Miles Davis

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atom
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Re: Miles Davis

Beitrag von atom »

Da bin ich tatsächlich anderer Auffassung, @lotterlotta. Die Vorstellung, das Album sei ein "Kastrat" oder die Aufnahmen seien "verstümmelt", setzt ja voraus, dass die Session-Bänder eine Art unverfälschte musikalische Wahrheit enthielten, die durch Maceros Eingriffe nur beschnitten worden wäre. Ich sehe das genau umgekehrt: Maceros Editierung ist nicht Reduktion eines fertigen Werkes, sondern dessen eigentliche kompositorische Erschaffung.
Wer die "Complete In a Silent Way Sessions" einmal am Stück hört, merkt ja schnell, dass dort vieles tastend, suchend, auch repetitiv abläuft – die Band sucht das Stück, findet es, verliert es wieder, findet es erneut. Wertvoll als Dokument des kreativen Prozesses, keine Frage – aber eben noch kein fertiges Kunstwerk. Erst Maceros Konzentration auf das Wesentliche macht aus diesem Material die LP, die wir kennen. Die ABA-Form mit dem rahmenden Zawinul-Thema ist kompositorische Arbeit, nicht Reduktion.
Und gerade die Qualitäten, die du selbst zu Recht hervorhebst – die Auflösung von Grenzen, die meditative Dichte, das Suchen nach Frieden – entstehen meines Erachtens nicht trotz, sondern wegen dieses Eingriffs. Eine 80-minütige Doppel-LP mit den ungekürzten Bändern hätte all das verwässert. Wer die ganze Werkstatt besichtigen möchte, hat seit 2001 die Box dafür. Das Werk selbst bleibt für mich die Original-LP.
Du nennst das Album "hervorragend" und sprichst gleichzeitig von einem "schweren Fehler". Beides zusammen geht nur, wenn man unterstellt, dass mehr Länge automatisch mehr künstlerische Größe bedeute – gerade bei spirituell geladener Musik ist das nicht immer der Fall.
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gypsy tail wind
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Re: Miles Davis

Beitrag von gypsy tail wind »

Geht mir auch so - kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, das Album ist für meine Ohren die pure Perfektion. Und das seit dem ersten Hören (auch noch in einer der erwähnten ungenügenden CD-Ausgaben damals ... da gab's ja zum Glück fast überall - auch bei "Get Up with It" - Ende der Neunziger/Anfang der Nuller Abhilfe). Das Tastende, Suchende ist ja gewissermassen auch eine Wiederholung von "Kind of Blue", wo das auch der Fall ist. Die Musik wurde wenig später zupackender, zwar bald nicht mehr mit Evans und Adderley, aber Coltrane, Davis selbst, Kelly und die Rhythmusgruppe spielten die Stücke bald regelmässig und sie wurden vertraut und veränderten sich. Doch die Magie des ersten Moments, der ersten Begegnung mit den Stücken und Konzepten im Studio lässt sich nicht leugnen. Und das höre ich bei "In a Silent Way" eben auch so. Auch eine Art Durchbruch, nach den ersten Gehversuchen mit E-Piano, einer gelegentlichen Gitarre, den close-miked Hörnern, die durch Verstärker aufgenommen wurden ... bei "In a Silent Way" ist Davis dann da, kommt an einem neuen Ort an, den es davor nicht gab.

So sehr ich "The Ghetto Walk" schätze - der zweite Tag hört sich sehr anders an. Der Track hätte sich besser auf einer anderen Doppel-LP mit weiteren Stücken von nach den Sessions zu "Bitches Brew" gemacht ... Material hätte Columbia ja gut gehabt, um "Big Fund" und "Get Up with it" noch eine Doppel-LP an die Seite zu stellen.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

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vorgarten
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Re: Miles Davis

Beitrag von vorgarten »

da bin ich auch total bei @atom , zumal die sessions ja von vorneherein nicht so gedacht waren, fertige tracks aufzunehmen, das ist ja hinlänglich bekannt. was macero hinterher mit dem material machen sollte, war schon im moment der aufnahme teil des spiels. aber auch ganz konkret finde ich gerade die herausgekürzten teile wirklich verzichtbar. toll finde ich aber den kurzen rehearsal-take von "in a silent way" im lockeren samba-rhythmus.
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lotterlotta
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Re: Miles Davis

Beitrag von lotterlotta »

ich seh es halt so, der rest ist doch genau so gut, keinen deut schlechter, für mich ein absolut schlüssiges doppel lp album....kann euch aber grundsätzlich verstehen....kastrat war auch ein wenig zu heftig, geb ich gern zu...
ich wurde mal gefragt warum ich jazz höre. ganz einfach, weil er frei von hautfarbe und emotional ist....
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gypsy tail wind
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Re: Miles Davis

Beitrag von gypsy tail wind »

Ich verstehe Deinen Gedankengang schon auch @lotterlotta, finde oft genug Weglassungen stossend (z.B. wenn es erweiterte CD-Ausgaben gibt und spätere Ausgaben wieder auf die LP-Konfiguration zurückgehen - da verstehe ich nicht, warum sich wer stört, kann ja ausschalten bevor das Bonusmaterial beginnt). Aber "In a Silent Way" ist ein so perfekter Block - so immens und doch irgendwie so leise, so still ... für mich wie ich schon sagte ein absolut magisches Album, das schlicht perfekt ist. Finde in der Hinsicht auch die Vorgehensweise bei den Sony-Boxen mit den ganzen Sessions wirklich schlau: dass man da jeweils am Ende die Album-Konfiguration auch noch kriegt (bei "Bitches Brew" am Anfang, aber dort gibt's keine ungeschnittenen Versionen der Album-Sessions, was bei IASW, "Jack Johnson" und "On the Corner" halt anders ist).
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lotterlotta
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Re: Miles Davis

Beitrag von lotterlotta »

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.....auch dies eine echte monsterbox, aus der woche vor weihnachten 1970, mehrtägiges engagement im cellar door, leider nicht so abwechslungsreich von den tracks wie z.b. die plugged nickel box, die ich z.b. komplett hintereinander weg hören kann. das klappt hier zumindest bei mir nicht, es tritt ein leichter ermüdungseffekt ein, wobei jedes einzelne set klasse ist aber in der masse fehlt mir da dann doch etwas die würze...wäre aber trotzdem zum 100. in einer vinyledition nicht so übel gewesen....
ich wurde mal gefragt warum ich jazz höre. ganz einfach, weil er frei von hautfarbe und emotional ist....
icculus
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Miles Davis

Beitrag von icculus »

Dafür, dass Miles 100. Geburtstag hat, ist aber
ganz schön wenig Alarm, speziell im Radio.

Zu Brötzmanns 80. konnte man vier oder fünf
Sondersendungen in den einschlägigen Anstalten
hören.

Habe nur ich diesen Eindruck, oder geht euch
das auch so?
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stardog
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Re: Miles Davis

Beitrag von stardog »

Wo ist Jazz heute eigentlich noch relevant, außer in ein paar wenigen Zeitschriften?
icculus
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Miles Davis

Beitrag von icculus »

stardog hat geschrieben: 09 Mai 2026, 17:01 Wo ist Jazz heute eigentlich noch relevant, außer in ein paar wenigen Zeitschriften?
Was soll ich dir darauf antworten? Der Jazz ist zum Beispiel
in diesem Thread relevant. Sonst würden nicht so viele Leute
hier posten ...
icculus
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Re: Miles Davis

Beitrag von icculus »

... aber zurück zum Radio. Zwei Sachen vielleicht,
die man sich anhören kann:
https://www.ard.de/ardkultur/musik/jazz ... e-100.html
Und die Österreicher sind auch ganz gut dabei:
https://oe1.orf.at/milesdavis