Ali Farka Touré

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sparch
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Ali Farka Touré

Beitrag von sparch »

Am 6. März jährte sich der Tod Ali Farka Tourés zum 20. Mal, Grund genug also, mal wieder an einen der einflussreichsten Musiker nicht nur Malis sondern ganz Afrikas zu erinnern.

Ali Farka Touré wurde 1939 in Kanau an den Ufern des Niger in der Region Timbuktu geboren. Er war der 10. Sohn und der erste, der die Kindheit überleben sollte. Nachdem der Vater für die französische Armee gestorben war, zog die Familie nach Niafunké, dem Ort, den er bis zum Schluss als seine Heimat bezeichnete. Da er aus einer adeligen Familie entstammte, war es ihm Verboten Musik zu machen, woran er sich jedoch schon in jungen Jahren nicht hielt. So baute er sich selbst heimlich gitarrenartige Instrumente und musizierte gemeinsam mit Freunden.
Es war ein Auftritt des National Ballet of Guinea mit dessen Gitarristen Fodéba Keita, der in endgültig dazu brachte, selbst Gitarrist zu werden. Er spielte fortan zunächst auf geliehenen Gitarren und versuchte, seine traditionelle Spielweise auf das westliche Instrument zu übertragen.
1968 spielte ihm ein Kommilitone diverse amerikanische Bluesmusiker vor und es war John Lee Hooker, der Touré am meisten faszinierte. Nicht weil er in ihm eine Inspirationsquelle sah, sondern weil ihn Hookers Spielweise stark an seine eigene erinnerte und damit seine These bestätigte, dass die Wiege des Blues nicht der Mississippi ist sondern der Niger.

Ab den frühen 70er Jahren arbeitete Touré bei Radio Mali als Techniker und hatte dadurch Gelegenheit, das zugehörige Tonstudio zu nutzen. Er schickte einige Kassetten seiner Aufnahmen an französische Labels und Sonodisc/Sonafric veröffentlichte bis weit in die 80er hinein tatsächlich einige selbstbetitelte Alben. Einige der frühen Aufnahmen wurden später für die Compilation Radio Mali verwendet, doch es war das 1984 erschienene "rote" Album, auf das der britische DJ Andy Kershaw aufmerksam wurde und von dem er so begeistert war, dass er einige Stücke daraus in seiner Sendung auf BBC Radio One spielte. Dadurch wurde wiederum das noch junge Label World Circuit auf ihn aufmerksam, dem es gelang, Touré erstmals noch England zu holen, wo eine langjährige Partnerschaft entstand, die bis zu seinem Tod andauerte. Das erste Album auf World Circuit erschien 1988 und war ebenfalls selbstbetitelt und wurde von Touré größenteils im Alleingang eingespielt. Einen Gastauftritt hatte ein gewisser Toumani Diabaté, jedoch nicht an der Kora sondern an der Kalebasse. Auf den folgenden Alben gab es u.a. Kollaborationen mit The Chieftains und Taj Mahal, aber erst mit dem 4. Album gelang es, ein größeres Publikum anzusprechen. Talking Timbuktu entstand zusammen mit Ry Cooder im Hollywood Studio, doch Touré fühlte sich weder bei den Aufnahmesessions noch in den USA allgemein besonders wohl. Nichtsdestotrotz wurde Talking Timbuktu ein Erfolg und gewann in der Kategorie Best World Music Album einen Grammy. Für Touré wurde das jedoch alles zu viel, so dass er sich in der Folge nach Niafunké zurückzog. Produzent Nick Gold wollte sich damit jedoch nicht abfinden und reiste nach Mali, um Touré davon zu überzeugen, ein weiteres Album aufzunehmen. Dieser willigte schließlich ein, allerdings nur unter der Bedingung, dass das Album in Niafunké aufgenommen wird. Nick Gold scheute daraufhin keine Kosten und Mühen und ließ ein mobiles Studio nach Niafunké schaffen, wo schließlich das nach dem Ort seiner Entstehung benannte Album aufgenommen und 1999 schließlich veröffentlicht wurde. Ohne den Produktionsglanz seines Vorgängers klang Niafunké deutlich tradioneller und auch kantiger und somit ganz im Sinne von Ali Farka Touré selbst. Ebenfalls bei den Sessions in Niafunké entstand das Debütalbum Alkibar von Afel Bocoum, ein Schützling Tourés und Mitglied in dessen Band ASCO.
2003 steuerte Touré einige Beiträge für Corey Harris und dessen Album Mississippi To Mali bei, das dann 2003 veröffentlicht wurde. Zusammen mit Harris war er in jenem Jahr auch in Martin Scorseses Dokumentation Feel Like Going Home zu sehen, die sich auf den Spuren des Blues zurück nach Westafrika bewegte.
2004 standen die nächsten Sessions an. Da Touré zu diesem Zeitpunkt schon an Krebs erkrankt war, wollte er dafür in Mali bleiben. Daraufhin wurde im Hotel Mandé in Bamako ein temporäres Studio eingerichtet, in dem in wenigen gleichermaßen produktiven wie kreativen Wochen 3 Alben aufgenommen wurden, die als The Mandé Trilogy in die Geschichte eingehen sollten. Das erste Album war In The Heart Of The Moon, ein Gemeindschaftswerk und erste echte Kollaboration mit Landsmann und Koraspieler Toiumani Diabaté, für das Touré schließlich seinen 2. Grammy bekam. Ein weitgehend instrumentales Album, das Tourés schroffe Blueslicks perfekt mit Diabatés perlendem Koraspiel vereinte.
Das 2. Album, an dem Touré zwar nicht beteiligt war, das hier aber dennoch Erwähnung finden sollte, ist Boulevard de l'Indepedance, eingespielt mit Toumani Diabaté's Symmetric Orchestra, einer westafrikanischen Bigband. Das 3. Album war Savane, das Ali Farka Tourés letztes Album werden sollte und das noch einmal alle Facetten seiner Karriere aufzeigte. Touré selbst hat es später als sein bestes Album bezeichnet. Veröffentlicht wurde zunächst In The Heart Of The Moon, das so erfolgreich wurde, dass sich Touré dazu entschied, zusammen mit Toumani Diabaté 2005 doch noch einmal auf Tour zu gehen. In London nutzte man zudem die Zeit für Aufnahmen zu einem Sequel zu In The Heart Of The Moon. Für Touré wurden die Sessions auf Grund der fortgeschrittenen Krankheit zur Qual, er konnte die Aufnahmen zu Ali And Toumani, das erst 2010 erscheinen sollte, jedoch noch abschließen. Kurz vor seinem Tod im Frühjahr 2006 bekam er noch den Mix zu Savene, dessen Veröffentlichung er jedoch nicht mehr erlebte.
2010 erschien wie bereits erwähnt mit Ali And Toumani das Sequel zu In The Heart Of The Moon, das seinem Vorgänger in nichts nachstand. Ein weiteres Album mit unveröffentlichten Aufnahmen erschien unter dem Titel Voyageur 2023 und enthielt hauptsächlich Aufnahmen aus den 90er Jahren, besonders erwähnenswert darunter 3 Stücke mit Landsfrau Oumou Sangaré.

Meine erste musikalische Begegnung mit Ali Farka Touré hatte ich Anfang März 2006. Ich war damals auf dem Weg nach Frankfurt, musste die Fahrt aber auf halber Strecke wegen aufkommenden heftigem Schneefall abbrechen. Auf dem Weg zurück kam ich an einem Media Markt vorbei, ging kurz rein und nahm ein Set mit dem "roten" und "grünen" Album mit, also auch jenem Album, mit dem er 1984 unerwartet für Aufmerksamkeit sorgte. Rückblickend bieten diese Alben sicher keinen geeigneten Einstieg in die Welt des Desert Blues, was sicher nicht an deren Qualität liegt, aber ich würde mittlerweile tatsächlich Talking Timbuktu empfehlen, da es deutlich zugänglicher ist. An jenem Abend war der schroffe Sound dieser beiden früheren Alben für mich jedoch der passende Soundtrack. 3 Tage später starb Touré.
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sparch
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Re: Ali Farka Touré

Beitrag von sparch »

Ich habe noch einen Text gefunden, den ich 2010 anlässlich der Veröffentlichung von Ali And Toumani geschrieben habe. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich ihn drüben damals auch gepostet habe. Aber wenn, dann ist er nicht mehr auffindbar. Ich habe nur ein paar Tippfehler korrigiert, ansonsten ist der Text unverändert. So here we go:

"Et voilà" hört man Ali Farka Toure am Ende sagen und was auf den ersten Blick vielleicht nur so dahergesagt wirkt, lässt einem tatsächlich einen Gänseschauer über den Rücken jagen. "Et voilà, das war's", Toure wusste, dass er nicht mehr lange leben würde und dass dies seine letzten Aufnahmen sein werden. Und so schließt dieses "Et voilà" auch das Kapitel eines der größten Musiker Afrikas wenn nicht der Welt. Einem Musiker, der sich nicht verbiegen ließ, dem zuviel Erfolg suspekt erschien, sich zurückzog, um hauptsächlich als Landwirt aktiv zu sein und der Ende der 90er Jahre ein ganzes Aufnahmestudio nach Niafunke bringen ließ, um ein weiteres Album aufzunehmen. 2005 erschien schließlich die erste Zusammenarbeit mit Toumani Diabate, das im Mandé Hotel in Bamako aufgenommene und mit dem Grammy ausgezeichnete Album In The Heart Of The Moon. Während einer kurzen Europa Tour entstanden die Aufnahmen zu einem weiteren gemeinsamen Album. Toure war zu diesem Zeitpunkt von seiner Krebserkrankung schon schwer gezeichnet und litt während der Aufnahmen nicht selten unter Schmerzattacken, was ihn aber nicht davon abhielt, weiterzumachen. Er wollte dieses Album unbedingt fertigstellen. Dass es nun 4 Jahre gedauert hat, bis diese definitiv letzten Aufnahmen endlich veröffentlicht wurden, zeigt auch, wie respektvoll World Circuit mit seinem Tod umgegangen ist und dies immer noch tut. Und man darf natürlich Toumani Diabates gleichberechtigten Anteil an diesen beiden Alben nicht vergessen.

Im Grunde gibt es zu diesem Album doch gar nicht viel zu sagen. Wer In The Heart Of The Moon liebt, kommt an diesem Album unmöglich vorbei. Und es stellt sich natürlich die Frage, wie man In The Heart Of The Moon denn nicht lieben kann, diese Verschmelzung aus Diabates perlenden Koraklängen und Toures schroffen Gitarrenfiguren. "The most beautiful music on earth" behauptete damals das britische Mojo und was soll ich sagen, sie hatten recht. Es fällt tatsächlich schwer, die Schönheit dieser Musik in Worte zu fassen, diese meist ruhig dahinfließende und vor Melodienreichtum nur so strotzende Musik, gespielt von zwei Musikern, die sich trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft blind zu verstehen schienen. Und das hört man schon beim Eröffnungsstück Ruby, das Toure spontan nach Nick Golds Tochter benannt hat als er es ihnen vorspielte. Es ist eines dieser hypnotisierenden Stücke, die einen vor Ehrfurcht erstarren lassen und bei denen man sich nicht traut, sich auch nur zu bewegen, nur um diesen magischen Moment nicht zu stören. Auf zwei Stücken sang Ali auch noch einmal. Da wäre zum einen das afro-karibisches Flair verbreitende Sabu Yekoy, das er schon in den 60er Jahren spielte und bei dem er u.a. von seinem Sohn Vieux Farka Toure an den Kongas begleitet wurde. Zum Anderen wäre da noch Sina Mory, das ihn Mitte der 50er Jahre zur Musik brachte. Es war Nick Gold, der ihn immer wieder fragte, welches Stück ihn als erstes zum Gitarrespielen inspirierte, doch erst kurz vor seinem Tod erinnerte sich Toure an dieses Stück. Und auch die restlichen Instrumentalstücke haben nichts von der Klasse eines In The Heart Of The Moon eingebüßt.

Hörte man seinem letzten Soloalbum Savane noch den Kampf gegen den Tod an, so klingt Ali & Toumani nach jemanden, der mit sich im Reinen ist. Ein würdevoller Abschied!
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sparch
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Re: Ali Farka Touré

Beitrag von sparch »

Auch wenn das Interesse hier doch sehr begrenzt ist, hier noch meine Wertungen zu den Alben:

Solo

Ali Farka Toure (Red) (1984) ****
Ali Farka Toure (Green) (1988) ****
Ali Farka Toure (1988) ****1/2
The River (1990) ****
The Source (1992) *****
Talking Timbuktu (1994) ****1/2
Radio Mali (1996) ****
Niafunké (1999) *****
Savane (2006) *****
Voyageur (2023) ****1/2

mit Toumani Diabaté

In The Heart Of The Moon (2005) *****
Ali And Toumani (2010) ****1/2
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zoji
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Re: Ali Farka Touré

Beitrag von zoji »

sparch hat geschrieben: 16 Mär 2026, 19:44 Auch wenn das Interesse hier doch sehr begrenzt ist, hier noch meine Wertungen zu den Alben:
Gerne mitgelesen, aber ich kann nur wenig dazu beitragen. Weiß aus dem Stehgreif nicht einmal, ob ich zwei oder drei Alben habe. Jedenfalls heißt keine Reaktion ja nicht, dass es unbeachtet bleibt. Aber gerne danke dadefür.
Und lieg` ich dereinst auf der Bahre, dann denkt an meine Gu-i-tah-re! Und gebt sie mir mit in mein Grab! (Der rührselige Cowboy, D. Duck)
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kathisi
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Re: Ali Farka Touré

Beitrag von kathisi »

Toller Künstler!

Ali Farka Toure (1988) ****
The River (1990) ****
The Source (1992) **** 1/2
Talking Timbuktu (w. Ry Cooder) (1994) **** 1/2
Niafunke (1999) *** 1/2
In The Heart Of The Moon (w. Toumani Diabaté) (2005) ****
Savane (2006) ****
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Re: Ali Farka Touré

Beitrag von soulpope »

"Radio Mali" damals als Neuerscheinung bei mir in Dauerrotation .... unglaubliche 30 Jahre her 🧐😳 ....
"I'm not much but I'm all I have" (Philip K. Dick)