Wirklich richtig gute Musikvideos

Ich höre gerade..., musikalisches Tagebuch
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Hallogallo
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Wirklich richtig gute Musikvideos

Beitrag von Hallogallo »

Das Musikvideo. Manch einer mag es nicht, ich mag es - als eigene Kunstform, als Kurzfilm, im Idealfall ergänzen sich Musik, Songtext und Bilder.

Bevor es "das Musikvideo" als festen Begriff gab, experimentierten Künstler mit 16mm- und 35mm-Film. Die Beatles machten es vor: Da sie nicht überall gleichzeitig sein konnten und wollten, schickten sie kurze Film-Clips an TV-Stationen. Das war noch echtes Kino, chemisch entwickelt.

Der echte Bruch kam 1975 mit Queens "Bohemian Rhapsody". Technisch gesehen war das der Sieg des Videotapes über den Film. Die ikonische Multiplikation der Gesichter wurde durch "Video Feedback" erzeugt – eine Technik, bei der die Kamera auf ihren eigenen Monitor gerichtet wird. Es war billiger als Film, wirkte aber damals durch die elektronischen Effekte futuristisch und unheimlich.

Mit dem Start von MTV 1981 wurde das Musikvideo zum absoluten Machtzentrum des Musikgeschäfts. Wir sahen die ersten Gehversuche mit Blue-Screen-Technik und frühen digitalen Effekten. Michael Jacksons "Thriller" war die Krönung dieser Ära. Er brachte das 35mm-Filmformat zurück, um Kino-Qualität ins Wohnzimmer zu hieven. Parallel dazu experimentierte man mit Animation: A-ha’s "Take On Me" nutzte das Rotoskopie-Verfahren (überzeichnete Filmbilder), was damals Wochen akribischer Handarbeit bedeutete. Das Video war nun eine eigene Kunstform, die Musik in manchen Fällen nur noch der Soundtrack. Kein Single-Veröffentlichung ohne Musikvideo. Kein Chart-Erfolg ohne Musikvideo. Die Ökonomie führte zum Zwang der Visualisierung.

In den 90ern floss das Geld noch in Strömen. Regisseure wie David Fincher oder Michel Gondry bekamen Budgets, von denen Arthouse-Filmer nur träumen könnten. Technisch erlebten wir den Siegeszug von High-End-CGI und digitaler Nachbearbeitung. Beispielhaft sei "Scream" von Michael & Janet Jackson genannt: Lange Zeit das teuerste Musikvideo aller Zeiten (Budget: 7 Mio $!) war ein steriles, digitales Wunderwerk in Schwarz-Weiß. Gleichzeitig spielten Künstlerinnen wie Björk mit digitalen Verfremdungen. Die Grenzen zwischen dem, was physisch am Set existierte und dem, was am Computer entstand, begann zu verschwimmen.

Um 2005 passierte das Unvorstellbare: Das Fernsehen verlor sein Monopol. Mit YouTube wurde das Video demokratisiert. Plötzlich schauten wir Videos in kleinen Fenstern auf dem PC. Das Ergebnis? Die "High Concept"-Idee schlug das Riesenbudget. OK Go wurden mit einem simplen Video auf Laufbändern weltweit berühmt. Man brauchte keine 35mm-Kameras mehr, kein teures Videoequipment, sondern eine zündende Idee und eine digitale Spiegelreflexkamera. Die Bildsprache wurde direkter und es wurde "viraler" gedacht. Dies bedeudete auch das Ende des Musikfernsehens.

Heute leben wir in einer hybriden Welt. Alles geht, nix muss. Einerseits haben wir "Visual Albums" von Beyoncé, die ein ganzen Album filmisch umsetzen. Andererseits diktiert die TikTok-Ästhetik kurze, vertikale Formate mit schnellen Schnitten und Smartphone-Filtern. Mit Vizualiser lassen sich ohne Aufwand schlechte, anspruchlose Musikvideos herstellen. Andererseits nutzenKünstler wie Childish Gambino das Musikideo ("This Is America") als hochpolitisches Manifest. Technisch sind wir bei 8K, Drohnenflügen und Deepfake-Technologien angekommen, die Realität und Fiktion ununterscheidbar machen.

Was kommt als Nächstes? Wir stehen an der Schwelle zum "generativen Musikvideo". KI wird es ermöglichen, dass sich ein Video bei jedem Mal Anschauen verändert oder sich dem emotionalen Zustand des Betrachters anpasst. Vielleicht.

Das war jetzt eine etwas längere Einleitung als geplant, obwol ich so einige weitere Highlights aus der Geschichte des Musikvideos gar nicht genannt habe. :mrgreen:


Wirklich gute Musik-Videos, ich mag sie. Hier sollen sie ihren Platz haben und gebührend gefeiert werden.

Ich habe lange geschaut, wo der thread am ehesten hinpasst, und bin dann hier gelandet.



Ich fange an mit dem Video zum Song Beth's Farm von Jerskin Fendrix. Ein Video aus der Abteilung Kurz-Spielfilm, der die Latte gleich mal sehr hoch hängt, Regie führte nämlich niemand geringeres als Yorgos Lanthimos und eine Hauptrolle spielt Emma Stone. Das Video spielt in einer ländlichen, fast schon zu perfekten Farm-Szenerie. Es beginnt mit einer nostalgischen, idylischen Unschuld, die jedoch schnell in die für Lanthimos typische, leicht beunruhigende Absurdität umschlägt. Mehr sei hier mal nicht gespoilert. Empfehlenswert ist übrigens das komplette Album "Once Upon A Time... In Shropshire" von Jerskin Fendrix.
We hope you all enjoy the show. And remember, people, that no matter who you are and what you do to live, thrive and survive, there're still some things that makes us all the same. You. Me. Them. Everybody. Everybody.
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Doc F.
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Re: Wirklich richtig gute Musikvideos

Beitrag von Doc F. »

Ich schaue wenige Musikvideos, aber erwähnen möchte ich dann doch die Dame, die aktuell meinen Avatar zitiert, und die in Frankreich vor ca. 40 Jahren durch ihre Videos berühmt wurde. Hier zwei spätere Beispiele, gedreht von Luc Besson bzw. Abel Ferrara.





Und ich finde, dass Taylor Swift ein paar ganz gute Videos gemcht hat, insbesondere zu „All too well“ (aber das kennen sicher mehr hier, daher kein Link).
... And you may ask yourself "Well ... how did I get here?"
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zissou
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Re: Wirklich richtig gute Musikvideos

Beitrag von zissou »

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pipe-bowl
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Re: Wirklich richtig gute Musikvideos

Beitrag von pipe-bowl »

There's room at the top they are telling you still, but first you must learn how to smile as you kill.