H.R.S. - Hot Record Society (1938-1947)

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gypsy tail wind
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Re: H.R.S. - Hot Record Society (1938-1947)

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Auch die beiden Platten von Brick Fleagle's Rhythmakers, die im Mai 1947 nach längerer Pause das letzte Jahr von H.R.S. einläuteten, sind auf Discogs nicht zu finden. Die ersten zwei Stücke schrieb Ralph Douglas, die letzten zwei Rex Stewart, der am Kornett als einziger Bläser dabei ist. Billy Taylor (p) (zurück aus Europa, wo er mit Don Redmans letzteer Band auf Tour war) , Fleagle (g), Chocolate Williams (b, voc) und Jimmy Crawford vervollständigen die Gruppe. Die erste Platte mit den Douglas-Stücken - misogyne Vocals charmant gesungen in "They'll Do It Every Time" und "Oh You, It Looks Good" (HRS 1036) lief unter Chocolate Williams with Brick Fleagle's Rhythmakers. Stewart kriegt auf beiden ein paar Takte, die Rhythmusgruppe ist recht gut, auch wenn der Bassist vom Gesang etwas abgelenkt scheint und stärker aufspielt, wenn er nicht auch zu singen hat. Auf auf dem ersten Stück von Stewart, "Wig Wham Blues" (aka Green Light) singt Williams (man kennt ihn vielleicht in derselben Doppelrolle von der Hi-Lo-Session von Herbie Nichols, die später bei Savoy wieder erschien). Au den Labeln der Platte (HRS 1037) steht wohl "Johnson" als Komponist, aber die "company's publishing files" bestätigen, dass Stewart sie geschrieben hat. Er öffnet seine erstes Stück, bevor Williams einsetzt - nun auch am Bass gut zu hören ist. Die Balance ist zu Beginn der Session insgesamt nicht so gut, auch Stewarts Solo mit dem Dämpfer im Opener ist zu leise. "Blue Stew" (aka "Jive Junction") ist dann der Blues zum Abschluss, eröffnet von Taylor, über dem soliden Beat der Rhythmusgruppe (Crawford ist aber immer noch zu leise, so lange er Besen spielt). Das Klavier wird stellenweise ziemlich modern. Dann growlt Stewart und steigt in sein Solo ein, das eine sprechenden Gestus hat. Er kriegt auch noch ein paar Stoptime-Breaks ... und es ist wirklich schade, dass der meiste Platz der Session für den Gesang draufgegangen ist.

Ob es schon am Budget lat? Die letzten fünf Sessions, die ca. von Juni bis September 1947 stattfanden, präsentieren nur noch Quartette - die erste und die letzte vom Billy Taylor Quartet. Ungefähr im Juni sind John Collins (g), John Levy (b) und Denzil Best (d) dabei - eine Art King Cole Trio mit zurückhaltenden Drums. Der Einstiegt mit "Well Taylor-ed" ist ziemlich gut und recht modern - mit guten Soli von Piano, Gitarre und Bass. Seine dritte Session als Leader war der Pianist, der auch alles Material selbst komponierte, under spielt schon sehr souverän auf. In den zwei folgenden Stücken, "I Don't Ask Questions, I Just Have Fun" (inkl. erstmals in Mosaic-Set zu hörendem früheren Alternate Take) und "So You Think You're Cute" präsentiert sich Taylor auch als Sänger. Auch da orientiert er sich an Cole - und macht seine Sache ziemlich gut, während er sich sehr relaxed am Klavier begleitet. Im ersten Stück sind die Gitarrensoli in den zwei Takes unterschiedlich, im zweiten ist auch der Pianist mit einem Solo zu hören. Die Session endet mit "Twinkle Toes", einer schnellen Variante über "Idaho". Taylor ist wie im Opener in seinem zweiten Chorus besonders stark, Collins und Levy kriegen wieder ihre Spots - und der Bass klingt trotz der recht bescheidenen Qualität der Aufnahme echt gut.

Die nächste Session ist dann vermutlich vom Juli 1947 und präsentiert Rex Stewart's Big Four. Der Kornettist wird von Billy Kyle, John Levy und Cozy Cole begleitet, es gibt vier Stücke plus den letzten nur bei Mosaic zu kriegenden Alternate Take. Und wieder hat der Leader alles selbst komponiert. Nach dem ganzen Gesang ist es toll, das Kornett hier einfach mit einer feinen Rhythmusgruppe hören zu können. Cole ist gut aufgenommen und wie Kyle in Form. Die Fours zwischen Kornett (mit Plunger hier) und Drums im ersten Stück, "Flim Flam", sind Highlights, der Bass kriegt wieder ein paar Takte und klingt super. "Blues Kicked the Bucket" öffnet mit einem Bass-Vamp und Stewart präsentiert eine seiner leicht mysteriösen Stimmungen. Kyle kriegt ein paar Takte, doch das ist eine grosse, wenngleich total understatete Stewart-Show hier. Von "Madeline" gibt es dann zwei Takes, zuerst den Master, dann einen späteren Alternate Take. Los geht es mit einer Solo-Kadenz des Kornetts, dann übernimmt das Piano - alles eher blumig, bevor ein mittelschneller Swing einsetzt und Stewart am offenen Horn das Thema spielt. Kyle kriegt zwischendurch zweimal ein paar Takte und der Beat von Levy/Cole ist stark. Im Alternate Take steckt Stewart nach dem Intro einen cup mute ein und sein Spiel klingt etwas drängender. Die schöne Session endet mit dem schnellen "Loopin' Lobo" mit offenem Kornett und Drums à la "Sing, Sing, Sing". Nach ein paar Growls und vielen Fills steigen die anderen ein, nach dem Thema wechselt Kyle für sein Solo die Tonart, danach kriegen Cole und Levy auch je einen Chorus, bevor Cole für mehr zurückkehrt und Stewart das Stück danach zu Ende führt.

Alle vier Stücke sind auch auf der Platte zu finden, die Riverside später mit Stewarts H.R.S.-Aufnahmen zusammenstellte - aber eben: in nicht so gutem Sound, wie es scheint.



Vermutlich im August kriegt der schon öfter gehörte Pianist Jimmy Jones dann auch seine Session als Leader. Bei Jimmy Jones's Big Four wirken Budd Johnson (ts), Al Hall (b) und Denzil Best (d) mit, es gibt die üblichen vier Stücke, von denen je zwei auch auf den späteren beiden Riverside-Compilations landeten. "Sunny Side Up" ist der Opener - erneut alles Material vom Leader. Das Zusammenspiel von Johnson und Jones ist exquisit, im ersten Stück übergeben sie sich jeweils mitten im Chorus. In "Strollin' Easy" geht es direkt los mit einer chromatischen Melodie. Beide erweisen sich hier wieder als Poeten, Jones zudem mit einer eigenwilligen Phrasierung und Vorstellung von Time, die aber nie den Swing und Flow des Stückes durchbricht - und erst recht nicht die besondere Stimmung, die von beiden gleichermassen geprägt wird. "Keeping Up with Jones" ist dann eine einfachere Blues-Nummer. Hall ist hier im Thema hervorragend, das nach einem zerklüfteten Piano-Intro ebenfalls sprunghaft wirkt. Es gibt dann in der Überleitung zum Nicht-Solo von Jones einen Orgelpunkt vom Bass, bevor der Pianist doch noch zu spielen anfängt, ein paar Tremolo-Passagen einstreut und mit locked hands fortfährt, nur um alles abzubrechen und die letzten paar Takte vor dem Sax-Solo äusserst sparsam zu gestalten. Johnson biegt dann die Töne und honkt ein wenig. Und wie bei den Stücken davor hat er einen unglaublich schönen Ton, irgendwo zwischen Hawkins und Young, ein ganz eigenes Timbre. Im Closer, "Weeta", können die beiden Meister der Tonmalerei nochmal glänzen. Jones spielt das ein wenig an Strayhorn erinnernde Stück zunächst im Trio. Johnson erinnert dann stellenweise auch ein wenig an Johnny Hodges - doch erst steigt ganz sparsam ein, als hätte er auch in den zwei Minuten, die ab seinem ersten Ton noch bleiben, alle Zeit der Welt. Gross, diese Session!

Für die letzten zwei Sessions sind dann wieder genaue Daten bekannt. Am 19. September 1947 leitete der Namensvetter des Pianisten am Kontrabass seine Gruppe - Billy Taylor war auch einer der grossen Tuba-Spieler im alten Jazz, bei McKinney's Cotton Pickers und Fletcher Henderson, bevor er nach dem Instrumentenwechsel u.a. fünf Jahre bei Ellington spielte und später auch mit Cootie Willliams's Big Band und in den Fünfzigern als einer der wenigen Afro-Amerikaner einen Job als Studio-Musiker kriegte (bei CBS mit Ramyond Scott und auch bei NBC). In Billy Taylor's Big Four wirkten Bernie Leighton (p), Tony Mottola (g) und Morey Feld (d) mit. Leighton hat die ersten zwei, Taylor die folgenden beiden Stücke komponiert. Feld ist aktiver als Best und das Quartett klingt daher etwas weniger nach dem King Cole Trio - obwohl dieses für das Zusammenspiel des Pianos und der Gitarre wohl auch das Vorbild war. Leighton spielt ein attraktiv sparsames Solo, die Gitarre hält sich zunächst fast völlig raus. "Flight of the Bebop" ist nicht sehr boppig, aber Leighton klingt dennoch recht modern, Morgenstern meint passend "an updated Teddy Wilson - almost like Shearing before he became Shearing". Mottola hat seinen Charlie Christian studiert und spielt ein gutes Solo. "My Mind's Made Up on You" ist die Ballade der Session, von Leighton im Rubato eröffnet. Für den Einstieg von Mottola fällt die Gruppe in einen festen Beat und im Gitarrensolo kriegt man ein paar Django-Touches (die "bent notes" in der Bridge). Als Closer spielt das Quartett "Taylor Made" im mittelschnellen Tempo und einer Cole-Stimmung. Gutes Piano, guter Bass hinter der Gitarre und dann auch ein Walking-Solo des Leaders.

Am 26. September 1947 fand die letzte Session von H.R.S. statt - wieder mit dem Pianisten Billy Taylor und seinem Billy Taylor Quartet, jetzt mit Herman Mitchell an der Gitarre, aber weiterhin John Levy und Denzil Best. Den Opener "Restricted" hat Levy mit Charlie Lewis komponiert. Mitchell - der u.a. mit Benny Carter, Pete Brown und verschiedenen Blues-Sängern gespielt hatte, kriegt das erste Solo und erweist sich als Fan von Oscar Moore. Taylor ist elegant wie immer und Best - auch wie immer - unglaublich subtil und auf den Punkt. Der Cole-Vibe ist natürlich auch hier wieder da. Der Bounce-Stück "Striding Down the Champs Elysees" ist Taylors erster Beitrag - wie erwähnt war er ein paar Monate früher mit der Don Redman-Band durch Europa getourt (dazu gab's drüben einen kleinen Faden). Im Thema spielt Taylor beinahe Stride-Piano über der Rhythmusgruppe. Mitchell spielt ein boppiges Solo mit starkem Bass, der danach selbst ein hervorragendes Solo spielt. Das Pianosolo beginnt maximal flüssig mit diesen typischen Läufen, bevor Taylor am Ende den Nahezu-Stride zurückbringt. "Mitch's Pitch" aus der Feder der Gitarristen ist entspannt und bietet süffige Changes und ein Thema im Unisono von Gitarre und Piano, die Gitarre im Lead. Der Closer, "Mr. B 'Bops'", ist noch eine Anspielung auf den damals noch ziemlich neuen modernen Jazz - aber sehr boppig ist auch dieses Stück nicht. Schnell und flüssig aber, mit guten Soli von Piano (inkl. Zitat der "Humoresque" von Dvorák), Gitarre und Bass und ein paar arrangierten Riffs dahinter.

Insgesamt ein durchaus gelungener Abschluss eines kleinen aber feinen Katalogs. Von diesen letzten Session ist die mit Budd Johnson diejenige, die herausragt, aber die Session mit Rex Stewart ist ebenfalls toll und die drei im Piano/Gitarren-Quartett haben alle ihre Momente - aber es bleibt halt dabei, dass ich das Format nicht sonderlich gerne mag.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00