verlaufen können, wäre Dyani nicht 1986 nach einem Konzert in Westberlin zusammengebrochen und gestorben.

„Wish You Sunshine“ beginnt mit einem Bass-Lick aus drei absteigenden Tönen, bevor Kornett und Altsax zweistimmig die klagende Melodie vorstellen – akute Ohrwurmgefahr. Ntshoko erweist sich bald als kraftvoller Mitspieler, der ständig Akzente setzt, die Fills kommen in Wellen, sind nicht so unberechenbar wie jene von Moholo, haben aber noch mehr Kraft, kommen mehr aus der Mitte, aus der Tiefe. Cherry setzt zu einem Solo an, in das er auch ein paar Hard-Bop-Klischees einstreut, während Dyani mit einer Kippfigur aus eineinhalb Tönen einen irren Groove setzt und Ntshoko mitzusolieren beginnt. Dann übernimmt Pukwana mit einem Cry – und einer Phrasierung, die sprechend wirkt. Natürlich ist das Quartett von Ornette Coleman hier als Vorbild immer wieder greifbar, doch die vier sind so gut drauf, so die drei Südafrikaner haben so starke, eigenständige Stimmen, dass Vergleiche am Ende ins Leere laufen. Auch hinter dem Sax-Solo soliert Ntshoko weiter und Dyani bleibt reduziert, gibt mit seinem einfache Riff aber stets auch den Groove vor. Ein grandioser Einstieg. Dann folgt das Titelstück – auch hier melancholische Grundstimmung und wieder ein absteigendes Thema, dieses Mal aber von den Bläsern. Dyani spielt einzelne hohe Töne und Akkorde – und seine Begleitung wirkt auf eine Art souverän, wie ich sie z.B. mit den Bassisten der klassischen Quintette von Miles Davis verbinde. Der Bass strahlt jeden Augenblick eine Ruhe und Kraft aus, die so wirklich nur Mingus oder Haden oder eben Harry Miller (Louis Moholo vergass Haden in seiner kleinen Liste der grossen Bassisten/Bandleader) austrahlen. Pukwana soliert hier zuerst, Ntshoko ist wieder phantastisch … und da wird schon auch eine Differenz zum ersten Album deutlich: Er geht ständig nach vorn, macht Druck, sport an, interveniert, während die brasilianischen Polyrhythmen eher einen Gegenpunkt setzen, einen Teppich legen, der für die anderen immer da ist, aber nicht nach vorn will. Cherry soliert hier gar nicht wirklich, er leitet nur zur Themenrekapitulation über. Die erste Seite der LP endet mit „Confession of Moods“, mit über acht Stücken dem längsten der drei. Die Bläser spielen Unisono ein Kürzel und Bass/Drums geben mit einem Beat Antwort, bevor das ganze Quartett ein schnelles Tempo fällt und wenig später mitten in einer überbordenden Kollektivimprovisation steckt, wie aber ganz wie Pukwana/Tchicai auf dem Vorgänger-Album sich wirklich ins Gemeinsame, ins Zusammen vertieft, nie zu einem Nebeneinanderspiel wird, in dem einer die anderen in den Schatten stellen möchte. Ntshoko ist auch hier phänomenal. Sheridan findet die treffenden Worte, wenn er von seinem „spiralling drumming“ schreibt. Dyani walkt oft, aber manchmal löst sich alles auf – ohne dass der Groove je verloren ginge.

Teil 2 der LP besteht dann aus dem 16minütigen „Jo’Burg – New York“, einer Art Blues mit Stoptime-Groove, Bläserfanfaren und ruppigen Drums, gewidmet den Menschen in Südafrika. Sheridan zitiert dazu Dyani: „When I got to New York, it was as though I’d come to a twin town … I wanted to create a piece which reflects these flavours“. Die Flavours sind Blues, Jazz, Xhosa und Kwela. Groove und Free Jazz verbinden sich hier erneut, Pukwana spielt ein mitreissendes langes Solo, in dem wieder in einen sprechähnlichen Gestus fällt und von Dyani/Ntshoko hervorragend begleitet wird. Cherry setzt hinter ihm ein und übernimmt dann fliessend, während Dyani ein sich windendes Riff spielt, das zwischendurch so schnell dreht, dass es sich fast überschlägt. Ntshoko traktiert die Snare als gäbe es kein Morgen (was zum Glück bei ihm nicht der Fall war). Im zweiten Teil des Stückes – nach einer Art Boogie-Bass-Solo-Passage, die im Gestus anfangs nah bei Haden ist – steht dann wieder das Kollektiv im Mittelpunkt.

Die CD enthält hier einen ganz substantiellen Bonus: „Lonely Flower in the Village“ heisst das zweiteilige Stück („Flower of the Village“ und „Duncan Village“), das über 21 Minuten dauert und der LP quasi eine dritte Seite beifügt. (Der Vinyl-Hype könnte damit und mit weiteren Bonustracks anderer Steeplechase-Alben gut ein tolles „neues“ Dyani-Album zum Vorschein bringen.) HIer ist die Musik offener als auf der B-Seite der LP, Dyani fängt mit einem langen Solo an, das nicht an einem Riff klebt sondern mit einer Beweglichkeit beeindruckt, die stellenweise fast ein wenig an Jimmy Garrisons „Flamenco“-Ausflüge erinnern. Das Riff folgt dann mit dem Einstieg der anderen drei, es erinnert mich ein wenig an „Sunshine Day“ der afro-karibischen Rockband […]. Jedenfalls ist der Groove schon nach wenigen Takten mitreissend, von Ntshoko eigenwillig punktiert, und Pukwana hebt darüber zu einem intensiven Solo ab, von Cherry begleitet. Auch hier gibt es die perfekte Balance zwischen Einzselstimmen und dem Ensemble – vergleichbar der Brotherhood of Breath, aber natürlich mit viel mehr Raum für die Bläser, weil es hier ja nur zwei sind. Ich mag diese ganze CD unglaublich gerne – hab sie länger nicht mehr gehört und nicht mehr präsent, wie phantastisch sie ist. Inselmusik.



Johnny Mbizo Dyani – African Bass. Solo Concert. Willisau Jazz Festival 1978 | Das ist dann eine dieser Veröffentlichungen, die sonst eher nicht an mich gehen: eine Doppel-LP, die mit 45 rpm abgespielt werden muss mit Dyanis Set vom Jazzfestival Willisau am 2. September 1978, solo zwischen dem Quartett von Arild Andersen (mit Juhani Aaltonen) und Andrew Cyrilles Maono. Das Programm sowie ein heute schier unfassbares Pressedossier (über 80 Seiten mit Zeitungsausrissen, fast die Hälfte davon von vor dem Festival) zum Festival von 1978 kann man z.B. hier anschauen. Wie toll es doch wäre, da mal vorbeizugucken und sich das alles anzuhören! Ein wenig weiterhören kann man noch, denn das Trio von David Murray mit Dyani und Cyrille am Folgeabend wurde ebenfalls veröffentlicht („3D Family“, Hat Hut) – ein Konzert von Murray mit Dyani und Steve McCall gab es dann 1982 in Willisau auch noch. Davor spielte er schon im Mai 1974 einmal in dem Städtchen, bei einem Konzert (ausserhalb des Festivals) mit Dollar Brand’s African Space Programme (auch ein Line-Up, das ich gerne hören würde: Bea Benjamin, Joe Gardner, Carlos Ward, Joe Malinga, Roland Alexander, Brand, Dyani und Roy Brooks).

50 Minuten dauert das Set, Dyani spricht zunächst ein paar Worte, meint er wolle Marabi-Musik spielen und wird dann ernsthaft: es gebe eine positive Seite bei seinen Leuten, über die man wenig höre: „So I’m here to let you know that … there’s a … positive side of my people … like the things you hear about my people in South Africa that they are lazy, they don’t want to do nothing, they don’t want to wash themselves, they can’t dance, they can’t sing, they can’t fight … I can fight, I can dance, I can sing, I can … okay … I love you, you don’t have to love me, I love you, thank you.“

Bild
Dyani in Willisau am 2. oder 3. September 1978 (Foto: Markus DiFrancesco, Quelle)

Das Set öffnet dann mit „Abu Limanga“, ein paar Gongschläge und Chants. Für das folgenden „Wish You Sunshine“ setzt Dyani sich ans Klavier – und singt. Nach zehn Minuten wechselt er für „Afrikan Blues“ an den Bass. Und bleibt es auch, als nach neun Minuten das nächste Stück beginnt (was die Produzenten der High-End-LP nicht bemerkt haben, vermutlich hat da gar niemand die Musik angehört) – mit den Stücken zu Beginn des Albums „African Bass“ bring ich das nicht wirklich zusammen (dort geht es über 12 Minuten vom „African Anthem“ über „African Blues“ zum klar identifizierbaren „Ithi-Gqui“) … ich vermute, dass Dyani in beiden Fällen eine Art Suiten aus eigenen und traditionellen Themen spielt und die Titelgebung der Veröffentlichungen nicht besonders seriös geschah. Das Set aus Willisau kommt hier jedenfalls richtig in Fahrt, in diesem zweiten Stück spielt Dyani double stops und füllt dazwischen, beginnt dann wieder zu chanten … das alles wirkt super spontan und ist damit auch ein vollkommener Gegenpol zu Harry Millers ausgewachsenem „Children at Play“ mit seinen Overdubs und Klanglandschaften. Auch im längsten Stück, „La Ngo-Ma“, bleibt Dyani am Bass, rifft, chantet dazu – inzwischen ist das alles ziemlich intensiv, das Set steigert sich also über eine Dreiviertelstunde kontinuierlich. Und endet dann mit zwei kurzen Stücken, „Aba Limanga II“, eine Wiederaufnahme vom Opener mit Chants und „Let the Music Take You“ von David Murray, noch ein Klavierstück mit Gesang – bei dem Dyani sich dann singend erhebt und vom Klavier und dann von der Bühne weggeht: „good night, good night, I love you, you don’t have to love me, I love you, thank you very much … I am the witchdoctor’s son, I am the witchdoctor’s son, and I came all the way from Africa to entertain you … I hope I get entertained later on … it’s about time, too … we love you, you don’t have to love us, we love you … thank you very much.“

Unterm Strich eher ein schönes Dokument von Dyanis ganzem Arbeiten zu Zeit, als dass es ein wirklich tolles Album geworden wäre, finde ich – und mit den mehreren Ausblendern weiss ich nicht, ob das nur dem Format geschuldet ist oder ob die Set-Reihenfolge abgesehen von den beiden Ansagen umgestellt worden ist. Dass beim einen angeblich 15minütigen Stück nicht bemerkt wurde, dass das eigentlich zwei sind, finde ich zudem so seltsam, auch weil das ja sonst eine wertige Produktion ist (matte Pappe fürs Foldout, Liner Notes von Francis Gooding und eins von Niklaus Troxlers besten Covern).



Johnny M. Dyani – African Bass | 2024 erschien dieses Album erneut auf LP und CD und wurde endlich wirklich zugänglich. Die fast nur in Italien greifbare Platte war seit ihrer ersten Veröffentlichung 1980 nicht mehr neu aufgelegt worden. Geplant war anscheinend, an diesem 14. November 1979 im Studio von Giancarlo Barigozzi in Mailand ein Trio-Album mit Walter Davis Jr. aufzunehmen, doch – so einmal mehr Marco Giorgi in den Liner Notes – das Trio sei nicht in guter Form gewesen und so haben man spontan beschlossen, ein Duo von Dyani mit dem Drummer Clifford Jarvis aufzunehmen, während der Leader Davis danach noch ein paar Solo-Aufnahmen gemacht habe. Solo geht auch hier los, mit einem zwölfminütigen Stück, das ich ja schon erwähnt habe: „African Anthem (Zulu)“ wird vom „African Blues“ und dem bei der 11-Minuten-Marke einsetzenden „Ithi-Gqui“ gefolgt, bevor Dyani nach einer halben Minute noch „Nkosi Sikelel‘ iAfrika“ spielt, was hier das alles übrgreifenden Haupttehma ist (wie Giorgi zwar schreibt, aber in der Trackliste taucht das Stück nicht auf). Teil 2, „Lonely Flowers“, ist dann ein Duo mit Jarvis – und Dyani am Klavier. Er rifft mit der linken Hand à la Ibrahim und improvisiert mit der rechten ein wenig dazu, oft auch nur kleine Riffs und Motive, die wiederholt werden. Das Thema ist wieder das, was mich an den Osibisa-Song erinnert – auf „Song for Biko“ heisst es „Flower of Peace“, hier „Lonely Flowers“. Jarvis spielt eine Begleitung, die stark auf die Trommeln fokussiert, dazu eine Hi-Hat für den Puls und gelegentliche Beckenschläge (aber auch etwas dumpfer Sound, der diese und die Hi-Hat nicht nett behandelt). Das kommt ziemlich in Fahrt, gegen Ende eskaliert Dyani am Klavier, ein wenig, wie es Chris McGregor mit der Brotherhood oft tat – aber rhythmisch scheinen die beiden nicht immer zusammen zu sein. Der zweite Teil der LP ist dann „South African / The Robin Irland Struff“ – zu Beginn chanten beide, dazu klatschen sie in die Hände. „Bayeza Kusasa“ („They Are Coming Tomorrow“) ist das Traditional, das dann folgt. Nach sechs Minuten oder so wechselt Dyani dann an den Bass und spielt ein tolles Solo, zu dem Jarvis dazukommt, anfangs mit wenigen Trommelschlägen, bis er schliesslich übernimmt, von Dyani mit Arco-Linien im Falsett begleitet – leider auch da echt nicht schön aufgenommen. Allmählich verlagert sich das Gewicht wieder zum Bass, immer noch Arco und über dichte Trommeln, bis Dyani dann den Bogen weglegt und ohne Drums weitersoliert. „Bayeza Kusasa“ und die Drums kehren dann für die letzten paar Minuten zurück, bis das Stück ausgeblendet wird. (Das alte Digitalisat – vermutlich via Inconstant Sol – ist leider auch nicht ohne Fehler, aber klingt direkter und heller als die neue CD – schade.)



Oben die Rückseite der LP von 1980 (Fotos: Elena Carminati, vermutlich auch das auf dem Cover), unten das Cover des 2024er-Reissues (Foto von George Hallett).



--
ergänzend, redbeansanrice hat geschrieben: vielen Dank für den Post! wegen Mohamed Jabry, das scheint der gleiche zu sein, hier ist eine kurze Biografie des Saxophonisten, in der auch steht, er habe mit Dyani gespielt etc… (und die Inhalte des Albums kann man da auch hören, Luther Thomas am zweiten Saxophon) hier kann man ziemlich viel von einer dänischen Musikzeitschrift aus den 70ern lesen, mit einem grossen Artikel über ihn… ist halt auf dänisch…
Danke für die Recherche – hatte auf Dich gehofft!
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Louis Moholo Octet – Spirits Rejoice | Moholo war der Survivor unter den Blue Notes – und derjenige, dessen Karriere als Leader am spätesten anfing. Quasi als Prolog entsteht 1978 in London (Redan Recorders) das Album „Spirits Rejoice“. Kenny Wheeler (t), Nick Evans und Radu Malfatti (tb), Evan Parker (ts), Keith Tippett (p), sowie Johnny Dyani und Harry Miller (b) sind dabei – die Zeit ist also die der Versöhnung von Dyani mit den Blue Notes und McGregor. Der Stil ist heftiger Free Jazz mit südafrikanischen Anklängen, die manchmal stark in den Hintergrund treten. Die Musiker sind von McGregors Brotherhood of Breath und Harry Millers Bands bekannt – mit der Ausnahme des glänzenden Trompeters, der relativ selten in so freiem Umfeld zu hören ist, sich aber mühelos zu behaupten weiss, schon im Opener, „Khanya Apho Ukhona (Shine Wherever You Are)“, in dem Parker ein irres Solo spielt, bevor Tippett am Klavier übernimmt und die Bläser hinter ihm mehr oder weniger pausieren. Das Thema ist klar südafrikanisch, das was zwischen der Exposition und der Rekapitulation passiert, eher weniger – aber hinter dem Thema gibt es eine kleine Coda, in der auch endlich die beiden Bässe zu hören sind, die sonst im Getümmel und der mässigen Klangqualität etwas untergehen. Nach Moholos Opener geht es mit Mongezi Fezas Hymne „You Ain’t Gonna Know Me ‚Cos Think You Know Me“ weiter – das erste Posaunensolo müsste Evans sein, aber nach zwei oder drei Wochen Pause bin ich da gerade nicht ganz sattelfest … Liner Notes gibt es nur knappe (von Steve Lake) – dafür ist hier der Sound recht transparent, die Bässe schön hörbar (wer die Grundierung und wer den permanent solierenden Bass spielt, weiss ich nicht) und der Groove auch durchgehend. Auch im folgenden Dyani-Stück „Ithi Gqi“ zieht sich der Groove durch, aber das Arrangement ist wieder dichter, Tippett und die Bässe, die Drums des Leaders, dazu die Bläser, die einen leisen, leichten Teppich aus nervös auf- und absteigenden, sich umeinander schlängelnden Linien spielen … und nach dem Klavier zu kurzen Soli ansetzen: vermutlich Malfatti, danach Wheeler und schliesslich auch wieder Parker, der in Dialog mit Wheeler und den Posaunen tritt. Hier finden Free und Cape Jazz wirklich schön zusammen.



Teil zwei der LP besteht dann aus zwei noch etwas längeren Stücken, „Wedding Hymn“ von Pat Matshikiza (einem südafrikanischen Pianisten, der das Land nicht verliess) sowie „Amaxesha Osizi (Times of Sorrow)“ von Ronnie Majola Sehume, einem Mitglied der Gesangsgruppe The Manhattan Brothers (fürs CD-Reissue auf der Doppel-CD „mit Bra Louis – Bra Tebs“ scheint man hier die Reihenfolge getauscht zu haben, auf den LP-Labeln zumindest ist die Reihenfolge andersrum (und im Discogs-Eintrag dann auch, da dürfen ja allfällige Misprints höchstens in Kommentaren berichtigt werden). In Matshikizas Stück wird das langsame Hymnen-Tempo rasch beschleunigt – kontinuierlich à la Mingus/Richmond, bis dann im schnellen Tempo Evan Parker ein wuchtiges Solo spielt, von endlos perlendem Klavier von Tippett und den beiden Bässen aktiv begleitet, während Moholo und die anderen Bläser sich etwas im Hintergrund halten, der Leader allerdings wie immer den Beat bestimmt und mit verqueren Ideen prägt. Tippetts Klavier übernimmt auch hier wieder organisch aus Parkers Solo heraus. Das Stück von Majola beginnt mit einem Piano-Intro mit eine Art Vogel-Effekten (von Moholo vermutlich) und danach auch wieder ein Thema wie von einer christlichen Hymne, für die Bläser mehrstimmig gesetzt – ein Moment der Introspektion nach dem zweiten Ausbruch. Nach etwas über zweieinhalb Minuten dann ein kurzes Atemholen, bevor die Rhythmusgruppe einsteigt – toll die zwei Bässe! – und Wheeler darüber zu singen anfängt und ein unverkennbares, grossartiges Solo bläst. Die anderen Bläser steigen choralartig dazu ein, wunderschön zusammenklingend und doch relativ frei. Tippett kriegt dann auch noch ein richtiges Solo, nur mit den Drums und den beiden Bässen (ich tippe auf Miller für die Solo-Stimme und glaube, die Rollenverteilung ist fürs ganze Album gleich) – blumig und voller Arpeggien, die da und dort eine gewisse Bitterkeit andeuten. Die letzten beiden Minuten kehrt dann die Hymne der Bläser zurück, zunächst unbegleitet mit erneutem Vogelgezwitscher.

Ein Album, das bei oberflächlichem Hören vielleicht etwas ruppig, etwas sehr nach europäischem Free Jazz klingt – aber aufmerksames Hören belohnt. Die Musiker sind wirklich eng aufeinander abgestimmt, auch der potentielle Fremdkörper Wheeler fügt sich ganz hervorragend ein (soweit ich das auf die Schnelle durchblicke war er wohl nur mit Parker wirklich vertraut – aber es gab ja in London in der Zeit all die Jam-Sessions und bei jenen von John Stevens traf Wheeler bestimmt auch hie und da andere Leute aus dem Umfeld und guckte vielleicht auch selbst anderswo rein: im 100 Club oder bei Mike Osborne im Peanuts Club).

Zu den Gigs von Moholo, die Lake aufzählt, gehörten damals nicht mehr nur die bekannte und hier erwähnten (Blue Notes, das Jahr in Argentinien mit Steve Lacy und Enrico Rava, Isipingo, die Brotherhood of Breath) sondern auch Kees Hazevoet, Misha Mengelberg, Irène Schweizer/Rüdiger Carl, Ninesense (Elton Dean), Ark (Tippett), das Tippett/Moholo Duo „and many more (Britain). Bands of sizes, all races.“ Und dann gibt es ein Zitat, das in der heutigen Zeit fast etwas nostalgisch anmutet: „Musically, man, it’s very nice because all the cultures overlap. Yeh! It’s fantastic; I like to work that way. Nobody gets on top of each other. Everybody is from a different background, everybody has a different upbringing, a different story … but it all fits!“



Louis Moholo-Moholo / Dudu Pukwana / Johnny Dyani With Rev. Frank Wright – Spiritual Knowledge and Grace | Am 22. Juni 1979 sollten im Jazzclub De Markt in Eindhoven die Blue Notes auftreten – doch McGregor kam zur Opening Night des Gigs zu spät und zumindest im ersten Set blieb der Klavierstuhl leer, wie David Ilic in den Liner Notes dieses 2011 veröffentlichten Albums schreibt. Als man hörte, dass Frank Wright auch in der Stadt war, war es Moholo, der vorschlug, ihn dazuzuholen – er war ihm in Brötzmanns Alarm begegnet und lud ihn später auch als Gast zu seiner Band Viva-La-Black ein. Dudu Pukwana und Johnny Dyani waren dem in Memphis und Cleveland aufgewachsenen Tenorsaxophonisten noch nicht begegnet. Die Musik ist spontan, es gibt einen 32minütigen und einen 37minütigen Track, zwei Segmente aus längeren Passagen, „Ancient Spirit“ und „Contemporary Fire“ wurden sie überschrieben. Es dauert einen Moment, bis die vier zusammenfinden, sie tun das melodiös, mit Bass-Riffs, Moholos so unberechenbaren Beats. Es gibt Momente der Ruhe, Momente der Konzentration, Verdichtungen und Entspannungen, weitere und kürzere Bögen, ein Auf und Ab – und eine Spielhaltung, die erstaunlich gelassen wirkt, manchmal fast ein wenig an die AACM und ihre Haltung des Wartens, des Nichts-Erzwingens, erinnert – doch ehe man sich’s versieht ist aus dem endlos wiederholten Riff wieder ein Wirbelsturm geworden und Wright übernimmt den Lead, mal an Ayler, dann eher an Roland Kirk erinnernd.

Pukwana und Dyani setzen sich auch mal ans Klavier und Wright spielt auch mal den Bass. Von ca. Minute 22-25 im ersten Stück setzt sich wer ans Klavier und der Bass klingt zunächst etwas unsicher – vielleicht ist das dann Wright, mit Dyani – und danach Pukwana (wenn Dyani sich den Bass zurück holt und Wright am Sax ein tolles Nicht-Solo spielt) am Klavier? Moholo ist es wohl, der nicht nur hier laut lacht, die anderen anfeuert … das ist alles total melodiös, sehr zugänglich, groovt – und ist dennoch so frei, wie Musik nur sein kann – und gefällt mir in diesen Momenten maximal!

Teil 2 beginnt nach einem raschen, fast abrupten Ausblender gleich wieder mit Piano, Saxophonen und Drums. Zunächst ist nur Pukwana zu hören, doch dann übernimmt Wright für einen kurzen, Pukwana spielt – nicht zum ersten Mal – seine „whistles“ … das klingt schon so, als würde hier auf bestehendes Material zurück gegriffen, aber sowas – wiederkehren Motive und Riffs nach freien Passagen – kriegen solche Leute natürlich auch spontan hin, zumal das Material recht einfach wirkt. Und hier ist dann definitiv Wright am Bass zu hören, denn Dyani rifft am Klavier weiter und Pukwana ist am Altsax zu hören … und der Moment, wenn die Musik mit dem einsteigende Bass wieder ein Zentrum kriegt, ist überraschend wuchtig, auch wenn die Time nicht immer so sicher wirkt – auch die von Moholo und Dyani an Drums und Piano nicht … das führt hier aber nicht zum Zerfall sondern zu spannenden Reibungen, denn alle machen unbeirrt weiter und irgendwie funktioniert das dann auch tatsächlich. Danach gibt es eine tolle kurze Duo-Passage von Pukwana und Moholo, zu der dann Wright einsteigt … und Dyani den Bass mit Bogen traktiert. Nach längeren etwas mäandernden Passagen mit Chants fällt das Quartett nach 19 Minuten wieder einen Groove und alle sind zurück an ihren Hauptinstrumenten. Nach einer langen Passage, die immer wieder zum selben Riff zurückkehrt, gibt es gegen Ende ein Bass-Solo, zu dem sich Pukwana am Klavier gesellt, während Moholo frei begleitet – und plötzlich einen kurzen Unisono-Moment von Bass und Klavier, bis sich alles noch einmal beschleunigt und dann mit Chants endet – hier kein Fade-Out bzw. erst in den Applaus hinein. Das ist keine Musik für alle Tage, aber wenn die Laune stimmt und man sich auf so lange Stücke einlassen mag, auch auf das mäandern, die Suchbewegungen, das Warten darauf, dass etwas passiert – dann ist das ein tolles Dokument.

Pukwana hat sich quasi als Kolonialherr verkleidet, während Wright einen dreiteiligen Anzug trägt und Moholo ziemlich leger daher kommt. Derjenige mit den „afrikanischen“ Klamotten ist Dyani. Die Fotos auf der Hülle stammen wie es scheint auch von diesem einen Abend – zumindest legen Ilics Liner Notes dies nahe. Ob es sich um das einzige Set mit Wright handelt oder dieser auf der folgenden Tour durch die Niederlanden nochmal dazugestossen ist, lässt Ilic offen.




Nicht zum ersten Mal in diesen Wochen ertappe ich mich beim Wiederhören dieser Musik beim Gedanken, dass mir dafür vor 10 oder 15 Jahren wohl noch ordentlich das Verständnis gefehlt hat (der andere Fall, bei dem es mir sehr klar so erging, waren die Ogun-Alben von Harry Miller – vielleicht mit Ausnahme vom Isipingo-Album, das ich schon beim ersten Hören sehr gerne mochte).



Blue Notes – Before the Wind Changes | Bis an den Rand gefüllt ist diese CD von 2012 – ein Nachschlag zum Jam mit Frank Wright, hier mit den vollständigen Blue Notes, mitgeschnitten am 1. Juli 1979 im Jazzclub De Hoop in Waregem, Belgien. Vollständig heisst zu der Zeit natürlich: Dudu Pukwana (as), Chris McGregor (p), Johnny Dyani (b) und Louis Moholo (d). Der Klang ist leider etwas dumpf, das Klavier leidet wieder einmal am stärksten, während Sax und Drums recht gut klingen und der Bass sehr präsent ist. „Ithi Gui“ (immer anders geschrieben, das haben Transkriptionen halt so an sich) ist der groovende Opener, mit Moholos unkonventionellen Rhythmen, die hier rollend über alles hineinbrechen aber auch als Teppich quasi in der Bewegung untergezogen werden. Dyani ist hier gleich mit drei Stücken vertreten: das Album endet mit einer sehr langen Version von „Funk Dem Dudu“ (fast 23 Minuten) und dann „Wish You Sunshine“. Davor hören wir McGregor mit „Mange“, den Traditional „Lonta Uyagula (The Poor Child Is Sick)“ mit Chants zum Einstieg (Dyani wohl) und erst hier kommt das Quartett für meine Ohren richtig in Fahrt. Sehr toll gleich auch die folgende Ballade „Lakutshona Ilanga“ von Mackay Davashe, 18 Minuten lang und mit einem formidablen Pukwana, dessen „The Bride“ als nächstes zu hören ist. Ungewöhnlich ist vielleicht, dass Pukwana und McGregor – in dieser Reihenfolge die Hauptkomponisten der Band – nur mit je einem kurzen Stück (5-6 Minuten) dabei sind. Pukwana ist wie immer eine prägende Stimme, als einziger Bläser liegt das noch mehr auf der Hand als beim Jam aus Eindhoven, aber je länger das Set dauert, desto enger verwoben wirkt das Quartett, desto reaktionsschneller werden alle vier – und im langen zweitletzten Stück von Dyani kommt wirklich alles zusammen. Das Material fliesst teils ineinander übrig oder die Band setzt nur ganz kurz ab und macht gleich weiter, da und dort wird leider auch ausgeblendet, aber mir scheint an sinnvollen Orten, nicht weil das Band abbrechen würde.

Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »

redbeansandrice hat geschrieben:Am Samstag 2. Juni 1979 spielten in Groningen Spirits Rejoice mit Moholo, Wheeler, Pukwana, Malfatti, Keith Tippett und Maarten Altena bei einem Jazzmarathon… später am Tag kamen noch die Quartette von James Newton und Chico Freeman sowie ein Duo Keith Tippett / Stan Tracey… (und am nächsten Tag gab es dann unter anderem ein Soloset von Sun Ra, das Frank Wright Sextet und das Sun Ra Arkestra… gutes Festival, scheinbar ein bisschen koordiniert mit dem Moers Festival, das zeitgleich stattfand, und wo zB Wheeler, Sun Ra, Chico Freeman, James Newton auch zu hören waren, s hier… Wheeler ist wahrscheinlich bei irgendwem mitgefahren, im Moers war er am Vortag mit Globe Unity – da muss man schon mitdenken, dass man sieht, dass Groningen am nächsten Tag passt… aber diese Musiker haben ja eh Reisepläne gehabt, die man sich kaum vorstellen kann…)

Die Tournee sah laut Volkskrant vom 22.6. dann so aus:

22. Juni Eindhoven
23. Juni 14:30 auf dem „Oude Markt“ in Tilburg
23. Juni abends BIM-Huis in Amsterdam
27. Juni Hippo in Leeuwarden
28. Juni Troubadour in Groningen
29. Juni im 0-16 in Den Haag
30. Juni beim SJU Festival in Utrecht
1. Juli in Waregem
2. Juli De Kroeg in Amsterdam (mit Radioaufnahme für VARA)

von den Konzerten im BIM-Huis, in Leeuwarden und in Groningen hab ich Rezensionen gefunden, das waren beides Quartette, in den ersten beiden wird beklagt, dass sich Pukwana dominant verhalten habe… Der Rezensent aus Leeuwarden dachte übrigens, McGregor sei gar kein Afrikaner… Groningen (geschrieben vom Jimmy Luncefod Biografen Eddy Determeyer) war am positivsten…
Danke! Pukwana ist natürlich zu dem Zeitpunkt der einzige Bläser … aber dominant finde ich ihn auch in Waregem nicht (neben Wright eh viel weniger) … für mich überwiegt hier das dichte Zusammenspiel – selbst ohne McGregor in Groningen höre ich das alles als eine Art Verlängerung des BoB-Konzepts (das ja seinerseits einst eine Erweiterung der Blue Notes war).
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Johnny Mbizo Dyani – Witchdoctor’s Son ‚Together‘ | Zurück zu Johnny Dyani. In den Sound City Studios in Stockholm entsteht im Dezember 1979 und Januar 1980 sein nächstes Album, das aber erst 1987 erscheinen kann. Keith Knox schreibt dazu in den Liner Notes: „For reasons of his own, Mbizo adamantly refused to sign a contract with Stanley [Koonin, das das Album produziert hat] and messed matters up a couple of times when opportunities arose for selling the tapes, which is roughly the reason why they are only being released now.“ – Produzent der Stanley Koonin stammte auch aus Südafrika, war ab 1967 in Schweden und Teil der Organisation „Ny Kultur“ (Neue Kultur), die von 1974 bis 1979 erfolgreich Rock-Konzerte im Kulturhuset in Stockholm präsentierte. Dyani fragte ihn an, ober er für ihn ein Album produzieren würde. Das Album wurde 2014 von Cadillac zusammen mit „Rejoice“ (Dyani/Feza/Temiz) auf einer Doppel-CD neu aufgelgt:



Im Studio mit Dyani, der Keyboards spielt und singt, fand sich eine ziemlich bunte Gruppe ein: der dänische Drummer Bosse Skoglund (gemäss Liner Notes sagte er später einmal: „It was the best drumming experience of my life“), der Gitarrist Kenny Hakanson (damals Teil der schwedischen Rockband Kebnekajse), Peter „Shimmy“ Radise aus Johannesburg am Tenorsaxophon (1959 mit den Golden City Dixies nach Stockholm gekommen und gleich dort geblieben), Dudu Pukwana am Altsaxophon (und irgendwo auch mal noch am Sopran), Virimuje Willie Mbuende aus Namibia am E-Bass und Hassan Bah aus Guinea an den Congas (beide seit 1969 in Schweden, Bah auch Teil von Kebnekajse) sowie Felix Perrera an der „South American traditional harp“ (keine weiteren Credits auf Discogs, wie Bah in den Liner Notes nicht erwähnt). Wir bewegen uns hier zwischen Rock und Marabi/Kwela, Jazz und erst recht freie Musik spielt eine kleinere Rolle – Südafrika ist allerdings sehr präsent. Dyani wird von Knox in den Liner Notes zitiert, dass er in dieser, seiner eigenen Band, anderen Musikern seine Musik beibringen wollte, die Musik, mit der er aufgewachsen sei, „[w]hich I feel is also a political statement, when I try and let everyone feel it.“ Um grosse Solo-Ausflüge geht es hier überhaupt nicht – am ehesten löst sich mal Pukwana aus dem Groove der Band und spielt ein paar Takte über den weichen Keyboard-Sounds von Dyani und dem leichten Beat von Skoglund (er hat eher bei Gilbert Matthews gelernt als bei Moholo), aber auch Radise ist da und dort kurz zu hören – in „Hight Priest“ spielen sie beide einigermassen ausgewachsene – und tolle – Soli. Anderswo ist es die stets leicht verzerrte Gitarre, die sich in den Vordergrund drängt, von den Keyboards oder der Bassgitarre sekundiert – und die Bläser übernehmen eine Satz-Funktion, wie sie Feza und Pukwana auch als Session-Musiker da und dort übernommen hatten (oder in Pukwanas eigener Jazz-Rock-Band Assagai). Wenn in „Crosscroads“ nach dem Rock-Intro plötzlich ein Cape-Groove auftaucht und die Gitarre mit den Saxophonen rifft, während die Congas dazu Latin-Rhythmen spielen, kommt wirklich alles zusammen … „Together“ ist auf jeden Fall das passende Schlagwort für die sehr kompakte und doch äusserst vielseitige (höre ich da und dort auch leichte Reggae-Vibes?) Band. Vom Traditional „Tula Tula“ am Ende stammen alle übrigen sechs Stücke aus Dyanis Feder, „Kalahari“ ist auch wieder dabei.



Johnny Dyani Quartet – Mbizo | Am 24. Februar 1981 wurde Dyanis Quartett für Steeplechase im Third Eye in Glasgow mitgeschnitten. Ed Epstein (as/bari), Dudu Pukwana (as/ss) und Churchill Jolobe (d) sind dabei – ein Drummer aus Südafrika also, der um den Dreh herum auch mit Pukwanas Zila oder mit Joe Malinga spielte und aufnahm und ein knappes Jahrzehnt davor auch mal auf einer Platte von Achim Reichel gastierte), und ein Saxophonist, der in den Vierzigern in den USA auf die Welt kam, aber in Schweden zuhause war und vermutlich noch ist. Es gibt vier lange Stücke. Pukwanas „Dorkay House“ ist einer der legendären Locations daheim gewidmet, einem Gebäude in Johannesburg, in dem sich die Jazzmusiker gerne zu Jam-Sessions trafen. Danach gibt es drei Dyani-Stücke, „House Arrest“, das fast zwanzigminütige „Musician’s Musician“ und zum Abschluss das kurze „Dedicated to Mingus“. 48 Minuten men at work – und neben der so konzentrierten Atmosphäre von „Song for Biko“ wirkt das etwas lose und in den Freiheiten, die sich die vier nehmen manchmal fast etwas beliebig – aber sie kriegen die Kurve immer wieder, auch wenn sie sich weit von den Stücken entfernen, mit der Time spielen, Zitate einstreuen … das ist eben keine Jam-Session sondern eine Band, die so funktioniert. Nach dem Stomp mit Schabernack (und Epstein am Barisax, im Dialog mit Jolobe) ist „House Arrest“ eine nachdenkliche Ballade, die auch gut ins Repertoire der Blue Notes gepasst hätte mit ihrem klagenden Unterton. Hier sind beide Saxophonisten am Alt zu hören, Pukwana zuerst mit vokalerem Ton und oft sehr freiem Spiel. Dann übernimmt Epstein, singender und klarer, während Pukwana ihn zunächst im Hintergrund begleitet. Lustigerweise erinnert beider Spiel ein wenig an Ornette Coleman – einfach an unterschiedliche Phasen. Wenn der Closer Mingus gewidmet ist, dann passt es vielleicht, dass das längste Stück direkt davor ein wenig nach Mingus klingt mit den beiden Saxophonen (Alt und Bari) und dem kargen aber doch raffinierten Satz. Hier ist Epstein am Barisax zuerst an der Reihe – und Dyanis Waking-Bass übernimmt in der Begleitung manchmal die obere Stimme. Bevor das Stück mit einem langen Bass-Solo und der Themenrekapitulation endet, spielt mit Pukwana dann in der Mitte eine Art surealistisches (immer noch Mingus channelndes, dünkt mich) Polka-Trio. Dyani spielt den Umm-Pa-Bass sogar länger mit dem Bogen – das wird auch dank Jolobes auf dem ganzen Album sehr lässigem Spiel nie corny – neben einem leichten Beat, oft mit minimalen Mitteln und Beckenschlägen, die an alte Meister wie Sonny Greer oder Sid Catlett erinnern spielt er diese sehr swingenden aber immer leicht verschleppt wirkenden Einwürfe auf der Snare. Der Gedanke, dass er auch ein perfekter Monk-Drummer gewesen wäre, drängt sich auf – ein Tänzer! Im Closer ist Epstein dann wieder am Barisax, das Quartett baut einen packenden kargen Groove auf, Jolobe bindet eine cowbell ein, die tiefen Instrumente riffen, Pukwana reisst sich immer wieder los und gleitet in die Höhe. Das könnte statt sechs auch sechzig Minuten dauern – doch es handelt sich wohl um die Zugabe, den Set-Closer, und mit Dyanis kurzer Ansage der drei Mitmusiker endet das Album.



Johnny Dyani/Mal Waldron – Some Jive Ass Boer „Live at Jazz Unité“ | Verspätet erschien auch dieses Album, wie es scheint, nämlich erst 2001 – was mir bis kürzlich gar nicht bewusst war. Es handelt sich um einen Konzertmitschnitt, fünf Viertelstunden aus dem Jazz Unité in der Défense in Paris am 16. April 1981, den Gérard Terronès bei auf seinem Label Jazz Unité herausgebracht hat. Im Duo mit dem minimalistischen Pianisten kriegen wir eher die introspektive Seite von Dyani – gerade wie mit Abdullah Ibrahim/Dollar Brand. Ein paar Stücke wirken spontan, aber es gibt auch Waldrons „African Cake Walk“ und „Blues for Mandel“ sowie Dyanis „Mukulu Kalahari“ (das einzige Stück mit Gast Pablo Sauvage an Percussion). nach dem kurzen Opener dauern die Stücke 10 bis 17 Minuten, die beiden lassen sich also viel Zeit und Raum, steigern sich ganz allmählich in repetitive Grooves hinein, lassen diese aber auch plötzlich fallen, geraten ins Stottern … das ist ein sehr enger, aufmerksamer Dialog, den mit hoher Aufmerksamkeit zu hören sich definitiv auszahlt. Lang ist das allerdings auch … und beim heutigen Hören gewinnt das Album nach dem Trio-Stück an Fahrt, „Strange Intrusions“ ist vielleicht mein Highlight, aber auch der folgenden einfache Blues für Mandela ist stark. Im Closer ruft Dyani – wie auch schon in Schottland – über die Musik hinweg, eine politische Ansprache, grundiert von Waldrons minimalitischem Klavier. Und gegen Ene wird aus diesem letzten Stück, „Time Will Tell“, noch eine richtige Tour-de-Force mit einem Bass-Solo und einer Reihe von gemeinsam entwickelten Grooves.

Wie es zu dieser Begegnung kam, würde mich schon sehr wundernehmen … und ein paar Fotos aus dem Club sähe ich auch ganz gern – auch weil ich im Frühling in Basel die Ausstellung bzw. Video-Schau „Panthéon“ von Valentin Noujaïm sah, die den Wandel der schmuddligen Banlieue in das glitzernde Business-Viertel dokumentierte bzw. rekonstruierte – und die damit einhergehende Vertreibung der Menschen, für die seither dort kein Platz mehr ist (der erste Film der Kurzfilmreihe „La Défense“, „Pacific Cub“ überschrieben, beschwört quasi einen verschwundenen Jazzclub herauf, Google sagt mir, dass wohl Julien Mezence der einsame Altsaxophonist ist, der dort in Schleife zu sehen und zu hören ist … der Film lief anscheinend auch mal in Berlin, hat @vorgarten ihn und weitere von Noujaïm ev. gesehen?)
vorgarten hat geschrieben: nein, klingt interessant, aber noujaïm ist mir bisher noch nicht begegnet, scheint auch eher im installativen und weniger im filmfeld unterwegs zu sein oder präsentiert zu werden.
Ich bin vorhin beim Suchen auf eine Liste von Events gestossen, bei der seine Filme gezeigt wurden, und da war eben auch ein Festival in Berlin dabei, aber ich kann die Seite leider nicht mehr finden … aber ja, das ist schon eher was fürs Museum.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Detail – At Club 7 | Das ist hier wieder eher off-topic … Frode Gjerstad (*1948) gründete Detail 1981 mit Johnny Dyani am Bass und dem englischen Drummer John Stevens (1940–1994 – er spielte u.a. mit Mike Osborne spielte und jammte bestimmt mit all den Südafrikanern in London) sowie dem norwegischen Pianisten Eivin One Pedersen (1956–2012). Als im Oktober 1982 die ersten Aufnahmen gemacht wurden, war Pedersen schon wieder weg. Doch 2017 kam bei Not Two aus Warschau ein Mitschnitt aus Oslo vom September 1982 wieder heraus, auf dem der Pianist gerade noch dabei ist – eine Woche später verliess er die Band, schreibt Gjerstad auf dem Cover. (Marek Winiarski, der Mann hinter Not Two, hat 1982 auch seinen ersten Plattenladen eröffnet, 1988 dann das erste Label, GOWI, und zu den frühen Förderern des späteren Simply Acoustic Trio aka Marcin Wasilewski Trio gehörte er auch.)

Die Band entstand im Dezember 1981, als Gjerstad und Pedersen, die schon seit 1975 zusammen spielten, Stevens nach Norwegen einluden für einen Gig im Jazzclub in den Red Sea Houses (dem Club der Eltern von Paal Nilssen-Love). „We immediately became friends and John wanted to expand the trio into a quartet. I asked who the bassplayer would be and he simply said: the best. Which was Johnny Dyani.“ Im Quartett spielte die Band sechs Gigs in Norwegen im März 1982 und dann folgte ein Auftritt beim Jazzfestival von Molde. Gjerstad war schon damals der DIY-Typ und man brachte ein paar frühe Aufnahmen auf Kassette heraus (so ephemer, dass davon auf Discocgs keine Spuren zu finden scheinen, obwohl laut Gjerstad auch von diesem Live-Mitschnitt aus dem Club 7 bereits damals eine Kassette erschienen war).

Anfang Oktober 1982 spielte die Gruppe dann als Trio (wieder ohne Bass) im Heinie-Onstad Centre ausserhalb von Oslo (Soft Machine Fans kennen die Location vielleicht) und auch da entstanden Aufnahmen (greifbar als „First Detail“ auf Rune Grammophon, ich kenne sie bisher nicht und weiss auch nicht, ob es die davor schon als Kassette oder LP gab) und dann einen Tag später (also 3. Oktober, nicht wie bei Not Two angegeben September?) im Club 7, als Quartett mit Dyani (die Infos kommen aus den Liner Notes, die Gjerstad für das Reissue unten schrieb, zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „At Club 7“). Im Foldout der Not Two-CD gibt es ein tolles Foto der vier, um einen Citroën herum gruppiert, Dyani grinsend, ganz in schwarz mit der üblichen Wollmütze (auch die für einmal schwarz), Stevens bärtig, Pederson leicht nerdig bebrillt (man würde ihm den Job bei IBM sofort abnehmen), Gjerstad war zwar schon Mitte Dreissig, aber sieht noch sehr jung aus. Weiter ging es durch Norwegen und die kommende Woche endete in Kongsberg, wo es nach dem Gig eine grosse Diskussion gegeben habe, mit dem Resultat, dass Pedersen die Gruppe verliess – zwei Tage vor den ersten Studio-Sessions.

Und was ist mit der Musik? Die ist ziemlich toll, wird durch den Einsatz eines ARP-Synthesizers durch Pedersen und die drei Instrumente von Gjerstad recht abwechslungsreich. Dessen Hauptinstrument war damals noch das Tenorsaxophon, er spielt auch Sopransax und Bassklarinette. Die CD ist in fünf Teile geteilt, die nahtlos ineinander übergehen, alles frei improvisiert aber oft sehr melodisch und für mein Empfinden auch recht zugänglich – in den 2019er Liner Notes für „Day 2“ schreibt er zum Dilemma der Band: „Unfortunately, DETAIL was too much jazz for the free music people and it was too far out for the jazz people.“



Detail – Day Two | Am 11. und 12. Oktober 1982 nahm die Band an zwei Tagen im Staccato Studio in Stavanger, Gjerstads Heimatstadt, auf – nun als Trio, in der Formation, in der sie über Jahre Bestand haben sollte (nach Dyanis Tod übernahm Kent Carter). Vom ersten Tag wurde die LP „Backwards And Forwards / Forwards and Backwards“ erstellt (bei Impetus auch als CD wieder aufgelegt) und vom zweien Tag „Okhela «To Make a Fire»“, das 2019 bei NoBusiness als „Day Two“ wiederaufgelegt wurde. Diese beiden CDs – „At Club 7“ von 2017 und „Day Two“ von 2019 – sind die bisher einzigen Alben, die ich kenne, aber etwas mehr ist noch da, die CD „In Time Was“ mit Bobby Bradford (andere Gäste mit dem Trio waren Barry Guy, Paul Rutherford, Courtney Pine oder Harry Beckett) und irgendwas Digitales, beides gekauft, als Gjerstad ankündete, sich von Bandcamp zurückzuziehen.



„The session was so easy to play. The music came to us as soon we started playing. No talking – just the music.“ – Das ist doch recht bemerkenswert, denn die zwei Tage im Studio waren auch die allerersten, die das Trio in dieser Formation – Gjerstad/Dyani/Stevens – spielte. Und das gefiel Gjerstad auf Anhieb so gut, dass ihm klar war: in dieser Formation will er künftig spielen. Er schreibt : „I did not know anything about releasing music at the time so John gave the music away with no contracts being signed and no money involved! But they gave us some LPs… I was too excited to care.“ – Zu Dyani: „I am very proud to be on the two recordings we did in October 1982. I think this could possibly be one of the best example [sic] of Johnny Dyani’s creative playing and sound, thanks to John Stevens who did a great job in the studio, working very hard on Johnny’s sound to be as clear and balanced as possible.“ Das Ergebnis finde ich tatsächlich noch etwas besser als das Quartett – weniger wuchtig, transparenter logischerweise, der phänomenale Bassist klingt auch wirklich toll, und Stevens‘ freie Bebop-Drums werden in diesem Rahmen zur perfekten Ergänzung. Gjerstad setzt sich drauf, wühlt sich in die Rhythmen ein, wechselt wie im Quartett von melodischeren Passagen zu schroffen Kürzeln, grummelt und brummt, faucht und schnaubt (hier vor allem am Tenor und zusätzlich am Sopransax, die Bassklarinette hat Pause).



Joseph Jarman/Don Moye Featuring Johnny Dyani – Black Paladins | Wenn ich gerade bei „creative playing“ bin, kann ich auch noch drei Jahre zurück springen, nach Mailand in die Barigozzi Studios am 19. und 20. Dezember 1979. Immerhin steht Dyanis Name auch mit auf dem Cover, neben jenen der Art Ensemble of Chicago-Mitglieder Joseph Jarman und Don Moye. Beide spielen sie einen Lieferwagen voller Instrumente, Mitchell Saxophone (Sopranino, Tenor und Bariton), allerlei Flöten (Querflöte, Bambusflöte, „frog flute“), Bassklarinette, eine Muschel („shell conch horn“ – von irgendwo musste Steve Turre die Idee ja her haben), don Moye neben den üblichen Drums auch Donno (Talking Drum), Chèkèrè, Tumba Conga, Bendir, Rasseln, Trap Drums und „bird calls“. Dyani spielt neben dem Bass auch Klavier und Tamburin und Jarman und er setzen auch ihre Stimmen ein. Los geht es mit Dyanis kurzem „Mama Marimba“ bevor es zwischen drei Jarman-Stücken auch Kalaparushas „Humility in the Light of the Creator“ gibt und „Ode to Wilbur Ware“ von Moye das Album beschliesst.

Los geht es mit Dyani am blumigen Klavier, Jarman an der Flöte und Moye an Handtrommeln, eine Art Spiritual-Fanfare und dann ein passender Groove mit Chants (ich tippe auf Dyani), Sopranino, Piano, Bass und Drums und zusätzlicher Percussion – da wurde ordentlich im Studio gearbeitet mit Arrangements und Overdubs. Nach diesem doch etwas überraschenden Einstieg geht es mit „In Memory of My Seaons“ ruhig und frei weiter: Bambusflöte in der tiefstmöglichen Lage, einzelne Schläge von Moye und Dyani im Hintergrund am Klavier – eine gespenstische Stimmung, aus der sich allmählich erahnbare Strukturen bilden – doch bevor etwas fest werden könnte, wechselt Jarman an die Querflöte, Moye spielt immer mehr auf der Snare, die Stimmung hellt sich merklich auf – die Flötenlinie könnte fast aus der neuen Musik stammen. „Humility in the Light of My Creator“ beginnt mit unbegleitetem gestrichenem Bass – übrigens auch hier hervorragend eigefangen. Nach einer Minute eine kleine Fermate, dann setzt Jarman am Tenor (der Ton!) zusammen mit Dyani ein, Moye trommelt ein wenig – es entsteht eine Rubato-Stimmung wie schon zu Beginn des Albums – doch hier scheint Coltrane durch das Dachfenster reinzugucken. Die Stimmung ändert sich vor allem, weil die Begleitung lebendiger und zerklüfteter wird – Jarman zieht das Hymnen-Ding durch … und ich muss es nochmal sagen: sein Ton!

Teil zwei beginnt mit dem Titelstück „Black Paladins“. Jarman rezitiert einen Text des im Mai 1968 von einem Polizisten in der New Yorker Subway ermordeten Poeten Henry Dumas, über etwas Schlagzeug und Flageolett-Töne vom Bass. „We shall be riding dragons in those days. Black unicorns challenging the eagle …“ – nachdem er die Worte wiederholt hat, fällt Dyani in einen Walking Bass, Moye swingt dazu und Jarman steigt am Barisax ein – und bald beginnen vor allem Moye und Dyani, den konventionellen Swing da und dort ein wenig zu sabotieren, seltsame Fills zu spielen, ungewöhnliche Akzente zu setzen – und Jarman bläst quasi als Kontrapunkt ein recht konventionelles Solo dazu. Dann Bass-Solo und sofort bricht auch Moye alles auf, aus dem Solo wird sogleich ein Duett. Nach einer Weile steigt Jarman dazu ein, mit einem Gestus, der den Solisten ankündet, doch das wollen die anderen nicht und holen ihn vom Ross herunter, binden ihn in ein immer dichter werdendes Gespräch ein. Für den „Ginger Song“ ist Jarman zurück am Sopranino und spielt das einfache Thema über eine bewegte Bass/Drums-Begleitung, um es am Ende ganz allein zu beschliessen. Mit Vogelpfeifen und einer Art Kipp-Groove beginnt der Closer, dazu zwei Bass-Spuren (arco und pizzicato) und Drums, Rasseln … und die Froschflöte? Nach zwei Minuten setzt der Arco-Bass zu einem Solo an und Jarman ist jetzt an einer seiner Flöten (Bambus?) zu hören. Hier werden wieder ganze Studio-Landschaften aufgebaut und in einen endlos kreisenden Groove gepackt, in dem sich ständig einzelne Elemente (Spuren) verändern, aber das grosse Ganze stabil bleibt. Irgendwann kommt eine Bassklarinette dazu, tritt aber nicht mit dem Arco-Bass in den Dialog sondern fügt sich irgendwo zwischen Solo und Begleitung ein – die spielten das ja alles nicht simultan … was jetzt keine Kritik sein soll, denn das Resultat ist echt toll und die acht Minuten vergehen – wie das ganze Album – im Flug.



Louis Moholo / Larry Stabbins / Keith Tippett – Tern | Auch Moholo kam bestens mit anderen Kontexten zurecht – nicht nur mit Harry Miller an seiner Seite (oder im Duo mit Cecil Taylor oder Irène Schweizer) sondern auch etwa bei einem Auftritt beim Total Music Meeting im November 1982 mit Larry Stabbins (ts/ss) und Keith Tippett (p). Die Doppel-LP liegt mir leider nicht vor, nur eine Kopie der CD, auf der zehn Minuten (das Stück „Shield“) fehlen. Auch so gibt es hier fast fünf Viertelstunden Free Jazz – stellenweise transparent und leicht, dann auch dicht und wuchtig. Mit Tippett hatte Moholo natürlich oft gespielt, Stabbins (*1949) ist mir nicht näher bekannt. Er kam in Bristol zur Welt, spielte bald die Musik von Junior Walker oder James Brown mit irgendwelchen Tanzbands, kam mit 16 zu Tippett und dessen Bands Centipede, Ark, Tapestry usw. – und so ergab sich das Trio mit Moholo – von dem überdies gerade die jüngste Ogun-Veröffentlichung stammt, beim Label selbst zumindest als CD schon vergriffen). Für meine Ohren ist das gerade wegen Moholos Drum-Attacken, seiner völlig eigenen Time, die zugleich treibt und schleppt, so toll. Stabbins ist allerdings schon ziemlich gut (er hat in den Siebzigern auch mit John Stevens‘ SME und kurz mit der Brotherhood of Breath gespielt, später mit Tony Oxleys Band oder mit Barry Guys London Jazz Composers Orchestra und scheint zwischen Free und Smooth kaum was ausgelassen zu haben), und Tippett ist sowieso ein toller Pianist. Zwischen ihm und Moholos Bass-Trommel fehlt der Musik kein Boden, im Gegenteil öffnet die Abwesenheit des Kontrabasses das Gewebe auch, lässt es offener klingen, selbst wenn Tippett rasende Linien und Cluster aneinanderhängt. Ein langes, aber richtig tolles, sehr abwechslungsreiches und vielschichtiges (Doppel-)Album.



Joe Bonner & Johnny Dyani – Suburban Fantasies | Zurück zu Dyani und noch auf ein Nebengeleise – nach den Duos mit Abdullah Ibrahim und dem (einmaligen?) Treffen mit Mal Waldron folgte im Februar 1983 auch ein Duo-Album für sein dänisches Label, Steeplechase, und zwar mit dem Label-Kollegen Joe Bonner, mit dem Dyani auch schon ein Trio-Album aufgenommen hatte („Parade“, 1979, Billy Higgins am Schlagzeug – meine CD ist leider gerade verschollen). 1995 gab es das Album auf CD wieder, mit einem fast neunminütigen Bonustrack, „The Year of the Child“, dem zweiten Dyani-Original und längsten der damit insgesamt sieben Stücke, die das Duo am 18. Februar 1983 im Easy Sound Studio in Kopenhagen aufnahm. Nach dem oft hochenergetischen Spiel des Moholo/Stabbins/Tippett-Trios ist das hier ein Aufatmen. Dyanis Bass ist zeittypisch etwas dünn und vielleicht eine Spur zu nah aufgenommen, dem Klavier fehlt zwar zum Glück nicht der Körper, aber die Tiefen wirken auch nicht sonderlich satt. Ein paar Minuten Eingewöhnung und der etwas gar virtuose Opener (Bonners Titelstück) reichen aber, um reinzufinden. Schon die Coda ist toll, und der Groove in „The Walk Street“ dann auch. Bonners von Tyner geprägtes Piano und Dyanis tiefer Bass ergeben einen guten Mix – und ein völlig anderes Duo als die beiden mit Brand und Waldron, konventioneller im Eregebnis und auch in der Rollenverteilung, auch nicht so introspektiv, aber dennoch ziemlich toll. In „Copenhagen Revisited“ kriegt Dyani etwas mehr Raum, gestaltet sein Solo fliessend aus dem Stück heraus, findet zu einem Minimalismus, der auch bei Waldron gut gepasst hätte – und das führt Bonner für einen Moment auf andere Pfade, er hastet nicht gleich wieder davon sondern hält einen Moment inne, hört zu und taucht dann eher tiefer in den Groove ein als dass er ihm wieder entflieht. Seite 2 der LP beginnt mit „Blues for Nick“, dem einzigen Dyani-Stück und dem kürzesten Stück der LP, das einen bluesigen Groove irgendwo zwischen Sonny Clark und Herbie Nichols bietet. „Soap Opera“ heisst das nächste Bonner-Original – und längst wirkt das Duo ausgeglichener, der Bass trotz des konventionell-schönen Materials – fast wie ein Pop-Song – ziemlich eigenständig. „We Will Be Together“ beschliesst die LP, das fünfte und letzte Bonner-Original – und inzwischen bin ich in diesen Stücken mit ihren catchy Hooks und einfachen Motiven längst angekommen. Auf der CD folgt nun noch ein zweites Stück von Dyani – und ich finde, das tut dem Programm echt gut, weil das Schema der catchy Bonner-Hooks zwar nicht gesprengt wird, aber der Bassist sich nochmal etwas mehr Raum nehmen kann und die Nummer dem Album noch ein paar Facetten beifügt. Auf den einsamen Höhen der Duos mit Ibrahim und Waldron bewegt sich das auf keinen Fall – aber ich mag’s doch gerne immer mal wieder anhören.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Johnny „Mbizo“ Dyani – Grand Mother’s Teaching | Ca. 1982 oder 1983 (ich hab „März 1983“ auf das Cover meiner CD-R gekritzelt, das steht in der Diskographie von Bruyninckx, aber auf Discogs steht 1982 als Veröffentlichungsjahr) entsteht das nächste Album einer Dyani-Band. Mit dabei: Butch Morris (cor), Doudou Gouirand (as), Pierre Dorge (g) und Makaya Nthsoko (d) – also ein paar Getreue und ein paar einmalige Gäste aus Long Beach bzw. Nizza. Es gibt sechs Stücke, ich vermute alle von Dyani. Die Stimmung ist nachdenklich, verhalten, fast melancholisch – was viel mit dem Kornett zu tun hat, aber auch mit der singenden Gitarre, dem cremigen Altsax und den eher gemütlichen Tempi, die die erste Hälfte des Albums mit „Blues for Bra Dick“, „I Will Let the Spring Po Explain“ und „Open Ballad to Mandela“ beherrschen. Dann folgt das elfminütige Titelstück, Chants und Drums, gegen Ende Chants mit Kontrabass und Drums und dann ein Bass-Solo mit Drums und am Ende Gesang mit Bass und Drums und eine schnelle Ausblende – alles ziemlich kraftvoll, der Kontrast von Ntshoko zum entspannten Spiel von Jolobe könnte kaum grösser sein. Dann kehren die Bläser und die introspektive Kontemplation zurück mit dem zweieinhalbminütigen „Zalis Idinga“, einer Art Choral-Hymne. Und dann mit „Majikas Bhekane“ ein Closer mit singender Gitarre schon im Intro, schnellerem Tempo und catchy Groove, den die Bläser und der Bass im Wechsel spielen. Dyani singt und chantet wieder, das alles ist aufgestellter als alles zuvor auf dem Album, aber die Traurigkeit bleibt da – wie beim alten Blues. Und auch hier ein schneller Fade-Out. Und vielleicht ist das Album eine Art traditionalistischer Gegenpart zu „Witchdoctor’s Son ‚Together'“. Es ist leider kurz (nicht ganz 33 Minuten), wirkt da und dort etwas unfertig oder lieblos produziert – und mag mich trotz der schönen Stimmung nicht zu fesseln.

Ergänzung: im Buch, das Lars Rasmussen herausgegeben hat, steht „Recorded at Studio RGR, Paris, April 1982“ („MBIZO – A Book About Johnny Dyani“, p. 307)



Johnny Dyani – Afrika | Am 1. Oktober 1983 ist Dyani wieder im Studio für Steeplechase – er spielt Klavier und Bass und hat das ganze Material komponiert: neun Stücke insgesamt, auf der CD als Bonustrack ein 13minütiger Alternate Take von „Grandmother’s Teaching“. Ed Epstein (as/ts) ist wieder dabei, alle anderen Musiker sind neu: Charles Davis (as), Thomas Ostergren (elb), Gilbert Matthews (d), Thomas Dyani (cga) und Rudy Smith (steel d). „Blame It on the Boers“ heisst der Opener, ein andere Stück „Needle Children“ … und „Appear“ ist das altbekannte „Ithi Gqi“. Nach der ersten Version von „Grandmother’s Teaching“ (mit knapp 10 Minuten auch auf der langen LP der längste Track) gibt es in der zweiten Hälfte drei Widmungen: „Funk Dem Dudu“, „Kippieoology“ und „Dedicated to Abdullah Ibrahim“. Steel-Drums mag ich eigentlich nie, aber die Einbindung klappt hier ganz gut – Smith stammt aus Trinidad … gemäss seiner Website lebt er heute in Dänemark und hat mit der halben Welt gespielt. Der E-Bassist – der teils neben dem Leader am Kontrabass zu hören ist, aber oft allein, weil Dyani am Klavier sitzt, gehörte zur schwedischen Jazz-Rock-Gruppe Oriental Wind (mit Okay Temiz, Bobo Stenson, Lennart Åberg …). Charles Davis braucht man nicht vorstellen. Thomas Dyani ist der Stiefsohn von Johnny, verbrachte seine ersten Jahre in Nigeria, bevor er mit seiner Mutter nach Dänemark zurückkehrte, wo dann der Bassist in sein Leben trat. Thomas Dyani spielt auf mehreren Alben von Pierre Dorges New Jungle Orchestra mit, das es ohne Johnny Dyanis Musik nicht gegeben hätte (oder es hätte andere Musik gemacht). Und Gilbert Matthews braucht man auch kaum vorstellen: der Drummer aus Südafrika spielte in Südafrika u.a. mit Chris Schilder (Ibrahim Khalil Shihab), bevor er für einige Zeit in die USA ging, wo Max Roach und Elvin Jones seine Mentoren wurden und er längere Zeit als regulärer Drummer mit Ray Charles spielte. In den Siebzigern nahm er, zurück in Südafrika, mit Abdullah Ibrahim und Kippie Moeketsi auf, spielte mit Spirits Rejoice (u.a. mit Duke Makasi, Robbie Janson und Mervyn Africa) … und landete am Ende der Dekade in Schweden, wo er dann wohl blieb und mit all den Leuten spielte, die er in der Zeit in Europa antraf (Shepp, Mengelberg, Tchicai, Mangelsdorff, Mariano … und natürlich andere Südafrikaner im Exil). Auch „Afrika“ verzettelt sich in etwas viele Richtungen, finde ich – aber ich mag das Album trotzdem sehr gerne. Allein das Cover ist schon super, verspricht allerdings eine dunklere Stimmung als die Musik sie die meiste Zeit bietet. Nicht mal das lange „Grandmother’s Teaching“ ist aus einem Guss … quasi das Album noch einmal drin gespiegelt. Aber dennoch gibt es hier so viele tolle Momente, so starke Gruppen-Musik, so tolle Grooves und Beats … die minimalistische Version von „Funk Dem Dudu“ etwa ist echt super … und da kriegt dann auch keiner der Saxer ein Solo – überhaupt kriegt hier eh keiner wirklich ein Solo (das ist jetzt übertrieben, aber nur leicht), das ist noch viel mehr als das französische Vorgänger-Album reine Band-Musik, in der die Congas und die Bassgitarre gerade so wichtig sind wie die Saxophone oder die Steel Pans. Ein Album, das weniger als die Summe seiner Teile ist – und das ich irgendwie in all den Jahren*, die es jetzt hier ist, immer mochte.


*) da, wo man – ich glaub immer noch – das obere Album findet, steht auch, wie lang ich die Dyani-Alben auf Steeplechase in etwa schon habe

--

Richtigstellung zu Charles Davis (siehe auch unten):
gypsy tail wind hat geschrieben:Johnny Dyani – Afrika | Am 1. Oktober 1983 ist Dyani wieder im Studio für Steeplechase – er spielt Klavier und Bass und hat das ganze Material komponiert: neun Stücke insgesamt, auf der CD als Bonustrack ein 13minütiger Alternate Take von „Grandmother’s Teaching“. Ed Epstein (as/ts) ist wieder dabei, alle anderen Musiker sind neu: Charles Davis (as), Thomas Ostergren (elb), Gilbert Matthews (d), Thomas Dyani (cga) und Rudy Smith (steel d). [..] Charles Davis braucht man nicht vorstellen. […]
gypsy tail wind hat geschrieben:Johnny Mbizo Dyani – Born Under the Heat | Dyani musste dann wohl auch mal ein Album in Schweden machen, bei Dragon, statt immer nur bei Steeplechase. Hier sind die schwedischen Musiker wieder mit dabei: Ulf Adaker (t) und Krister Andersson (ts) sind neu und auf vier der sieben Stücke zu hören, auf zwei davon ist auch Peter Shimmy Radise (ts) dabei, der noch auf zwei weiteren an der Seite von Jonas Gwanga (tb) zu hören ist. Charles Davis (as), Thomas Östergren (ebl) und Gilbert Matthews (d) sind auf all den sechs Stücken dabei. […] und Charles Davis (der damals auch in Schweden lebte) spielen die Soli. […] Danach ist auch Davis nochmal zu hören – mit sehr schönem, recht schwerem Ton am Altsax, die tiefe Lage bevorzugend.
Ich war davon ausgegangen, dass der bekannte US-Saxophonist (u.a. Sun Ra, Kenny Dorham, Elvin Jones, Philly Joe Jones … und auch Abdullah Ibrahim) für kurze Zeit in Skandinavien lebte, weil die paar zu findenden Credits alle in ein recht enges Zeitfenster fallen (einige Monate im Herbst 1983). Dass er Altsax spielt, war allerdings schon etwas seltsam – aber gut, er hätte das gekonnt, keine Frage (die Instrumente funktionieren rein von der Mechanik usw. genau gleich, aber klar: einen eigenen Ton finden und all das geht nicht für alle gleich leicht … es gibt ja ein paar prominente Beispiele: Bird und Ornette am Tenorsax, Coltrane am Altsax …).

Die Lösung findet sich im Buch über Johnny Dyani („MBIZO – A Book about Johnny Dyani“, ed. Lars Rasmussen, Copenhagen, 2003) und zwar im Interview, das Jürg Solothurnmann am 30. Oktober 1983 in Zürich mit Dyani führte. Da erwähnt dieser Charles Davis und es ist recht klar (die Fotos bestätigen das auch, aber die vom „skandinavischen“ Davis sind dürftig und in schlechter Qualität), dass das ein Namensvetter ist, nicht der bekannte Saxophonist, wenn Dyani die Steeplechase-Platte erwähnt:
My son plays percussions, Gilbert Matthews drums, Charles Davis plays alto sax on it. But he is a literature professor at the University of Stockholm and very busy, so I have to have Butch Morris, cornet, and Ed Epstein, alto sax, is also on the record. And Rudy Smith from Trinidad plays steelpans. And there is also Thomas Östergren, a Swedish bass guitarist. I hope to be able to do a tour in 1984 with this group.
(In gekürzter Form erschien das Interview zuerst auf Deutsch im Schweizer Magazin „Jazz“, 4/1984, S. 44-48; dann ebenfalls gekürzt auf Englisch im „Jazz Podium“, 87/1984, S. 42-47.)

--

Nachtrag zur Tour nach Argentinien (Johnny Dyani & Louis Moholo-Moholo mit Steve Lacy und Enrico Rava):

Und wo ich gerade herumstöbere: in einem anderen Interview (mit Kenneth Ansell, in England in „Impetus“ 7-8/1978, S. 279-280 und S. 329-330 veröffentlicht) sagt Dyani sehr deutlich:
South America was hard: Steve Lacy left us there. We made a record, but me and Louis didn’t get paid. he paid Enrico Rava but we never got money for it. Then he left us in South America without any money or a ticket; we stayed there for nine months. I suggested to Louis that we should write to John Coltrane because he had heard we were in Argentine and he wanted us to play with him.

Though Coltrane, Archie Shepp and those guys had never met us they knew about us. Coltrane spoke about us, if there was a way of meeting in the States, and he said, „What Steve Lacy did was terrible. Come and play with us“. But eventually we came back to Europe.

That record with Lacy was sold in Japan on Warner Classics. Steve was invited to Japan through the record we did. He never even told us or gave us any money for it, even until today. We me Enrico Rava and said, „Where’s the money?“ He said, „I got payid – didn’t you get paid?“.

We suggested that we should take Steve Lacy’s soprano; Louis took the soprane, but in sympathy we put it back. I did the same: I was in a concert somewhere and Steve Lacy’s soprano was in the room and I took it, but I put it back. I though „OK, if you want to rip us off then somebody else will rip you off“.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 905
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 165 times
Been thanked: 89 times

Re: Jazz aus Südafrika: Jazz Epistles, Moeketsi, McGregor, Dyani, Pukwana, Feza, Masekela etc.

Beitrag von gypsy tail wind »



Anders Gahnold Trio – Flowers for Johnny | Es gebe für ihn in Schweden keine Arbeit „except a trio with the saxophonist Anders Gahnold and Gilbert Matthews … As a South African musician, I’m still limited in my freedom. If you don’t go and play with Swedish musicians, they don’t come to meet you … There are Swedish musicians in my group but if they left I wouldn’t have work any more. What a strange system! Their government is strong and they know what they are doing. In South Africa, it’s different; I can’t say: you don’t want me to work in Sweden any more? OK, I’ll go and see my syndicate … It seems that we’ll have to beg for several years. South African musicians who play abroad are rare. We have to be and to keep cool … That’s what we do but it’s very hard because of political pressure. I suggest that people come and sit down by our side because this side is music and dance.“ – So äusserte sich Johnny Dyani im Gespräch mit Alain Chauvat (Europa Jazz Festival, Le Mans, April 1985 – zititiert nach dem Booklet des Gahnold-Doppelalbums).

Fünf Jahre war Dyani in London, spielte dort neben den Blue Notes auch mit Leuten aus dem Spontaneous Music Ensemble und anderen, in Paris spielte er mit der Big Band von Archie Shepp (laut den Liner Notes von Philippe Renaud mit Frank Zappa am E-Bass). 1979 in Italien hatten wir schon (Clifford Jarvis, Joseph Jarman/Don Moye), die zwei Duo-Alben mit Dollar Brand hatten wir hier natürlich auch schon [hier fehlt eine Klammer mit Links in den Enja-Faden des RS-Forums]. Und klar, auch aus Skandinavien hatten wir schon das eine oder andere: nicht zuletzt die Trios mit Don Cherry bzw. Mongezi Feza und Okay Temiz. Und dann wieder aus England und Frankreich die Versöhnung mit McGregor und den Blue Notes … Dyani kam herum und hat mit ähnlich vielen Leuten gespielt, sich als wenigstens so vielseitig wie Moholo und Miller erwiesen. Aber eben: in Skandinavien blieb es schwierig. Er stiess zum gestern schon erwähnten New Jungle Orchestra des dänischen Gitarristen Pierre Dorge – die Band mag ich wahnsinnig gerne, auch weil dort der aus Barbados stammende und von der Brotherhood of Breath und anderswoher bekannte Harry Beckett zu hören ist. Dyani: „Playing in Europe with this African sound and a Danish, viking guitarist, is quite special. I believe in folklore, in mixing cultures“ (aus demselben Interview mit Alain Chauvat).

Anders Gahnold also – wenn man die zwei CDs (ca. 1:40 Stunden) hier hört, verschwinden Gedanken, dass das quasi ein Notnagel-Job gewesen sei, schon in den ersten Sekunden. „I met Johnny Dyani when he was loading his bass into a car: I’m starting a group and I want you on bass. I expected excuses. Great fun! answered Johnny. Do you have a drummer?, he continued, and as I didn’t, he said: I know a good one. Suddenly I had a band“ (Liner Notes von Ph. Renaud, keine Angaben zur Quelle). Ausser, dass Gahnold wohl 1959 geboren wurde, weiss ich nicht viel mehr über ihn … aber es ist die Musik die zählt, oder um nochmal Dyani zu bemühen (auch aus dem Booklet, ohne Quelle den Liner Notes vorangestellt): „I feel we shouldn’t speak, we should just play music, because the minute we open our mouths we tell lies.“

Gilbert Matthews, den Drummer des Trios, habe ich im letzten Post schon etwas vorgestellt. Er war auch der letzte Drummer des Trios von Chris McGregor (mit Ernest Mothle am Bass, sie gingen 1989 in Europa auf Tour), er spielte in der späten Version der Brotherhood of Breath, lebte wie schon erwähnt lange in Schweden – wo er am 25. Juni 2020 auch starb (in seinem Wiki-Eintrag ist die Todesanzeige der Familie verlinkt). In Schweden spielte er u.a. mit dem Saxophonisten Christer Boustedt und gehörte zum Brus Trio, das mit Charles Tyler oder Roscoe Mitchell aufnahm (da gibt es je ein Silkheart-Album, kenne beide noch nicht, man kann sie hier und hier komplett streamen). Die Aufnahmen hat Lars Göran Ulander fürs Schwedische Radio gemacht (von seinem Trio mit Palle Danielsson und Paal Nilssen-Love habe ich kürzlich auch eine Ayler-CD gekauft, „Live at Glenn Miller Café“, 2004 aufgenommen und ein Jahr später erschienen – lief bisher noch nicht).

Dass Renaud im Booklet als Einflüsse von Gahnold – neben Charlie Parker und Paul Desmond – auch Mike Osborne erwähnt, finde ich nichts weniger denn offensichtlich: der Däne hat einen ähnlichen Hunger, einen irre schönen Ton, den er über das konventionelle (Parker/Desmond-Erbe) hinaus dehnt und biegt, übersättigt bis er fast bricht … da ist dann wohl McLean das zusätzliche Vorbild (auch bei Osborne natürlich). Vor allem aber schafft dieses Trio – und darum hole ich auch so weit aus (aber auch, weil mir diese Aufnahmen schon seit vielen Jahren verdammt lieb sind!) – eine Kunst der spontanen Interaktion. Das gestern erwähnte „creative playing“ von Dyani findet auch hier immer wieder Eingang, auch wenn das Gewand insgesamt etwas konventioneller ist: melodiös, mit fester Time. Die Offenheit dieser Musik, ihre beeindruckende Ausdruckskraft, haut mich auch nah 20+ Jahren immer noch jedes Mal um. Dass kein Klavier dabei ist, keine Percussion und auch keine Chants, kommt mir auch nicht ungelegen – obwohl das alles bei Dyani schon auch mit dazu gehört und mich per se auch nicht stört … aber am liebsten mag ich – natürlich! – sein beeindruckendes Spiel am Kontrabass, und das erhält hier sehr viel Raum. Matthews spielt ein helles, vom Klang und Gewicht her eher leichtes Schlagzeug, weniger auf den Punkt als Ntshoko, weniger aggressiv als Moholo, aber gerade so beweglich und flexibel – und swingend.

Die erste CD mit 67 Minuten stammt vom Umea Jazz Festival am 15. Oktober 1983, die zweite mit 33 Minuten aus dem Jazz Club Fasching in Stockholm, 12. September 1985. Veröffentlicht wurden die Aufnahmen 2003. Von „Summertime“ im zweiten Set abgesehen stammen die Stücke alle von Gahnold und sind zugleich catchy und gute Vorlagen für die Höhenflüge dieses Trios. „Summertime“ muss sich natürlich an einer anderen Version aus Skandinavien messen – und kann damit sicher nicht ganz mithalten … dafür hat Gahnold im Gegensatz zu Ayler echte Profis hinter sich, die eine schöne dunkle Stimmung schaffen – und wenn Dyani ins „All Blues“-Bass-Lick fällt wird das fast rollicking und lässt Gahnold einen Ganz höher schalten – und dann spielt Dyani ein tolles Solo, in dem er gegen Ende noch in Tijuana vorbeischaut.


*) Ich hab leider keine Ahnung mehr, wann ich zuerst von Ayler Records hörte und bestellte, ich denke 2003, als das Jimmy Lyons Box-Set erschien … die Doppel-CDs von Gahnold und Feza/Rosengren) gehörten zu meiner ersten Bestellung, das weiss ich noch. „… and William Danced“, das andere bei Ayler Records als CD erschienen Trio-Album mit Gahnold als Teil des William Parker Trios (mit Hamid Drake) war damals noch ganz neu (2002 aufgenommen) – aber damals mochte ich William Parker überhaupt nicht und habe das erst viel später nachgeholt … dazu kommen noch zwei rein digitale Veröffentlichungen, Drake/Gahnold/Parker „The Last Dances“ auch 2002 aufgenommen und „Live at Glenn Miller Café“ vom Anders Gahnold Trio mit Erik Ojala und Johan Ståhlgren, 2008 aufgenommen). Dazu kommen bei Discogs noch zwei Tracks auf Compilation und eine Pop-Single mit Marie & Ulf und einem Saxophon (die B-Seite ist ohne Gahnold glaub ich, nur durchgeskippt):



Jan Ström, der Gründer von Ayler, hat auf YT ein paar Sachen hochgeladen, vom Trio mit Parker/Drake und auch ein Stück mit Gahnold am Barisax.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00