Ich höre gerade ... Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt

Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt
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Friedrich
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Ich höre gerade ... Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt

Beitrag von Friedrich »

Ich hatte mich mit diesem Anliegen an den @admin gewandt:
Ich interessiere mich in letzter Zeit öfter mal für Musik, die sich schlecht oder gar nicht einem Stil zuordnen lässt. Nik Bärtsch mit seiner Band Ronin ist ein Grenzfall. Den Stilbegriff "Jazz" kann man zwar so schön weit auslegen, dass man da alles was irgendwie swingt und/oder improvisiert ist, unterbringen kann - auch Nik Bärtsch, da seine Musik auch Einflüsse von Jazz hat. Aber ebenso von Minimal Music oder Klassik. Zuletzt hatte ich den Gitarristen Bill Orcutt entdeckt, der u.a. Quartette für 4 E-Gitarren schreibt und spielt. Okay, E-Gitarre, das klingt erstmal nach Rock, aber ein Quartett für 4 Gitarren wiederum, das klingt eher nach Klassik. Ein anderer Fall wäre der (leider vor einigen Jahren verstorbene) Glenn Branca, der u.a. Symphonien für E-Gitarren geschrieben hat.

Musik, die nicht Rock, nicht Blues, nicht Jazz, nicht R&B, nicht Hip Hop, nicht Electronica und auch nicht Klassik ist. Die zwar Spuren von verschiedenen Genres oder Stilen zeigen kann, aber nirgends richtig reinpasst. Klar, es gibt kein Reinheitsgebot für Musikstile und alles ist irgendwie ein Gemisch aus verschiedenen Einflüssen. Aber es gibt auch Musik, die sich selbst Begriffen von Sub-Genres („Jazz Rock“, „Electro Punk“, „Symphonic Metal“…) entzieht, weil sie nicht offensichtlich ein Crossover zweier oder mehrerer Stile ist, sondern sich nicht nur zwischen die Stile sondern so richtig schön daneben setzt.

Kurz: Wäre im Forum "Eine Frage des Stils" ein Unterforum mit z.B. dem Titel "Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt" denkbar und sinnvoll? Da könnte man z.B. einen Thread mit "Ich höre gerade ..." oder ab einer kritischen Masse auch einen Thread zu einem bestimmten Künstler aufmachen.
Freundlicherweise ist dieses Unterforum dafür eingerichtet worden. Das hier wäre dann der Sammelthread. Threads zu einzelnen Künstlern kann man bei Bedarf ab einer kritischen Masse parallel einrichten.

Da ich gerade im Urlaub bin, kann ich aktuell nichts dazu beitragen, aber ein paar Sätze zu dem oben erwähtem Bill Orcutt hätte ich schon in petto. Mehr dazu demnächst auf diesem Kanal.
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Talking Head
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Re: Ich höre gerade ... Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt

Beitrag von Talking Head »

Ich denke,

Eberhard Schoener - Bali Agung (1976)

würde hier ganz gut reinpassen. Sag mal bitte, ob ich mit mit meiner Vermutung/Einschätzung richtig liege, @Friedrich.
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Friedrich
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Re: Ich höre gerade ... Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt

Beitrag von Friedrich »

Talking Head hat geschrieben: 30 Jul 2026, 16:50 Ich denke,

Eberhard Schoener - Bali Agung (1976)

würde hier ganz gut reinpassen. Sag mal bitte, ob ich mit mit meiner Vermutung/Einschätzung richtig liege, Friedrich.
Kenne ich nicht. Kann ich nicht beurteilen. Erzähl was davon, @Talking Head !
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Friedrich
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Re: Ich höre gerade ... Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt

Beitrag von Friedrich »

Der US-Amerikaner Bill Orcutt ist Jahrgang 1962, hat mit verschiedenen Bands, solo oder im Duo schon Dutzende von Alben veröffentlicht, von Noise Rock über akustische Sologitarre bis zu elektronischen Experimenten. Er dürfte also einigen kein Unbekannter sein. Im RS-Forum findet man über die Suchfunktion sogar die eine oder andere Erwähnung. Ich selbst stolperte aber erst vor einigen Wochen über ein Album von ihm, das auf bandcamp vorgestellt wurde.



Bill Orcutt – Music In Continuous Motion (2026)

Bill Orcutt spielt hier 12 Stücke für 4 E-Gitarren, alle selbst gespielt und mit Multi-Tracking aufgenommen. Kein Bass, keine drums. Die keine 3 Minuten langen Stücke bestehen aus kurzen, sich wiederholenden und wandelnden, mal ein- oder aussetzenden Patterns, die sich alle auf einen gemeinsamen Puls beziehen, sich gegenseitig überlagern, ergänzen oder miteinander kontrastieren. Das verdichtet sich mal zu einer wall of sounds oder eins der patterns hebt sich heraus, schiebt sich in den Vordergrund und setzt einen Höhepunkt. Das erzeugt Dramatik und ergibt oft richtig beglückende Momente.

Es gibt keine Soli, keine spontanen Ausbrüche, die 4 Gitarren sind eher wie vier Sektionen eines Orchesters. Vielleicht funktionieren Streichquartette auch so ähnlich, aber hier gibt es nicht die Aufgabenverteilung von Violine, Viola, Cello und Bass. Und mit Streichquartetten kenne ich mich auch nicht aus. Obwohl hier offenbar alles auskomponiert ist, wirkt nichts gezwungen, der gemeinsame Puls ist der gemeinsame Bezugspunkt und darüber scheint sich alles wie von selbst so zu fügen, wie es gehört und nicht anders. Monotonie vs. Veränderung, Dichte vs. Transparenz, Spannung vs. Entspannung, Rausch vs. Kontrolle. Wenn man will, kann man dazu sehr schön Luftgitarre spielen. Stones-Fans könnten darin vielleicht sogar „the ancient art of weaving" erkennen.

Kraftvoller Klang der E-Gitarrren, voll und reich an Obertönen, etwas kratzig und aggressiv. Man meint die Schwingungen der Seiten zu spüren, wie die Elektrizität durch die Kabel strömt und die Lautsprecher der Verstärker in Vibration versetzt. Manchmal zerrt es etwas an den Trommelfellen. Die E-Gitarre ist wirklich eine der besten Erfindungen des 20. Jahrhunderts! Bill Orcutt spielt übrigens auf Gitarren, bei denen er die 2 und die 3 dritte Saite entfernt hat. Was es damit auf sich hat, muss mir mal ein Musiker erklären.

Ist das Rock? Oder ist das Minimal Music à la Terry Riley, Steve Reich und Philip Glass, nur auf der Gitarre gespielt und mit noise music im Hinterkopf? Glenn Branca oder Sonic Youth spielen Kammermusik? Post Rock? Post Minimal? Irgendwo las ich den Begriff „Totalism“.



Um zu meiner Bemerkung am Anfang zurückzukommen: Music In Continuous Motion ist nicht Orcutts erstes Album mit 4 Gitarren. Er hat sogar schon ein Live-Abum in dieser Besetzung aufgenommen, unterstützt von 3 anderen Gitarrist*Innen. Aber Music In Continuous Motion ist das erste Album von ihm, das ich kennenlerne.

Schön anzuhören und zu -sehen ist auch dieses NPR Tiny Desk Concert:

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Re: Ich höre gerade ... Post-Genre oder: Neben die Stile gesetzt

Beitrag von Talking Head »

Eberhard Schoener - Bali-Agúng (1976)

Der deutsche Komponist, Dirigent, Musiker und Elektronikpionier Eberhard Schoener (Jahrgang 1936), reiste 1976 nach Bali, um dort mit einem indonesischen Gamelan-Orchester zusammen zu arbeiten. Ein Gamelan-Orchester musiziert hauptsächlich mit einer Unzahl von Gongs, Trommeln und Flöten. Das hört sich für Nichtkenner zunächst ein wenig ungewohnt und asymmetrisch an.

Manch einer wird es mögen, andere eher nicht. Auch ich fand die Gamelan Musik anfangs recht gewöhnungsbedürftig, habe dann aber sehr großen Gefallen daran gefunden.

Schoener hat auf dem Album eine Synthese zwischen den völlig unterschiedlichen Musikstilen kreiert. Neben der Gamelan-Musik hat er auch Teile des Kecak integriert.

Die elektronischen "Teile" des Albums erinnern mich schon sehr an Tangerine Dream.

Insgesamt ein sehr interessantes Experiment, das aus meiner Sicht aber gerne noch ein bisschen mehr Gamelan hätte enthalten dürfen.
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