Miles Davis

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vorgarten
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Re: Miles Davis

Beitrag von vorgarten »

zu den repetitiven fluss-stücken, bei denen ja vor allem joe zawinul seine hand im spiel hatte, gehören unbedingt noch "guinnevere" (auf CIRCLE IN THE ROUND völlig verloren) und "recollections" (erst in der COMPLETE BITCHE BREW SESSIONS box aufgetaucht, dann als bonus auf der cd von BIG FUN) dazu. das ist dann die erste sitar-band (die zweite spielt später ON THE CORNER ein). der aureißer hier ist eigentlich "go ahead john", der passt in den rockjazz-kontext von JACK JOHNSON, aber in dieser phase war wirklich unglaublich viel los bei den miles-sessions.
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lotterlotta
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Re: Miles Davis

Beitrag von lotterlotta »

Bild


miles davis sextet - jazz at the plaza vol I…..

aufnahmen aus dem september 1958, die in 1973 erschienen, in einer zeit also als miles in seiner elektrischen phase in der öffentlichen wahrnehmung und bei der kritik ob dieses umstandes an bedeutung verlor veröffentlicht columbia dieses relikt aus einem gefühlt anderen zeitalter.
ein halbes jahr nach den aufnahmen zu adderleys album „something else“ erfolgten diese aufnahmen im sextet in der besetzung mit john coltrane, tenor sax - julian cannonball adderley, alto sax - jimmy cobb, drums - paul chambers, bass und bill evans, piano im klassischen hard bob stil im "persian room" des new yorker plaza hotels.
warum man dieses live document erst 15 jahre später veröffentlichte, ist und bleibt mir ein rätsel! my funny valentine mit diesem rhythmus-trio, in einer seiner besten versionen überhaupt, wäre grund genug gewesen es direkt zu veröffentlichen. vielleicht war der etwas dumpfe klang einer der gründe die gegen eine zeitnahe vö sprachen oder die doch schon recht stattliche anzahl an alben von und mit miles in der zeit, wer weiß…. für mich ist die platte immer wieder ein erlebnis der entschleunigung und entspannung und beinhaltet mit „oleo“ einen weiteren lieblingstitel im repertoire von miles davis. im vorfeld der listenerstellung eine scheibe die gehört werden sollte…..

was wundert ist die fehlerhandhabung beim label, auf dem cover und in den linernotes ist angeblich fälschlicherweise philly joe jones und der falsche spielort angegeben....tatsächlich soll jimmy cobb an den drums gesessen haben und die aufnahmen nicht im "edwardian room" stattgefunden haben....
ich wurde mal gefragt warum ich jazz höre. ganz einfach, weil er frei von hautfarbe und emotional ist....
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atom
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Re: Miles Davis

Beitrag von atom »

Ein schönes und kurioses Zeitdokument. Die Aufnahmen entstanden am 9. September 1958 im Rahmen einer Columbia-Party im Plaza Hotel, mit der das Label seine damals blühende Jazz-Abteilung feierte. Neben dem Davis Sextet traten an dem Abend u.a. Duke Ellingtons Orchester, Jimmy Rushing und Billie Holiday auf. Genau diese Ellington-Aufnahmen vom selben Abend hat Columbia 1973 als Gegenstück nachgeschoben: Duke Ellington & His Orchestra – Jazz at the Plaza Vol. II, unmittelbar im Anschluss an die Davis-Scheibe und mit derselben 15-jährigen Verzögerung. Ein Highlight darauf ist Don't Explain mit Billie Holiday, eine der berührendsten dokumentierten Aufnahmen ihrer späten Phase.
Die Musiker wussten offenbar gar nicht, dass sie aufgenommen wurden – das Tape sollte ursprünglich nur ein internes Dokument fürs Archiv werden. Bill Evans hat später erzählt, dass die zur Veröffentlichung 1973 noch lebenden Musiker nach den Gagensätzen von 1958 ausgezahlt wurden.
Zu den Linernote-Pannen von Irving Townsend, die du erwähnst: Da gab es tatsächlich noch mehr als nur den falschen Drummer und den falschen Spielort. Straight, No Chaser wurde dort als Eigenkomposition mit dem Titel Jazz at the Plaza deklariert. Auf den meisten späteren Pressungen wurde das dann stillschweigend korrigiert.
serenity now!
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Friedrich
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Re: Miles Davis

Beitrag von Friedrich »

lotterlotta hat geschrieben: 03 Mai 2026, 15:30 Bild

big fun….warum ist diese platte es, wie kam es zum titel?

(...)

vielleicht ist der spaß daran, dass freigeister zueinander fanden, mit rhythmik und gefühl einen fluss erzeugten, über den miles einfach das legte was ihm gerade dazu einfiel, das sich alle vom moment leiten ließen, einem monochromen repetativen fluss der alles lenkt und über dem immer wieder einzelne sterne funkeln wie z.b. grossman/shorter am sopran oder maupin an der bass clarinette, mclaughlin seine esoterischen e-gitarrenläufe aufflackern lässt, schnellere elektrische langgezogene läufe sich in akustisch minimalem auflösen und einem beim zuhören sogartig zum schweben bringen wie in „go ahead john“….

vielleicht ist die platte aber auch ein big fun, weil der produzent seinen großen spaß daran hatte, den der musiker nochmals durch seine nachträglichen eingriffe zu steigern….und dann ist da noch die coverart , die alle möglichen assoziationen zulässt, ästhetisch erhaben, freiheit und widerstand in einem….kurz und bündig: für mich ein überzeugendes gesamtkunstwerk 🖤🖤🖤🖤🖤
Sehr schön!

Big Fun habe ich - wie oben beschrieben – über die Complete On The Corner-Box (wieder)entdeckt. Ich habe gestern, bei hochsommerlichen Temperaturen, offener Balkontür, nur mit Sporthose und T-Shirt bekleidet, träge auf dem Sofa herumhängend die erste CD der erweiterten Ausgabe gehört. Da ist die ursprünglich erste LP um 2 weitere Stücke (Recollections und Trevere) ergänzt. Das sind auch schon 75 Minuten Musik.

Ich verstehe schon irgendwie, dass diese Aufnahmen zunächst im Archiv verschwanden: Zu lang, zu ausufernd, vielleicht nicht prägnant genug, noch im Fluss, mit Leerstellen und losen Enden. Aus anderer Perspektive betrachtet ist aber vielleicht gerade diese Offenheit die Qualität dieser Musik. Es blubbert und zummselt, und aus diesem lockerem Gewusel treten tatsächlich funkelnde Sterne hervor oder es verdichtet sich ein groove, auf dem man sich gleiten lassen kann. Mir gingen noch viel später Miles’ wie ein Nebelhorn klingende Trompete von Great Expectations und der groove von Ife nicht mehr aus dem Kopf. Vieles ist auch fast ambient music, Klang, Athmosphäre. Die verhallte Trompete, die elektrischen keyboards, die Sitar. Da ist die 30-minütge Meditation von He Loved Him Madly auf Get Up With It nicht weit.

Für mich ist Big Fun zwar kein 5-Sterner, aber sicher ein 4-Sterner mit Glanzpunkten. Und in meine Miles Davis-Top 20 könnte sich sogar ein Stück von Big Fun einschleichen.
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gypsy tail wind
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Re: Miles Davis

Beitrag von gypsy tail wind »

atom hat geschrieben: 04 Mai 2026, 10:00 Ein schönes und kurioses Zeitdokument. Die Aufnahmen entstanden am 9. September 1958 im Rahmen einer Columbia-Party im Plaza Hotel, mit der das Label seine damals blühende Jazz-Abteilung feierte. Neben dem Davis Sextet traten an dem Abend u.a. Duke Ellingtons Orchester, Jimmy Rushing und Billie Holiday auf. Genau diese Ellington-Aufnahmen vom selben Abend hat Columbia 1973 als Gegenstück nachgeschoben: Duke Ellington & His Orchestra – Jazz at the Plaza Vol. II, unmittelbar im Anschluss an die Davis-Scheibe und mit derselben 15-jährigen Verzögerung. Ein Highlight darauf ist Don't Explain mit Billie Holiday, eine der berührendsten dokumentierten Aufnahmen ihrer späten Phase.
Die Musiker wussten offenbar gar nicht, dass sie aufgenommen wurden – das Tape sollte ursprünglich nur ein internes Dokument fürs Archiv werden. Bill Evans hat später erzählt, dass die zur Veröffentlichung 1973 noch lebenden Musiker nach den Gagensätzen von 1958 ausgezahlt wurden.
Ich hab gestern (wegen der Duke Brooks vs. Dudley Brooks Diskussion im Black & White-Thread) in der Autobiographie und im Buch von Carr geblättert und die Platte wird in beiden nicht einmal erwähnt (weder im Index noch, so weit ich sehen konnte, im Text). Es gibt da eine kleine Lücke zwischen August 1958 (Abschluss der Aufnahmen zu "Porgy & Bess" mit Gil Evans) und März 1959 (Auftakt zu "Kind of Blue"), die letzte Combo-Session, die erwähnt wird, ist die vom Mai 1958 (die mit "Love for Sale", "Fran Dance" usw., die auf "1958 Miles" und anderswo zu finden ist). Und dann ist da noch eine wilde Story von einem Arrest von zwei der Sidemen in Kanada wegen Drogenbesitz oder sowas, das hab ich aber im Detail schon wieder vergessen (Losin hat für den 10. Juli einen Gig in Montréal in den Kommentaren und erwähnt "other dates in Montréal and Quebec City").

Mich das das Miles-Set nie so richtig geflasht - aber es ist besser als das aus Newport (wo irgendwer krank war, wenn ich mich richtig erinnere?).

Für meine Trackliste muss ich nochmal die Aufnahmen von 1965-68 anhören ... und das Quintett von 1956 eigentlich auch wieder mal. Eine schier unmögliche Aufnahme, ich hab schon 30 oder 35 Titel in der Longlist (inkl. ganz vieles aus den frühen elektrischen Jahren).

(Und Zustimmung zum Ellington-Mitschnitt ... ich mag die Band aus der Zeit eh wahnsinnig gerne live und der Mitschnitt aus dem Plaza mit den Gästen ist ein Leckerbissen!)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

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thelonica
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Re: Miles Davis

Beitrag von thelonica »

lotterlotta hat geschrieben: 03 Mai 2026, 17:35 Bild

miles davis sextet - jazz at the plaza vol I…..

.....was wundert ist die fehlerhandhabung beim label, auf dem cover und in den linernotes ist angeblich fälschlicherweise philly joe jones und der falsche spielort angegeben....tatsächlich soll jimmy cobb an den drums gesessen haben und die aufnahmen nicht im "edwardian room" stattgefunden haben....
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Hier bekommt einen kleinen Eindruck von der Location im Plaza, The Persian Room im Plaza.
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gypsy tail wind
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Re: Miles Davis

Beitrag von gypsy tail wind »

Und es gibt auch dieses tolle Foto ... vorn der Hinterkopf von Jimmy Rushing:

Bild
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Friedrich
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Re: Miles Davis

Beitrag von Friedrich »

thelonica hat geschrieben: 04 Mai 2026, 11:11
https://drivingfordeco.com/vanished-new ... sian-room/

Hier bekommt einen kleinen Eindruck von der Location im Plaza, The Persian Room im Plaza.
Bild
The Persian Room of the Plaza Hotel, 1934.

Bild
The Plaza Hotel looking southwest from 5th Avenue and 60th Street, 1907.

Das hat Niveau!
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lotterlotta
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Re: Miles Davis

Beitrag von lotterlotta »

thelonica hat geschrieben: 04 Mai 2026, 11:11
lotterlotta hat geschrieben: 03 Mai 2026, 17:35 Bild

miles davis sextet - jazz at the plaza vol I…..

.....was wundert ist die fehlerhandhabung beim label, auf dem cover und in den linernotes ist angeblich fälschlicherweise philly joe jones und der falsche spielort angegeben....tatsächlich soll jimmy cobb an den drums gesessen haben und die aufnahmen nicht im "edwardian room" stattgefunden haben....
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Hier bekommt einen kleinen Eindruck von der Location im Plaza, The Persian Room im Plaza.
....das sind allerdings bilder aus der anfagngszeit zum ende der prohibition, ende der fünfziger war der raum wohl schon wieder zweimal umgestaltet worden....

@atom ...ja, den fehler mit straight no chaser hatte ich unterschlagen, die korrektur auf dem cover und label müssen aber erst wirklich sehr spät erfolgt sein, auf meiner japanpressung von 1979 steht immer noch der falsche titel.....
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gypsy tail wind
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Re: Miles Davis

Beitrag von gypsy tail wind »

Das hier ist von nach der Umgestaltung im Jahr 1950 - vielleicht sah der Raum 1958 noch gleich aus?

Bild
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