
Luis Rivera - Presenting... Rare and Obscure Jazz Albums: Filet of Soul / Las Vegas | In der Reihe ist (wie bei den Sängerinnen-Twofern in ähnlicher Aufmachung) wohl auch einiges wiederaufgelegt worden, das nicht ganz zu Unrecht obskur geblieben ist ... aber das ist grad eine schöne kleine Entdeckung: Soul Jazz mit starken R & B-Wurzeln von einem in Texas geborenen Organisten, der nach dem College-Abschluss 1948 aber erstmal eine Stelle in der klinischen Psychologie antrat - sein zweites grosses Interesse neben der Musik. Doch als ihm ein Job als Kontrabassist bei Ivory Joe Hunter angeboten wurde, griff er zu. Mit Roy Milton spielte er dann Klavier und zog von Texas nach Los Angeles, was seine Heimat wurde.
Die nächsten Stationen waren das Flip Phillips Quintet und das J.C. Heard Trio, das zu Auftritten mit Billie Holiday im Tiffany Club im Januar 1953 führte. Im März zog er dann - nach einer kurzen Zeit bei Lionel Hampton - als Leader los, gründete ein Trio, das im Club Harlem in Reno spielte. Zurück in L.A. stiess er zur Combo von Earl Bostic und machte mit dieser auch Aufnahmen. Im Herbst 1953 hörte er Wild Bill Davis - und war vom Sound der Orgel angefixt: "I was so captivated by this new organ sound [...] that I decided to give it a try, and I've led my own band ever since." - Tiny Webb und Oscar Bradley spielten mit ihm, los ging es im November 1953 im Strollers Club in Long Beach. 1954/55 spielte er u.a. im Morocco (neben Dorothy Donegan), dem Keyboard in Beverly Hills, dem Club Oasis, dem Intime, dem Tiffany usw. Er nahm um die Zeit herum ein paar Tracks für Federal auf (vier Singles listet Discogs, später sind sechs Stücke bei King auf einer Split-LP mit Doc Bagby wieder erschienen). Auf einer Tour durch den Osten und Midwesten folgte ein erfolgreiches Engagement im Back Stage Café, dann von Ende 1956 bis in den folgenden Frühling im Marty's Club.
Rivera gründete dann ein Quintett und ging nach Las Vegas, wo er ein paar Monate in renommierten Häusern wie dem Sands und dem Riviera spielte. Nach seiner Rückkehr nach L.A. hatte er sich endgültig etabliert und John Dolphin lud ihn ein, sein erstes Album aufzunehmen, das auf dem Label Cash Records als "Las Vegas" erschien. Willie Smith (as), Carey Victor (ts), Irving Ashby oder Barney Kessel (g), Larry Bunker (vib) und Gene Gammage (d) sind darauf zu hören. 1958 sorgte die Band dafür, dass das Marty's einer der angesagtesten Clubs der Stadt war - Curtis Amy, Drummer Pluke Maderas und Cleophas Morris an den Congas spielten inzwischen mit Rivera. 1959 sicherte der sich Gigs im Moulin Rouge und dem Trocadero, zwei der angesagten Supper Clubs in L.A.
Im Sommer 1960 bildete Rivera eine neue Gruppe mit Curtis Amy, Roy Brewster (tb) und Jimmy Miller (d), im Herbst war dann auch Robert Perry am Altsax dabei. Ende 1960 und Anfang 1961 nahm Rivera sein zweites Album auf, dieses Mal für Imperial. "Filet of Soul" heisst es und präsentiert ihn mit Anthony Ortega (as/fl), Lorenzo Holden (ts), Herb Ellis (g), Wilfred Middlebrooks (b) und Johnny Kirkwood (d). Rivera tourte danach längere Zeit durch das Land und kehrte im Januar 1964 für vier Monate ins Marty's zurück. 1965 trat er im Flamingo Room von Herb Jeffries auf. Danach weiss man nicht mehr viel über seinen Verblieb.
So - fertig Jordi Pujols Liner Notes geplündert ... das Imperial-Album ist super, hätte vom Sound her auch gut in den Katalog von Pacific Jazz gepasst. Das ist eine dunkle Combo, die relaxed und doch mit Biss auftritt. Die Orgel klingt manchmal etwas dünn und zugleich oft etwas wuchtig. Die alte Wild Bill Davis-Schule halt. Der Kontrabass dazu stört mich bei dem Sound allerdings wirklich nicht (vielleicht denke ich da auch an Paul Bryant, der ja mit Amy - und Johnny Griffin - aufgenommen hat, auch gern mit Kontrabass). Schade ist nur, dass fast alle Stücke etwas kurz sind (das Titelstück gerade 2:33, ein paar gehen bis fünf Minuten). Ellis ist super und auch die Saxer kriegen ihre Spots (Ortega ist sowieso jemand, den ich immer gern höre), die Rhythmusgruppe spielt mit viel Gewicht aber wenig Einsatz, heisst luftig, mit viel Raum, was eine sehr gute Idee ist.
Das frühere Album folgt auf dem Twofer an zweiter Stelle - und ich glaub ich verstehe schon, warum: das ist viel näher am R & B, die Tracks shuffeln mit gleichmässiger Rhythmusgitarre durch (Kessel ist erwartungsgemäss abwechslungsreicher, aber nur auf drei der zehn Stücke), Fade-Out mit Sax-Solo ... die Percussion, die es auch zu hören gibt, kommt wohl von Bunker - jedenfalls ist das Vibraphon alles andere als ständig zu hören. Willie Smith ist natürlich auch immer super ... sein Balladenfeature in "All of Me" ist ein Highlight (mit dem wohl die LP beginnt, FSR hat wie es scheint die Trackreihenfolge umgestellt) - aber mit altmodischer Wall-of-Sound-Orgel, die es echt nicht braucht ... selbst im eigenen Solo spielt Rivera gegen seine Mauer an. Carrington "Carey" Visor spielt ein recht schnörkelloses, muskulöses Tenorsax (1934 in Washington D.C. geboren, klingt etwas nach Texas Tenor).
Interessant ist das aber schon: Hier sind wir noch irgendwo zwischen R & B (und Swing) unterwegs, auf dem zweiten Album mitten im Hard Bop und frühen Soul Jazz angekommen. Wenn das Spirituelle dann mal durch ist und wir uns wieder mal etwas auf die Seele besinnen, wäre "Filet of Soul" jedenfalls ein heisser Tip für ein 250-Gramm-Reissue mit Pressfehlern.




