The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

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Zzyzx
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The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von Zzyzx »

1.Wild Horses *****
2.Sister Morphine *****
3.Moonlight Mile *****
4.Brown Sugar *****
5.Sway *****
6.Dead Flowers *****
7.Can’t You Hear Me Knocking *****
8.Bitch ****1/2
9.I Got The Blues ****1/2
10.You Gotta Move ***1/2

Ganz gutes Album. Auch hier wieder…vielleicht nicht die Beste aber meine Liebste der Stones.

„Wild Horses“ ist meine ewige Nr. 1 der Band. Will mein Sohn mir dereinst zum Aufstieg auf der Himmelsleiter spielen.

Meisterwerk *****
Zuletzt geändert von Zzyzx am 04 Apr 2026, 20:54, insgesamt 3-mal geändert.
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latho
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von latho »

1. Brown Sugar * * * * *
2. Wild Horses
3. Sway
4. Sister Morphine
5. Moonlight Mile
6. Dead Flowers
7. Can't You Hear Me Knocking * * * * 1/2
8. Bitch
9. You Gotta Move
10. I Got The Blues

Insgesamt * * * * *
If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
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Al Swearengen
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von Al Swearengen »

01. Can't You Hear Me Knocking *****
02. Brown Sugar
03. Moonlight Mile
04. Wild Horses
05. Sister Morphine
06. Dead Flowers **** 1/2
07. Bitch
08. Sway
09. I Got The Blues
10. You Gotta Move ****
"Announcing your plans is a good way to hear God laugh."
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pipe-bowl
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von pipe-bowl »

Chronologisch:

Brown sugar * * * * *
Sway * * * * *
Wild horses * * * * *
Can't you hear me knocking * * * * *
You gotta move * * * 1/2
Bitch * * * * *
I got the Blues * * * * 1/2
Sister Morphine * * * * *
Dead flowers * * * * *
Moonlight mile * * * * *

Gesamtwertung: * * * * * (aktuell meine Nr. 3 of All Times)

Track-Ranking:

01. Wild horses
02. Sister Morphine
03. Dead flowers
04. Brown sugar
05. Sway
06. Can't you hear me knocking
07. Moonlight mile
08. Bitch
09. I got the Blues
10. You gotta move
There's room at the top they are telling you still, but first you must learn how to smile as you kill.
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August Ramone
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von August Ramone »

Zzyzx hat geschrieben: 02 Apr 2026, 19:52 1.Wild Horses *****
2.Sister Morphine *****
3.Moonlight Mile *****
4.Brown Sugar *****
5.Sway *****
6.Dead Flowers *****
7.Can’t You Hear Me Knocking *****
8.Bitch *****1/2
9.I Got The Blues ****1/2
10.You Gotta Move ***1/2

Ganz gutes Album. Auch hier wieder…vielleicht nicht die Beste aber meine Liebste der Stones.

„Wild Horses“ ist meine ewige Nr. 1 der Band. Will mein Sohn mir dereinst zum Aufstieg auf der Himmelsleiter spielen.

Meisterwerk *****
Check mal deine No. 8!
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Zzyzx
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von Zzyzx »

August Ramone hat geschrieben: 03 Apr 2026, 10:10
Zzyzx hat geschrieben: 02 Apr 2026, 19:52 1.Wild Horses *****
2.Sister Morphine *****
3.Moonlight Mile *****
4.Brown Sugar *****
5.Sway *****
6.Dead Flowers *****
7.Can’t You Hear Me Knocking *****
8.Bitch *****1/2
9.I Got The Blues ****1/2
10.You Gotta Move ***1/2

Ganz gutes Album. Auch hier wieder…vielleicht nicht die Beste aber meine Liebste der Stones.

„Wild Horses“ ist meine ewige Nr. 1 der Band. Will mein Sohn mir dereinst zum Aufstieg auf der Himmelsleiter spielen.

Meisterwerk *****
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Done … Danke Dir
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karmacoma
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von karmacoma »

01.Sister Morphine *****
02.Brown Sugar *****
03.Can’t You Hear Me Knocking *****
04.Bitch *****
05.Sway *****
06.Wild Horses *****
07.Moonlight Mile ****1/2
08.Dead Flowers ****
09.I Got The Blues ****
10.You Gotta Move ***1/2

*****
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wahr
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von wahr »

Bewertung: ***** gut. * nicht so. Just rated, not ranked.

The Rolling Stones – Sticky Fingers (1971)
Von den großen drei Alben, die die Stones von 1968-71 herausbrachten, macht Sticky Fingers den wohl aufgeräumtesten, auch unter unternehmerischen Aspekten durchgeplantesten Eindruck. Sticky Fingers ist nämlich das erste Fokusprodukt der neugegründeten Firma The Rolling Stones und dem firmeneigenen Plattenlabel Rolling Stones Records. Die Checkliste der Vermarktung beginnt schon mit dem Cover: Wohldosierte Moralverletzung, um in Ländern, die verkaufstechnisch weniger interessant sind, auf den Index zu kommen (böse Buben Image: check). Dazu designt von Andy Warhol, der gleich mehrere Aufgaben erfüllt: Als a) hofierter Künstler der amerikanischen Popkultur (Boheme'n'Pop: check), als b) Affirmant kapitalistisch aufgeladener Oberflächen und Massenprodukte und ihrer künstlerischen Kennzeichnung als Ware (Kaufanreiz und gleichzeitige Kritik des Kaufanreizes: check check), und als c) Repräsentant moderner Boulevard-tauglicher amerikanischer Kult-Ikonen (Steigerung der Awareness am weltgrößten Plattenmarkt USA: check). Ein Unternehmenslogo wurde eingeführt und auf dem der Platte beigefügten Inlay übergroß präsentiert (Markenetablierung: check). Die Schrift davor so klein und dünn gewählt, dass sie garantiert nicht vom Logo ablenken kann. It's the markenkern, not the song. Jahrzehnte später werden Alben des Unternehmens The Rolling Stones nur noch um dieses Zungenlogo herum designt. Immer gleiches Motiv in zahlreichen Varianten, angepasst an die jeweils aktuellen Design-Trends. Mal blau, mal gelb, mal lila. Das Universum wird noch viele weitere Farben bereitstellen. Eine unternehmerische Erfolgsgeschichte (∞ check).


A1. Brown Sugar
"Brown Sugar" ist Teil zwei der von mir so benannten „Singles-Trilogie zweifelhafter Etablissements“, die die Stones mit Honky Tonk Woman begonnen haben. Die Trilogie startet mit dessen „gin-soaked barroom queen in Memphis“, macht einen Schlenker ins New Orleans zu Zeiten der Sklaverei zu einer mutmaßlichen Tochter einer „Tentshow Queen“ ("Brown Sugar") und findet ihren Endpunkt in "Tumbling Dice", der Hommage an abgerissene Spielerspelunken mit Hinterzimmervergnügungen. Um "Tumbling Dice" herum wurde dann schließlich sogar eine ganze Doppel-LP gebaut, die fast zur Gänze in und vor Kneipen spielt und deren Texte sich in der Kotze am Bordsteinrand spiegeln, falls das nach den Gesetzen der Optik überhaupt möglich ist.

Von der Trilogie gefällt mir "Tumbling Dice" mittlerweile am besten, weil es sich unberechenbar und vielstimmig um sich selbst windet und den Groove dabei hinter sich herschleppt, während "Brown Sugar" eben der Riff-Rocker ist, der schon bei "Honky Tonk Woman" gut als Single funktionierte, den ich mir aber mittlerweile nicht mehr freiwillig antue – außer ich binde mir aus einem inneren Zwang heraus Track-By-Track-Projekte zu Stones-Alben ans Bein.

Allesamt jedenfalls raue Orte, die die drei Songs auskleiden, auf das die Rauheit auf die Band abfärben möge, die sich andererseits aber von ihrem eigenen Rauheits-Image auf feudalen Landsitzen erholen konnte (falls nicht gerade ein Feuer ausbrach), was den meisten realen Bordsteinrand-Existenzen wohl eher nicht vergönnt war und ist.
Der Text von "Brown Sugar" ist in die Kritik geraten, weil er aus der Perspektive weißer, britischer Unterdrücker das Schicksal schwarzer versklavter Frauen beschreibt. Inklusive sexistischer und rassistischer Sichtweisen, die bei den weißen Herren mitschwingen. Darauf dann einen tanzbaren Bluesrock-Stomper aufzubauen, kann schon mal zu der Annahme führen, hier würde genau so ein Weltbild als erstrebenswert propagiert. Jagger selbst hatte bei den Tourneen aktueller Jahre kein Problem damit, den Track wegen der Kritik aus dem Programm zu nehmen. Sei es, weil er selbst den Text so möglicherweise nicht mehr schreiben würde, sei es, weil er ihn vielleicht schon immer im Detail für nicht so wichtig erachtet hat, sondern mit ihm nur eine allgemeine Wirkung erreichen wollte: Das eigene provokante Image aus Tabubruch und Rock’n’Roll-Körperlichkeit gezielt zu festigen. Es bleibt ambivalent, so wie sexistischer Rotz eben sexistischer Rotz bleibt, trotzdem man sich gleichzeitig von Musik und Performance mitreißen lässt, was auch in dem Reader Under My Thumb – Songs That Hate Women And The Women Who Love Them zum Ausdruck kommt, wo die Bloggerin und Autorin Manon Steiner in ihrem Beitrag über Mick Jaggers Texte und die Wirkung der Rolling Stones den Sexismus als Teilaspekt unter vielen einsortiert, um sich nicht nehmen zu lassen, sich in die Energie zu begeben, die Rock’n’Roll ausmachen kann.

"Brown Sugar" vermittelt nicht nur über den Text ein Southern-Gefühl. Der Beat treibt verschleppt (wobei Charlie Watts nicht an den lässigen southern groove beispielsweise der Hi-Records-Band heranreicht), die Gitarren werden übersichtlich verwoben, die Musik prägt sich gleich ein, die Bläser schneiden sich weder zu wohlgefällig noch zu überlastend in den Track, der Refrain ist mitsingbar. Kurz: Der Song wurde zum Hit gezwungen. Ich kann’s zwar nicht mehr so recht mit Genuss anhören, finde aber, die Stones haben einen guten, wenn auch keinen herausragenden Stampfer abgeliefert. Man rockt beschwingt und etwas bedrohlich voran, der Text liefert Gelegenheit, einen Sklavengaleeren-Beat drunterzutrommeln. Die Stones standen ja damals unter ziemlichem Druck, von wegen erstes Album auf eigenem Label, länger nichts veröffentlicht, Post-Altamont, Steuerflucht. Da war die Zukunft der noch nicht mal zehn Jahre existierenden Band alles andere als gesichert. Insofern gibt der Erfolg von Brown Sugar ihnen recht. Es war die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit.
Ich kann es an dieser frühen Stelle des Textes schon mal verraten: Ich halte Sticky Fingers insgesamt für ein gediegenes Nummer-Sicher-Album, das sich ein paar zeitgenössische Zutaten der Rockmusik aus den Anfängen der 1970er Jahre gegriffen hat (britisches Blues-Revival, Funkbläser, Southern Soul) und in qualitativ gut zu genießende, milde skandalisierte (Hosenreissverschluss! Slip! Illegale Drogen! Bitch!), aber trotzdem nicht vom Kauf abschreckende Anreize überführte.

***1/2

A2. Sway
Dunkel anschleichender Rhythm & Blues, noch ein bisschen auf der Dämonenwelle reitend, die sich ja bekanntlich in Altamont jäh brach. Sway bleibt in einem Zustand der Nichtauflösung. Motive werden harmonisch nicht beendet, sie bleiben in Spannung. Es fallen keine Schlussakkorde, alle sind verdammt weiterzuspielen und weiterzumachen. Schwebe. Kein Abschluss. Möglicherweise suchen die Gebannten ein Ende, einen Ausgang aus sich selbst, aber sie finden keinen, der Song verweigert sich ergebnisorientierten Lösungen. So wie ein Bann – Sway – ja auch funktioniert: Als Strafe die Lösung eines Problems vor Augen zu haben, die man aber genau nicht anwenden darf. Man nimmt stattdessen das, was man hat, gibt sich dem dunklen Fluss der Dinge hin, in Vorbereitung auf das ewige Verharren. Jagger versucht es einmal ("There must be a way …"), kann magischen Bann aber nicht brechen. Der geheimnisvollste Track auf Sticky Fingers, mittlerweile bei mir an der Sternedecke angekommen.

*****

A3. Wild Horses
Wenn man sich unzählige Male durch den Krach von Some Girls gehört hat, wird man leicht ungeduldig, wenn dann sowas wie "Wild Horses" um die Ecke trabt, wie schön es auch sein mag. Früher für mich ein sicherer Fünfsterner, scheint mir der Song mittlerweile etwas unnötig lange auf der Stelle zu treten, obwohl ja das Immer-noch-Festhalten an einer mindestens der Trennung sehr nahen Liebesbeziehung das Hauptthema des Songs ist, von dem sich der Sänger/Protagonist noch nicht wegbewegen mag. Daher kommt der Song nicht in die Hufe, die Wilden Pferge werden zum Ende hin aber zumindest für die Zukunft versprochen („We’ll ride them some day“). Der Song soll also gar nicht rocken, er soll gar nicht rollen. Er soll countryfolken und wird dabei vom dezent im Nudie Suit gekleideten Gram Parsons herbeigewunken. Und wie vieles, was von Gram Parsons herbeigewunken wurde, endet es nicht ohne Trauer und Leid. Ein überaus schöner Song nach wie vor, ein unkitschiger Tränenlöser für selbsterlittenes Trennungsleid, aber einen halben Stern hat der Song auf seinem gemächlichen Ritt durch die Prärie dann doch für mich verloren.

****1/2

A4. Can’t You Hear Me Knocking
Da bin ich mit den Richards-Riff-Verklärern, nein –Verehrern: Das ist wirklich ein tolles Gitarrenmotiv, das er da zu Anfang raushaut. Auch der Rest ist ohne Fehl und Tadel. Mit das Perfekteste, was die Stones je abgeliefert haben. Selbst den damals grassierenden Santana-Latino-Touch, der die zweite Hälfte des Songs bestimmt, wuppen sie grandios. Taylors Solo gießt sich in den Song wie flüssiges Gold aus der Schatzkammer El Dorados. Überhaupt ist er hier vollständig in den Sound integriert, was man gut daran erkennen kann, dass er irgendwann ein Motiv entwickelt, dass der Rest der Mannschaft dann aufnimmt und konsequent dynamisiert. Jagger singt auch ganz großartig, weil kräftig, ohne zu übertreiben. Neben diesen offensichtlichen Höhepunkten ist mein heimlicher Höhepunkt die Stelle so nach viereinhalb Minuten, wo Richards Gitarre gegen den Beat arbeitet und dabei mit der Orgel zu einem knappen funky Knarren zusammenschmilzt, falls es denn überhaupt möglich sein sollte, zu einem Knarren zusammenzuschmilzen. Aber wenn Helge Schneider es schafft, ein Stück Papier in zwei Teile zu knüllen, dann kann ich ja wohl auch aus Geschmolzenem ein Knarren heraushören.

*****

A5. You Gotta Move

Hat den Beteiligten bestimmt Spaß gemacht, so zwischen den Tourterminen ein Studio zu buchen und mal mit der ganzen Mannschaft ein bisschen Blues zu spielen und zu singen. Ist aber nicht so mein Fall. Für einen Country-Blues zu glatt, für einen urbanen Blues zu undynamisch. Ich mag auch einfach dieses Blues-Schema nicht. Oder nicht mehr. Oder schon lange nicht mehr. Und wenn doch, dann eben mit einem gewissen Etwas gespielt/produziert. Der fehlt mir hier.

Überhaupt liegt auf dem ganzen Album ein leichter Dunst des sich gerade schon im Verziehen befindenden Britischen Blues Revivals, das in den 1960ern seinen Anfang nahm und Ende der 1960er Jahre seinen Höhepunkt erlebte. Gruppen wie Ten Years After oder Chicken Shack oder John Mayall oder Eric Clapton taten so, als würden sie es in der Leidensgeschichte mit ihren schwarzen Kollegen aufnehmen können, jammerten über den Kater am morgen und die Einsamkeit nach dem Aufstehen. Die Stones immerhin hatten auf Beggars Banquet und Let It Bleed in die Inszenierung echten Blues-Leidens noch ironische Pop-Spins eingebaut. Die fehlen auf "You Gotta Move" aber, und so schleppt sich das Stück dahin, herausgerissen aus seinem Zusammenhang, den ich mir so vorstelle, dass alle Beteiligten im Muscle Shoals zum Aufwärmen ein bisschen was zum Covern brauchten.
**1/2

B1. Bitch
Zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits finde ich "Bitch" mittlerweile besser als "Brown Sugar", andererseits überschattet aber die Existenz von "Bitch" als dessen Single B-Seite diesen Hörgenuss. Denn Single B-Seiten sind schlechter und weniger wichtig als Single A-Seiten. So habe ich es als Kind gelernt. Und leider behält man vieles bei, was man als Kind und Heranwachsender gelernt hat, ja, in zunehmendem Alter holt man sich von dem unseligen Kram sogar noch einiges zurück. Nasepuhlen in der Öffentlichkeit zum Beispiel; sich total aufregen, wenn man etwas aus Rücksichtnahme nicht mehr machen darf und glauben, einem würde damit unfassbares Leid zugefügt, was nur mit den schlimmsten Menschheitsverbrechen vergleichbar wäre, zum Beispiel. Bei mir ist es weniger schlimm ausgeprägt (außer dem Nasepuhlen vielleicht), aber der Glaube, "Bitch" wäre weniger wert als "Brown Sugar", hat sich mir in einer Ecke meines Denkens erhalten. Ich kannte die Single, bevor ich das Album kannte. Deswegen ist "Bitch" für mich immer ein "B-Seite von irgendwas"-Song.

Das soll jetzt aber mal für einen Augenblick nur mein Problem sein. Denn zieht man die eigenen unwichtigen Mythen ab, mit denen man in der Kindheit versucht hat, die Welt in verlässliche Bahnen zu lenken, dann wird "Bitch" zum zweitbesten Rocker der Platte, hinter "Sway" und vor "Brown Sugar". Gitarren werden nicht so sehr verknäuelt – weil Verknäuler Ron Wood noch fehlt – dafür klingt das Gitarrensolo wie in den Song geworfen. Dann in der zweiten Hälfte des Solos gewinnt es an Autorität und treibt das Gesamtgebilde nach vorne. Überhaupt fällt mir an "Bitch" auf, wie aufgeräumt und ordentlich doch Sticky Fingers ist. So vieles sitzt wohlgesetzt am richtigen Ort. Jederzeit ist es möglich, die Gitarren rechts- oder linkskanalig zu verfolgen. Dies ist Musik, die nicht auf hartem Parkettboden im Schneidersitz entstanden ist (Beggars Banquet). Problemlos darf man lauschen, wie ein paar Melodie-Licks platziert werden. Die Bläser sind präsent, Jagger singt klar vernehmlich. Alle Mikros sind gut positioniert, keine Kabel bilden Stolperfallen, keine Raumfeuchte verstimmt die Saiten. Irgendwie war das musikalisch alles viel erwachsener und abgeklärter als zum Beispiel sieben Jahre später auf dem ruffen und knalligen Gesamtsound von Some Girls oder noch später auf dem verstrubbelten, querstehenden Klops namens Dirty Work. Aber eben dadurch auch manchmal etwas weniger aufregend.

****

B2. I Got The Blues
Letzter Himmelskörper des Dreigestirns, das mit "No Expectations" seinen Anfang nahm, mit "Love In Vain" fortgesetzt wurde und schließlich bei "I Got The Blues" endete. Nach wie vor ein guter Song, wenn auch nicht ganz so gut wie seine Geschwister. Song und Umsetzung sind in die Jahre gekommen, finde ich. Klingt doch recht bluesrevival-esk. Das Grundthema ist formelhaft, aber die Bläser und besonders das schneidige Orgelsolo reißen wieder was raus. Jagger habe ich schon gefühlvoller gehört. Er drückt mir zuviel rein. Ich höre einen technisch guten Sänger singen. Bei Al Green z.B. höre ich nie einen technisch guten Sänger, weil Al Green diesen abstrakten Gedanken gar nicht aufkommen lässt (und was ihm eben genau deswegen gelingt, weil er ein so verdammt guter technischer Sänger ist!). Über Al Green kann ich nur nachdenken und schreiben, wenn ich ihn nicht höre. Na, ich schweife ab. Zurück zum Song: Vielleicht liegen meine kleinen Probleme mit "I Got The Blues" auch darin begründet, dass Zeilen wie „I got the blues for you“ und ähnliche über die Jahrzehnte schon so klischeesiert verwendet wurden, dass sie für mich außer dem Klischee kaum noch etwas anderes transportieren, egal wie gut der Sänger auch sein mag. Caetano Veloso hat auf Transa (ungefähr ein Jahr nach Sticky Fingers erschienen) das Problem mit dem generellen Blues-Klischee mal im Anfangsvers von "Nostalgia (That’s What Rock’n’Roll Is All About)" schön auf den Punkt gebracht: „You sing about waking up in the morning / But you’re never up before noon …“.

***1/2

B3. Sister Morphine
Geht mir wieder so ähnlich wie bei "Wild Horses": Der Anfang zieht sich ganz schön. Auch wenn’s hier thematisch gut passt, weil der Protagonist aus dem Drogenkoma erwacht. Ist aber insgesamt ein tolles Stück nach wie vor. Wir wissen alle, wer die Lyrics verfasst hat. Jagger singt wieder sehr gut und der Song entwickelt einen tollen Sog. Die Drums sind ebenfalls sehr gut eingesetzt.

****1/2

B4. Dead Flowers
Wenn selbst Townes Van Zandt etwas mal gecovert hat... Ich ziehe zwar "Far Away Eyes" vor, aber trotzdem ist "Dead Flowers" eine in Fluss gebrachte, halb ernst gemeinte, halb amerikanisch geknödelte Country-Parodie, zu der mir aber leider ansonsten gerade nichts Besonderes einfällt, außer dass mich spätestens auf "Dead Flowers" das Stone‘sche kokettieren mit Heroin, Koks und ein Leben in schlechter Gesellschaft auf den Keks zu gehen beginnt.

****1/2

B5. Moonlight Mile
Sehnsuchtsorte + Outroludes, Teil 2. Auf drei Alben ist jeweils ein Song vertreten, der ähnlich irreale Sehnsuchtsorte beschreibt wie Moonlight Mile. Sie gehören zuammen wie drei Elektroden, die über das ganze Universum verteilt sein können und trotzdem zur selben Zeit und für immer miteinander verbunden im selben Spin schwingen. Und das Überraschende: Es ist in jüngster Vergangenheit noch ein viertes Elektron hinzugekommen! Über ihre Gemeinsamkeiten werde ich an anderen Stellen etwas schreiben. Nur so viel zu "Moonlight Mile" an dieser Stelle: Jaggers ganz großartiges Motiv auf der Akustikgitarre; die irreale Stimmung, als würde man über mysteriöse Hochebenen fahren, im Halbdelirium sie gleichzeitig genießen und sich doch nach ihrem Ende sehnen. Top 5 im Himmel der Stones-Tracks (auch was Jaggers Gesangsleistung betrifft). Und das ohne einen einzigen Ton von Keith Richards. Das Outrolude kommt besonders zur Geltung, wenn man Sticky Fingers von vorne bis hinten durchgehört hat und dann, während man verträumt auf der Mondmeile reitet, nochmal alles Revue passieren lässt. Ich hab halt auch Gefühle.
*****
—————–
Ich weiß, dass viele Stones-Hörer Sticky Fingers für ihr bestes Album halten. Und das ist auch verständlich. Kaum ein anderes von ihnen ist ausformulierter, operiert auf beständig hohem kompositorischen Niveau, lädt so sehr zum Eintauchen ein. Man kann sich am makellosen Taylor-Solo auf "Can‘t You Hear Me Knocking" erfreuen, schmeckt das Delirium eines Morphiumrausches von "Sister Morphine" ohne eigene Nebenwirkungen nach, gibt sich der tiefen Liebe und dem wohligen Schauer einer romantischen Todessehnsucht von "Wild Horses" hin, genießt auf "Brown Sugar" den Rhythm & Blues im Southern-Stil, lässt sich durch den makellosen Rocker "Bitch" treiben und vom rätselhaften "Sway" in seinen dunklen Bann ziehen, fantasiert sich in den zerlumpten Junkie rein, der von seiner Susie welke Blumen geschickt haben möchte und als Gegenleistung Rosen auf ihr Grab legen würde, und landet schließlich eine Mondmeile entfernt an einem magisch besungenen Sehnsuchtsort.
Man kann es sich also gemütlich machen auf der Lieblingssitzgelegenheit im Lieblingsmusikzimmer und über das Lieblings-HiFi-Gear die Makellosigkeit dieser Platte noch etwas makelloser genießen.
Man kann es aber auch so sehen, dass es einem Sticky Fingers vielleicht doch etwas zu leicht macht mit dem Mögen. Etwas zu bequem ist in der Makellosigkeit. Etwas zu oft für jeden Popmusik-Interessierten deliziöse Melodien bereithält.
Die Entwicklung zur Genießerplatte war sicher dem Erfolgsdruck geschuldet, denn Sticky Fingers war wichtig für das Fortkommen der Stones. Erstmals waren sie mit eigenem Label und eigener Unternehmung am Start, als Steuerflüchtlinge in der Kritik, Altamont als mörderischen Schatten noch im Nacken. Und die Stones sollten mit der Entscheidung recht behalten. Sticky Fingers wurde ein künstlerischer und kommerzieller Erfolg. Ein sorgfältig hergestelltes Produkt, das auch für die anstehenden Tourneen genug Material für überzeugende Inszenierungen als faszinierend verdrogte, modebewusste Typen mit Gefahrenpotenzial abwarf. Sei auch du ein Teil unserer edel zerlumpten Gesellschaft! Ein gutes Jahr später sollte ein anderes Album folgen: Kratzbürstig, ausgebeult, chaotisch, ungemütlich, skelettiert, offensiv, von Fliegen umschwirrt, die nicht zu verscheuchen waren.

Gesamt: Sticky Fingers ****

Eigenes LP-Exemplar mit praktischer Aufklapp-Individualisierung:

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hurley
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von hurley »

Toller Text @wahr...auch wenn ich deiner Interpretation oft nicht zustimmen kann und will :-) , wünschte ich mir die Geduld zu haben so einen tollen Text zu verfassen. Also danke dafür. Magst du mir vielleicht verraten welches dein liebsten Stones Album ist, damit ich den "Vorwurf" die Stones machen es den Hörern auf Sticky Fingers zu einfach oder bequem, besser einordnen kann?
It Is The Time Of Great Confusion
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wahr
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Re: The Rolling Stones - Sticky Fingers (Ranked &Rated)

Beitrag von wahr »

Danke, Hurley. Der Text ist über einen langen Zeitraum und über mehrere 'revisits' entstanden. Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob er fertig ist. Weil das Album aber gerade hier im Forum am Wickel ist (sagt man das heute noch?), dachte ich, ich stell ihn mal rein. Mein liebstes Stones-Album ist Some Girls. Dicht gefolgt von Beggars Banquet und Let It Bleed.