
Lester Wilmot Wilbert "Les" Schriber (1901-1965) gründete 1943 sein Plattenlabel Black & White, das zunächst von seiner Adresse in New York operierte, später nach Los Angeles zog. Er legte also mitten im ersten "recording ban" los, dem Streik, den der Boss der Musikergewerkschaft Cesar Petrillo im August 1942 ausgerufen hatte und der es allen Musiker, die in der American Federation of Musicians (AFM) waren, untersagte, Aufnahmen zu machen. Ein paar Label knickten früher ein, so nahm Decca ab September 1943 wieder auf, bei Capitol (damals noch ein frisch gegründetes unabhängiges Kleinlabel) ging es im Oktober weiter, aber die Major Columbia und RCA hielten bis Ende 1944 durch. Die Sänger*innen waren in der AFM nicht zugelassen (sind ja schliesslich keine Musiker*innen) und hatten ihre eigene Gewerkschaft - es war daher möglich, Sänger*innen mit Gesangsensembles statt mit Bands aufzunehmen... und manch fündiger Produzente karrte auch Minderjährige ins Studio, die noch nicht in die Gewerkschaft eingetreten waren.
Schriber legte also in einer Zeit los, die nicht nur wegen des Krieges sondern auch wegen der Gewerkschaft schwierig war. Der Krieg führte dazu, dass Treibstoff oder Gummi rationiert war - und weil die Schellack-Lieferanten in Ländern lagen, die von Japan besetzt bzw. direkt vom Krieg betroffen war, herrschte auch Knappheit an Rohmaterial. Was zu kriegen war, schöpften die Major ab, den kleinen blieben die Krumen. Die Label standen bei den Presswerken in der Schlange und wenn es Reste an Material gab, wurden ihre kleineren Auflagen hergestellt - hundert Stück scheint für so ein Label eine typische Zahl gewesen zu sein. Oder Material wurde aus zerstückelten Platten gewonnen (was soweit ich weiss zu minderer Qualität führte). Die vermutlich erste Erwähnung von Black & White in der Presse ist denn ein Inserat in Art Hodes' Zeitschrift The Jazz Record vom 1. März 1943, in der Schriber nach "scrap records 6 cents a pound" fragten. "Send parcel post to Les Schriber, Black and White Record Co." Doch in der Zeit entstanden diverse neue kleine Label wie Savoy oder Apollo, Exclusive oder Excelsior, die gerade in der Krise auch eine Chance sahen. Die Presswerke hatten wenig Arbeit und waren bereit, in den Pausen die kleinen Auflagen für diese neuen Label herzustellen, deren sie sich in einer Boom-Zeit gar nicht erst erbarmt hätten. Wegen Krieg und Streik war die Plattenindustrie um bis zu 70% geschrumpft, wie Art Hodes in seiner Zeitschrift schrieb - und gleichzeitig war die Nachfrage nach Jazz-Platten gross und wuchs.
Les Schriber war damals als Plattensammler bekannt und suchte seine Künstler nach den eigenen Vorlieben - wie es auch Alfred Lion/Francis Wolff von Blue Note, Milt Gabler von Commodore, Bob Thiele von Signature oder Dan Qualey von Solo Art taten. Schriber fokussierte zunächst vor allem auf traditionellen Jazz und Swing von kleinen Combos. In den Anfangszeiten in New York dokumentierte er auch ein paar der besten Pianisten der Stadt wie Cliff Jackson und Willie "The Lion" Smith. Am 5. April 1943 war in The Jazz Record zu lesen: "Les Schriber, well-known collector, has formed a new record company and expects to issue his first records in a few weeks. The Black & White Record Company is his own venture and is not connected with any other record company. For his first issue, he is announcing two piano solos by Art Hodes, recorded year or so ago for his own private collection." - Eine Formulierung, die suggiert, dass die Aufnahmen vor Beginn des Streiks gemacht worden seien.
Nach Ende des recording ban arbeitete Schriber kurz mit Harry Alderton und seinem Comet Records zusammen (Red Norvo mit zwei jungen Sidemen namens Dizzy Gillespie und Charlie Parker, T-Bone Walker, Art Tatum, Cow Cow Davenport, Jack McVea) - diese Aufnahmen wurden später an Dial Records verkauft, das kalifornische Label von Ross Russell. Im Februar 1945 erschein die erste Platte von Black & White auf Vinyl, nicht mehr auf dem damals üblichen Schellack, und im 12"-Format, zu einem Preis von $ 1.58 pro Platte. Es erschienen aber auch Schellack-Plattten, z.B. von Charlie Ventura. Der Plattenhändler Paul Reiner aus Cleveland kaufte Schriber das Label ab, das dann nach Los Angeles zog. Ein Hauptgrund dafür war wohl, dass Schriber zur Fraktion der "moldy figs" gehörte, die modernen Jazz ablehnten. Für die Liner Notes der Mosaic-Box, die ich hier plündere, konnte Billy Vera mit Art Rupe sprechen, damals 103 Jahre alt, dem Gründer von Specialty Records, einem weiteren der neuen Label aus der Zeit (1946 gegründet, Rupe lebte von 1917 bis 2022, dem Erscheinungsjahr der Mosaic-Box)
Paul Reiner sei von Ungarn in die USA gekommen, so Rupe, habe aber gut Englisch gesprochen und sei "a friendly competitor" gewesen. Mit Aufnahmen hatte er davor keine Erfahrung und von R&B verstand er wohl auch nichts, überliess diesen Teil des wachsenden Katalogs seinem A&R-Mann Ralph Bass. Rupe meint sich zu erinnern, dass Reiner auch den Vertrieb seiner Specialty Records-Platten machte und überhaupt einen guten Namen als fähiger Vertrieb hatte - einer der ganz wenigen an der Westküste in einer Zeit, als Plattenvertriebe sonst an der Ostküste daheim waren. Mehr als die Hälfte aller Plattenverkäufe damals ging an Verkäufer von Jukeboxen - die wiederum auch als Vertrieb agierten und sich um die Werbung kümmerten, da sie gut vernetzt waren. Reiner vertrieb u.a. Jewel Records, das vom Bandleader Ben Pollack geleitet wurde, in dessen Band einst spätere Stars wie Benny Goodman oder Jack Teagarden gespielt hatten. POllack hatte bei Jewel Leute wie Boyd Raeburn, Kay Starr, Rossell Jacquet, Joe Bushkin oder Dan Grissom, den Lunceford-Sänger, unter Vertrag. Und Pollack wurde unter Reiner der "general manager" von Black & White an der Westküste, während Ralph Bass (eigentlich Ralph Basso Jr.) als A&R-Mann tätig war, aber ein paar Sessions auch von Leonard Feather, Norman Granz oder Nesuhi Ertegun produziert ("supervised") wurden.
Ralph Bass war Sohn eines Italieners und einer deutschen Jüdin und ausgebildeter klassischer Violinist - unter den Leuten im Kontrollraum der Plattenlabel damals eine Ausnahme. Er mochte aber die Musik seiner Schwarzen Nachbarn in der Bronx so sehr, dass sie zu seiner Leidenschaft wurde. Wie andere witterte in der Kriegszeit in Kalifornien seine Chance und zog mit Frau und den zwei Kindern um, um dort den Job bei Black & White zu finden. Später sollte Bass auch für Savoy, King und Chess arbeiten. Bei Black & White gab es unter Reiner alles, von Polkas über Salon-Klassik bis zu R&B oder Platten für Kinder. Mit dem Hit "Open the Door Richard" ging Reiner in den Angriffsmodus über und machte das Label mit Lena Horne oder T-Bone Walker ("Bobby Sox Blues", "Call It Stormy Monday") zur profitablen Maschine, die Platten im Akkord herausbrachte und damit in den Jukeboxen aller Schwarzen Viertel im Land präsent war. Als das Label 1949 aufhörte, wurden die Aufnahmen von Walker an Capitol verkauft (auch da gab's vor vielen Jahren mal eine Mosaic-Box, aber auch eine separate Veröffentlichung mit den Capitol- und Black & White-Aufnahmen auf drei CDs, die hier ist). Al Sack kümmerte sich derweil um die Pop-Aufnahmen des Labels.
Im Ende Mai 1947 zeichnete sich das Ende ab. Das Label erlitt mit dem Tod Sacks an einem Herzinfarkt mit 36 Jahren einen schweren Schlag. Und wirtschaftlich, so Vera, was das leiten eines kleinen Labels damals sowieso schwierig gewesen: "Although not confirmed for Black & White, it wasn't uncommon for distributors not to pay for records sold -- unlike the majors, it was tough for small labels to go after them. What was a real contributing factor was the counterfeit of Black & White issues and, in fact, Reiner with Aladdin, Jewel and Specialty formed a coalition to go after these pirates and the stores that carried these copied discs. And then the big blow was the American Federation of Musician's second strike against the recording industry led by Petrillo in 1948, which lasted the entire year. And in that same year, Ralph Bas parted ways with Black & White and joined Savoy Records." - Nach dem Ende des Streiks übernahm Black & White andere Label wie Supreme, Fine Arts und Arlington, aber die Produktion eigener Platten sank stark und Ende Juli 1949 verkündete Reiner das Ende, "blaming the public confusion over speeds and the increased use of vinyl and flex pressings".
Für ein kleines Label waren solche Faktoren von Belang und Black & White nicht das einzige Label, das damals aufgab. Der Katalog wurde Stück für Stück verkauft. Harry Sultan (Sultan's Record Shop in NYC) übernahm den Lagerbestand in New York, Lester Bihari (einer der vier ungarisch-stämmigen Bihari Brothers, die 1945 Modern Records gegründet hatten) kaufte im Juni 1950 die 84 Masters der Pop-Band von Al Sack. Reiner kehrte nach Cleveland zurück und verliess das Business. Als Lester Sill 1957 die Masters von "Call It Stormy Monday" suchte und Reiner in Cleveland aufspürte, sagte dieser zu ihm, er könne sie haben. Er, Reiner, wolle mit dem Musikgeschäft nichts mehr zu tun haben.



























