Es gibt etwas, dass sich sowohl durch die Musik der Lounge Lizards als auch durch die Musik von How I Spent … zieht. Bei Evan Luries Filmmusiken ist das natürlich offensichtlich: Der szenische und dramatische Aufbau der Musik mit wechselnden Stimmungen. Die Lounge Lizards spielten zwar keine Filmmusik, aber die Art wie in deren Musik Spannung auf- und abgebaut wird, wie es zu teils abrupten Stimmungswechseln kommt, die Art und Weise wie eklektizistisch man sich „musikalischer Bilder“ vergangener Zeiten bedient, das wirkt oft filmisch. Aber das hatte ich ja schon erwähnt.
Man fragt sich, wie groß der wechselseitige Einfluss der Lurie Bros. aufeinander war und ist, wo sie Gemeinsamkeiten haben oder sich gegenseitig ergänzen. Immerhin war Evan Lurie neben Bruder John Lurie das einzige konstante Mitglied der Lounge Lizards.
Und damit wären wir bei

The Lounge Lizards – Queen Of All Ears (1998)
Neun Musiker, neben John und Evan Lurie u.a. Michael Blake (t-sax + bcl) Steven Bernstein (tp), David Tronzo (git) und Jane Scarpantoni (clo), 10 Stücke, davon 2 über 10 Minuten lang. Reichlich Personal und Zeit also, damit John Lurie und die LL ihre Vorstellung von einer dramatisch inszenierten Musik verwirklichen können. Jazz ist dabei sicher eine der Hauptingredienzen, aber ich weiß nicht, was da sonst noch alles reinspielt. Man sollte sich auf jeden Fall von der Erwartung jeglichen AABA-Schemas oder der Abfolge von Thema und Solo verabschieden. Und einen durchgehenden Swing gibt es auch nicht. Manchmal klingt das wie Kurt Weill in den 1920ern oder löst sich in Free Jazzige Kollektivimprovisationen auf. Und es hat den szenischen Aufbau von Filmmusik, den man auch in Evan Luries Album How I Spent … hören konnte. Teils schlagartige Themen- und Tempowechsel. Allein die beiden Ü-10-Minüter sind schon kleine Hörfilme für sich, bei denen die große Besetzung für viel Klangreichtum sorgt. Wo im Jazz (im weiteren Sinn) hört man schon mal ein Cello? Und diese Spannung wird über die gesamte Laufzeit des Albums gehalten. Das wiederkehrende Thema der Stücke First And Royal Queen, Queen Of All Ears und Queen Reprise wirkt dabei wie ein Bindeglied oder wie Vor- und Abspann.
John Lurie hatte offenbar Schwierigkeiten, sich mit einem Label über die Veröffentlichung des Albums zu einigen, verstrickte sich in juristische Streitigkeiten und so erschien das Album erst 2 Jahre nach der Aufnahme auf JLs eigenem Label. Wenn man die Geschichte hier nachliest kann man aber auch den Eindruck bekommen, dass John Lurie ein schwieriger Verhandlungspartner ist.
Das Cover mit einem art brut-Gemälde von John Lurie wird in meinem Augen der kultivierten, komplexen und raffinierten Musik leider nicht gerecht. Dabei gibt es auf der Rückseite der CD doch ein schönes Foto der Lounge Lizards, alle in feinem Zwirn. Warum hat man das nicht fürs Cover verwandt? Zum Beispiel so:

Aber da hätte John Lurie wahrscheinlich gereizt reagiert: „You wanna tell me, what my record should look like?“