Jazzbücher

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gypsy tail wind
DJ
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Jazzbücher

Beitrag von gypsy tail wind »

Ich eröffne mal einen Thread ... mit einem Buch, das ich seit über einer Woche im Schneckentempo lese (etwa ein Drittel der 400 Seiten hab ich hinter mir). Vom Thema her super spannend, wie es scheint mit viel Recherche dahinter und entsprechend einer ziemlich grossen Akkuratheit - und ein paar wenigen (in einem kurzen Nachwort aufgeführten) frei erfundenen Ergänzungen. Das ist insofern in Ordnung, als das Buch ein Roman ist:



ReShonda Tate: With Love from Harlem (William Morrow, 2026) - Das Buch erzählt die Geschichte von Hazel Scott, der gefeierten Pianistin aus Harlem, die mit ihren Klassik-Verjazzungen grosse Erfolge feierte und nicht nur in Harlem eine Berühmtheit war. Wir gehen mit ihr durch den Alltag, treffen immer wieder ihre Freundin Billie Holiday (mal zugedröhnt im Hotel, dann als Begleitung beim Kleiderkauf mit Scotts Mutter) ... und bald beginnt Scotts Affäre mit dem Baptistenprediger und Politiker Adam Clayton Powell Jr., der ersten PoC im New York City Council (der Legislative der Stadt) und bald dem zweiten PoC Kongressabgeordneten.

Wenn ich zögere, das Buch zu empfehlen, hat das viel mit der Form zu tun, die ich nicht mag: wenn schon recherchiert wurde, warum nicht einfach eine 100seitige Biographie? Der Text ist schwatzhaft, redundant und - pardon - einfach nicht besonders gut geschrieben. Und dann gibt es einzelne Passagen - mir fällt es natürlich da auf, wo es um Musik geht - in denen Details nicht stimmen oder seltsam rüberkommen. Dass Nina Simone als Mädchen ein Autogramm holt und ermutigt wird, hat Tate frei erfunden (das steht im erwähnten Nachwort) - kein Ding. Aber dass Miles Davis 1944 schon als der cocky selbstbewusste Jungstar eingeführt wird, wenn Scott sich zur Jam-Session im Minton's verirrt. wo sie dann Monk am Klavier ablöst und allen einen Mindfuck verpasst, wie es die ganzen Bebopper nicht konnten ... okay. Dass Monk aber auf der gegenüberliegenden Seite dann plötzlich "Thelonius" heisst und im Jam nach dem Klavier von Scott mit Dizzy die Trompete spielt ... ne, das hätte echt wer bemerken können.

Aber gut, ich werde es zu Ende lesen und finde es als Informationssteinbruch zu Scott interessant. Als Roman mit ausführlicher Liebesgeschichte (die ist wohl "doomed", ich hab nicht bei Wiki nachgelesen, nur gesehen, dass die Ehe von 1945 bis 1960 dauerte und nicht Powells erste - das ist Thema im Buch, der Priester, der seine Frau fürs Showgirl verlässt, der Klatsch und Tratsch in Harlem - und nicht seine letzte war). Die Idee hinter dem Buch (dem x-ten der Vielschreiberin Tate) ist wohl, eine Art Schlüsselmoment, in dem sich die Wege zweier grosser, bedeutender Figuren aus Harlem kreuzen, zu verarbeiten ... aber eine lobenswerte Absicht macht leider nicht automatisch ein richtig gutes Buch daraus.
Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 08 Apr 2026, 09:56, insgesamt 2-mal geändert.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00
redbeansandrice
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Re: Jazzbücher

Beitrag von redbeansandrice »



ich les tatsächlich gerade ein besonders gutes Jazzbuch, "The Wizard of Jazz" von John Chilton, seine Biografie von Sidney Bechet, dem ersten wichtigen Solisten des Jazz, noch ein paar Jahre vor Armstrong und Hawkins... eigentlich wollt ich die Hawkins Biografie von Chilton kaufen, die im gleichen Antiquariat stand, aber die war weg... und so wurde es das hier, war auch viel billiger... mit der Musik von Bechet hab ich weiter meine Probleme, aber das Buch ist wirklich vorbildlich, alles sauber recherchiert, die Musik prägnant und wirklich gut beschrieben, Chilton war selber Musiker, wird aber nie technisch, und vom Menschen Bechet - kein Schätzchen - kriegt man auch einen ziemlich guten Eindruck... Bonuspunkte für die Geschichte über ein Essen bei den Erteguns im türkischen Konsulat, es gab rote Bohnen und Reis, und Bechet war nicht bereit zu glauben, dass es so ein Gericht nicht nur in der kreolischen Küche, sondern auch in der türkischen Küche geben könne... (die Arroganz der Musiker aus New Orleans gegenüber allem und jedem, was nicht aus nicht aus New Orleans kam, war in dieser Generation ohnehin ziemlich ausgeprägt und legendär).
soulpope
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Jazzbücher

Beitrag von soulpope »

https://ukjazznews.com/song-for-someone ... y-wheeler/

Überlege die Anschaffung dieses Buches .... ist dieses im Forum bekannt .... ?
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stardog
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Re: Jazzbücher

Beitrag von stardog »


Eine aufwendig illustrierte Neuveröffentlichung würdigt 100 Alben mit frei improvisierter Musik aus der Zeit zwischen 1960 und 1980 – den Gründungsjahren und dem goldenen Zeitalter des Free Jazz. Dafür suchten zwei Musiker, Thurston Moore von Sonic Youth und der Saxofonist Mats Gustafsson, sowie der Kritiker Byron Coley aus ihren privaten Sammlungen 100 Veröffentlichungen heraus und würdigten diese mit rückblickenden Kurzbesprechungen. Sie erläutern Kontext, herausragende Merkmale und mitunter die Bedeutung für die eigene Biografie. So beschreibt Gustafsson „Spiritual Unity“ (ESP) von 1965 des Albert Ayler Trio frei nach Tolkien als „Die eine Platte“, für Moore ist es ein „Leitstern“, während Coley zugibt, beim Erstkontakt eher an „pure insanity“ als an Musik gedacht zu haben. Zu diesem Album melden sich alle drei Autoren zu Wort, aber zumeist bespricht jeder von ihnen persönliche Vorlieben und Empfehlungen.
So weist Gustafsson auf Bengt „Frippe“ Nordströms Pionierleistung „Meaningless“ (Bird Notes) von 1964 hin, Moore muss beim Schwärmen über Lester Bowies „Numbers 1&2“ (Nessa) von 1967 auf onomatopoetische Begriffe wie „squawk, squelch“ und „bleak“ zurückgreifen. Zu Coleys Auswahl gehört „When Angels Speak Of Love“ (Saturn) von Sun Ra And His Myth Science Arkestra (eines der wenigen Alben, auf denen das Arkestra durchgehend frei trötet). Das Buch bietet sich je nach Bedarf als Nachschlagwerk, Einführung, Wegweiser oder Gelegenheitsschmöker an. Abgerundet wird es durch Textbeiträge von Neneh Cherry und Joe McPhee und liebevoll illustriert mit Abbildungen der jeweiligen Artworks sowie Künstler-Porträts vom Fotografen Philippe Gras. „Now Jazz Now: 100 Essential Free Jazz & Improvisation Recordings 1960-80“ ist bei Ecstatic Peace, hat 277 Seiten und kostet um die 50 Euro.
icculus
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Now Jazz Now: 100 Essential Free Jazz & Improvisation Recordings 1960-80

Beitrag von icculus »

Hast Du den Text aus Jazzthing? Ich habe schon davon
gehört (aus The Wire? Ich weiß es nicht mehr ...), kann
aber keine Quelle finden, wo man das in Deutschland
kaufen kann. Hast Du eine?

Was ist eigentlich mit Mats? Seine Website ist down:
https://matsgus.com/
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stardog
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Re: Jazzbücher

Beitrag von stardog »

Ja, der Text stammt aus Jazzthing. Wo man das Buch in Deutschland kaufen kann, weiß ich leider auch nicht. Ich habe es diese Woche in Amsterdam gefunden und dort auch nur ein einziges Exemplar gesehen.
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atom
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Re: Jazzbücher

Beitrag von atom »

Das Buch wurde in Deutschland im Dezember über Cargo Records vertrieben. Aktuell bekommt man es z.B. noch über Rough Trade als signiertes Exemplar.
serenity now!
icculus
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Re: Jazzbücher

Beitrag von icculus »

Danke für den Tipp!
Das habe ich mir schon immer gewünscht.
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Friedrich
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Re: Jazzbücher

Beitrag von Friedrich »

Neue Miles Davis-Biografie:

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Stefan Hentz - Miles Davis. Sound eines Lebens (2026)

Erscheint wohl auch anlässlich Miles' 100. Geburtstag. Seite des Verlags mit Einzelheiten zum Buch.
„Für mich ist Rock’n’Roll nach wie vor das beste Mittel, um Freundschaften zu schließen.“ (Greil Marcus)
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atom
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Re: Jazzbücher

Beitrag von atom »

Das Buch liegt bereits im Handel. Bisher habe ich nur das erste Kapitel gelesen und mich gegen den Kauf entschieden – nicht, weil es einen schlechten Eindruck hinterlässt, sondern weil ich gegenüber meinen mehr als einem Dutzend Büchern über Miles keinen echten Mehrwert erkennen kann.
serenity now!