








Der ganze Haufen packt mich sehr viel mehr als die Runde vom letzten Herbst ... Cecil Taylor Unit – Fragments (The Complete 1969 Salle Pleyel Concerts) ist ein krasser Trümmer. Zuerst gibt's das knapp 50minütige Abend-Set, danach das auch für eine CD zu lange Nachmittagsset (ca. 1:32 Stunden). Die Musik brennt, bietet aber auch Passagen, die ruhiger und weniger dicht sind - auch z.B., wenn Sam Rivers an die Flöte wechselt. Aber unterm Strich ist das wahnsinnig dichte und auch wuchtige Musik, die man laut hören sollte, um sie quasi körperlich zu erleben. Die beiden Saxophonisten (Jimmy Lyons und Rivers) entfachen Feuer, Andrew Cyrille ist an den Drums wie immer sehr differenziert, und der Meister am Klavier in Bestform. Das ist ja nicht die erste Aufnahme von 1969, die im Umlauf ist, aber mir fehlt tatsächlich eine adäquate Hörgelgenheit für den Mitschnitt aus der Fondation Maeght (das Nachmittagsset aus Paris und noch ein Mitschnitt machten aber vor einigen Jahren in digitaler Form und guter Qualität - wie jetzt bei Elemental wieder - die Runde.
Da sind noch weitere Highlights dabei Yusef Lateef - Alight Upon the Lake: Live at the Jazz Showcase ist eines. Hier kriegen wir die Band mit Kenny Barron, Bob Cunningham und Albert Heath 1975 zu hören, drei Stunden hervorragende Musik zwischen freien Grooves, hymnischem Modal Jazz und Funk - die Stücke dauern gerne mal 25 oder fast 30 Minuten und mich packt das in jedem Augenblick. Noch mehr als der ebenfalls hervorragende Mitschnitt desselben Quartetts 1972 in Avignon (Elemental, 2024). Die jüngste Lateef-Veröffentlichung aus Schweden kann da für meine Ohren nicht annähernd mithalten (einer von Elementals Beiträgen zum Paket vom Herbst 2025).
Auch hervorragend gefällt mir Joe Henderson - Consonance: Live at the Jazz Showcase. Im Gegensatz zu anderen Headlinern der Zeit (Mal Waldron, s.u.) reiste Henderson immerhin noch mit der eigenen Pianistin - und das ist Joanne Brackeen, deren Anwesenheit hier unbedingt einen Unterschied macht. Steve Rodby (b) und Danny Spencer (d) sind allerdings ihrerseits mehr denn adäquat. Der Bassist stiess bald zur Pat Metheny Group, mit der er lange Jahre spielen sollte, wurde davor von Joe Segal, dem Chef des Jazz Showcase (das über die Jahre unterschiedliche Standorte hatte), immer wieder eingesetzt, wenn gebuchte Headliner jemanden am Bass brauchten. Spencer gehörte zum Contemporary Jazz Quintet um Kenny Cox und Joes Bruder Leon Henderson und ist ebenfalls sehr gut. Das Doppelalbum ist für meine Ohren in seiner Wucht fast so erschlagend wie der Mitschnitt von Taylor - enorm dichte, herausfordernde Musik mit Henderson und Brackeen in hervorragender Form.
Auch ein Highlight ist das Mal Waldron & Steve Lacy Play Monk, Ellington & Strayhorn (Live at Yoshi's 1994) - durchaus zu erwarten. Gehört hier nur so halb hin, da es schon vor dem RSD erschienen ist. Dafür finde ich Mal Waldron - Stardust & Starlight: Live at the Jazz Showcase leider eine leise Enttäuschung. Es geht zwar hervorragend los, im Duo mit Steve Rodby am Bass und einem fokussierten Waldron, doch irgendwann fliege ich hier bisher immer raus, als ginge die Energie verloren, als fehle das Ziel. Dass man von den Drums von Wilbur Campbell praktisch nichts hört (mir ist nicht mal ganz klar geworden, wo er überhaupt mitspielt und wo er aussetzt), hilft auch nichts - jedenfalls keine Ergänzung zu den Trio-Meisterwerken, an denen Waldrons Diskographie ja eh schon reich ist. Am Ende ist dann noch - etwas unmotiviert - Sonny Stitt als Gast bei zwei Balladen am Altsax dabei. Ein seltsamer Abschluss einer CD mit schönen Momenten, die aber als ganzes nicht so recht funktionieren will.
Auch sehr toll finde ich den bei noch einem von Feldmans Labeln (Time Traveler - Elemental ist ja nicht seins, aber es gibt auch noch Jazz Detective/Deep Digs) erschienenen Mitschnitt von Roy Hargroves Quintett beim Jazzfestival Bern im Mai 2000, Roy Hargrove - Bern. Ich kann mich erinnern, dass ich das Konzert damals oder vielleicht ein paar Wochen danach im Radio hörte und sehr gut fand. Das hat sich beim Wiederhören des hervorragend eingespielten Quintett mit Sherman Irby (as), Larry Willis (p), Gerald Cannon (b) und Willie Jones III (d) bestätigt. Fünf lange Stücke, ein hervorragend gegliedertes Set einer Band, die keinen Moment in der Routine versinkt. Kleiner - möglicher - Schönheitsfehler: die Produktion scheint nicht mit dem Schweizer Radio, von dem der Mitschnitt zweifellos stammt, abgestimmt, man sucht vergeblich nach Infos zum Tonmeister oder den entsprechenden Logos.
Der Rest: Michel Petrucciani – Kuumbwa dokumentiert ein kurzlebiges Trio mit Dave Holland und Eliot Zigmund, live im Kuumbwa Jazz Center, Santa Cruz, CA im Mai 1987. Hätte das Zeug, gut zu sein, aber bisher finde ich nicht rein. Ähnlich geht es mir mit Ahmad Jamal - At the Jazz Showcase: Live in Chicago, aufgenommen 1976 mit John Heard und Frank Gant. Jamal ist hier irgendwo zwischen dem hippen, offenen Jazz, den er noch in den frühen Siebzigern (Paris 1971) spielte, und den verfestigten Formen seines Spätstils (den ich auch aus dem Jazz Showcase von einer tollen Telarc-CD kenne, die 1992 aufgenommen wurde, zum ersten Mal kenne, "Chicago Revisited / Live At Joe Segal's Jazz Showcase"). Das fesselt mich bisher deutlich mehr als Petrucciani, aber in der ganzen Länge fand ich es auch nicht direkt zwingend.
Etwas irritierend finde ich dann leider Bill Evans Trio – London 1965. Die Aufnahmen gab es bereits auf Video und in den Liner Notes schwärmt Marc Myers davon, wie toll es sei, die musikalisch tatsächlich hervorragenden (Chuck Israels, Larry Bunker) Aufnahmen in einem tollen neuen Remastering hören zu können. Entweder hat er vorab eine andere Version davon zu hören gekriegt und danach ging bei der Produktion was schief, oder hört sehr, sehr schlecht: Der Bass ist fast ständig übersteuert und in der hohen Lage das Klavier manchmal auf. Das klingt wirklich unangenehm und es braucht eine echte Portion Geduld, sich das zu Gemüt zu führen ... im Gegensatz zu den Tiberi-Tapes, wo man ja drauf gefasst war, dass das nicht gut klingen wird, ist das hier wirklich seltsam. Und eben: echt schade, denn das Trio scheint an dem Abend wirklich in Form gewesen zu sein.
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PS: das neue Album von Braufman werde ich auf jeden Fall kaufen - bis da kann ich warten.