Celeste (Tempodrom Berlin, 17.06.2026)

Wo wart Ihr? Wie war's?
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 159
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Celeste (Tempodrom Berlin, 17.06.2026)

Beitrag von Friedrich »

Bild

Celeste am 17.06.2026 im Tempodrom Berlin

Vor allem meine Freundin liebt die Musik von Celeste – auch wenn das aktuelle Album etwas unausgegoren klingt. Ich selbst hatte Celeste vor Jahren im Vorprogramm von Janelle Monae gesehen (und fand's toll, ohne zu wissen, wer sie war) und kann ihrem Debutalbum durchaus einiges abgewinnen. Im RS-Forum schrieb ich damals „Celeste ist ein Star!“ Aber eigentlich bin ich zum Konzert in Berlin nur „mitgegangen“.

Leider war der gestrige Abend eine eher irritierende Erfahrung. Der Sound im Tempodrom war grottenschlecht. Celeste + Band beginnen mit einigen schnellen Stücken, aber im Zuschauerraum kommt nicht als dumpfes Gewummer an. Viel verstörender aber war die Erscheinung von Celeste: Sie tigert nervös auf der Bühne hin und her, wirkt fahrig und unkonzentriert. Zudem trägt sie eine Kopfbedeckung mit einer gewölbten Plexiglasscheibe (oder so), die den größten Teil ihre Gesichts verdeckt. Zwischen den Stücken unsicher und anbiedernd wirkende Sprüche ins Publikum. Keine erkennbare Dramaturgie oder Show, keine elegante Bewegung, kein Tanzschritt, einfach nichts, das wirkt ungelenk und zerfahren. Nach vielleicht 20-25 Minuten kommt das ein wenig zur Ruhe, Celeste singt einige ruhigere Stücke mit nur minimaler Begleitung der Band, so dass ihr Gesang gut zur Geltung kommt. Das ist wirklich beeindruckend. Sie ist eine großartige Sängerin, auch gut bei Stimme und selbst wenn sie fast regungslos, jetzt auch souverän wirkend, nur mit einer einzigen Geste diese Balladen singt, hat sie das Publikum für Augenblicke in der Hand. Leider macht sie das durch ein krawalliges Stück danach gleich wieder zunichte. Kniet irgendwo am Bühnenrand, reißt sich diese Plexiglasscheibe vom Kopf, setzt sie dann aber wieder auf. Als Zugabe ihr Hit „Strange“, der wieder wirklich berührend ist und ein wenig versöhnt.

Was außerdem auffiel: Sie hatte praktisch keinen Kontakt zu ihrer Band, spricht kein Wort mit ihr, es werden keine Blicke ausgetauscht und sie stellt die Musiker auch nicht vor. Und es gibt kein einziges mal einen Spot nur auf Celeste, meist versumpt alles in der gleichen diffusen Beleuchtung.

Wir fanden den Auftritt verstörend. Celeste wirkte über weite Strecken völlig überdreht und neben der Spur. Unser Verdacht: Celeste hatte offenbar irgendwas eingeworfen, Benzos, Kokain, Alkohol, was auch immer. Lampenfieber? Schüchternheit? Überforderung? Wir hatten nach dem Konzert den gleichen schlimmen Gedanken: Tritt Celeste in die Fußstapfen von Amy Winehouse und hat die Kontrolle über sich selbst verloren?

Man kann im Netz lesen, dass Celeste bei ihrem letzten Album Streit mit ihrem Plattenlabel hatte und es wohl unterschiedliche Vorstellungen gab, wie das Album zu klingen hat. Gut vorstellbar, dass Celeste die Erwartungshaltung, die Label und Publikum an sie haben, unterlaufen und zerstören will. Nachvollziehbar. Das ist ihr auch gelungen. Traurig nur, dass sie mit diesem Konzert zwar vieles kaputtgemacht, dem aber nichts konstruktives entgegengesetzt hat.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
Friedrich
Beiträge: 159
Registriert: 20 Dez 2023, 09:11
Wohnort: Berlin
Has thanked: 22 times
Been thanked: 47 times

Re: Celeste (Tempodrom Berlin, 17.06.2026)

Beitrag von Friedrich »

Diese Konzertkritik von RBB24 Inforadio (öffentlich rechtlicher Rundfunk) möchte ich nicht unterschlagen:

Herzschmerz durch Stimmgewalt

Unbedingt auch die Kommentare darunter lesen. Durch sowas könnte man Zweifel an der Qualität des öffentlich rechtlichen Journalismus bekommen.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
Benutzeravatar
JackofH
Beiträge: 41
Registriert: 24 Feb 2026, 17:08
Has thanked: 26 times
Been thanked: 14 times

Re: Celeste (Tempodrom Berlin, 17.06.2026)

Beitrag von JackofH »

Danke für deinen Bericht!

Den Sound im Tempodrom habe ich beim Konzert der Flaming Lips im vergangenen Jahr auch als sehr laut und undifferenziert in Erinnerung. Hatte das damals aber für eine bewusste Entscheidung der Band gehalten, die ja Übersteuerung durchaus gezielt einsetzt. Jetzt habe ich ein wenig Angst vor den Pulp-Konzerten nächste Woche ... Hoffentlich sitzt da dann jemand an den Reglern, die/die sein/ihr Handwerk versteht!

Was ich eigentlich schreiben wollte: lustig mit der RBB-Kritik. Besagter Rezensent hatte an gleicher Stelle auch eine Besprechung von Hania Ranis Konzert in der Philharmonie am Montag veröffentlicht, die mich ebenfalls irritiert zurückließ. Nicht, weil er den Abend "falsch" wiedergab oder weil der Text etwas unbeholfen geschrieben und strukturiert ist. Mich hat gewundert, dass er Ranis "politisches Statement" nennt - und dann aber gar nicht einordnet. Das "Fingerspitzengefühl", das er ihr in dem Text mehrfach zuschreibt, war ihr in diesem Fall jedenfalls für mich vollkommen abhanden gekommen.

Doch der Rezensent kannte offenbar den Hintergrund des aufgeführten Werks "Non Fiction" überhaupt nicht. Dabei handelt es sich um eine Auftragsarbeit des polnischen Museums der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Rani setzt sich in "Non Fiction" mit einer Komposition der Pianistin Josima Feldschuh auseinander, dem "jüdischen Wunderkind", das 1943 mit nur 13 Jahren im Warschauer Ghetto starb. Rani hatte die Intention ihres Werks in früheren Interviews als universelle Würdigung der menschlichen Widerstandskraft angesichts von politischer Unterdrückung beschrieben und es in Verbindung mit dem Holocaust sowie den Kriegen in der Ukraine und in Gaza gebracht. Bei dem Konzert am Montag hat sie nun eigentlich überhaupt nichts Inhaltliches zur Musik gesagt. Ihre Worte nach dem Konzert waren eine reine Dankesrede, bei der sie wirklich alle Beteiligten bis zum Beleuchter einbezog. Um dann, ganz am Ende völlig unvermittelt "Free Palestine" zu rufen - und sonst nichts. Kein "Slawa Ukrajini", kein Wort zur Lage der Menschen im Iran oder oder oder ...

Das Ganze wäre keiner Erwähnung wert gewesen, da ein beifallhaschendes "Free Palestine" von der Bühne in der Hauptstadt längst zum Standard geworden ist (gefühlt ist es an die Stelle von "Seid ihr alle gut drauf?"/"Berlin, how are you?" getreten). Ich hätte jedoch erwartet, dass ein Rezensent hier den Hintergrund benennt, wenn er schon auf den Ausruf eingeht und ihr "Fingerspitzengefühl" an anderer Stelle so lobt. Ich hatte den Namen des Journalisten daraufhin mal gegoogelt, da er mir überhaupt nichts sagte. Es handelt sich bei dem Herrn um einen jungen Onlineredakteur, offenbar Berufsanfänger. Insofern sind solche Texte vielleicht verständlich(er). Ich hoffe, es gibt beim RBB Kolleg*innen, die seine Besprechungen mit ihm durchgehen und das Verbesserungspotenzial aufzeigen.

PS: Ich will mit diesem Beitrag keine Diskussion über Sinn und Unsinn politischer Botschaften von der Bühne lostreten (auch keine über den Nahost-Konflikt)! Ich weiß, dass das hier unerwünscht ist. Ich wollte Friedrich lediglich zustimmen, dass der RBB-Kritiker fragwürdige Rezensionen verfasst.