Jazz-Konzerte und Festivals 2026

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h8g7f6
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von h8g7f6 »

Dürener Jazz-Wochenende 19.06-21.06.26

https://www.jazzwecan-dueren.de/
redbeansandrice
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von redbeansandrice »

h8g7f6 hat geschrieben: 18 Mär 2026, 15:17 Dürener Jazz-Wochenende 19.06-21.06.26

https://www.jazzwecan-dueren.de/
typischer Fall von: es wäre besser die Lineups dranzuschreiben... klar, Pablo Held ist auch kein Weltstar - aber ich hätt jetzt gesagt, er ist erheblich bekannter als sein Leader Bastian Stein... und selbst wenn das nicht so ist, im Jazz zieht jeder Name ein bisschen...

wegen Enjoy Jazz: ich würd sofort zu Fortner gehen
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nail75
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von nail75 »

Ich habe jetzt mal in das letzte Album von Fortner mit Theo Croker reingehört und das ist unfassbar ruhig! Durchaus schön, aber seeeeehr ruhig. Seine eigene Musik scheint etwas lebhafter zu sein.
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kathisi
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von kathisi »

nail75 hat geschrieben: 20 Mär 2026, 11:34 Ich habe jetzt mal in das letzte Album von Fortner mit Theo Croker reingehört und das ist unfassbar ruhig! Durchaus schön, aber seeeeehr ruhig. Seine eigene Musik scheint etwas lebhafter zu sein.
Ich habe Fortner 2023 im domicil solo gesehen - auch da war sein spiel sehr "lyrisch" und hätte für meinen Geschmack etwas extravertierter sein können.
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von redbeansandrice »

Ich hab Fortner vor ein paar Jahren im Quartett von Peter Bernstein gehört, das war extrovertiert genug - aber wahrscheinlich hat es auch geholfen, dass er und Bernstein auch ein bisschen gegenseitig hochschaukeln konnten... Das Album mit Croker fand ich schön aber auch ein bisschen ruhig... Das Konzert ist im Trio, oder? Da wäre dann Southern Nights von letztem Jahr vielleicht die beste Referenz... Und das fand ich nicht zu ruhig... Ein bisschen slick ist es, aber das macht teilweise den Charme aus... Fand ich auch besser als das Soloalbum von vor ein paar Jahren - wobei ich das auch gut fand
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gypsy tail wind
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von gypsy tail wind »

Ich habe nur das Trio gesehen und verstehe auf der Grundlage die Diskussion überhaupt nicht ;-)
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Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
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gypsy tail wind
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von gypsy tail wind »



Myra Melford Sox2 - Basel, Tinguely-Museum - 27.03.2026
Ingrid Laubrock (ts), Myra Melford (p), Lesley Mok (d)

Teil eins gestern (nach der tollen Ausstellung zu Carl Cheng, den ich noch überhaupt nicht gekannt hatte) - am letzten Freitag des Monats gibt es im Tinguely-Museum in Basel jeweils um 16 Uhr zwei Sets, kostet den Museumseintritt. Ich war da noch viel zu selten (zuletzt vor einem Jahr beim Colin Vallon Trio). Zum Glück war ein Freund dabei, denn ich vergesse immer wieder, dass die Leute schon eineinhalb Stunden zuvor alle guten Plätze in der ersten Reihe besetzen ... wir sassen schon beim Soundcheck dort (auf der Bühne gab es Probleme mit dem Sound aus den Monitoren, im Raum war der Klang ziemlich gut) und da gab es diesen Moment, in dem Melford lächelte, den ich zum Glück eingefangen habe.

Die neue Band besteht aus drei Fünfteln des Fire and Water Quintet, die drei kennen sich und navigieren mit Leichtigkeit durch Melfords anspruchsvolles Material, das oft aus vertrackten, unregelmässigen Patterns zu bestehen scheint, gerne unvermittelt abbricht, Haken schlägt, die Richtung wechselt. Manchmal wird daraus ein Groove - Mok streut immer wieder Marsch-Rudiments ein und die Art, wie sie das macht, sehr locker und doch super präzise, gefällt mir sehr. Andere Male erhebt sich plötzlich Laubrocks Saxophon und beginnt zu singen. Ihre Soli waren so beeindruckend wie immer: phantastischer Ton, unglaubliche Kontrolle - aber da ist längt auch ein Loslassen drin, ein Ausbrechen bis in den hymnischen Gesang. Aus manchen der kleinteiligen Stücke wurden tatsächlich weite Bögen, die sich aufschwangen zu einem gemeinsamen Hymnus. Beide Sets waren klassisch aufgebaut mit einem klaren Höhepunkt gegen Ende, jeweils in einem langen, mehrteiligen Stück. Gefiel mir alles sehr - und ich wünschte, ich wäre heute wieder dabei, wenn das Trio nochmal in Basel spielt, dieses Mal dann im kleinen Club dort, dem Bird's Eye.

In der Pause schaute der wichtigste Jazzpirat der Stadt (vielleicht des Landes) vorbei, WXU von Hat ... ezz hat er ja inzwischen auch verkauft, und obwohl er das nicht mehr dürfte, hat er schon wieder ein neues Label am Start (bzw. wieder ezz, das vorherige war ja eigentlich immer noch Hat, das er verkauft hatte - mit noch mal Ayler und Westbrook und auch mit dem Historischen ist er nicht durch, nimmt sich jetzt auch noch Armstrongs Hot Five & Hot Seven vor). Jedenfalls schüttelte er Melford die Hand und man freute sich über das Wiedersehen.



Simone Keller "Just for a Thrill": Solo und Duo mit Michael Flury - Basel, Bird's Eye - 27.03.2026
Simone Keller (p, toy-p), Michael Flury (tb, toy-xyl)

Am Abend spielt in der Regel dieselbe Band wie nachmittags im Bird's Eye, doch gestern war das anders. Intakt gestaltet zum 40. drei Abende im Club und Melfords Trio macht dort heute den Abschluss. Gestern war Simone Keller dran, die Grenzgängerin zwischen Neuer Musik und Improvisation, zwischen Jazz und Bach, Lil Hardin und Franz Schubert. Zwei durchchoreographierte Sets, grossteils ab Noten - und das Ergebnis war ein ganz bezaubernder Abend.

Das Set schrieb Kellers Programm "Hidden Heartaches" (muss ich unbedingt endlich nachholen) fort, in dem sie eine kleine Auswahl von Stücken präsentiert, die viel zu wenig bekannt sind - einige von ihnen von Komponistinnen, manche von ihnen PoC (meine bisherige Begegnung mit Keller beschränkte sich auf das Kukuruz Quartet und sein grossartiges Julius Eastman-Programm). Lil Hardin Armstrong stand mit "Just for a Thrill" am Beginn, es folgte ein Stück von Christophe Bertrand (1981-2010, Keller kennt seine Musik seit einem Jahr, mir wurde sie im März in Mailand dringend empfohlen und die Überraschung, drei Wochen später tatsächlich ein Stück hören zu können, ist gelungen), "Haos". Dann Bach am Toypiano: das Präludium aus der ersten und die Bourrée aus der vierten Cellosuite (arrangiert von Philip Bartels), ein Stück aus Silvestrovs "Kitsch-Music" (Nr. III), die tolle "Piano Study in Mixed Accents" von Ruth Crawford Seeger (1901-1953), dann ein paar Variationen aus Rzewskis "The People United Will Never Be Defeated" und ein Auszug aus den "War Songs", gefolgt von Meredith Monks "Ellis Island" und schliesslich zum Ausklang der "Entrée pour les Muses, les Zéphyres, les Saisons, les Heures et les Arts" aus Rameaus "Les Boréades". Was sich disparat lesen mag, passte in der Ausgestaltung hervorragend. Das Set hatte seine An- und Entspannungsmomente, Rzewski ein dringlicher Höhepunkt nach dem fast kargen Stück von Crawford Seeger (in dem 50 Jahre früher Kompositionstechniken zum Einsatz kommen, für die später Ligeti berühmt wurde). Bach am Toypiano war auch eine grandiose Sache - nach den repetitiven, geradezu obsessiven Phrasen, Patterns, Gesten von Bertrand.

Im zweiten Set stiess Michael Flury an der Posaune dazu - und "Lieder ohne Worte" standen auf dem Programm (arrangiert wo nötig auch wieder von Philip Bartels), konkret eine Gegenüberstellung von Lil Hardin mit Franz Schubert, nach dem Einstieg mit "By the Sea", einer Prelude der afro-amerikanischen Komponistin Julia Perry (1924-1979). "Im Abendrot" legte den Boden für eine zweite Version von "Just for a Thrill", auf "Im Frühling" folgte eine grossartige Version von "Bad Boy" - in der Flury nicht zum letzten Mal Raum für eine Improvisation kriegte. "An den Mond", "Oriental Swing", "Auf dem Strom", "Struttin' with Some Barbecue", "Nacht und Träume" waren die folgenden Lieder, dann Fanny Mendelssohns "Im Herbst" und nochmal Schubert mit "Des Baches Wiegenlied". In den Händen des riesigen Flury wirkt die Posaune fast wie ein Spielzeug (das Toy-Piano kam einmal - ich glaub im "Oriental Swing" - kurz zum Einsatz, im ersten Set stand vor dem Flügel und Keller setzte sich für Bach um) - und was er dem Instrument entlockte, war verblüffend: manche Stücke "sang" er im zartesten Piano-Pianissimo, kann auch mühelos in die Höhe ohne laut zu werden. Zum Einstieg nutzte er z.B. einen Harmon Mute mit dem Stem fast komplett drin - aber er kann am offenen Horn gerade so leise spielen. Plunger und ich glaub ein Straight Mute kamen auch zum Einsatz, natürlich gab's rollicking tailgate-Passagen, wozu Keller den Rag spielte und ihre Hände tanzen liess - sie ist eine Performerin, nicht bloss eine Pianistin.

Natürlich brauchte das eine Zugabe ... mehr als eine aber nach der ersten langen, musste ich leider gehen, um den Zug zu erwischen (Kulturschock: der war voll mit Fussballfans, anscheinend gab's gestern ein Testländerspiel CH-DE in Basel, aber sowas krieg ich nicht mit). Keller, die schon vor dem Solo-Set eine längere Ansage gemacht hatte und selbst verfasste "Liner Notes" bzw. ein Konzertprogramm auf den Tischchen im Bird's Eye verteilen liess, sprach nochmal zum Publikum, erzählte, wie der Hidden Track von "Hidden Heartaches", "Good Morning Heartache" von Irene Higginbotham mit Flury, als Abschluss des Soloprogrammes) zustande gekommen sei, im Stadthaus Winterthur: man spielte einen Take, es war so toll, dass sie noch einen spielten und noch einen und am Ende ganz viele hatten (zwei Dutzend oder so), alle anders - und fünf davon als Loop auf die CD kamen. Gestern gab es nur einen Take, aber einen enorm berührenden, langen - und gekoppelt war der an das Schubert-Lied, das Flury als sein allerliebstes vorstellte, die "Litanei auf das Fest Allerseelen" (hier ähnlich berührend mit Konstantin Krimmel). Das war wohl fast nochmal eine Viertelstunde, und es gab wenigstens noch eine Zugabe mehr, aber eben: die musste ich leider verpassen.

Am Ende war das Unbekannte, das, was ich nicht vorhersehen konnte - nämlich Kellers zwei Sets - nochmal eine Spur schöner als die zwei Sets vom Trio von Melford. Ich bin aber fast sicher, dass das Trio heute im Club nochmal ein paar Gänge hochschalten wird.

Die Intakt @ 40 Aktivitäten gehen weiter - in zwei Wochen in Zürich, auch auf drei Tage verteilt, von denen ich mir den dritten Abend mit zwei Duos in den Kalender geschrieben habe: nach Angelika Niescier/María Portugal sind Alexander Hawkins/Hamid Drake zu hören. Da müsste dann Irène im Publikum sitzen. Geht leider nicht mehr, am im Geist wird sie dort sein, das ist ganz klar.
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redbeansandrice
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von redbeansandrice »

Ich denke "wichtigster Jazzpirat des Landes" ist schon verdient...
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vorgarten
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von vorgarten »

zwei abende im berliner zig zag club. das sanfte, freundliche konzert von dave holland und lionel loueke hat @Friedrich viewtopic.php?p=48671#p48671 so beschrieben, wie ich es auch erlebt habe. einen tag später war ich wieder vor ort, um steve coleman live zu sehen, der nicht ganz unwesentlich dafür ist, dass ich überhaupt um 1990 herum angefangen habe, jazz zu hören. ich bin mir nicht ganz sicher, aber mein letztes coleman-konzert war wohl im oktober 1999, in bochum, mit einer formation, die sich "renegade way" nannte und damals aus 4 saxofonisten plus rhythmusgruppe bestand - angekündigt waren damals neben coleman selbst greg osby, gary thomas und ravi coltrane, letzterer fehlte dann aber. ich weiß noch, dass ein junger mensch nach dem konzert zu mir sagte: sowas hätte er noch nie gehört, das hätte jetzt sein leben verändert (er war vielleicht 18, 19), er müsse jetzt alles von coleman hören - und so ging es mir auch 1990, mit 16. seitdem habe ich coleman nicht mehr gesehen (vorher so 3 oder 4 mal) - er kam nicht mehr nach deutschland, geriet ein bisschen aus der mode, war dann - mit dem wechsel zu einem kleinen us-amerikanischen label, diversen preisen und stipendien - plötzlich in ganz anderen sphären, seit einer #metoo-geschichte 2018 dann aber so richtig weg vom fenster. jetzt, mit fast 70 jahren, tingelt er wieder durch europa. musikalisch hat er mich immer interessiert, sympathisch fand ich ihn nie. ich ging gestern mit gemischten gefühlen zum konzert. ein älterer mann wartet mit mir in der reihe, für ihn ist das "DIE band", er verfolgt sie seit 1986, also seit 40 jahren.

Bild

das konzert war, was die musik anging, eine umwerfende erfahrung. mein leben verändert sowas nicht mehr, aber ich habe junge menschen am rand tanzen sehen, manche waren wie in trance, vielleicht hatten sie aber auch was eingeworfen oder geraucht. vier musiker auf der bühne, am ende einer europa-tournee durch kleine häuser, kaum noch blickkontakt, eigenartige inside-jokes (coleman spielt zwei töne, trompeter und bassist kichern), bisschen macker-gepose, aber eigentlich wie ein hermetischer kreis, der sich in geheimspräche unterhält. von kurzen solomeditationen des saxofons entwickelte sich mit einstieg der gesamten (kleinen) band ein rhythmisiertes gespräch ohne themen-solo-logik, ein freier organismus, der sich immer wieder verdichtete und lockerte, pulsierende trance-musik mit manchmal ungewöhnlich existenziellen ausbrüchen (ganz kurz), melodiefragmenten, manchmal klassische akkordfolgen, versatzstücken aus "body & soul". der alte jazz, die noch ältere afrodiasporische kommunikation, jemand stellt eine trommel auf, das leben ordnet sich darum herum. coleman, immer noch in logo-t-shirt, kurzem kimono und basecap, aber mit bulldoggenähnlicher statur, die virtuosität im spiel gerät an ihre grenzen, dafür gibt es etwas verletzliches, raues im ton, das ich früher nicht gehört habe. auf organissimo schrieb mal jemand: ein riesiger ton, dem coleman die ecken abgeschliffen hat. es sind jetzt neue hinzugekommen. das konzert fließt dahin, synkopiert, originelle backbeats, eine eigenartige form von swing, bebop-kürzel, zwiegespräche, zarte momente, dann wieder eine - immer tänzerische - wucht von tiefem bass und scharfkantiger perkussion. ganz zum schluss ein vertracktes funk-stück, minutenlang geriffter bläsersatz, james brown und die horny horns, 2026.

bevor das konzert anfängt, scrolle ich durch social media. ein weißer deutscher schauspieler und comedian hat seiner nicht-weißen exfrau nachgestellt, pornobilder auf fake-accounts in ihrem namen veröffentlicht, der deutsche bundeskanzler spricht bei der gelegenheit über die gewalt von zuwanderern. ich lese den gastkommentar von sibel kekili auf zeit online, in dem sie die unterlassene hilfe von behörden, polizei und meta angesichts einer nunmehr jahrelangen andauernden online-gewalt ihr gegenüber berichtet.

steve coleman hat in seiner jahrzehntelangen workshop-praxis aus recherche und zusammenspiel unzählige junge musiker*innen ausgebildet und inspiriert, zu einer zeit, als jazzmedien über seine musik allenfalls von "ungerade metren" schrieben: vijay iyer, jason moran, david virelles, ralph alessi, ravi coltrane, tyshawn sorey, alle besuchten seine schule. auch die saxofonistin maria grand. coleman protegierte die wesentlich jüngere grand, im ausgleich erwartete er sex, für ihn eine einvernehmliche beziehung, für sie grooming, übergriff und ausbeutung. 2018 erzählte sie die geschichte, etwas später nannte sie den namen. coleman klagte auf verleumdung und veröffentlichte den intimen mail-wechsel (um die einvernehmlichkeit zu beweisen), grand klagte auch, wegen seelischer verletzungen. beide anklagen wurden abgewiesen, colemans einspruch wird noch geprüft. freund*innen und kolleg*innen haben sich damals von ihm abgewendet, touren wurden abgesagt, in den usa kann er kaum noch auftreten. es gab kein wort der kritischen selbstreflexion von ihm. grand habe ihm im trennungseifer die karriere zerstört, kritische freunde sind für ihn verräter. die band, mit der er jetzt unterwegs ist, gibt es schon seit 30 jahren (bassist rich brown ist dauerersatz für den vater gewordenen anthony tidd), die kollegen spielen kaum woanders, sind komplett im coleman-system eingebaut. auf der bühne sieht das - trotz den inside-jokes, den grinsern, den blöden sprüchen über den tour-guy, der die cds verkauft - nicht locker aus. ich habe coleman aber auch früher nie als nett wahrgenommen. über musiker*innen, mit denen er zeitweise sehr eng zusammengearbeitet hat, verliert er heute kein wort mehr - unter anderem über dave holland, der am abend zuvor eine derart sanfte, nette erscheinung war, dann man ihn sich kaum in konflikten vorstellen kann. als geri allen starb (mit der coleman gemeinsam die new-yorker szene betrat in den frühen 80ern, netzquellen zufolge waren sie wohl auch mal verheiratet), kam von coleman auf social media kein wort der würdigung.

wie gehe ich als hörer damit um? wieso besuche ich dieses konzert? ich kann das nicht wirklich auflösen. wir alle hören weiterhin die musik von frauenverprüglern (miles davis, max roach). kann man das trennen? seit jeher trenne ich im fall von coleman den unsympath von seiner musik. aber gibt es da nicht auch eine grenze? für seine verhältnisse wirkte coleman gelöst gestern. er hatte freude am spielen, an der praxis. er klang verwundbar. er hat schönheit produziert, in vielen facetten. die würdigungen nach seinem tod werden respektvoll, aber nicht unambivalent ausfallen, obwohl er wahrscheinlich die jazzgeschichte verändert hat. was macht maria grand heute? ich denke, sie tritt an den gleichen orten auf. ich denke nach, seit gestern, und habe einen ungerade rhythmus im ohr.
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gypsy tail wind
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Re: Jazz-Konzerte und Festivals 2026

Beitrag von gypsy tail wind »

Klingt ähnlich wie das Konzert, das ich vor einigen Jahren in Zürich hörte. Dort war er auf der Bühne auch noch gegenüber Finlayson herablasssend – das war schon krass. Aber selbst das führte zu keinerlei Reaktion. Alles eingespielt.

Danke besonders für die ausführliche Einordnung. Der Zwiespalt ist heftig, aber wenn das Playing so gut ist, lohnt es sich halt dennoch sehr, hinzugehen.
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