
Celeste am 17.06.2026 im Tempodrom Berlin
Vor allem meine Freundin liebt die Musik von Celeste – auch wenn das aktuelle Album etwas unausgegoren klingt. Ich selbst hatte Celeste vor Jahren im Vorprogramm von Janelle Monae gesehen (und fand's toll, ohne zu wissen, wer sie war) und kann ihrem Debutalbum durchaus einiges abgewinnen. Im RS-Forum schrieb ich damals „Celeste ist ein Star!“ Aber eigentlich bin ich zum Konzert in Berlin nur „mitgegangen“.
Leider war der gestrige Abend eine eher irritierende Erfahrung. Der Sound im Tempodrom war grottenschlecht. Celeste + Band beginnen mit einigen schnellen Stücken, aber im Zuschauerraum kommt nicht als dumpfes Gewummer an. Viel verstörender aber war die Erscheinung von Celeste: Sie tigert nervös auf der Bühne hin und her, wirkt fahrig und unkonzentriert. Zudem trägt sie eine Kopfbedeckung mit einer gewölbten Plexiglasscheibe (oder so), die den größten Teil ihre Gesichts verdeckt. Zwischen den Stücken unsicher und anbiedernd wirkende Sprüche ins Publikum. Keine erkennbare Dramaturgie oder Show, keine elegante Bewegung, kein Tanzschritt, einfach nichts, das wirkt ungelenk und zerfahren. Nach vielleicht 20-25 Minuten kommt das ein wenig zur Ruhe, Celeste singt einige ruhigere Stücke mit nur minimaler Begleitung der Band, so dass ihr Gesang gut zur Geltung kommt. Das ist wirklich beeindruckend. Sie ist eine großartige Sängerin, auch gut bei Stimme und selbst wenn sie fast regungslos, jetzt auch souverän wirkend, nur mit einer einzigen Geste diese Balladen singt, hat sie das Publikum für Augenblicke in der Hand. Leider macht sie das durch ein krawalliges Stück danach gleich wieder zunichte. Kniet irgendwo am Bühnenrand, reißt sich diese Plexiglasscheibe vom Kopf, setzt sie dann aber wieder auf. Als Zugabe ihr Hit „Strange“, der wieder wirklich berührend ist und ein wenig versöhnt.
Was außerdem auffiel: Sie hatte praktisch keinen Kontakt zu ihrer Band, spricht kein Wort mit ihr, es werden keine Blicke ausgetauscht und sie stellt die Musiker auch nicht vor. Und es gibt kein einziges mal einen Spot nur auf Celeste, meist versumpt alles in der gleichen diffusen Beleuchtung.
Wir fanden den Auftritt verstörend. Celeste wirkte über weite Strecken völlig überdreht und neben der Spur. Unser Verdacht: Celeste hatte offenbar irgendwas eingeworfen, Benzos, Kokain, Alkohol, was auch immer. Lampenfieber? Schüchternheit? Überforderung? Wir hatten nach dem Konzert den gleichen schlimmen Gedanken: Tritt Celeste in die Fußstapfen von Amy Winehouse und hat die Kontrolle über sich selbst verloren?
Man kann im Netz lesen, dass Celeste bei ihrem letzten Album Streit mit ihrem Plattenlabel hatte und es wohl unterschiedliche Vorstellungen gab, wie das Album zu klingen hat. Gut vorstellbar, dass Celeste die Erwartungshaltung, die Label und Publikum an sie haben, unterlaufen und zerstören will. Nachvollziehbar. Das ist ihr auch gelungen. Traurig nur, dass sie mit diesem Konzert zwar vieles kaputtgemacht, dem aber nichts konstruktives entgegengesetzt hat.